„Ihr kriegt uns hier nicht raus!“

Seit Ende Juni hält im Ostberliner Bezirk Pankow eine Gruppe Senioren ein Haus besetzt. Entschlossen setzen sich die Protestierenden gegen die Schließung ihrer Begegnungsstätte ein. Ein Ende der Besetzung ist nicht in Sicht. Ein Besuch in Pankow.

von Felix M. Steiner

Mit dem Rauch-Haus-Song schufen Ton, Steine, Scherben 1972 den Soundtrack der Hausbesetzerszene im damaligen West-Berlin. Genau 40 Jahre später geht man in Berlin-Pankow die Sache ruhiger an: „Wir haben von vornherein gesagt, solche Aktionen wie die jungen Leute machen wir nicht.“, sagt Doris Syrbe, Vorsitzende des Seniorenclubvorstands und derzeit Pressemanagerin des besetzten Hauses.

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„Wir wurden im Grunde dazu gezwungen…“

Als die Besetzung Ende Juni begann, schlug das öffentliche Interesse wie eine Welle über die Protestierenden herein, die vorher kaum über Erfahrungen mit der Presse verfügten. Am zweiten Montag der Besetzung wirkt der Umgang mit den Pressevertretern routiniert. Fein säuberlich werden an einer Pinnwand die angemeldeten Medien aufgeführt: TAZ, Spiegel-TV, RBB und viele andere Namen finden sich auf zwei Papierstreifen. Sogar aus Italien, Frankreich und Spanien seien Journalisten gekommen, berichten die Besetzerinnen stolz. Jetzt hört man Ihnen zu und interessiert sich für ihr Anliegen.

Anfang des Jahres hatte die Bezirksverodnetenversammlung die Schließung der Seniorenbegegnungsstätte, welche mitten im Wohnviertel der ehemaligen DDR-Elite steht, beschlossen. Das Haus ist ein Begegnungsort, an dem rund 300 Senioren ein und aus gehen. Hier können sie Englisch lernen, Bridge spielen oder malen. Vor allem aber sei man eine gewachsene Gemeinschaft und niemand müsse allein zu Hause sitzen, sagte Margret Pollak, die mit Ende Sechzig nichts von ihrer Entschlossenheit verloren hat. „Wir wurden im Grunde dazu gezwungen, da man uns überhaupt kein Gehör schenkte und wir als Senioren gar nicht als voll genommen wurden.“, sagt Pollak anscheinend immer noch enttäuscht.

Für die rein finanziellen Argumente der Verwaltung hat im besetzen Seniorenzentrum niemand Verständnis. Zwar hat man den Besuchern der Begegnungsstätte andere Räume angeboten, dies würden aber dazu führen, dass man die Gruppe auseinanderreist und eben genau dies wollen die Menschen mit der Besetzung der Stillen Straße 10 verhindern. Es geht ihnen nicht einmal um das besetzte Haus direkt sondern um das Zusammenbeleiben ihrer Gemeinschaft.

„Protest zieht sich heute durch alle Gesellschaftsschichten und Altersgruppen…“

Auch wenn die Besetzung auf den ersten Blick ungewöhnlich wirkt, sind auch ältere Menschen bei weitem nicht so protestunwillig, wie dies häufig geglaubt wird. „Protest ist keineswegs den jungen Menschen vorbehalten, er zieht sich durch alle Gesellschaftsschichten und Altersgruppen“ sagt Frauke Schulz vom Göttinger Institut für Demokratieforschung. Die Wissenschaftler des Instituts haben in verschiedenen Studien immer wieder auf den relativ hohen Altersschnitt der Protestierenden hingewiesen. Bei den Protesten gegen den Flughafen Berlin Brandenburg waren 70% der Befragten über 45 Jahre alt und etwa 20% sogar über 65.

Dennoch ist die Besetzung eines ganzen Hauses durch Senioren eine eher ungewöhnliche Protestform, meint auch Politikwissenschaftlerin Schulz. Und auch ein weiterer Aspekt unterscheidet die Besetzung in Pankow von anderen Protesten: ihr hoher Frauenanteil. Sind es sonst um die 60% Männer, welche sich an den Protesten beteiligen, trifft man im Seniorenzentrum fast ausschließlich Frauen.

„Auf jeden Fall bleiben wir…“

Auch bei Seniorenprotest ist der Besetzerinnenalltag keineswegs komfortabel und die Tage sind lang. Morgens um sieben klingelt der Wecker, dann gibt es ein gemeinsames Frühstück und gegen neun beginnt der Tag. Gelegentlich kommen auch schon halb acht Gäste, „dann ist die Nacht natürlich kurz, aber da wir ja alle noch rüstig und kräftig sind, kommen wir auch mit wenig Schlaf aus“, berichtet die 72-Jährige Doris Syrbe. Nur die Campingliegen, welche als provisorische Schlafgelegenheiten in fast jedem Raum der ehemaligen Mielke-Villa stehen, sind nicht besonders bequem: „Da müssen wir schon jeden Morgen die Knochen sortieren“, sagt Syrbe nicht ohne ein Augenzwinkern.

Doch weniger entschlossen als andere Hausbesetzer sind die Senioren nicht. Wenn man sie nach der Zukunft fragt, klingt die Antwort unweigerlich wie eine Kampfansage an den Bezirk. „Auf jeden Fall bleiben wir.“ sagt Magret Pollak und man kann nicht anders als ihr dies zu glauben. „Entweder trägt uns die Polizei raus oder eben es heißt, ‚Sie kriegen ein neues Haus‘ sind wir auch mit einverstanden. Es ist nur, wir wollen alle zusammen bleiben.“ setzt sie entschlossen nach. Und auch wenn wohl keine Militanz von den Besetzerinnen zu erwarten ist, spielt doch im Hintergrund wieder leise Ton, Steine, Scherben: „Ihr kriegt uns hier nicht raus! Das ist unser Haus…“

5 thoughts on “„Ihr kriegt uns hier nicht raus!“

  1. Hallo, endlich stehen die Bürgerinnen und Bürger auf und setzen sich zur Wehr gegen die Ellenbogengesellschaft.
    Nur Mut und Durchhaltevermögen.
    Josef Zehethofer, Kreistagsabgeordneter des Kreises Dithmarschen / Schleswig-Holstein

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