Völkische Enklave im Nordosten

Vor lauter Erregung über die „Pannen“ beim Inlandsgeheimdienst „Verfassungsschutz“ gerät fast in Vergessenheit, dass Neonazis auch weiterhin ihre Netzwerke verfestigen. Besonders in Hochburgen wie Mecklenburg-Vorpommern verfügen Rechtsextreme mittlerweile über eine stabile Infrastruktur, die weitere Neonazis anzieht.

Von Andrea Röpke und Andreas Speit, zuerst veröffentlicht beim blick nach rechts

Seit der Einweihung des  neuen „Kulturraumes“ im ehemaligen Hotel Stadt Hamburg in Lübtheen verfügt die Neonazi-Szene in Mecklenburg-Vorpommern inzwischen über mindestens drei gesicherte eigene Veranstaltungshäuser. Im „Thinghaus“ in Grevesmühlen finden regelmäßig ungestört Rechtsrock-Konzerte und Schulungsabende statt. Die so genannte „Volksbücherei“ in der Innenstadt von Anklam wird längst genutzt, soll jetzt aber noch ausgebaut und erweitert werden.

Am 11. Juli referierte der wegen Volksverhetzung verurteilte Arzt Rigolf Hennig für die „Europäische Aktion“, einer Gruppe von Revisionisten und Hardcore-Neonazis, im Lübtheener NPD-„Kulturraum“. Das Thema: „Bewegung für ein freies Europa“. Die „Europäische Aktion“ soll demnach einen Gegenpol bilden zur „derzeitigen EU-Diktatur. Zu den über 20 Gästen und Zuhörern gehörten unter anderem auch Marianne und Udo Pastörs. Der NPD-Kreisvorsitzende Andreas Theißen sicherte gemeinsam mit dem aus Amt Neuhaus stammenden Silvio Will die Eingangstür. Tage vorher hatten NPD-Anhänger Rundbriefe mit der Veranstaltungsankündigung in den Haushalten der Lindenblütenstadt verteilt. Im Glaskasten vor dem Hotel hängt ein offener Aushang.

Plattdütscher Abend mit der NPD

Obwohl Udo Pastörs und seiner Familie nicht nur mehr das ehemalige NPD-Bürgerbüro um die Ecke, sondern auch weitere Häuser am Thälmannplatz gehören, gleich neben dem ehemaligen Hotel, regt sich kaum noch Widerstand. „Die haben erreicht, was sie wollten“, sagt ein engagierter Anwohner resigniert, „keiner regt sich mehr auf, die NPD ist Teil des Ganzen geworden.“ So besucht der Fraktionschef und Hardliner Pastörs auch weiterhin in zeitlichen Abständen den mittelständischen Unternehmerstammtisch. Die rechtsextreme Partei bietet an mehreren Abenden in der Woche ebenso gemütliches Handarbeiten für Frauen, gemeinsames Singen, einen plattdütschen Abend oder einen Skat- und Spieleabend an. Immerhin erreichten die Neonazis um Pastörs bei den letzten Landtagswahlen im September 2011 erneut über 20 Prozent in Lübtheen.

Und Geld scheint für den ehemaligen Uhrmacher- und Schmuckhändler kein Problem, so baut er gerade sein Villengelände im nahen Benz-Briest mit mehreren Gebäuden aus. Auch einer seiner Bekannten, Schlossbesitzer und ehemaliger Aktivist aus Hamburg, hat jüngst in Lübtheen neben dem „Volkshaus“ mindestens sieben weitere bewohnte Häuser und vier unbewohnte erworben.

Das heruntergekommene Hotel am Thälmannplatz brauchte der NPD-Chef gar nicht zu erwerben. Das ältere Gastwirtsehepaar stellt es zur Verfügung, wohnt dafür in einer von Marianne Pastörs neu erworbenen Wohnungen.

