Albert Göring – ein Leben im Schatten des Bruders

Hermann Göring war einer der größten Naziverbrecher. Interessanterweise hatte er einen Bruder, der den Nationalsozialismus ablehnte: Albert Göring half vielen Verfolgten des NS-Regimes und unterstützte die tschechische Widerstandsbewegung. Der Australier William Hastings Burke erzählt in seinem Buch “Hermanns Bruder. Wer war Albert Göring?“ eine bislang kaum bekannte Lebensgeschichte.   

Von Stefan Kubon

Albert Göring (Foto: Auschwitz.dk)
Albert Göring (Foto: Auschwitz.dk)

Ein Dokumentarfilm über das Leben von Albert Göring (1895-1966) war für William Hastings Burke der Auslöser dafür, sich genauer mit dem Leben des Nazi-Gegners zu beschäftigen. Am Beginn seiner Recherchearbeit stellte Burke fest, dass die Quellenlage eher unbefriedigend ist. Aussagekräftige Textdokumente zu diesem Spross der Familie Göring gibt es nur wenige. Und als Burke, Jahrgang 1983, mit seinen Nachforschungen begann, waren die meisten Zeitzeugen bereits verstorben. Gleichwohl begab sich der Australier auf eine dreijährige Forschungsreise, um in mühevoller Kleinarbeit Alberts Biographie zu rekonstruieren.

Unter anderem reiste Burke in die Fränkische Schweiz. Dort wuchs Albert als Sohn wohlhabender Eltern mit seinen vier Geschwistern auf der Burg Veldenstein auf. Über Alberts Schwestern und seinen Bruder Karl Ernst erfährt man im ganzen Buch recht wenig. Dafür fällt bereits die Beschreibung der Jugendjahre von Albert und Hermann relativ detailliert aus: Albert war ein sanftmütiger Junge. Er erfreute sich an der Musik und an der bildenden Kunst. Hingegen trat sein zwei Jahre älterer Bruder Hermann schon als Dreikäsehoch als Unruhestifter und Raufbold in Erscheinung. In seiner Freizeit spielte der Militärfan am liebsten Krieg.

Albert studierte, Hermann blieb kriegsbegeistert   

Die Brüder kämpften beide im Ersten Weltkrieg. Als Kampfpilot wurde Hermann ein gefeierter Kriegsheld. Dass Deutschland den Krieg verlor, stürzte ihn in eine tiefe Krise. Albert war hingegen vor allem froh, als der Krieg zu Ende war. 1919 begann er Maschinenbau zu studieren. Während Albert nach seinem Studienabschluss beruflich Fuß fasste, schloss sich Hermann der NS-Bewegung an. Schon in den 1920er Jahren hatte Albert für die Nazis nur Verachtung übrig. Bei der Machtübernahme der Nazis 1933 lebte Albert nicht mehr in Deutschland, er war bereits 1928 nach Österreich ausgewandert. 1934 nahm er sogar die österreichische Staatsbürgerschaft an. Mit einem von den Nazis regierten Deutschland wollte er nichts zu tun haben.

Doch 1938 kamen die Nazis auch in Österreich an die Macht. Österreich wurde ein Bestandteil des Deutschen Reichs. Albert erlebte nun hautnah, wie die Nazis ihre verbrecherische Herrschaft ausübten. Es dauerte nicht lange, bis Albert in seinem Wohnort Wien mit den Vertretern des Regimes aneinander geriet. Als eine jüdische Mitbürgerin von der SA öffentlich drangsaliert wurde, griff er ein. Es kam zu einem Handgemenge. Albert wurde verhaftet. Jedoch ließ man ihn recht schnell wieder frei, als seine Gegner erkannten, dass er der Bruder des mächtigen Hermann Göring war.

Alberts Widerstand nahm zu – und Hermanns Macht schützte ihn

1939 ließ sich Albert in der Tschechoslowakei nieder. Fast bis zum Kriegsende arbeitete er in Prag als Exportchef beim Maschinenbaukonzern Škoda. Aufgrund dieser recht gut bezahlten Arbeit führte er bis zum Kriegsende ein luxuriöses Leben. Während der Naziherrschaft in der Tschechoslowakei half Albert sehr vielen Verfolgten. Dies tat er auf unterschiedliche Weise: Er fälschte die Unterschrift seines Bruders, um Bedrängte vor dem Zugriff der Gestapo zu retten. Er erreichte die Freilassung von Gefangenen, indem er sich bei seinem Bruder für sie einsetzte. Vielen Verfolgten verschaffte er nicht nur gefälschte Papiere, er gab ihnen auch Geld, damit sie sich ins sichere Ausland absetzen konnten.

