Gothic-Szene: Piraten sorgen für Unruhe

Dieses Jahr fand wieder an Pfingsten in Leipzig das “Wave-Gotik-Treffen“ (WGT) statt. Seit einigen Jahren kritisieren Teile der Szene die politische Haltung des Veranstalters. Die “Treffen & Festspielgesellschaft für Mitteldeutschland mbh“ duldet es nämlich, dass der Produktanbieter “Verlag und Agentur Werner Symanek“ (VAWS) im Rahmen des Festivals rechtsextreme Waren verkauft. Auch dieses Jahr wurde im Internetportal des WGTs Kritik am VAWS-Verkaufsstand geäußert. Als vermeintlicher Provokateur spielte dabei die Piratenpartei eine wichtige Rolle.    

Von Stefan Kubon

In diesem Jahr führte eine einigermaßen absurde Wortmeldung dazu, dass es zur Kritik an dem rechten Verkaufsstand kam. So beschwerte sich ein Besucher des WGTs im Internet-Forum des Festivals darüber, dass die Piratenpartei mit einem Stand für ihr politisches Programm geworben hatte. Um seinem Unmut Luft zu verschaffen, eröffnete der Empörte namens “TheOne1977“ sogar extra eine neue Diskursrubrik mit dem Titel “Piraten ködern Gruftis, oder wie?“ Merkwürdig an der Wortmeldung ist vor allem Folgendes: Der Stand der Piratenpartei befand sich gar nicht auf dem Festivalgelände! Vielmehr hatten die Piraten ihren Stand an einer öffentlichen Straßenbahnhaltestelle aufgebaut, die etwa 100 Meter vom Haupteingang des Festivalgeländes entfernt liegt.

Politikverbot für den Künstler Bruno Kramm?

Der Aufgebrachte ereiferte sich auch darüber, dass Bruno Kramm am betreffenden Stand in Erscheinung trat, um für die Anliegen der Piratenpartei zu werben. Wichtig in diesem Zusammenhang: Kramm ist nicht nur Mitglied der Piratenpartei, sondern zudem ein recht bekannter Künstler der Gothic-Szene. Diese Sachverhalte erzeugten im Kopf von “TheOne1977“ offenbar einen veritablen Erregungscocktail. Am 29. Mai äußert er sich im Eröffnungstext seiner Diskursrubrik folgendermaßen (Fehler im Original): “Was sollte denn die Aktion der Piraten-Partei am Freitag vor den Toren des AGRA-Geländes? Nutzt da jemand etwa seinen Szenestatus um auf Wählerfang zu gehen? Herr Kramm, sowas geht ja mal garnicht !!!“ Wenn “TheOne1977“ von “AGRA-Gelände“ spricht, scheint er sich im Klaren darüber zu sein, dass die Werbeoffensive der Piraten außerhalb des Festivalgeländes stattfand, denn das Festivalgelände entspricht dem “AGRA-Gelände“.

Bei der sich anschließenden Diskussion kann die Mehrheit verständlicherweise nicht nachvollziehen, was “TheOne1977“ zu seiner Kritik motiviert hat. Es ist ein Beitrag der Moderatorin “pitchfairy“, der die schlüssige Position der Mehrheit am besten zusammenfasst (Wortunterstreichung im Original): “Wer was vor den Toren der AGRA tut, liegt nicht in der Verantwortung des WGT, es sind immer mal andere Leute und Organisationen dort, um auf sich aufmerksam zu machen. Ich finde das nicht verwerflich, man muss ja nicht hingucken oder sich drauf einlassen.“

Der Mythos einer unpolitischen Gothic-Szene

Im weiteren Verlauf der Diskussion erklärt “TheOne1977“, er habe mit seiner Wortmeldung ja nicht den WGT-Veranstalter, sondern die Piratenpartei kritisieren wollen. Außerdem fühlt er sich dazu berufen, der Gothic-Szene zu empfehlen, sie solle sich weiterhin “unpolitisch“ verhalten. Im genauen Wortlaut schreibt er: “Die Szene sollte unpolitisch bleiben.“ Doch auch für diese unreflektierte Aussage erhält “TheOne1977“ kaum Zuspruch. In einer Entgegnung schreibt beispielsweise “Traconias“: “Sorry, aber das ist Schlagwortgematsche.“

Auf der Verkaufsmeile des WGTs: Im Jahr 2011 war die Werbung für den VAWS-Stand kaum zu übersehen (Foto: Stefan Kubon)
Auf der Verkaufsmeile des WGTs: Im Jahr 2011 war die Werbung für den VAWS-Stand kaum zu übersehen (Foto: Stefan Kubon)

Schließlich lässt sich “TheOne1977“ immerhin davon überzeugen, dass es noch am ehesten sinnvoll wäre, wenn er seine Kritik direkt an die Piratenpartei richten würde. Dies tut er dann auch. Daraufhin mischen sich zwei Vertreter der Leipziger Piratenpartei in die Diskussion ein. Den beiden Piraten wird mehrheitlich mit Sympathie begegnet. Von besonderer Bedeutung ist die Wortmeldung von “DJ_ Ozzy“ vom 31. Mai, denn sein Statement spiegelt die Mehrheitsmeinung recht gut wider (Fehler im Original): “Leute mal ganz ehrlich, diese Disskusion über politische oder unpolitische Gothics, Gruftis, Cyber u.s.w. ist doch mal völliger Mist. Jeder von uns engagiert sich politisch, und das fängt bei der Wahl unseres Bundeskanzler/in an und mir kann keiner sagen das er nicht wählen geht 😉 Ich finds ok wenn grad auch dem jüngerem Volk Politik nahe gebracht wird. Ebenso is es eine fragwürdige Disskusion ob der Stand der Piraten nun vor der Agra oder sonst wo gewesen wäre, immerhin wurde keiner gezwungen sich da informieren zu lassen“.

Von der Piratenschelte zur Kritik am VAWS-Verkaufsstand

Am 1. Juni kam dann die wirklich notwendige Diskussion darüber in Gang, warum es der Veranstalter des WGTs seit Jahren duldet, dass der Produktanbieter VAWS im Rahmen des Festivals rechtsextreme Waren verkaufen darf. Aufgrund des unreflektierten Diskursbeitrags von “TheOne1977“ sah sich der WGT-Besucher “Solitaire“ nämlich dazu veranlasst, eine Diskursrubrik mit dem Namen “VAWS ködern Grufties, oder wie?“ zu eröffnen. Mit einer ordentlichen Portion Zynismus bringt “Solitaire“ sein Unbehagen darüber zum Ausdruck, dass “TheOne1977“ einen Stand der Piratenpartei außerhalb des Festivalgeländes als Problem betrachtet, während der Produktanbieter VAWS im Rahmen des WGTs rechtsextreme Waren verkaufen darf (Fehler im Original):

“Was sollte denn die Aktion des VAWS an sämtlichen Tagen in der Verkaufshalle des AGRA-Geländes? (Dort wo der Veranstalter, im Gegensatz zu ‘vor den Toren des AGRA-Geländes‘, sehr wohl ein Hausrecht hat). Nutzt da jemand etwa seinen Szenestatus um auf Dummenfang zu gehen? Herr Klumb, sowas geht ja mal garnicht! Man vergleiche: Piratenpartei: Demokratische Gruppierung, die somit auch nicht auch nicht vom Verfassungsschutz beobachtet wird. VAWS: rechtsextremer Verlag, Herausgeber der Unabhängigen Nachrichten, wurde vom Verfassungsschutz beobachtet, bewirbt und verbreitet in der agra-Verkaufshalle Tonträger des Antisemiten und selbsternannten ‘Individualfaschisten‘ Josef Maria Klumb. Und das, lieber „TheOne1977“, ist ein Grund, sich über die PiratenPartei außerhalb der agra zu beschweren, nicht aber über VAWS auf der agra?“

Bei der sich anschließenden Diskussion zeigt sich eine Minderheit davon genervt, dass erneut Kritik an dem Produktanbieter VAWS geübt wird. Dieser Minderheit scheint es gleichgültig zu sein, dass beim WGT Waren verkauft werden, deren politischer Gehalt demokratische Werte untergräbt – obwohl diese Werte auch für die Existenz einer pluralistischen Gothic-Szene von entscheidender Bedeutung sind. Die konsequente Berücksichtigung der Maxime “Keine Toleranz gegenüber der Intoleranz!“ ist bekanntlich für die Fortexistenz jeder demokratischen Gesellschaftsform notwendig.

