Eine Leiche, ein Rucksack, ein Terrornetzwerk?

Was wie ein billiger Krimi begann, könnte zur Aufdeckung von unabhängigen Kleingruppen eines rechten Terrornetzwerkes führen. Vor drei Monaten fand die Polizei zufällig ein Rucksack mit einem kleinen Kriegsarsenal neben einer Leiche – am Samstag folgten Hausdurchsuchen in drei Bundesländern.

Von Roland Sieber

Am 22. März rief Jan G. beim Notruf an, nachdem er Jörg Lange bewegungslos in Zimmer 15 der Frühstückspension Weißes Haus in Herzberg fand. Dieser erschien nicht zu einem verabredeten Treffen weshalb Jan G. dessen Zimmer aus Sorge öffnete. Der herbeigeeilte Notarzt könnte nur noch den Tod von Lange feststellen. In der Todesermittlungssache wurde schnell der natürliche Tod in Folge eines Herzinfarkts festgestellt. Hinweise auf ein Fremdverschulden gibt es nach Angaben der Staatsanwaltschaft Neuruppin nicht.

So weit, so unspektakulär, wäre der Verstorbene kein langjähriger Neonaziaktivist, der freiwillig auf Seiten kroatischer Milizen in den Jugoslawienkrieg zog. Wäre da nicht der Militärrucksack im Zimmer gewesen, in dem die Polizei drei Waffen, darunter eine schussbereite 7,65-mm Pistole und einen umgebauten US-Karabiner mit Zielfernrohr sowie rund 300 Patronen unterschiedlichen Kalibers fand. Schnell wurde klar, das auch der Hilferufer Jan G. aus Berlin der Polizei bereits wegen neonazistischer Aktivitäten bekannt war. Außerdem wurde die Pension in der märkischen Ortschaft von der Lebenspartnerin des mehrfach vorbestraften Neonazis Meinolf Schönborn gepachtet, der dort mit Lange ein Schulungszentrum einrichten wollte. Der Verstorbene soll neben seinen Kampferfahrungen auch als hervorragender Computerfachmann in der Nazi-Szene anerkannt gewesen sein.

Bundesweite Razzia am Wochenende

Screenshot der Homepage der "Neuen Ordnung".
Screenshot der Homepage der „Neuen Ordnung“.

Diese Geschichte erschien heute in der aktuellen Druckausgabe des Magazins „Der Spiegel“. Der Veröffentlichung wollten die Staatsanwaltschaft und das Brandenburger Landeskriminalamt offenbar zuvorkommen: Am Samstag durchsuchten daher 56 Beamte insgesamt acht Wohnungen und Büros in Berlin, Brandenburg und Nordrhein-Westfalen. Laut der Staatsanwältin Lolita Lodenkämper wurden dabei 16 Computer, jede Menge Speichermedien, ein Luftdruckgewehr sowie eine Schreckschusspistole, aber keine scharfen Waffen sichergestellt. Ermittelt wird gegen vier Männer und eine Frau wegen Bildung einer bewaffneten Gruppe, sowie Verstößen gegen das Waffengesetz. Zwei der Verdächtigen stammen aus Brandenburg, zwei aus Nordrhein-Westfalen. Der fünfte Verdächtige ist Jan G. aus Berlin.

Der 57-Jährige gelernte Schlosser Schönborn sprach mit der taz über die Durchsuchung bei ihm und seinem Versandhandel und bestätigte, einer der Verdächtigen zu sein. Er trat 1972 in die Nationaldemokratische Partei Deutschlands (NPD) ein. 1985 beteiligte er sich an der Gründung der Nationalistischen Front (NF), die 1992 verboten wurde. Schönborn gründete 1987 den „Klartext-Versand“ für den Vertrieb einer Gleichnamigen Zeitschrift und entwickelte daraus einen der ersten neonazistischen Musikverlage zur Finanzierung seines Lebensunterhaltes und für Spenden an die Szene.

Seinen Geschäftsideen tat auch eine mehr als zweijährige Haftstrafe keinen Abbruch. Bis heute betreibt Schönborn in Herzebrock-Clarholz nahe Gütersloh in Nordrhein-Westfalen den „Z-Versand“. In seinem Onlineshop bietet Schönborn szenengerechte Kleidung und Deko-Waffen, aber auch Flyer und Aufkleber der Neonazigruppe „Neue Ordnung“ an. Auf mehreren Veröffentlichungen dieser Gruppierung ist der verstorbene Jörg Lange als „Verantwortlicher im Sinne des Presserechts“ angegeben. Laut „Spiegel“ hat er drei Wochen vor seinem Ableben in dem ruhig gelegenen Etablissement eingecheckt, da er aus seiner Berliner Wohnung wegen Ermittlungen der Staatsanwaltschaft verschwinden habe müssen. Diese sei dem Verdachts der Volksverhetzung nachgegangen. Weiter berichtet der Spiegel, dass Ermittler in einem von Lange genutzten Büro der Herzberger Pension Flugblätter der „Neuen Ordnung“ sicherten.

