Überflüssig, nicht unsterblich

Sie sorgen immer wieder für Schlagzeilen, gelten als innovativste Propaganda-Waffe der Neonazis – und stellen eine „neue Qualität“ dar, so heißt es zumindest in Medienberichten – „Die Unsterblichen“. Doch genau wie bei den „Autonomen Nationalisten“ handelt es sich auch hier offenbar um den Abklatsch einer linken Aktionsform, nämlich der „Überflüssigen“.

Von Patrick Gensing

„Die Überflüssigen“ – so nannten sich in der ersten Dekade des neuen Jahrtausends Gruppen, die ihr Agieren wie folgt beschrieben: „Wir sind überall und nirgends. Wir sind die Überflüssigen. Wir machen jetzt Programm.“ Die Gruppe diente den „Unsterblichen“ offenkundig als Vorbild: weiße Maske, unangemeldete Auftritte, einheitliche Kleidung – diese Aktionsform erklärten die Gruppen damit, dass ihre Mitglieder überflüssig gemacht worden seien „von einem System das Kapitalismus heißt. Wir setzen uns Masken auf, denn in diesem System sind wir nur gesichtsloser, auszubeutender Rohstoff.“

Die Überflüssigen in Aktion
Die Überflüssigen in Aktion

Im Gegensatz zu den Nachmachern traten „Die Überflüssigen“ also als Linksradikale auf. Sie „kämpfen gegen dieses System, denn es zwingt uns in einer Welt voller Ausbeutung und Krieg zu leben, voller Diskriminierung und Rassismus, voller Elend und Armut. Eine Welt in der nur das Recht des Stärkeren gilt.“

Daher organisierten die „Überflüssigen“ Robin-Hood-artige Aktionen, fielen beispielsweise am Hamburger Fischereihafen in das Frischeparadies, ein ziemlich gut sortiertes Spezialitätengeschäft, ein, und nahmen Waren mit, um diese an Bedürftige zu verteilen. Die taz berichtete im Juni 2007, also vor fast genau fünf Jahren:

Es war nicht die erste Aktion der Euro-Mayday-Bewegung, die in Hamburg zum Argwohn der Staatsschutzbehörden immer mehr Zuspruch findet. Bereits am 1. Mai 2005 suchten Aktivisten am Rande der Euro-Mayday- Parade ein Gourmet-Buffet auf dem Blankeneser Süllberg heim, um die Delikatessen umzuverteilen. Auch in Jobcentern und Lidl-Filialen sowie bei Veranstaltungen von Zeitarbeitsfirmen waren die „Überflüssigen“ aufgetaucht.

Auch wenn die Neonazis mit der Aktionsform „Die Unsterblichen“ viel Aufsehen provozieren konnten, es bleibt dabei: Das kreative Potential der Bewegung ist überschaubar, stattdessen werden weiterhin linke Stile und Aktionsformen kopiert, ergänzt und neu besetzt. Outfits, Symbole und Parolen anderer Subkulturen werden übernommen und uminterpretiert. Kompatibel erscheint besonders ehemals linke Kampf- und Widerstandsrhetorik und -symbolik – hier sei zuvorderst das „Palituch“ (Palästinensertuch) angeführt, welches die antizionistische und antisemitische Ausrichtung der Rechtsextremisten nach außen symbolisieren soll. Der ebenfalls geklaute Stil der Autonomen Nationalisten bietet viele Vorteile: funktional auf Demos und unauffällig im Alltag, dazu modisch anpassungsfähig.

Gekonnte Inszenierung von "spontanen" Aufmärschen - die Unsterblichen in Aktion
Gekonnte Inszenierung von "spontanen" Aufmärschen - die Unsterblichen in Aktion

 

Immer wieder müssen die Rechtsextremen also bei denen, die sie hassen und bekämpfen, klauen, um noch irgendwie als zeitgemäß zu gelten. Mittlerweile gibt es sogar rechtsextremen Rap – und in Schweden setzten Neonazis dem bizarren Treiben die Krone auf und versuchten sich an einer Reggae-Adaption.

 

Wie wäre es denn mit deutschen Nazis, die sich an Klezmer-Musik versuchen? Bis dahin machen sich zumindest „Die Unsterblichen“ als „Die Kopierer“ einen Namen.

Mit Dank an Felix!

Siehe auch: Wie fett sind die Unsterblichen? , Terror-Trio? Rechtsextremismus als soziale BewegungVom Rumpel-Rock zum Nazi-Reggae


3 thoughts on “Überflüssig, nicht unsterblich

  1. Oder aber Anonymous mit ihren Protesten gegen Scientology war das Vorbild, was mir viel näherliegend erscheint, weil es zeitlich näher war und auch die Vidoeästhektik der „Unsterblichen“ näher an den Anons ist als an den Überflüssigen.

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