Dorf mit auffällig hohem NPD-Stimmenanteil

So breiten sich die Rechten unauffällig, auf die „sanfte Tour“ und unaufhaltsam aus. Der Erfolg zieht weitere Anhänger, vor allem aus dem völkisch-radikalen Milieu an. Da die NPD-Führungsmannschaft im Landkreis Ludwigslust der 2009 verbotenen „Heimattreuen Deutschen Jugend“ (HDJ) nahe stand und man sich auch privat kennt,  ist es nicht verwunderlich, dass Mecklenburg insbesondere für ehemalige Kader der HDJ wie auch der verbotenen „Wiking-Jugend“ (WJ) immer interessanter zu werden scheint. So kaufte sich der ehemalige Bundesführer der militanten WJ ein Haus in der Nähe von Grevesmühlen und lässt es zur Zeit renovieren.

In Jamel und den umliegenden Dörfern wohnt ohnehin bereits HDJ- und JN-Nachwuchs. In Groß Krams, einem Dorf mit auffällig hohem NPD-Stimmenanteil, ließ sich der umtriebige brandenburgische Aktivist der Jungen Nationaldemokraten Sebastian Richter mit  seiner ebenfalls als ehemalige Berliner Aktivistin bekannten Ehefrau nieder.

Richter, ursprünglich aus Hoyerswerda, war in diversen Gruppen aktiv.  2007 beteiligte er sich an einem Aufmarsch in HDJ-Uniformen. Inzwischen gilt er für die Behörden als führend in der „IG Fahrt und Lager“, einem neuen elitären, konspirativen Zusammenschluss innerhalb der Jungen Nationaldemokraten. Bis vor kurzem  lebte das Paar in einer nationalen Wohngemeinschaft im brandenburgischen Hohen Neuendorf, gemeinsam neben anderen mit der ehemaligen Bundesmädelführerin der HDJ. Das Haus in Groß Krams wurde bereits in den vergangenen Jahren als Wahlkampfbasis genutzt und gehört einem Hammerskin- und (Ex-)HDJ-nahen Neonazi aus Schleswig-Holstein.

Ehemaliger HDJ-Anführer der „Einheit Preußen“

Madlen Richter, die zudem der Gemeinschaft Deutscher Frauen (GDF) nahe stehen soll, macht in Lübtheen Werbung für ihren kleinen Handwerksbetrieb, unter anderem mit Druckerei. Sie ist bekannt mit der bekannten brandenburgischen Aktivistin Stella Hähnel, die der GDF sowie dem Ring Nationaler Frauen (RNF) angehört. Deren Ehemann ist Jörg Hähnel, NPD-Stratege, Liedermacher und Ex-HDJ-Aktivist. Stella Hähnel, die mit ihrer Familie in Brandenburg lebt, hat vor einiger Zeit ihren Namen am Briefkasten des Thing-Hauses in Grevesmühlen angebracht. Auch Denis Schauer aus Berlin, ehemaliger HDJ-Anführer der „Einheit Preußen“, lebt bereits im nördlichen Bundesland und versucht, sich als Koch niederzulassen.

„Thing“-Haus der NPD in Grevesmühlen. Foto: Otto Belina

Ganz in der Nähe der Richters, in einem Schloss bei Lübtheen, hat sich Martin Götze mit seiner Frau niedergelassen. Vor allem er galt als wichtiger HDJ-Nachwuchskader. Götze führte ein Zeltlager mit Jugendlichen und Kindern 2007 bei Güstrow mit an. Früher, zu Skinhead-Zeiten gehörte der schmächtige Mann mit Seitenscheitel  mal den militanten Kameradschaftsstrukturen in Hannover-Langenhagen an. Am 1. Mai begleitete Götze Pastörs zum Aufmarsch nach Neumünster, der mit einer Ingewahrsamnahme aller Teilnehmer endete. Anfang der Woche soll sich der frühere Forstwirtschaftsstudent gemeinsam mit Sebastian Richter um den älteren Referenten Rigolf Hennig aus Verden gekümmert haben, der seinen Auftritt im „Kulturraum“ hatte.

Siehe auch: Optimale Besetzung: Neonazis marschieren in SS-Uniform durch LöcknitzPressefest am SchweinestallWenn der parlamentarische Arm zuschlägt

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