Von wem stammen die rassistischen Briefe der „Reichsbewegung“?

Seit Februar sorgt ein Brief an Berliner Moscheen und die Jüdische Gemeinde für Wirbel: Darin fordert eine selbsternannte „Reichsbewegung – Neue Gemeinschaft von Philosophen“ „alle Türken, Muslime und Neger“ auf, Deutschland bis zum 1. August 2012 zu verlassen. In deren Reichsbriefen wurde auch eine Anleitung zur Gründung von „Freien Reichs Streitkräften“ gegeben: Kleine autonom agierende bewaffnete Gruppen, die sich auf den „Tag X“, dem Beginn des „Kulturkriegs“, vorbereiten sollen.

Als bei der diesjährigen Geburtstagsnacht von Hitler versucht wurde, die Fensterscheiben des Cafés „Frei_Raum“ der Berliner Alice-Salomon-Hochschule einzuschlagen, hinterließen die mutmaßlichen Täter auch Aufkleber der „Neuen Ordnung“ mit rassistischen Parolen auf den angebrochenen Scheiben. Zwar ist diese Neonazigruppe bisher in Berlin nicht als Gruppe aufgefallen, aber seit einigen Monaten werden deren Aufkleber dort vereinzelt verklebt. Brisant ist die auf den Aufklebern hinterlassene Internetadresse: Unter der IP-Adresse der Homepage der „Neuen Ordnung“ ist auch die rassistische „Reichsbewegung“ zu erreichen.

Laut „NRW rechtsaußen“ ist die „Neue Ordnung“ der jüngste Organisationsansatz von Meinolf Schönborn. Die „Neue Ordnung“ verlinkt aber nicht nur zu Schönborns Onlineshop, sondern auch zur Neonazigruppe „Kehrusker“. Diese nach eigenen Angaben in „Weserbergland – Schaumburg Lippe – Ostwestfalen“ ansässigen Gruppe verwendet das Symbol der „Reichsbewegung“ und verlinkt zur angeblichen „Neuen Gemeinschaft von Philosophen“ sowie zum Blog „Der Kristall“. Dass alle genannten Gruppen und Blogs eine reichsphilosophische Ideologie vertreten, scheint da mehr als nur Zufall zu sein.

Bereits 2009 gab das thüringische LKA im Rahmen einer von Meinolf Schönborn organisierten, esoterisch-, keltisch-mystischen Sonnenwendfeier in der Nähe von Essen bekannt, dass dieser gute Kontakte zu selbsternannten Reichsbürgern habe. Möglicherweise hatten Lange und Schönborn auch Verbindungen zu Ludwig Reinthaler aus dem österreichischen Wels: Zumindest berichtet das österreichische Watchblog „Stoppt die Rechten“ über eine Strafanzeige gegen Reinthaler, dieser den Drohbrief der Reichsbewegung weitergeleitet haben soll. Das Brandenburger Innenministerium schreibt über Meinolf Schönborn, er sei ein „militanter Neonationalsozialist aus Nordrhein-Westfalen“, der „bekennender ‚Reichsbürger’“ sei und Anhänger im nördlichen Brandenburg habe, so das Ministerium in einer Pressemitteilung zu den Reichsbürgern.

Siehe auch: Reichsbürger drohen: Spinnerei oder echte Gefahr?Naidoo als Soundtrack der “Reichsbewegung”?, Reichsbürger zahlt keine Steuern und hortet Chemikalien, Freie Fahrt für freie Reichsbürger!, Alle Meldungen zum Rechtsterrorismus

3 thoughts on “Eine Leiche, ein Rucksack, ein Terrornetzwerk?

  1. Nachtrag: Jan G. war nach Informationen des „antifaschistischen pressearchivs und bildungszentrums berlin“ (apabiz) auch Vorstandsmitglied der neofaschistischen „Berliner Kulturgemeinschaft Preußen e.V.“ (BKP): „1991 fällt der Polizei auf der 15. Gästewoche in Pichl (Österreich) das Konzept Meinolf Schönborns für das Nationale Einsatzkommando in die Hände.“

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