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Albert geriet immer mehr ins Visier der Gestapo. Unter anderem vermuteten Heinrich Himmlers Schergen ganz zu Recht, dass Albert an den tschechischen Widerstand vertrauliche Informationen weiterleitete. Doch die Versuche, ihn einzusperren, scheiterten stets an der Macht seines Bruders. Das Verhältnis der Brüder war bemerkenswert: In politischer Hinsicht waren sie tief zerstritten. Aber wenn Albert aufgrund seines widerständigen Tuns in Schwierigkeiten geriet, intervenierte sein Bruder zu seinen Gunsten.

Gegen Ende des Kriegs gelang Albert angeblich noch eine besonders mutige Widerstandsaktion. Er soll mit acht Lastwagen im Schlepptau zum KZ Theresienstadt gefahren sein. Nachdem er sich als Albert Göring vorgestellt hatte, verlangte er Arbeitskräfte für die Škoda-Werke. Diese wurden ihm bewilligt. Albert ließ die Gefangenen dann frei. Laut Jacques Benbassat, dem Sohn von Alberts Freund Albert Benbassat, soll diese abenteuerliche Geschichte wahr sein.

Nach dem Krieg war Albert für fast zwei Jahre im Gefängnis

Die letzten Kriegsmonate verbrachte Albert in Salzburg. Gleich nach dem Kriegsende wurde er von den Alliierten festgenommen. Da Albert der Bruder von Hermann Göring war, glaubte ihm zunächst niemand, dass er ein Gegner der Nazis war. In seiner Untersuchungshaft schrieb Albert eine Namensliste einiger Menschen, die er gerettet hatte. Um seine Glaubwürdigkeit zu überprüfen, verhörte man ihn sehr intensiv. Bei den Verhören kam ihm auch der Zufall zu Hilfe: Eine Frau, die Albert gerettet hatte, war die Tante eines Vernehmungsoffiziers. Ein besonders wohlwollendes Vernehmungsprotokoll war die Folge. Im weiteren Verlauf der Untersuchungen sagten noch sehr viele Verfolgte des Nazi-Regimes zu Alberts Gunsten aus. Schließlich schenkte man seinen Aussagen Glauben. Nach knapp zwei Jahren Haft wurde er am 14. März 1947 freigelassen.

Das Leben Alberts im Nachkriegsdeutschland gestaltete sich schwierig. Aufgrund seines Nachnamens wollte ihm niemand eine Arbeit geben. Er lebte in ärmlichen Verhältnissen. Finanzielle Unterstützung erhielt er von Menschen, denen er während der Nazi-Herrschaft geholfen hatte. In den 1950er Jahren war Albert mit seiner Lebenssituation sehr unzufrieden. Allerdings erlebte er noch eine gute Zeit: In den frühen 1960er Jahren arrangierte er sich mit seiner Situation. Nun genoss er das Leben trotz seiner bescheidenen finanziellen Möglichkeiten. Am 20. Dezember 1966 starb Albert Göring in seinem Wohnort München. Sein Bruder war zu diesem Zeitpunkt schon seit 20 Jahren tot. Nachdem er von den Alliierten zum Tod durch den Strang verurteilt worden war, hatte er sich in seiner Zelle mit einer Zyankali-Kapsel umgebracht.

Welches Risiko ging Albert ein? Warum half er Menschen?

Der Autor verdeutlicht recht gut, welches Risiko Albert mit seinen Widerstandsaktionen einging. Einerseits war Albert in gewisser Weise durch seinen mächtigen Bruder geschützt. Andererseits konnte er nicht sicher sein, ob sein Bruder stets den Willen und die Macht aufbringen würde, ihn vor der Inhaftierung zu bewahren. Die Frage, warum Albert vielen Menschen half, kann Burke nur ansatzweise beantworten. Demgemäß wird in dem Buch Alberts ethische Überzeugung nur in grundsätzlicher Form beschrieben. Der Autor zeichnet vor allem das Bild eines Kosmopoliten. Albert war davon überzeugt, dass jeder Mensch – ganz gleich welcher Nationalität er angehört – ein Recht auf ein gutes Leben hat. Zudem soll er religiös gewesen sein, er glaubte an einen Gott. Albert fühlte sich allerdings keiner Religion wirklich zugehörig. Formal betrachtet, war er ein evangelischer Christ.

Jews from Subcarpathian Russia (then part of Hungary) undergo a "Selektion" on the ramp at the Auschwitz-Birkenau extermination camp, May 1944. The officer in front holding a riding crop is either SS Unterscharfuehrer Wilhelm Emmerich or SS Haupsturmfuehrer Georg Hoecker; inmates in striped uniforms—to be killed at a later date—assigned to the "Kanada" section collect the property. Note the physician in the white coat between the columns, Gyorgy Havas, selecting who is sent immediately to death and who will wait. (Diese Datei wurde unter der GNU-Lizenz für freie Dokumentation veröffentlicht.)
Jews from Subcarpathian Russia (then part of Hungary) undergo a „Selektion“ on the ramp at the Auschwitz-Birkenau extermination camp, May 1944.

