Pinkwashing – Israels „schwuler Propagandakrieg“

Perfider Vorwurf: Israels Pinkwashing (Foto: Prettyqueer.com)
Perfider Vorwurf: Israels Pinkwashing (Foto: Prettyqueer.com)

Israel ist ein böser Staat – diese Gewissheit lassen sich „Israelkritiker“ auch nicht dadurch kaputt machen, dass der jüdische Staat bei vielen Schwulen, Lesben und Transsexuellen, die anderswo gesteinigt werden, wegen seiner liberalen Haltung hoch im Kurs steht. Wenn Israel Gutes tut, dann nur, um in Ruhe weiter Böses zu treiben, um abzulenken, sich reinzuwaschen – im Fachjargon: Pinkwashing.

Von Nina Rabuza*

Als im März 2011 die Kampagne »Tel Aviv Gay Vibe – Free; Fun; Fabulous« des israelischen Ministeriums für Tourismus vorgestellt werden sollte (29) rief die Gruppe »Palestinian Queers for Boycott, Divestment and Sanctions« zum Protest auf: Israel versuche mit der Kampagne, von seiner Kolonialpolitik gegenüber dem palästinensischen Volk und der Besatzung Palästinas abzulenken (30). Die Regierung nutze die scheinbar liberale und demokratische Haltung gegenüber LSBTIs (31) aus, um von Menschenrechtsverletzungen in den palästinensischen Gebieten abzulenken (32). Israel wasche seine schmutzige Wäsche pink statt weiß.

Wegen der relativen Toleranz gegenüber LSBTIs, gilt Israel als einziger Ort im Nahen Osten, an dem Menschen mit unterschiedlichen sexuellen Orientierungen und Identitäten offen leben können und als Zufluchtsstätte für LSBTIs aus den palästinensischen Gebieten. (33) In der LSBTI-Szene, insbesondere außerhalb Israels, gibt es deswegen eine eher positive Einstellung gegenüber dem israelischen Staat. Dem entgegen stehen palästinasolidarische Positionen, die Homophobie und Sexismus in der palästinensischen Gesellschaft als zumindest mitverursacht durch die israelische Politik betrachten. So schreibt die Gruppe »Berlin Queers for international Solidarity with Palestine« auf ihrer Homepage: »Es kann zu keiner sexuellen Befreiung kommen, solange nicht die ganze Gesellschaft ihre Selbstbestimmung und Unabhängigkeit erlangt hat.« (34) Die Gruppe fordert Solidarität mit dem »Palästinensischen Freiheitskampf« aus einer queeren Perspektive: Ein wahrhaftes Eintreten für sexuelle Befreiung müsse einhergehen mit dem Kampf gegen jede Form der Unterdrückung. (35) Queers, die sich nicht solidarisch mit den Palästinenser_innen zeigten, fielen auf das Pinkwashing der Regierung herein und seien dem rassistischen Vorurteil des homophoben Muslims aufgesessen. (36)

Diese Argumente finden sich längst nicht mehr nur in der szeneinternen Auseinandersetzung. Sowohl der britische Guardian als auch die amerikanische New York Post veröffentlichten unlängst Kommentare, die Israel Pinkwashing vorwarfen. (37)

Antiisraelische Propaganda auf Facebook.
Antiisraelische Propaganda auf Facebook.

Laut dem Blog »Pinkwatching«, der die vermeintlichen Pinkwashing-Aktivitäten der israelischen Regierung überwacht, ist nicht nur die Tel Aviver Tourismuskampagne Teil der israelischen Pinkwashing-Strategie. Auch die Ausrichtung der WorldPride 2006 in Jerusalem oder die relativ liberale Gleichstellungspolitik gegenüber homosexuellen Partnerschaften seien Versuche der israelischen Regierung, die Gay-Community auszunutzen. (38) Ziel dieser Instrumentalisierung sei es zum einen, von Menschenrechtsverletzungen abzulenken, zum anderen eine Exklusion von Muslim_innen aus dem hegemonialen Diskurs des Westens voranzutreiben.

