Gummigeschosse: Tote nur eine Frage der Zeit

Trotz zahlreicher schwerer Verletzungen und sogar Todesfällen werden Gummigeschosse bis heute in vielen Staaten (darunter auch Demokratien wie die USA, Spanien, die Schweiz oder Frankreich) als Mittel zur Kontrolle von Menschenmengen eingesetzt. