Nazis überfallen Kunstausstellung

Am Freitagabend haben Neonazis in Erfurt Besucher einer Kunstaustellung überfallen. Mehrere Personen wurden dabei teils schwer verletzt. Die Polizei sah zunächst keinen rechtsextremen Hintergrund.

 Von Benjamin Mayer

Im Kunsthaus in Erfurt wurde am Freitag die Ausstellung „miss painting“ eröffnet. Am späteren Abend der Eröffnung hielten sich mehrere Gäste vor dem Kunsthaus auf, als ein Mann aus einer nahegelegenen Kneipe die Gäste belästigte. Der mit einem Horst-Wessel-Shirt bekleidete Mann begann mit antisemitischen Bemerkungen die Besucher zu provozieren. Die Veranstalter riefen aufgrund des Vorfalls unverzüglich die Polizei und erteilten dem Mann einen Platzverweis.

Menschenverachtendes Shirt beim „Rock für Deutschland“. Die Botschaft ist klar.

Wenig später kamen sieben weitere Personen aus dem Lokal hinzu, die mit „Sieg-Heil“-Rufen und dem Zeigen des Hitlergrußes weiterhin ihre rechtsextreme Gesinnung deutlich machten. Kurz darauf eskalierte die Situation und mehrere Gäste des Kunsthauses wurden durch die Rechtsextremen angegriffen. Der Kurator der Ausstellung wurde gleich von drei Rechtsextremen attackiert und mit einem Nasenbeinbruch schwer verletzt. Auch die Leiterin des Kunsthauses, Monique Förster, erlitt leichte Verletzungen, als ihr eine volle Bierflasche auf dem Kopf zerschlagen wurde. Neben den beiden Veranstaltern wurde eine weitere Besucherin verletzt, als die Angreifer ihren Kopf gegen die Motorhaube eines parkenden Autos schlugen.

Die Polizei in Thüringen will bislang keinen rechtsextremen Hintergrund erkennen.
Die Polizei in Thüringen will bislang keinen rechtsextremen Hintergrund erkennen.

Nach dem dritten Anruf bei der Polizei traf ein Streifenwagen am Tatort ein. Die Verdächtigen konnten von der Polizei in unmittelbarer Nähe des Tatorts gestellt werden. Bei der Festnahme wurde auch eine Polizeibeamtin verletzt. Die Verdächtigen wurden nach ihrer Vernehmung wieder entlassen.

Kein rechtsextremer Tathintergrund?

 In der Pressemitteilung der Erfurter Polizei findet sich kein Hinweis auf einen rechtsextremen Tatzusammenhang. Hier heißt es schlicht, es sei „aus bisher nicht bekannten Gründen“ zu den Übergriffen gekommen. Auf Nachfrage der Thüringer Allgemeinen sagte die Polizei, dass derzeit nicht von einer Verbindung zur rechtsextremen Szene ausgegangen würde. Auch eine Verbindung zwischen einem Übergriff auf alternative Jugendliche Mitte Juni schließe die Polizei aus.

„Grund des Konfliktes waren rechte und verfassungsfeindliche Aussagen“ sagt Monique Förster, die Leiterin des Kunsthauses. Seit einiger Zeit seien ihr auch verstärkt rechtsextreme Personen in der nur wenige Meter entfernten Kneipe aufgefallen, aus der nun auch die Angreifer kamen.

Militante T-Shirtaufschriften. Feindbild „Links“.

Auch Martina Renner, innenpolitische Sprecherin der Fraktion DIE LINKE im Thüringer Landtag teilt die Wahrnehmung Försters. “Nazi-Gewalt und Nazi-Aktivitäten nehmen in Erfurt in den letzten Monaten in erschreckendem Maße zu. So gab es wiederholt Angriffe auf alternative Jugendliche, Projekte und Veranstaltungen.“, sagt Renner.