Man merkt immer wieder, dass der Blick des Autors auf Albert Göring von großer Sympathie geprägt ist. Trotzdem benennt Burke auch die weniger positiven Seiten seines Idols. So kritisiert er, dass Albert in seiner Funktion als Ehemann ein eher unzuverlässiger Zeitgenosse war. Seine erste Ehe ging er 1921 ein. Aufgrund Alberts Unstetigkeit dauerte sie nur zwei Jahre. Von seiner zweiten Ehefrau ließ er sich nach 16 Jahren scheiden – zu diesem Zeitpunkt lag sie in einem Schweizer Sanatorium im Sterben. Sein Interesse galt nun wieder einer anderen Frau, die er 1942 heiratete. Diese Verbindung hielt bis 1948, dann trennte sich seine Partnerin von ihm, weil er sich mehrere Seitensprünge erlaubt hatte. Es kam noch zu einer vierten Ehe, diese dauerte bis zu seinem Tod. Albert hatte ein Kind, eine Tochter aus dritter Ehe. Nachdem die Ehe in die Brüche gegangen war, nahm er zu seiner Tochter nie mehr Kontakt auf.

Überzeugendes Buchprojekt eines Aussteigers

Burke verdeutlicht auch immer wieder, wie seine Forschungsarbeit konkret ablief. Des Öfteren beschreibt der Autor im Stil einer Reportage seine Besuche bei Zeitzeugen bzw. seine Gespräche mit ihnen. Die Zeitzeugen kommen regelmäßig in Form von Zitaten zu Wort. Teilweise präsentiert der Autor seine Rechercheergebnisse als Nacherzählung. Man erfährt auch einiges aus dem Leben der Menschen, die Albert gerettet hat. Außerdem werden die historischen Rahmenbedingungen von Alberts Leben mit großem Sachverstand vermittelt. Ganz allgemein wirkt das Buch sehr ordentlich recherchiert. Der detaillierte wissenschaftliche Anmerkungsapparat im Anhang sorgt für die nötige Transparenz. Wenn Burke aufgrund der nicht immer zufriedenstellenden Quellenlage mitunter in spekulative Sphären vorstößt, ist dies stets klar ersichtlich.

Während seines privaten Forschungsprojekts hielt sich Burke verständlicherweise vor allem in Deutschland auf. Er arbeite unter anderem einige Zeit in einem irischen Pub in Freiburg im Breisgau, um so einen Teil seiner Untersuchung zu finanzieren. Der Autor äußert sich auch zu den Deutschen der Gegenwart, die er nicht alle sympathisch findet. So stellt er fest: Viele Deutsche seien einem Ordnungswahn verfallen und würden zum Lachen in den Keller gehen. Die hohe Anzahl arbeits- und putzwütiger Menschen sei eine unerfreuliche Besonderheit Deutschlands.

Das Buch steht auch für die erfolgreiche Suche des Autors nach seiner eigenen Identität. Nach seinem Abschluss in Volkswirtschaft verspürte er keine Lust dazu, in seinem Beruf zu arbeiten. Vielmehr stand ihm der Sinn danach, dem Leben Albert Görings nachzuspüren und dabei mehr von der Welt zu erfahren. Dass William Hastings Burke seiner persönlichen Neigung folgte, war eine gute Entscheidung, denn so ist ein sehr lesenswertes und erkenntnisförderndes Buch entstanden. Seine Danksagung beendet Burke mit den Worten: “Ich danke Albert Göring, der meinen Glauben an die Menschheit gefestigt hat.“

William Hastings Burke: Hermanns Bruder. Wer war Albert Göring? Aufbau Verlag, Berlin 2012, 237 Seiten, 19,99 Euro.   

Web-Seite über Albert Göring.

One thought on “Albert Göring – ein Leben im Schatten des Bruders

  1. Über Albert Göring wusste ich tatsächlich bis jetzt noch absolut überhaupt nichts. Zumindest kann ich mich nicht daran erinnern, jemals darauf aufmerksam geworden oder gemacht worden zu sein. Ein Unstand, den ich angesichts der humanistischen und NS-Regime-gegnerischen Tätigkeit des Bruders eines der grössten NS-Kriegsverbrecher ziemlich merkwürdig finde.
    Mal schauen, vllt hole ich mir das Buch. Muss eh bald für einige Tage ins KH, und gemeinsames Sommerlochqualitätsfernsehen mit meinen Zimmergenossen muss ich echt nicht haben 😉

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