Im digitalen Nirwana

Die Zahl rechtsextremer Homepages und Blogs ist in den letzten Jahren explodiert. Weit mehr als 1500 Websites zählte jugendschutz.net für das Jahr 2011. Wie viele davon tatsächlich kontinuierlich aktualisiert werden, ist allerdings unklar. In den vergangenen Monaten musste das braune Netz zudem eine ganze Serie von Rückschlägen hinnehmen, zuletzt verschwand die Seite Deutschlandecho im digitalen Nirwana, nun ist offenbar Altermedia dran.

Von Benjamin Mayer und Patrick Gensing

Antifaschistische Hacker greifen im Zuge der "Operation Blitzkrieg" immer wieder rechtsextreme Internet-Seiten an.
Antifaschistische Hacker greifen im Zuge der „Operation Blitzkrieg“ immer wieder rechtsextreme Internet-Seiten an.

Von eigenen Versandhändlern bis hin zu Partnerbörsen wird im „Weltnetz“ bedient, was das braune Herz begehrt. Besonders Foren und Nachrichtenseiten sind dabei für die Szene ein wichtiger Infomations- und Kommunikationsbestandteil und gehören zum Konzept einer „Gegenöffentlichkeit“. Neben der Verteilung von Propaganda – teils in unscheinbarer Form – sind Foren und Nachrichtenseiten mit den Kommentarfunktionen vor allem auch Bereiche der Diskussion und des Austauschs. Hier werden interne Vorkommnisse teils offen und teils anonym diskutiert – und interessante Einblicke geboten: Man zieht über Kameraden her, verbreitet den neuesten Klatsch und Tratsch aus der Szene oder führt innerparteilichen Wahlkampf wie zuletzt bei der Neuwahl des NPD-Vorsitzenden.

Durch das verstärkte Agieren der Behörden gegen die rechtsextreme Szene, Inhaftierung von Betreibern oder Hackerangriffen sind in den letzten Monaten wichtige „Weltnetzseiten“ verschwunden oder verkümmern in der Bedeutungslosigkeit. Eine Übersicht.

AM & AM

Die Dreckschleuder des Nationalen Widerstands – so schimpfte der NPD-Landtagsabgeordnete Jürgen Gansel über das Portal aus Stralsund, das zunächst Stoertebeker.net hieß und maßgeblich von Axel Möller gefüttert wurde. Der offenbar wahnhafte Antisemit, früher selbst bei der NPD, konnte über Jahre Menschen beleidigen, zum Hass aufstacheln, den Holocaust leugnen oder gegen Personen drohen – die Behörden lasen fleißig mit, griffen aber nicht ein. Gansel deutete an, Möller könne vom Staat gedeckt worden sein: „„Die Frage “Cui bono?” ist nur zu leicht zu beantworten. Der zwielichtige Altermedia-Betreiber M. geht keiner geregelten Arbeit nach, betreibt aber “hauptberuflich” sein Projekt – und das von Hartz IV? Wohl kaum. Altermedia schadet in jeder Hinsicht der nationalen Opposition, weil es stets das Trennende und nicht das Verbindende aller Volkstreuen betont, und hat damit eine systemdienliche Funktion.“

Axel Möller vor dem Landgericht Rostock (Foto: Kai Budler)
Axel Möller vor dem Landgericht Rostock (Foto: Kai Budler)

Erst nach mehreren Jahren offener Hetze, wachsender Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit und zahlreichen Anzeigen wurde Möller für seine NS-Propaganda zur Rechenschaft gezogen – und sitzt nun eine mehrjährige Haftstrafe ab. Die Seite wird zwar weiter verwaltet und aktualisiert, hat aber massiv an Bedeutung verloren. Zudem gerät auch Altermedia immer wieder ins Visier von Hackern, erst heute Abend stellte Anonymous Daten von Altermedia-Usern online.

Hallo Echo…?

"(und es sind Tatsachen, allen Beteuerungen zum Trotz, das ist mir aus sicherer Quelle bekannt)" - der Betreiber von DeutschlandEcho verkündet seinen Abschied.
„(und es sind Tatsachen, allen Beteuerungen zum Trotz, das ist mir aus sicherer Quelle bekannt)“ – ein Betreiber von DeutschlandEcho verkündet seinen Abschied.

Neben Altermedia gehörte DeutschlandEcho zu den wichtigeren Nachrichtenseiten der Szene. Entstanden war die Seite 2010 aus der Fusion bzw. dem Fortführen verschiedener rechtsextremer Informationsportale. Die Selbstverortung der Seite erfolgte auf dem „gegenwartsbezogenen“ und „zukunftsorientierten“ Flügel der Szene. Damit war Deutschlandecho das Altermedia der „Politikfähigen“. Dies sollte sich nicht zuletzt in der Unterstützung der Kandidatur von Andreas Molau bereits bei den Vorgängerseiten zeigen und setzte sich 2011 mit Rückendeckung für Holger Apfel fort, der dem Portal zuletzt mit einem nicht enden wollenden Exklusivinterview Rede und Antwort stand.