Die Aufklärung über VAWS wird als notwendig erachtet

Die Mehrheit der Diskursteilnehmer nimmt den VAWS-Verkaufsstand als einen Missstand wahr. Dass über den Stand aufgeklärt wird, wird als sinnvoll erachtet. Diese Mehrheitsmeinung bringt zum Beispiel am 4. Juni die Wortmeldung von “Manutereyaq“ zum Ausdruck: “Da sich jedes Jahr auch wieder neue Leute auf dem WGT einfinden, die noch nie da waren, macht es Sinn dieses Thema anzusprechen. Einfach damit auch die wissen, worum es sich bei diesem Stand handelt.“

Fairerweise muss zur Ehrenrettung von “TheOne1977“ noch erwähnt werden, dass er nicht nur Kritik am Stand der Piraten geäußert hat. Auf die Kritik von “Solitaire“ entgegnete “TheOne1977“ am 2. Juni: “glaub mir, über den VAWS Stand rege ich mich normalerweise mehr auf als über die Piraten.“ Letztlich ist es ja auch nicht  wirklich wichtig, warum “TheOne1977“ seine schwer nachvollziehbare Kritik an dem Piratenstand verfasst hat. Wichtig ist vor allem, dass seine Piratenschelte noch zu etwas wirklich Sinnvollem geführt hat – nämlich zur Kritik am VAWS-Verkaufsstand auf dem WGT.

Siehe auch: Ein Manifest für die Freiheit des EinzelnenAlle Jahre wieder: Rechtsextreme Waren auf dem “Wave-Gotik-Treffen“,

9 thoughts on “Gothic-Szene: Piraten sorgen für Unruhe

  1. Das ist alles so müßig. „Grufties gegen Rechts“ haben schon vor 10 Jahren über die unheilige Allianz des WGT mit den neurechten Idioten berichtet.
    ASP haben 2009 die Veranstalter schärfstens kritisiert, das auf dem „Obsorge-Ticket“ das Sonnenrad der Wewelsburg verwendet wurde. Bruno Kramm, wie auch etliche andere Größen der schwarzen Musiker-Szene kritisieren die Veranstalter des WGT seit Jahren für ihre pseudo-neutrale Haltung gegenüber dem rechten (Gruftie-Rand.
    Unsereiner kotzt und boykottiert seitdem das WGT. Aber der Effekt ist minimal, solange der Rest der musikalischen Vorbilder einfach so tut, als sei nichts gewesen….

    http://www.thetalesofasp.com/de/wgtstatement.html

    http://www.gruftiesgegenrechts.de/

    Eric (Grufties gegen Rechts)

  2. Was ist denn an der Kritik am Piratenstand so schwer zu verstehen?
    Ich bin generell kein Freund davon, dass Parteien und Organisationen versuchen Bewegungen oder Szenen oder Teile davon zu vereinnahmen. Passiert aber immer wieder. Auf jedem Festival, bei jedem Protestcamp etc. kommt plötzlich jemand um die Ecke und erzählt einem wie toll doch die Jesus Freaks, die MLPD oder eben die Piratenpartei sind.
    Kommerzielle Werbung ist oft leider(!) unerlässlich für eine Veranstaltung. Aber die nervt schon genug und die ganzen Rattenfänger können mir echt gestohlen bleiben.

    Das alles hat übrigens nix, aber auch garnix, mit der Gesinnung der Werber, dem VAWS Stand oder der Mär vom unpolitischen Menschen zu tun. Es nervt einfach nur!

