Wahn und Wirklichkeit

Jakob Augstein kann Kritik und antisemitische Verschwörung offenbar nicht mehr sauber trennen: Er versteigt sich in seiner Spiegel-Online-Kolumne dermaßen, dass er die Nicht–Rettung von Schlecker direkt mit deutschen Rüstungsgeschäften mit Israel in Verbindung bringt; „Schlecker-Frauen“ als Opfer der israelischen Atompolitik.

Von Andreas Strippel

Der Spiegel macht schon seit Tagen Furore mit seiner neuesten Titelgeschichte über die deutschen Rüstungsexporte nach Israel, obwohl wenig Neues zu erfahren ist. In seiner Kolumne auf Spiegel-Online kommentiert Jakob Augstein die Geschichte nun noch mit antisemitischen Figuren. Deutschland ist demnach angeblich nicht Herr seines eigenen Etats, darüber bestimmt nämlich Israel.

Folgt man Augstein, so haben wir es hier aber nicht mit der kritikwürdigen Praxis des Waffenhandels zu tun. Es interessiert ihn offenkundig kaum, dass Deutschland der drittgrößte Waffenexporteur der Welt ist, keine Rede davon, dass sich zwischen 2006 und 2010 die deutschen Waffenexporte fast verdoppelt haben. Das wird mit einen nonchalanten „Die deutschen Rüstungsexportregeln sind ohnehin gedruckte Heuchelei. Keine Waffen in Krisenregionen? Dann könnte der Rüstungsexport einpacken“ abgehandelt.

Es ist alles viel schlimmer, findet Augstein: Deutschland bewaffne den jüdischen Staat, ach was, rüste ihn gratis auf, so dass die armen Frauen von Schlecker die direkten Opfer des israelischen Waffenwahnsinns würden. Da verschwindet beispielsweise die Tatsache, dass Griechenland bester Kunde der deutschen Rüstungsindustrie ist, also griechische Schulden den deutschen Rüstungsexportboom maßgeblich finanzieren. Egal, denn es geht um – besser gegen: Israel.

Jakob Augstein, Herausgeber des "Freitag" (Foto: xtranews.de / CC BY 2.0)
Jakob Augstein, Herausgeber des "Freitag" (Foto: xtranews.de / CC BY 2.0)

Der deutsch-israelische Waffenhandel erscheint nicht als das, was er ist, nämlich ein Geschäft für die deutsche Rüstungsindustrie, sondern als Ausdruck einer Abhängigkeit des deutschen Staates vom Willen Israels: „Denn wenn es um Israel geht, gilt keine Regel mehr: Politik, Recht, Ökonomie – wenn Jerusalem anruft, beugt sich Berlin dessen Willen.“ Deutschland als Rüstungsknecht des jüdischen Staates und seiner Absichten – da ist die jüdische Weltverschwörung nicht mehr weit.

Ohne Rücksicht auf die Fakten erklärt Augstein sich und Günter Grass auch noch zu  Siegern der Geschichte, die schon immer gewusst haben, dass Israel die Gefahr Nummer eins für den Weltfrieden ist. Israels Atomwaffen – deren Existenz Israel weder offiziell bestätigt noch dementiert – seien der einzige Grund, warum der Iran atomar aufrüstet: „Die iranische Atompolitik ist die Antwort auf die israelische Bombe.“ Ohne Israel hätte das Mullah-Regime wahrscheinlich auch gar keine antisemitischen Vernichtungsphantasien. Auch der Griff des Irans nach der Vorherschaft in der Region ist wahrscheinlich allein mit dem Handeln Israels erklärbar, ebenso die Unterstützung der syrischen Schlächter und der schiitischen Milizen im Libanon. Warum sollte man auch darüber reden, dass ein klerikal-faschistisches Regime, das brutal Abweichler in der eigene Bevölkerung unterdrückt, selbst ein Problem darstellt?

Es handelt sich um die übliche linke Rezeptur: Man nehme reale Schweinereien – wie Waffenhandel und die Folgen neoliberaler Politik – verknüpfe sie mit Israel und fertig ist das Gebräu. Ja, die deutsche Regierung sagt bei Waffengeschäften nicht die Wahrheit, heuchelt und liefert Waffen in Krisengebiete. Da hat Herr Augstein Recht. Der Rest sind antisemitische Ressentiments, die sich als Aufklärung tarnen. Und ganz nebenbei liefert der kritische Journalist der Bundesregierung einen Sündenbock für unsoziale Politik – denn Geld ist ja keines mehr da, wegen des Rüstungswahns der Israelis. Schönen Dank.

Siehe auch:  Im Zweifel gegen Israel

8 thoughts on “Wahn und Wirklichkeit

  1. Durchgeknallster Satz eines der irrsten Hobbygärtner Deutschlands:

    „Würde der Staat Israel für die Durchsetzung seiner machtpolitischen Interessen auf Zahnpastatuben setzen und nicht auf Atomraketen, die berufliche Zukunft von rund 13.000 Drogistinnen wäre sicher.“

  2. Der Im-Zweifel-links-Mann. Schlecker schuldet der Bundesagentur für Arbeit (BA) dreistellige Millionenbeträge. Dem Finanzamt ca. 70 Mi.(Quelle Spiegel) Fast ein U-Boot.

    Wenn der Name „Heckler und Koch“ die längst erloschenen Augen eines jeden Afrikanischen Kindersoldaten wieder leuchten lässt, warum nicht Israel ein Kriegs-U-Boot schenken?(Das sollte bestenfalls Sarkasmus sein)

  3. „Die iranische Atompolitik ist die Antwort auf die israelische Bombe.“

    Bedeutet das im Umkehrschluss, Herr Augstein geht davon aus, dass der Iran nach der Atombombe strebt? Warum bedroht der Iran dann nicht den Weltfrieden? Fragen über Fragen…

  4. Was ist bloß los mit Leuten, die ständig mit Antisemitismusvorwürfen kommen und Zusammenhänge herstellen, die gar nicht existieren?
    Vielleicht einfach mal überlegen wer ständig wieder die abstruse Idee jüdischer Weltverschwörung sieht. Falls das nicht reicht, empfehle ich psychologische Beratung.

  5. Volle Zustimmung zu Ihrem Artikel. Ich habe einige Zeit versucht als Blogger in diesem „Freitag“ gegen den dort herrschenden Antizionismus/Antisemitismus und die entsprechenden Verschwörungstheorien anzuschreiben. Wie in dieser Zeitung und der angeschlossenen Community gegen Israel gehetzt wird ist schon atemberaubend.

    Weitere Informationen unter:

    http://thinktankboy.wordpress.com/2012/04/20/freitagsreservisten/

    http://thinktankboy.wordpress.com/2011/07/29/offener-brief-an-die-israelische-botschaft/

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