Jasbir Puar, Referenztheoretiker_in der Pinkwashing-Aktivist_innen, beschreibt diese Exklusion in Zusammenhang mit einem neuen Nationalismus seit 9/11: Im hegemonialen, westlichen Diskurs wären Schwule, Lesben und Queers vor den terroristischen Anschlägen aus dem heteronormativen Nationalismus ausgeschlossen gewesen. (39) Nach 9/11 wurden insbesondere in den USA LSBTIs in das nationale Narrativ eingeschlossen. (40) Diese Inklusion fasst sie unter dem Begriff »Homonationalismus«.(41)

Damit gehe ein diskursiver Ausschluss von Muslim_innen aus dem nationalen Kollektiv als homophob und rückständig einher.(42) Muslim_innen seien zu den »Anderen« geworden, die es zu bekämpfen gelte.(43) Die Homophobie wird also durch einen islambezogenen Rassismus ersetzt, so Puars These in ihrem 2007 erschienen Buch »Terrorist Assemblages -homonationalism in queer times«.

„Homonationalismus“

Pinkwashing-Aktivist_innen wenden dieses Argument auf die israelische Politik an: Wie die USA bediene sich der israelische Staat des Homonationalismus, um sich als fortschrittlich und liberal darzustellen. Ziel sei es zugleich, die Palästinerser_innen und den Islam als homophob und orientalisch rückständig zu diffamieren. LSBTIs, die sich positiv auf Israel bezögen, würden sich zu Kompliz_innen des israelischen Nationalismus machen. (44)

Gay Propaganda War

Auch wenn Israel nicht im Fokus von »Terrorist Assemblages« steht, kommt Puar mehrmals auf den jüdischen Staat zu sprechen: Israel wird wahlweise als »Unterdrücker«, »brutaler Besatzer«, »Kolonialstaat« oder »Apartheidsregime« verurteilt.(45) Begründet werden ihre Einschätzungen nicht. Vielmehr operiert Puar mit einer »Hermeneutik des Verdachts«:(46) Jegliche Politik Israels diene der Delegitimierung des palästinensischen Widerstands und der Unterdrückung der palästinensischen Gesellschaft, so auch die Politik gegenüber sexuellen Minderheiten.

Die Veränderung des rechtlichen Situation von LSBTI-Menschen, Unterstützung der Gay-Community oder die Thematisierung der Unterdrückung von homosexuellen Menschen in den palästinensischen Gebieten und den Staaten der Region diene Israel dazu, einen »gay propaganda war«(47) zu führen, wie Puar in »The Guardian« erklärte. Israel stelle sich als progressive und harmlose Demokratie dar und investiere Unsummen an Geld, um sich gegen seinen Ruf als imperialer Aggressor zu wehren.(48) Glücklicherweise werde die politische Strategie des Pinkwashing von Aktivist_innen enttarnt(49).

Puars Verdächtigungen sind verankert in einer Feindschaft gegenüber Israel, die sich vor allem in ihrer ästhetisierenden Beschreibung des Selbstmordattentats als legitime Form des Widerstands zeigt.(50) Das Urteil, bei den Attentaten handele es sich um terroristische
Anschläge, weist sie als rassistisch zurück.(51) Auch ihre unbegründete Unterstellung, ein israelischer Folterknecht sei während der Foltervorfälle in Abu Ghraib zugegen gewesen(52), macht deutlich, dass diesen Vorwürfen eine Imagination von Israel als dem absoluten Feind, der für alles Schlechte verantwortlich ist und mit allen Mitteln bekämpft werden darf, zugrunde liegt.

Queerer Antisemitismus?

"Israel-Kritik" an der Kölner Klagemauer
„Israel-Kritik“ an der Kölner Klagemauer

In Puars Anklage der israelischen Politik und den Pinkwashingvorwürfen finden sich Argumente und Vorstellungen, die anschlussfähig für antisemitische Positionen sind oder solche Implikationen beinhalten. Die universale Verdachtshaltung kann als verwandt mit verschwörungstheoretischen Überlegungen gesehen werden. Israel wird dabei grundsätzlich unterstellt, dass sich hinter den artikulierten Interessen eigentlich Machtinteressen verbergen würden.

Gegen diese Behauptung kann nicht argumentiert werden, da Gegenargumente durch den Verweis, man durchschaue die politischen Strategien Israels nicht, abgewehrt werden. Diese Immunisierungstaktik führt zu einer Bewertung Israels, die sich von Urteilen über andere Staaten unterscheidet: Wenn Berlin mit seiner Gay-Community Werbung macht, würde man vermutlich zunächst von mehr
oder minder gelungener Standortpolitik sprechen. Israel hingegen führe einen »gay propaganda war«. Die israelische Eigenwerbung wird nach anderen Kriterien bewertet, die scheinbare, verborgene Machtpolitiken entblößen würden. Israel ist nach diesem Vorgehen immer schuldig, unabhängig von seiner realen Politik.

Das Frappierende der Thesen Puars und des Pinkwashingvorwurfs ist die Tatsache, dass zahlreiche Argumente nicht belegt werden müssen, sondern sie sich in einem Diskurs bewegen, in dem die Klassifizierungen Israels als brutale (Neo-) Kolonialmacht, Apartheidsregime oder imperialistischer Aggressor als sicheres Wissen gelten. Hier zeigt sich auch, dass es sich bei den Argumenten nicht um eigenständig queere Argumente oder gar um einen queeren Antisemitismus handelt, sondern Einschätzungen und Analysen aus der antiimperialistischen Theoriebildung übernommen werden.


Diese Attribuierungen unterstellen, Israel allein sei für die Probleme und Konflikte in der Region verantwortlich, und erklären Israel zur Inkarnation eines Feindes, für dessen Bekämpfung selbst tödliche Attentate auf die israelische Zivilbevölkerung als legitimer Widerstand ausgegeben werden. Die Kritik an solchen terroristischen Handlungen wird hingegen als rassistisch abgetan und Israel somit das Recht auf Selbstverteidigung und Schutz seiner Bevölkerung abgesprochen.

Außerdem wird durch die Unterstellung der Instrumentalisierung der LSBTI-Belange ein eigenständiges Handeln der Gay-Community in Israel, die sich für ihre Rechte eingesetzt hat, ausgeschlossen. Zwar ist es wichtig darauf hinzuweisen, dass LSBTIs rassistische Einstellungen haben können, und zu diskutieren, wie z.B. die schwulenfreundliche Politik von rechtspopulistischen Bewegungen, beispielsweise des Niederländers Geert Wilders, zu bewerten ist. Eine solche Auseinandersetzung hat jedoch zunächst nichts mit Israel zu tun. Sicherlich ist auch die Frage zu stellen, welche Verbindung zwischen Nationalismus, Herrschaft und Sexualität besteht oder ob und wie sich ein islambezogener Rassismus entwickelt hat. Allerdings muss dies unter der Prämisse geschehen, sowohl Rassismus als auch Antisemitismus zu thematisieren und eigene Zuschreibungen und Verdächtigungen zu reflektieren.

Siehe auch: Michael Lüders und “die reichen New Yorker Juden”Der Shitstorm der schweigenden MehrheitIm Zweifel gegen Israel

*Nina Rabuza studierte Politikwissenschaft und Philosophie in Halle/ Saale und in Berlin. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind Kritik des historischen und aktuellen Antisemitismus, Geschlechtertheorien und Geschichte und Gegenwart des Nationalsozialismus.

Dieser Artikel stammt aus der Broschüre „»MAN WIRD JA WOHL ISRAEL NOCH KRITISIEREN DÜRFEN … ?!« Über legitime Kritik, israelbezogenen Antisemitismus und pädagogische Interventionen“

29 Die Kampagne wurde auf der Internationalen Tourismus-Börse in Berlin im März 2011 vorgestellt.

30 »Israeli Pinkwashing Campaign to be Launched at Berlin Tourism Show in March” http://www. alternativenews.org/english/index.php/topics/economy-of-the-occupation/3333-israeli-pinkwashingcampaign-to-be-launched-at-berlin-tourism-show-in-march- . Abgerufen am 13. 12. 11