  3. Lennart, Du hast den Bericht offensichtlich nicht ganz verstanden. Es wurde kritisiert, dass man den Piratenstand AUSSERHALB des Festivalgeländes (Also schlicht im Leipziger Stadtbereich) als anstößig empfand, während man mit dem Nazi-Stamd des VAWS im INNENBEREICH des Festivals keine Probleme hatte.
    Du magst vielleicht einen Partei-Stand insgesamt blöde finden, das hat aber nichts mit dem Thema zu tun. Es gehört zum demokratischen Verständnis, das Parteien innerhalb von Städten Informationsstände errichten.

  4. @Lennart:
    Das sehe ich nicht so – ganz im Gegenteil.

    Demokratische Parteien werben dort, wo ihre Zielgruppe ist.
    Die SPD baut ihre Stände auf dem Marktplatz auf und will der Normalbürger erreichen, die PIRATEN richten sich eben eher an junge Individualisten und sehen, dass beim WGT besonders viel „potentielle Zielgruppe“ rumläuft – und die GRÜNEN sind mit Infoständen natürlich bei jeder Anti-Kastor-Aktion vor Ort, aber auch auf z.B. Vegetarier- und Veganer-Messen wie die VeggieExpo oder die VeggieWorld. Das ist völlig normal und man kann sogar so weit gehen zu behaupten, dass das GG genau das von den Parteien fordert. („politische Willensbildung des Volkes“)

    Wer damit ein Problem hat, hat ganz tragende Grundsätze der Demokratie nicht verstanden.

    Der VAWS-Stand auf dem WGT hat mich damals, als ich mal dort war, auch tierisch genervt – und seither boykottiere ich das WGT auch und geh lieber zum M´Era Luna, die positionieren sich wenigstens angemessen gegen Rechts.

  5. Uhhh, bitte bei diesem Thema ganz genau auf die Fakten achten.

    Die Behauptung, daß VAWS im Rahmen des Festival „rechtsextreme Waren verkauft“ ist schlicht und einfach falsch. (Wenn man mal von den „Von Thronstahl“ Tonträgern und Merchandise absieht; das Problem bei dieser Band sind aber weniger die Tonträger, sondern was der Frontmann an anderer Stelle, z.B. auf seiner Homepage, so von sich gibt).

    Das Problem ist wie gesagt nicht, was auf dem VAWS-Stand am WGT so ausliegt, sondern was dieser Verlag früher so alles veröffentlicht hat.

  6. Sehr geehrter Herr Solitaire,

    Sie schreiben: “Uhhh, bitte bei diesem Thema ganz genau auf die Fakten achten.“

    Ich benenne nun “die Fakten“, indem ich mir erlaube, Sie abermals zu zitieren:

    “Die Behauptung, daß VAWS im Rahmen des Festival ‘rechtsextreme Waren verkauft‘ ist schlicht und einfach falsch. (Wenn man mal von den ‘Von Thronstahl‘ Tonträgern und Merchandise absieht“.

    Von den Von Thronstahl-Tonträgern bzw. dem dazugehörigen Merchandise sehe ich eben nicht ab. Vielmehr geht es genau darum, deswegen spreche ich ja von “rechtsextremen Waren“.

    Mit freundlichen Grüßen
    Stefan Kubon

  7. @Dennis K.: Ich war zuletzt 2007 auf dem M’era Luna, dort hatte VAWS leider einen Stand.

  8. gab’s da eigentlich schon mal eine markenrechtliche auseinandersetzung mit der firma vans, oder warten die da ein paar provokateure noch drauf?

    .~.

  9. @dot tilde dot

    Eine Marke „VAWS“ hat nur Volkswagen für mehrere Bereiche Auto/Transport angemeldet. Der „Musikverschwörungsverlag“ ist also gar nicht registriert. Das kann ein Grund sein, warum es bisher noch keinen Ärger gegeben hat.

    Da VAWS möglicherweise auch den Bereich Bekleidung abdeckt, ist Vans über einen Tip bestimmt sehr dankbar und man bekommt sogar noch ein schickes Paar Schuhe geschenkt. :)

    (Der Bereich ist dabei auch immer wichtig, Bereiche sind klassifiziert und heißen immer „Nizza *bestimmte Nummer*“, zum Beispiel Bekleidung, Gastronomie u.s.w.)

    Einsteigerrecherche über diesen Link: http://register.dpma.de/DPMAregister/marke/einsteiger

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