Dies dürfte besonders vor dem Hintergrund der aktuellen Aufdeckungen rund um erhebliche Pannen bei den Ermittlungen rund um die „Zwickauer Terrorzelle“ schwer wiegen. Auch Martina Renner kritisiert den derzeitigen Umgang mit den Opfern rechter Gewalt: „Behörden und Politik in Erfurt haben sich bisher zu wenig für den Schutz potentieller Naziopfer eingesetzt und insbesondere der Zusammenarbeit von organisierten Neonazis und Hooligan-Gruppen zu wenig Beachtung geschenkt.“

Erst vor wenigen Tagen hatten drei Minister der Landesregierung an einer Informationstour der Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus teilgenommen, um auf das Problem aufmerksam zu machen. Inwieweit die Ermittlungen der Polizei einen rechtsextremen Tathintergrund doch noch ergeben, werden die nächsten Tage zeigen.

Update: Wie die Nachrichtenagentur dapd berichtet, ermittelt die Polizei nun doch in der rechten Szene, da zwei der acht Täter bereits bekannte rechtsextreme Straftäter sind und es zur Verwendung rechtsextremer Symboliken kam. Dies teilte am Montag eine Sprecherin der Polizei Erfurt mit.

Siehe auch: BfV, MAD, VS: Zehn V-Leute beim THS?Dokumentation: Neonazi-Attacken auf Die Linke

7 thoughts on “Nazis überfallen Kunstausstellung

  1. Als gebürtiger Erfurter hätte ich vor ein paar Monaten noch gesagt, dass rechte Übergriffe in Erfurt eine Seltenheit sind, wenn man nicht durch sein äußeres Erscheinungsbild als „links“ einzuordnen ist. Auch wenn dem so war, waren Übergriffe sehr selten, aus meinem Bekanntenkreis, waren mir während einiger Jahre „nur“ 6 Vorfälle bekannt geworden.
    Doch in den letzten Monaten hat sich mein Bild geändert. Warum?
    Darum:
    Bei einer Demo gegen ACTA wurden die Teilnehmer von Nazihools mit Bierflaschen beworfen. Das BiKo wurde überfallen, der Infoladen veto auch. Am 1. Mai dürfen Faschos eine Kundgebung abhalten mit Ordern, die in Weimar nicht(!) zulässig waren. Im Juni fand eine Nazikundgebung statt, die nur minimal von Polizeikräften begleitet wurde, so dass die Faschos noch unkontrolliert einen „spontanen“ Marsch durch Erfurts Innenstadt abhielten. Vorfälle dieser Intensität in nur wenigen Monaten, zum teil am helllichten Tag zeigt, dass in Erfurt etwas schief läuft. Der Oberbürgermeister suhlt sich im Erfolg, dass 2010 der NPD-Aufmarsch durch Blockaden verhindert wurde und das reicht ihm. Die Verwaltung und speziell das Ordnungsamt tut nichts.
    Lediglich das Engagement einiger Personen und Gruppen verhindert, dass Erfurt zur „National befreiten Zone“ wird.
    Sie haben eine dunklere Haut- und Haarfarbe, als der Durchschnitt? Sie mögen Kunst? Sie sind „links“? Dann meiden sie Erfurt am Abend!

  2. In den Zeitungen oder Nahrichten habe ich fast nichts darüber erfahren, gestern war es für einen kurzen Moment in Google-News. Fazit: Es wird also mal wieder vertuscht was das Zeug so hält, um wen auch immer „ruhig“ zu halten. Irgendwie kommt es einem dann so vor, als wären diese braunen Untermenschen immer noch an der Macht, so als wäre nie etwas seit 33 passiert. Wie lange muss man sich das eigentlich noch gefallen lassen, warum begreift der Staat verdammt nochmal nicht, dass diese Menschen eine große Gefahr darstellen und so nicht mehr weiter handeln dürfen!? Auch wenn man mal wieder sieht, dass auf YouTube dummes rechtes Geschwätz à la „Volksdeutschland“ in den Top-Charts der sozialen Engagements auftaucht, könnte man ausflippen. Dass hier etwas auf dem rechten Auge blind sei, kann man offensichtlich nicht mehr bestreiten. Weg mit dem rechten Gesindel, niemand will es und hat es jemals gewollt.

  3. @Anonymus
    Die Thüringer Regionalpresse hat berichtet, ebenso die taz. Von Vertuschung kann hier nicht die Rede sein.

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