31 Die Abkürzung »LSBTI« steht für Lesben, Schwule, Bisexuellene, Trans*- und Inter*-Menschen. Der Text folgt in dieser Begrifflichkeit der Broschüre »Menschenrechte fördern – Deutsche Unterstützung für lesbische, schwule, bisexuelle, trans* und inter* (LSBTI) Menschenrechtsarbeit im Globalen Süden und Osten«, Deutsches Institut für Menschenrechte, Berlin 2011. Durch den Ausdruck sollen verschiedene sexuelle Identitäten und Orientierungen sichtbar gemacht werden, insbesondere auch solche, die sich Kategorisierungen und Zuschreibungen entziehen wollen.

32 http://www.alternativenews.org/english/index.php/topics/economy-of-the-occupation/3333-israeli-pinkwashingcampaign-to-be-launched-at-berlin-tourism-show-in-march-. Abgerufen am 13.12.11

33 »60 Jahre Israel: Die Rechte von Schwulen und Lesben in Israel« http://www.hagalil.com/01/de/ Israel.php?itemid=2196. Abgerufen am 13.12.11. Dennoch wäre es falsch anzunehmen, in Israel gäbe es keine Homophobie und Gewalttaten gegenüber Homosexuellen.

34 »Politische Zensur beim transgenialen CSD 2010« http://bqisp.blogspot.com/2010/07/offenerbrief-dt.html. Abgerufen am 13.12.11

35 Ebd.

36 Ebd.

37 Vgl. hierzu: Puar, Jasbir K.: »Israel’s gay propaganda war«, in: »The Guardian«, Onlineausgabe vom 1. Juli 2010. Schulmann, Sarah: »Israel and Pinkwashing«, in: »The New York Post«, Onlineausgabe vom 22. November 2011.

38 http://www.pinkwatchingisrael.com/pinkwatch-kit/faq/. Abgerufen am 13.12.11.

39 Puar, Jasbir K.: Terrorist Assemblages – homonationalism in queer times, Durham/London 2007, S. 39.

40 Ebd.

41 Ebd. S.40.

42 Ebd. S. 51.

43 Ebd,

44 Ebd. S.16.

45 Ebd. S.16-18,

46 Biskamp, Floris: »Ist jihadistisch das neue schwul?«, in: Jungle World Nr. 49, 9. 12. 2010.

47 Puar, Jasbir K.: »Israel’s gay propaganda war«, in »The Guardian«, Onlineausgabe vom 1. Juli 2010.

48 Ebd. 49 Ebd.

50 Puar, Jasbir K.: Terrorist Assemblages, S. 216. 51 Ebd. 52 Ebd. S.85.

9 thoughts on “Pinkwashing – Israels „schwuler Propagandakrieg“

  1. Kein Zweifel, LSBTIs sind in Israel gesetzlich und gesellschaftlich wesentlich besser geschützt als in den arabischen Nachbarstaaten. Dennoch sollten Positionen wie die des Innenministers Jischai oder orthodoxer Parteien und ihrer Vertreter, die Homosexualität als Krankheit betrachten oder Homosexuelle zur Ursache für Erdbeben erklären, nicht ausgeblendet werden.
    Solange Träger solcher Einstellungen in der Regierung sitzen, ist die liberale Haltung des israelischen Staates gegenüber LSBTIs nicht wirklich glaubhaft und das unterstellte Pinkwashing würde mich wenig überzeugen. Homophobie kennt keine Grenzen.

    „Schwule und Lesben sind krank“, sagte Jischai 2006 in einem Interview. „Man hat noch keine Medizin dagegen gefunden, aber ich hoffe, es wird irgendwann soweit sein.“

    http://www.spiegel.de/politik/ausland/israels-innenminister-rowdy-auf-radikaler-mission-a-675247.html

    http://de.wikipedia.org/wiki/Eli_Jischai

  2. Dieser Text ist schlecht. Er heuchelt Interesse an der Problematik des Pinkwashing vor, begnügt sich letztendlich aber damit, deren Kritiker als antisemitische Verschwörungstheoretiker anzugreifen. Diese Ausrichtung wird am folgenden Abschnitt deutlich:

