Das Wort, das wir nicht aussprechen dürfen

Eigentlich wundert es mich nicht. Einige von Euch wurmt es noch immer. Es wurmte Euch ganz gewaltig, dass die Sarah so madig geredet wurde und alles nur wegen diesem bescheuerten Wort, das sie nicht einmal so meinte, sondern anders. Nämlich didaktisch für ihre weiße peer group, es wurde also absichtlich falsch verstanden.

Von Sabine Mohamed

Und dann dieser Shitstorm im Netz mit den ganzen Hass-Kommentaren. Au weia. Glücklicherweise war auf Spiegel Online und Welt Online Verlass, sie waren sofort zur Stelle und haben auf die Absurdität eines Wortes im Zusammenhang mit der Autorin Sarah Kuttner hingewiesen und publikative.org zieht einen Artikel darüber mit Verweis auf – siehe oben – zurück. Andere haben es schon wieder vergessen. Worum geht es hier? Mehr als Euch lieb ist, denn in ihr habt ihr etwas erkannt und das spürt Ihr.

Es ist so allgegenwärtig, dass es nicht der Rede wert ist. Banal und tödlich wie das Leben. Bloß nicht den Fehler machen, es zu thematisieren, sonst drohen Sanktionen, Abwehrmechanismen werden wach und uns wird Überempfindlichkeit attestiert. Das sind meist die Momente, an denen ich vor Schock verstumme oder spreche, aber doch nicht gehört werde. Es geht um nichts weniger als die Definitionsmacht. Wir haben nichts zu sagen, weil wir draußen stehen. Wir werden genannt wie ihr wollt. Nein, es gibt keine Tabus für Euch weiße außer eines: das R-Wort, das sollte besser nicht fallen.

Klar, es gibt Regeln für den Sprachgebrauch. Das R-Wort darf im Kontext von Rechtsradikalen, Nazis, der NSU, von der angeblich niemand wusste oder bei sonst unbeliebten Persönlichkeiten ausdrücklich benannt werden. Wichtig ist hierbei, dass ausschließlich von Einzelfällen gesprochen wird.

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Nennen wir es mal beim Namen: Rassismus. Was sich wie von selbst versteht, ihr selbst seid keine Rassist_innen. Werdet ihr ungebeten trotzdem so genannt, gibt es Ärger. Denn dann solidarisiert ihr Euch mit anderen Weißen. Gegenseitig schrubbt ihr Euch wieder rein und negiert Rassismus in den eigenen Reihen. Besonders perfide wird es, wenn ihr plötzlich Eure guten schwarzen Freundinnen oder Freunde aus der Schublade hervorzaubert, die das auch nicht so eng sehen. Ja, solche Zufälle soll es geben.

Manchmal sagt ihr rassistische Wörter einfach aus didaktischen Gründen quasi um zu zeigen, wie es nicht gemacht werden soll. Antirassismus für Dummies. Wer es nicht versteht, ist selbst schuld. Das war wohl auch das Ziel von Sarah Kuttner als sie sowohl auf der Lesung in Hamburg wie in ihrem Buch „Wachstumsschmerz“ über die schwarze Puppe der Protagonistin sprechen wollte. Einfach mal N-Wort sagen, warum auch nicht? Einfach Überzeichnungen aus der Kolonialzeit verwenden, warum auch nicht? Rassismus im Sinne einer didaktischen Übung. Wer’s nicht versteht, ist selbst schuld.

Bei rassistischen Morden seid ihr schon schockiert und manchmal gibt es eine Schweigeminute oder, wie kürzlich, eine nette Feier, zu der auch die Betroffenen der NSU-Morde eingeladen werden und auf Eure Anweisung hin reden dürfen. Aber dass es schon bei Worten beginnt, das wollt ihr nicht sehen. Dass Worte Lebensrealitäten schaffen, sie uns entmenschlichen oder einfach überflüssig machen, das geht nicht in Eure weißen Köpfe. Vielleicht interessiert es Euch einfach nicht.

Nein, es hat nichts mit Euch zu tun. Und wenn sich doch der Verdacht erhärten sollte, lasst ihr es Euch erklären. Aber selbst nach den Erklärungen seht ihr das irgendwie immer anders. Vielleicht noch kurz und knapp: Wer N sagt, ist auch R.

Ihr kennt die Abwehrmechanismen ziemlich gut, und weil das so ist, müsst ihr nicht reflektieren. Dabei ist es höchste Zeit mal über den alltäglichen Rassismus und Eure eigene Verstricktheit nachzudenken. Dass ihr das nicht tut ist vielleicht banal, aber es macht mir Angst, weil Rassismus tötet und das spürt ihr.

51 thoughts on “Das Wort, das wir nicht aussprechen dürfen

  1. Sehr geehrte Frau Mohamed,

    Danke für diesen erfrischenden Artikel. Ich finde es ist auch mal Wut angebracht.

    Über Definitionsmacht wird viel zu wenig nachgedacht, vorallem von denen die sie besitzen. Wer sich wann verletzt/diskriminiert fühlt von einer privilegierten Person entscheidet IMMER diejenige, die sich verletzt/diskriminiert fühlt und nicht diejenigen die das nicht nachvollziehen können. Es ist eine Frechheit was Leute die keine Ahnung haben was Rassismus zu ertragen bedeutet meinen, das für andere entscheiden zu können. Ich habe auch keine eigenen Erfahrungen damit, bekomme das aber von meinen Freund_innen und Kolleg_innen mit und versuche solidarisch zu sein.

    Kuttner muss akzeptieren, wenn Leute sich angegriffen fühlen, obwohl sie es ganz anders gemeint hat. Es ist nämlich nicht erträglich, wenn dumme, krude, herabsetzende Wörter in einem männlich domninierten öffentlichen Raum selbstgerecht ausgesprochen werden, weil mensch es ja nicht so gemeint hat.

    Genauso wie ich es lächerlich finde wenn eine reine cis*-Männer Band gegen Sexismus bei ihrem Publikum und in der Musikszene Stellung bezieht ohne konkret Musiker_innen dabei zu haben.
    Ich will Kuttner gar nicht an den Pranger stellen. Wir leben in einer zutiefst rassistischen Gesellschaft und sie ist ein Beispiel davon.

    Dass Kuttner dann auch noch nicht mit dem Menschen, der sie kritisieren wollte reden wollte spricht für ihren verinnerlichten Rassismus, den Weisse in rassistischen deutschen Gesellschaft verinnerlicht haben. Da ist eine kompetente Person, die sich mit ihr über Alltagsrassismus wirklich auseinandersetzen will und sie weist sie ab.

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