Die Seite wurde nun Schritt für Schritt von den Aktivisten von Anonymous ausgeschaltet. Erst Anfang Juli hatten die Hacker bereits die Datenbank mit Mail- und IP-Adressen der Seite gestohlen, um nun die totale Abschaltung im Zuge der „Operation Blitzkrieg“ vorzunehmen. Seit letztem Freitag existiert die Seite nicht mehr. Stattdessen fand sich für einige Tage folgende Meldung auf der Homepage: „Die Kriminalpolizei weist auf folgendes hin: Die Domain zur von Ihnen ausgewählten Webseite wurde auf Anordnung der Staatsanwaltschaft geschlossen.“ Durch diesen letzten Angriff scheint nun die Motivation der Macher endgültig dahin zu sein: sowohl auf der Facebook-Präsenz wie auch beim Twitter-Account der Seite herrscht eisiges Schweigen.

Thiazi hochgenommen

Beim „Thiazi“-Forum handelte es sich um das bedeutendste deutschsprachige rechtsextreme Internetforum. Die Betreiber bezeichnen das Forum, das aus Skadi.net hervorging, als “germanische Weltnetzgemeinschaft” und verstehen dieses als “das größte und bekannteste deutschsprachige Forum seiner Art” mit weit über einer Million Foren-Beiträgen. Hier versammelten sich Hardcore-Neonazis, um über Politik und Privates zu diskutieren. In passwortgeschützten Unterforen wurde über „Untermenschen“ und den bewaffneten Kampf gefachsimpelt. Doch in den vergangenen Jahren ging es bergab mit Thiazi: Erst hackten antifaschistische Angreifer das Forum, wodurch Thiazi stärker ins öffentliche Licht gerückt wurde. Im Juni 2012 war es dann vorbei mit der braunen Herrlichkeit: Im Auftrag der Staatsanwaltschaft Rostock führten Beamte des Bundeskriminalamtes (BKA) mit Unterstützung der Polizeien der Länder und Spezialkräften der Bundespolizei in elf Bundesländern Durchsuchungsmaßnahmen gegen die Betreiber des“Thiazi”-Forums wegen des Verdachts der Bildung einer kriminellen Vereinigung durch. Seitdem ist die Seite verschwunden – und dürfte vorerst auch nicht mehr auftauchen.

Profil auf Thiazi
Profil auf Thiazi

Zudem wurden in den vergangenen Jahren mehrere große Hacks durchgeführt: NPD-Mailserver, Asgardversand, Deutsche Stimme. Letztgenannte wollte sich eigentlich zum einflussreichen rechtsextremen Nachrichtenportal im Netz aufschwingen, doch ein Blick auf die Seite fällt ernüchternd aus. Ein Artikel auf der Startseite stammt beispielsweise vom November 2011. Dafür hob die NPD die Seite DS-aktuell aus der Taufe, auf der nun Nachrichten aus der Partei sowie Horrorgeschichten über Linksextremisten und Ausländern veröffentlicht werden. In der Szene hat die Seite offenkundig so gut wie keine Bedeutung, was auch an „Chefredakteur“ Matthias Faust liegen dürfte, der in der Partei und noch mehr bei den parteifreien Kräften als umstritten gilt. Deutlich ambitionierter kommt da das NPD-nahe Portal „MUPInfo“ aus Mecklenburg-Vorpommern daher, das sicherlich auch vom Niedergang der oben erwähnten Projekte profitieren konnte.

Flucht in die Netzwerke

Die Neonazis treffen also zunehmend auf Schwierigkeiten im Internet, die Reichweite ihrer Seiten ist zudem überschaubar, da neue Besucher erst ins braune Netz gelotst werden müssen. Was liegt also näher, als selbst dorthin zu gehen, wo die Massen sind? Die sozialen Netzwerken mit ihren vielen Millionen Mitgliedern bieten sich dafür an.

Neonazis bei Facebook
Neonazis bei Facebook

Einen weiteren Vorteil bieten die Netzwerke: Es fallen keine Kosten oder Risiken durch eine eigene Infrastruktur an. Zudem können sich Neonazis in laufende Diskussionen einmischen und diese möglicherweise in ihrem Sinne lenken – mit ihrer “Wortergreifungsstrategie”. Außerdem können schnell alte Bekanntschaften aufgefrischt und neue geschlossen, das eigene Netzwerk also erweitert werden.

Das Agieren von Neonazis im Netz scheint sich also zu verlagern, weg von den großen eigenen Informationsportalen, hinein in die sozialen Netzwerke. Ein Grund mehr, den Druck auf die Betreiber zu erhöhen, endlich wirksam gegen Neonazi-Propaganda dort vorzugehen.

Siehe auch: Bundesweite Razzien gegen Thiazi.net, “Asgardversand” gehacktNazi-Leak: Medien erhalten Tausende NPD-EmailsHaftstrafe für Axel Möller – Altermedia vor dem Aus, Nach Thiazi-Hack: Ermittlungen gegen “Saxus”, Die Namen der Hetzer

4 thoughts on “Im digitalen Nirwana

  1. Kein guter Artikel. Erstmal sollte man nie auf jugendschutz.net verweisen, weil es sich hierbei um eine Firma handelt, die jediglich für die Jugendministerien der Länder arbeitet. Die müssen natürlich regelmäßig Zahlen produzieren, damit ihre Auftraggeber sie weiter bezahlen.
    Der komplette erste Absatz über Altermedia gibt die Einschätzung durch NPD-Gansel wieder, soviel Platz sollte man der NPD nicht zur Verfügung stellen. Und daß Anonymus eine Liste mit Nicknames abgetippt hat ist ja wohl keine Leistung.

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