    „Wenn Berlin mit seiner Gay-Community Werbung macht, würde man vermutlich zunächst von mehr oder minder gelungener Standortpolitik sprechen. Israel hingegen führe einen »gay propaganda war«. Die israelische Eigenwerbung wird nach anderen Kriterien bewertet, die scheinbare, verborgene Machtpolitiken entblößen würden. Israel ist nach diesem Vorgehen immer schuldig, unabhängig von seiner realen Politik.“

    Das schlicht und einfach Blödsinn. Die Autorin, die sich offensichtlich in die Thematik eingelesen hat, lügt an diesem Punkt. Als Judith Butler 2010 den Zivilcourage-Preis des CSD ablehnte, ging es nicht um Israel. Der Begriff „Homonationalismus“ kann auf viele Gesellschaften angewandt werden, „Pinkwashing“ bezieht sich speziell auf Israel. Sie sollen Kritik an diskursiven Strategien ermöglichen, die sich im Zuge der „War on Terror“ – Kampagne herausgebildet haben. Diese Kritik zielte deshalb zunächst auf us-amerikanische Diskurse. All dies wird von Autorin angedeutet, in ihren Wertungen aber nicht berücksichtigt, nur um der Pinkwashing – Kritik geistige nähe zu antisemitischen Verschwörungstheorien anzudichten. Jedem dem linke Politik am Herzen liegt, kann ich nur diesen Text dazu empfehlen:

    https://linksunten.indymedia.org/de/node/63316

    Wieso hält es Publikative.org für nötig, sich in der Frage der Kritik an israelischer Politik derart einseitig zu positionieren?
    Liebe Publikative.org – Redaktion, nur zur Information: Neonazis sind keine Antizionisten. Sie sind schlicht und einfach Antisemiten, die sich hinter dem gegenwärtigen Antizionismus verstecken, auch um aus ihrer Isolation auszubrechen. Ähnliche Versuche gibt es auch im Bereich der Globalisierungs- und Kapitalismuskritik. In eurer Logik müsste die Kritik an Hartz IV, oder an Spekulationen mit Nahrungsmittelpreisen, Tabu sein, weil sich Nazis in diesem Bereich betätigen. Ihr redet gerne von Querfronten, habt aber offensichtlich keine Ahnung, wie dieses Konzept in der extremen Rechten diskutiert wird. Letztendlich betreibt ihr das Geschäft rechter Querfront-Strategen, wenn ihr gesellschaftliche Bereiche nach belieben nazifiziert.

  3. Mit der Begründung gibt es keinen liberalen Staat.
    Welcher Staat, welche Gesellschaft ist denn wirklich frei von Homophobie, oder Sexismus, oder Antisemitismus, oder Rassismus, oder, oder,…..?

  4. Lieber Daniel, irgendwie verstehe ich Dich nicht. Du bringst die Ablehnung des Courage-Preises von Butler ins Spiel, aber Butler taucht doch im ganzen Text gar nicht auf.
    Du schreibst der Vorwurf des Pinkwashing bezieht sich nur auf Israel. Da hast Du Recht und das ist ja genau der Gegenstand der Kritik. Die gleiche Werbestrategie ist in Tel Aviv „pinkwashing“, im Rest der Welt gelungene oder misslungene Standortwerbung. Und dann wunderst Du dich warum manche da auf Antisemitismus kommen?
    Nazis sind keine Antizionisten, sondern Antisemitien sagst Du. Stimme ich Dir zu. Das gleiche trifft auch auf linke Antizionisten zu. Das Beispiel der ARD Doku über linken antisemitischen Terror von 1970, mit sieben toten Juden im Altersheim war doch auch nur eine „antizionistische Aktion“, als die Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinden in Frankfurt und Berlin durch die Revolutionären Zellen ermordet werden sollten, haben die sich gegen Kritik aus der linken Szene gerechtfertigt, mit der Begründung die Ermordung der beiden Holocaustüberlebenden sei kein Antisemitismus, sondern Antizionismus. Nein Nazis klauen nicht immer linke Inhalte, sondern diese „linken“ Inhalte bieten Anknüpfungspunkte für Naziideologie – was bei Ermordung von Juden doch auch Dir nicht entgehen sollte.
    Und ich finde auf Publikative.org wenig bis gar nichts über israelische Politik, sondern über die Rezeption dieser Politik hier – und da bin ich froh, dass dies kritisch betrachtet wird.
    Aber vielleicht habe ich deine Argumente auch falsch verstanden, ich finde aus den dargelegten Positionen den Text sehr gut und wichtig – auch weil er Diskussionen anregt, wie wir ja hier sehen.

