„Amerikaner töten in Teheran“

Manchmal magisch – manchmal ironisch – immer politisch: Amir Hassan Cheheltans „Amerikaner töten in Teheran“.

Eine Rezension von Marjan Parvand

Was ist real und was Fiktion? Was steht in den Geschichtsbüchern, und was hat sich der Autor  ausgedacht? Amir Hassan Cheheltan spielt mit seinem Leser. Denn obwohl auf dem Buchdeckel neben dem Titel „Amerikaner töten in Teheran“ in großen, roten Buchstaben auch das Wort „ROMAN“ steht, ist in diesem Roman vieles nicht Fiktion sondern Fakt und gleichzeitig sind die Fakten fiktionalisiert.

Die Fäden, aus denen Cheheltan „Amerikaner töten in Teheran“ webt, stammen aus historischen Ereignissen, die in seinem Land stattgefunden haben und deren Schatten bis in das heutige Iran hineinreichen. So begegnen dem Leser historische Fakten (die Absetzung des iranischen Premierministers, Mossadegh unter der Federführung der CIA), reale Namen (Robert Imbrie, Vizekonsul der USA in Teheran in den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts) oder exakte Daten (18. Juli 1924, Imbries Todestag).

Nun ist die Verwendung der Realität als Schablone beziehungsweise als Setting für einen Roman nicht neu in der Literatur: der Tatsachenroman ist ein bekanntes Genre; bezogen auf den Film und Fernsehen spricht man von Dokufiktion. Aber treffen diese Kategorien auf Cheheltans Roman zu? Einerseits ja, weil er sich eindeutig der politischen Realität und der Geschichtsschreibung seines Landes bedient. Andererseits Nein, denn auf jeder Seite des Buches ist auch ein auktorialer Erzähler präsent, der mit seinen Figuren spielt, sie auf die Schippe nimmt, ihre Gedanken offenbart, beurteilt, die Motive ihrer Taten anzweifelt.

Diese auktoriale Einmischung geht manchmal so weit, dass der Text sogar das Genre wechselt. Aus einem Tatsachenroman wird dann plötzlich für einige Seiten magischer Realismus nach Prägung der lateinamerikanischen Literatur. In der vierten Episode taucht beispielsweise eine Schlange auf, die in einem Hotel für Unruhe sorgt. In diesem Hotel wohnt auch der Großneffe Robert Imbries, der das Land, in dem sein Großonkel getötet wurde, besucht. Seine Geliebte, Mina, erzählt ihm, dass ein Mann die Schlange geboren hätte. Zwar zweifelt Imbries Großneffe daran, aber dieser Zweifel wird nicht weiter verfolgt, und der Leser einige Seiten lang damit allein gelassen, dass einige Protagonisten der Geschichte (Mina, der Professor und auch die Hotelangestellten) tatsächlich daran glauben, dass ein schlangengebärender Mann in einem Teheraner Hotel existiert habe. Auf eine Auflösung wartete der Leser vergeblich –  es bleibt ein Exkurs in den magischen Realismus.

Ironische Erzählhaltung

Genauso kurz sind auch die Ausflüge des Textes in eine ironische Erzählhaltung: der Protagonist der ersten Episode – Robert Imbrie – wird beispielsweise gleich auf den ersten Seiten des Romans so beschrieben: „Vor Antritt seiner Reise hatte er nur vom Hörensagen etwas von diesem orientalischen Land gewusst, von seinen hübschen Katzen und seinen bunten Teppichen. Erst wenige Tage vor seiner Reise hatte er erfahren, dass die Iraner keine Araber waren und nicht arabisch sprachen.“ Ein auktorialer Erzähler entlarvt hier seine Figur als einen Ignoranten – allerdings nur für einen Augenblick. Einige Seiten später, als ein Mob Imbrie durch die Straßen Teherans jagt, hat der Erzähler wiederum Mitgefühl mit ihm.

Es sind diese permanenten Perspektivwechsel und das Changieren zwischen den Genres, die aus dem Roman von Cheheltan mehr als Dokufiktion oder mehr als einen politischen Tatsachenroman machen. Nichts steht auf festen Beinen, die Position – sogar die des allwissenden Erzählers – kann und wird aufgegeben, damit wir Geschichte, politische Ereignisse aber auch die Fiktion in einem anderen Licht und aus einer anderen Perspektive betrachten. Fast scheint es so, als ob der Autor auf den 187 Seiten seines Romans den Leser dazu auffordern will, am Wahrheitsgehalt von historischen und politischen Fakten zu zweifeln, genauso wie an den Ausführungen eines auktorialen, allwissenden Erzählers. Wem können und sollten wir vertrauen? Was ist Wahrheit und was Lüge. Um es mit den Worten von Nietzsche aus seinem Text „Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne“ zu sagen:

„Nur durch Vergesslichkeit kann der Mensch je dazu kommen zu wähnen, er besitze eine „Wahrheit“ […] Wenn er sich nicht mit der Wahrheit in der Form der Tautologie, das heißt mit leeren Hülsen begnügen will, so wird er ewig Illusionen für Wahrheiten einhandeln.“

 Das beste Beispiel hierfür findet sich auf den letzten Seiten des Romans: Reza ein junger Mann, der durch die langen Jahre im Gefängnis während des Schahregimes früh gealtert ist, lebt bei seiner Mutter und versorgt die alte Frau. Er hat einerseits Glück, denn er hat Haft und Folter des Schahregimes überlebt, andererseits hat er Pech, denn er erkennt nicht, dass er in der islamischen Republik neue Feinde hat. Als ihn Polizeibeamte auf der Wache in einen anderen Raum bringen wollen, geht er mit und ruft seiner besorgten Begleiterin scherzhaft zu: „Das sind ehrenwerte Männer, ich gehe nur auf einen Sprung mit und komme gleich zurück…“ Reza stirbt mit mehreren tausend Anderen, die im Sommer 1988 im Iran exekutiert werden.

Ein Namenloser in der Geschichte

Anders als über den Amerikaner Robert Imbrie, dessen Geschichte, Todesdatum und Todesumstände im Roman, aber auch in den Geschichtsbüchern festgehalten wird, erfahren wir über Rezas Todesumstände allerdings wenig Konkretes: kein Nachname, kein Todesdatum, auch der Grund für seine Exekution wird nicht weiter erörtert. Reza ist ein Namenloser in der Geschichte. Und so stellt uns der manchmal magische, manchmal ironische und immer politische Roman von Amir Hassan Cheheltan vor eine wichtige politische Frage: Wessen Geschichte wird erzählt, und wer bleibt in der Geschichtsschreibung stets unerwähnt?