Wettbewerbsgrundlage Nationalismus

Friedlich und bunt soll er sein, der EM-Fußball. Rauchschwaden und randalierende Fans gehören zu den unerwünschten Begleiterscheinungen, die die Regie gerne auch einmal ausblendet. Doch wer einen Nationenwettkampf ausruft, darf sich nicht wundern, wenn er ihn dann auch bekommt. „Guter“ Partypatriotismus und „böser“ Radaunationalismus sind dabei zwei Seiten derselben EM-Medaille.

Von Nicole Selmer, zuerst erschienen auf dem EM-Blog von ballesterer.at

Die UEFA hat klare Vorstellungen davon, wie ein Fußballspiel auszusehen hat oder zumindest was davon sie den TV-Zuschauerinnen und Zuschauern zu zeigen gedenkt. Oder wann. Sehr deutlich wurde die Bildermanipulation der Regie im Fall der Szene zwischen dem deutschen Trainer Löw und einem Balljungen, die keineswegs live am Spielfeldrand stattfanden, sondern im Nachhinein eingespielt wurden.

Aber nicht nur in die Darstellung der sportlichen Akteure greift die UEFA-Regie ein, sondern auch in die Inszenierung des Tribünengeschehens. Beim Spiel Italien gegen Kroatien war der Kamerablick nach dem Ausgleich so lange es eben ging bemüht, in eine andere Richtung zu schauen als in die des kroatischen Blocks. Denn dort brannte es, der Rauch bewegte sich aber übers Spielfeld und das Spiel in Richtung des italienischen Tors und so war doch zu sehen, was die UEFA gerne heraushalten will: Feuer und Rauch – das sind „Bilder, die wir nicht sehen wollen“. Es ist eine kleine Ironie am Rande (aber vielleicht auch ein Zeichen der „Fuck UEFA“-Haltung in der Ukraine), dass in der Fanzone von Charkiw bei jedem Tor drei Feuerwerkraketen in den Himmel fliegen). Zu den Bildern, die die UEFA und ihre Fernsehpartner hingegen sehr gerne zeigen, gehören Frauen (gerne mit wenig Kleidung) und Kinder, die Fahnen schwenken, ebenso wie angemalte lachende Gesichter unter bunten Perücken und lustigen Hüten.

Guter Böklunder-Nationalismus / Quelle: Fontblog http://www.fontblog.de/files/category-geschmackspolizei.html
Guter Böklunder-Nationalismus / Quelle: Fontblog
http://www.fontblog.de/files/category-geschmackspolizei.html

Traditionell schwer tut sich der Fußball – und zwar Verbände, Vereine und Fans gleichermaßen – mit seiner Verbindung zur Politik. Die lauten Boykottrufe aus Deutschland sind wie zu erwarten nach den Landtagswahlen im Mai und einem gewonnenen EM-Auftaktspiel fast völlig verstummt. Übrig blieb allein eine Protestbotschaft im Stadion von zwei Grünen-Abgeordneten, die in die Ukraine gereist waren und auf Plakaten „Fairplay in football and politics“ und „Release all political prisoners“ forderten. Eingefangen wurden die Motive von Fotografen, aber nicht von der UEFA-Regie gezeigt. Das ist eine politische Botschaft, die nicht hineinpasst in die Inszenierung des EM-Events. Europa- wie Weltmeisterschaften gelten idealerweise als Imagegewinn für das Ausrichterland, sie generieren politische und wirtschaftliche Kontakte und Profite – zumindest für die Verbände. Europa- und Weltmeisterschaften wären ohne Politik, ohne Nationalstaaten, die gegeneinander antreten, undenkbar.

Das „hässliche Gesicht des Fußballs“

Auch mit seiner eigenen Wettbewerbsgrundlage Nationalismus hat der globale Eventfußball so seine Probleme, zumindest dann, wenn dieser sich der symbolischen Bildregie entzieht. Seit Public Viewing als fester Bestandteil der großen Turniere viele Bilder von feiernden Menschenmassen liefert, gehört der fröhlich feiernde Nationalismus als Karneval- und Kommerzevent dazu: Nationalsymbole als Modeaccessoire; Männer, Frauen, Kinder, Tiere in allerlei Landesfarben geschmückt und bemalt und darüber die Werbebanner der Sponsoren – bei den vergangenen Turnieren in Westeuropa und auch in Südafrika hat das hervorragend geklappt. Die journalistische Standardformulierung hierfür ist „ein friedliches Fußballfest“. Mit der Osterweiterung der EURO jedoch ist nun wieder – eine weitere Wendung aus dem Pressebaukasten – das „hässliche Gesicht des Fußballs“ zu sehen. Junge Männer, die Rauch und Feuer in die Stadien bringen, oder ein russischer Marsch durch eine polnische Stadt, der, anders als die Fanmärsche der Niederländer oder Schweden, nichts von einem Karnevalsumzug hat, sondern mit Prügeleien, Verletzten und Verhaftungen endet.