  5. eine text in der publikative mit „israel ist ein böser staat“ zu beginnen ist deswegen befremdlich, weil der vorwurf dieser einseitigkeit in umgekehrter weise auf die publikative passt. irgendwie ist israel immer ein guter staat oder jedenfalls die kritik an seiner politik böse. schwarz-weiß-denker, die schwarz-weiß-denkern schwarz-weiß-denken vorwerfen sind selten ernst zu nehmen.

    was ich bei all der aufregung jedenfalls feststellen kann: in den argumentationen der ehernen pro-israel-fraktion geht es erst in der jüngeren zeit darum, wie toll israel im umgang mit seinen homosexuellen ist, im vergleich zu allen bösen staaten außenrum. das erklärt oder rechtfertigt zwar eigentlich nichts, aber es wird dennoch gerne angeführt. da fragt man sich dann schon manchmal, ob homosexuellenfreundlichkeit aufgewogen werden soll gegen palästinenserfeindlichkeit. oder anders: kann ich die beständige verletzung von menschenrechten damit rechtfertigen, dass ich auf der anderen seite wiederum menschenrechte achte, die vielleicht von den von mir verletzten nicht so geachtet werden. gibt bei menschenrechten jede beachtung eines menschenrechts einen freibrief für die verletzung eines anderen? wenn nicht, warum lese ich diese argumentation immer häufiger?
    ob das eine gezielte aktion ist, weiß ich beim besten willen nicht. aber dass im fall von israel immer neue „argumente“ hervorgezaubert werden, um sich ja nicht damit auseinandersetzen zu müssen, dass eine besatzung und unterdrückung perpetuiert und weiter manifestiert wird, die jetzt schon 45 jahre dauert, das fällt auf, nicht nur bei der betonung der homosexuellenfreundlichkeit (die ich im übrigen sehr begrüße, gerade angesichts von religiösen hardlinern auch innerhalb der israelischen regierung).

  6. Hallo Paul

    Vielen Dank für deine Antwort. Ich werde versuche meine Kritik deutlicher zu formulieren. Die Vorwürfe der Autorin, die Pinkwashing – Kritiker würden Israel dämonisieren, mit doppelten Standards messen und verschwörungstheoretisch argumentieren, sind nicht haltbar. Ich habe versucht, dies an der von mir zitierten Stellen zu zeigen. Zur Erinnerung: Judith Butler hatte den Zivilcourage-Preis des CSD abgelehnt, da ihr die Ausrichtung dieser Veranstaltung zu kommerziell und unkritisch ausfiel. Mit ähnlicher Begründung wurde auch der Transgenialer CSD ins Leben gerufen. Wie sollen diese Tatsachen mit der Behauptung der Autorin zusammengehen, niemand würde auf die Idee kommen, Berlin für die Instrumentalisierung seiner Gay – Community kritisieren. Desweiteren möchte die Autorin, an einigen theoretischen Ansätzen von Puar aufzeigen, dass Pinkwashing-Kritik anschlussfähig für antisemitisches Verschwörungsdenken wäre. Sie greift dafür auf Tabuisierungen zurück, wählt also denkbar einfachsten Weg. Viel schwieriger wäre es gewesen, sich ernsthaft mit Frage auseinanderzusetzen, ob Puars Charakterisierungen von Israel als „Unterdrücker“, „brutaler Besatzer“, „Kolonialstaat“ oder „Apartheidsregime“ aus palästinensischer Perspektive legitim sind. Dies setzt freilich die Fähigkeit oder den Willen zur Selbstkritik und der Anerkennung des Anderen voraus. Die Autorin bietet letztendlich kein belastbares Argument, weshalb die Kritik des Homonationalismus den israelischen Staat aussparen sollte.