Bilder wie die von den Vorfällen auf den Warschauer Straßen rufen beharrlich in Erinnerung, dass Nationalismus immer eine ernste und nicht selten auch eine todernste Sache ist. Wir haben uns in den letzten Jahren lediglich daran gewöhnt, dass diese Tatsache unter der Goldlack-Patina des modernen UEFA-Fußballs verschwindet. Auch den freundlichen Schlandnasen, die in die Ukraine gekommen sind, lustig aussehen und in der Tat den rechten Arm nur heben, um das Bierglas zum Mund zu führen, ist der Stolz auf ihr Land eine ernste Angelegenheit. Das erlebt man, wenn man sie nach dem Grund für ihre lustige Kostümierung befragt, wie es die Psychologin Dagmar Schediwy bei den vergangenen Turnieren getan hat. Man merkt es auch, wenn man beobachtet, mit welch inbrünstiger Geste sie beim Singen der Nationalhymne die Hand aufs Herz pressen.

Böser Nationalismus bei der EURO 2012 in Polen
Böser Nationalismus bei der EURO 2012 in Polen

Die Schlägereien zwischen polnischen und russischen Fans auf den Warschauer Straßen scheinen Lichtjahre entfernt von den Szenen, die beispielsweise zwischen deutschen und niederländischen Fans zu beobachten waren. Die einen sind willens, sich und andere für »ihr Land« zu schlagen, die anderen posieren zusammen für Fotos und leben ihren »Nationenwettkampf« in mehr oder minder gelungenen Scherzen aus. Gemeinsam ist ihnen jedoch, dass sie sich und ihr jeweiliges Land, auf das sie stolz sind, für das bessere halten. Guter Partypatriotismus und böser Nationalismus sind zwei Seiten derselben EM-Medaille.

Siehe auch: Die Sozialpsychologie des Fußballpatriotismus

17 thoughts on “Wettbewerbsgrundlage Nationalismus

  1. @Xevion Um doch nochmal kurz drauf einzugehen: Ich folge der Linie des Artikels und halte die Nation für ein Konstrukt.

    Ich sehe Menschen als Menschen und nicht als Vertreter ihrer Nation oder auch Kultur(Das haben Sie ja zueinander gebracht). Sie sprechen unter anderem von negativen Eigenschaften von Nationen, damit meinen Sie folgerichtig Menschen. ich kann nicht Menschen die ich nicht kenne negative Eigenschaften zuschreiben. Das verbietet sich mir.

    Die Grenzen die Sie ziehen möchten, halte ich für nicht sinnvoll. Zum Beispiel ist Deutsches Design in der Welt geschätzt und geachtet. Deutschland hat aber viele dieser Designer verjagt. Es ist auch nicht im Interesse des Designers, da bin ich mir sicher. Denn gutes Design ist international. Ein „reindeutsches Design“ wäre der Untergang.

    Sie sprechen das Thema Geschichte an. Ich halte nicht alles was war, für automatisch für richtig. Vielmehr sehe ich die Geschichte als einen ständigen Versuch der Verbesserung.

    Ich sehe auch eine Unterscheidung zwischen „bösen Nazis“ und „Guten Patrioten“ nicht oder halte diese nicht für zielführend. Die strukturellen Gemeinsamkeiten sind doch nicht zu übersehen. Das Bedürfnis des Menschen, der dadurch angesprochen fühlt, ist das gleiche.

    Ich habe diesbezüglich leider auch keinen weiten Klärungsbedarf. Ich sehe das klar vor mir.

  2. “Antifa-Café im Juni – Infoveranstaltung: “Ganz entspannt in Schwarz-Rot-Gold?”” – mit Dagmar Schediwy

    28.06.12 | 20.00 Uhr | Bunte Kuh (Bernkastelerstr.78, 13088 Berlin-Weißensee)

    Seit der Fußball-WM 2006 hat sich in Deutschland das exzessive Zur-Schau-Stellen von Nationalgefühl bei internationalen Fußballevents als Massenphänomen durchgesetzt. Schwarz-rot-goldene Fahnenmeere, Autokorsos und ekstatisch feiernde Fans gehören bei den im Zweijahresrhythmus stattfindenden Großereignissen des Männerfußballs inzwischen zur Normalität. Was steckt hinter der patriotischen Aufwallung während der Spiele? Sind sie wirklich nur ein Ereignis der Eventkultur, das keinerlei politische Bedeutung hat? Dazu hat die Referentin während der Männer-Fußball-WM 2006, der EM 2008 und der WM 2010 Deutschlandfans auf Fanmeilen befragt.

    Anschließend findet wie jeden 4.Donnerstag bei entspannter Musik und kühlen Getränken unser Solitresen für die Bunte Kuh und antifaschistischer Arbeit in Nord-Ost Berlin statt. Der Eintritt ist frei

    Eine Veranstaltung im Rahmen der “You’ll never walk alone…”-Reihe von Siempre Antifa und der Antifaschistischen Initiative Nord Ost [AINO]

    http://aino.blogsport.eu/2012/05/30/ganz-entspannt-in-schwarz-rot-gold/

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