    Zur Problematik Antizionismus – Antisemitismus:
    Ich denke, Antizionismus ist antisemitisch, wenn er mit einer diskriminierenden oder militanten Praxis gegen Juden einhergeht. In diesem Sinne gab und gibt es antisemitischen Antizionismus in des realsozialistischen Staaten, in antikolonialen Befreiungsbewegungen, im bundesrepublikanischen Linksradikalismus, im Neonazismus, in verschiedenen Strömungen des politischen Islam aber auch in etablierten Parteien. Diese Art des Antisemitismus ist aber nicht die einzige oder gar dominante Form des Antisemitismus. Im Neonazismus/-faschismus sind alle Varianten des Antisemitismus vorhanden. Religiös motivierter Antisemitismus gibt es sowohl im Islam, im Christentum, als auch in neuheidnischer Religiosität. Aus einem aufgeklärten Atheismus werden mitunter antisemitische Positionen, religionsfeindlich oder rassenbiologistischen begründet. Diese Aufzählung ließe sich noch weiter fortführen. Die Problematik also sehr komplex. Daher verbietet sich die heutzutage beliebte Engführung Antizionismus=Antisemitismus, auch weil sie häufig dazu gebraucht wird, Kritik an israelischer Politik zu denunzieren.

    Zur Querfront-Problematik:
    Gesellschaftlich kontroverse Themen führen oft zu komplexen und unübersichtlichen Konstellationen von Interessengruppen. So haben in der aktuellen Debatte zum Beschneidungsverbot bei Säuglingen orthodoxe Juden und fromme Muslime eine „Querfront“ gebildet. Würdest du diesen Juden vorwerfen, dass sie sich mit potentiellen Antisemiten gemein gemacht haben? In der extremen Rechten wird die „Querfront“ als Möglichkeit eines lagerübergreifenden Bündnisses auf völkischer Basis diskutiert. Autoren von Publikative.org greifen diese Idee häufig unreflektiert auf, wenn ständig über Pazifisten, Umweltschützer oder Kritiker israelischer Politik herziehen, ihnen ihr „Deutschsein“ vorhalten und darauf verweisen, dass Neonazis ähnlich denken würden. Dass die angegriffenen Personen sich vom Nationalismus, Rassismus und Neonazismus distanzieren wird dabei ausgeblendet. Die Publikative.org Autoren geben damit den „Querfront“-Phantasien der extremen Rechten Nahrung und verharmlosen ungewollt den rassistischen Kern neonazistischer und rechtsradikaler Ideologie. Ich kann den Unwillen der betreffenden Aktivisten auf solche Vorwürfe immer eingehen zu müssen, gut verstehen.

    Nur kurz zu Diebstahl/Anknüpfungspunkte:
    Auf der Basis eines rassistischen Selbstverständnis und Weltbild, lassen sich viele Positionen formulieren, die oberflächlich betracht identisch mit nichtrassistischen Positionen sind. Wichtig ist hier den Kontext im Auge zu haben, in dem diese Positionen eingebettet sind.

  7. Lieber Daniel, danke für deine Ausführungen. Ja Judith Butler hat Rassismus und Kommerzialisierung in Teilen der LGBTI-Szene kritisiert – zu Recht. Trotzdem schreibst Du der Pinkwashingvorwurf ist nur auf Israel gerichtet – das gleiche schreibt die Autorin auch, um dies zu kritisieren. Israel wird also als einziger Staat markiert anders zu sein als alle andere Staaten – kannst Du vielleicht nochmal erläutern warum das aus deiner Sicht gerechtfertigt ist?
    So gibt es in Baden Württemberg ein Gesinnungstest nur für Muslime, wo es u.a. um deren vermeintliche Homophobie geht (http://www.taz.de/1/archiv/archiv/?dig=2006/01/04/a0154). Gleichzeitig werden an öffentlichen Gebäuden zunehmend während des CSD die Regenbogenfahne gehisst um die eigene Liberalität zur Schau zu stellen. Aber warum betreibt dann nur Israel ein Pinkwashing? Versteh ich nicht.
    Wenn nur Israel markiert wird (auch im Rahmen des t_CSD gab es zu keinem Staat einen Workshop, aber zu Israel), wenn Israel als anders als alle andere Staaten dargestellt wird, fällt es mir nicht schwer da die offenkundigen Verbindungen zum Antisemitismus zu sehen, es sei den Du sagst mir was Israel von den anderen Staaten in dieser Frage unterscheidet. Soll nicht polemisch gemeint sein, sondern eine ehrliche Verständnisfrage. Oder vestehe ich Dich vollkommen falsch?
    Dann kritisierst Du, dass die Autorin Begriffe wie „Apartheidsstaat“ etc nicht entkräftet. Da wird es merkwürdig. Die Autorin wirf Puar doch vor, diese Begriffe inhaltlich nicht zu belegen, sondern nur zu verwenden und Du wirfst der Autorin jetzt vor, es sei ihr Job nicht belegte Begriffe zu entkräften. In Israel haben die arabischen Israelis nahezu die gleichen Rechte, sie sitzen in der Knesset, haben eigene Parteien, stellen Botschafter Israels, so war z.B. der Richter der den israelischen Präsidenten Katzav u.a. wegen Vergewaltigung ins Gefängnis brachte israelischer Araber – aber für manche ist und bleibt Israel ein Apartheidsstaat.
    Zu Antizionismus: Das Für und Wider des Zionismus ist meiner Meinung nach eine innerjüdische Diskussion. Spätestens nach dem Holocaust, sind viele Juden zur Erkenntnis gekommen, dass sie nur in einem Staat einigermaßen sicher leben können, in dem sie die Mehrheit bilden. Es gibt Juden die das für den falschen Weg halten. Dennoch halte ich einen nichtjüdischen Antizionismus für fatal, wenn Deutsche sagen, nee ihr braucht keinen eigenen Staat um euer Überleben zu sichern.
    Querfront: Dein Beispiel Juden und Moslems hätten eine Querfront gibildet ist mehr als absurd. Wo arbeiten orthodoxe Juden und fromme Moslems hierbei zusammen? Von Querfront kann man dann schon eher reden wenn einige orthodoxe Juden mit Antisemiten (z.B. Holocaustleugnerkonferenz in Teheran) gemeinsam gegen Israel kämpfen und den Holocaust leugnen. Wenn es ideologische Überschneidungen bei einem Thema gibt, z.B. Israel, kommt es zu Querfronten, wie die Gaza-Flotille gezeigt hat. Wo Abgeordnete der Linkspartei mit türkischen Rechtsextremen gemeinsame Sache gemacht haben und im Nachhinein noch nicht mal bereit waren dies kritisch zu reflektieren. Musste man früher in K-Gruppen nicht immer eine Selbstkritik verfassen? Wenn Höger & Co im Bundestag einen Antrag einbringen, in dem sie die türkischen Gruppierungen mit denen sie ein Jahr später eine Bootstour gegen Israel unternehmen als „faschistisch“ brandmarken, dann ist eine gemeinsame Aktion eben eine „Querfront“ finde ich. Ich kann den Unwillen der Aktivisten darauf einzugehen auch verstehen, denn sie würden ihre politisdches Selbstverständnis ab adsurdum führen.
    Ich fürchte wir werden nicht auf einen gemeinsamen Nenner kommen, finde es trotzdem sehr interessant deine Argumentation zu lesen, um auch meine eigene Meinung zu reflektieren. Aber das heisst ja nicht zwangsläufig dass wir einer Meinung werden.
    Hier noch zwei Links zum Thema, deren Texte sich auch lohnen: http://femko.blogsport.de/2012/07/15/eine-menge-waesche-zu-waschen-pinkwashing-und-andere-queere-positonen-zu-israel/

    http://bak-shalom.de/index.php/2012/06/08/homonationalismus-pinkwashing/

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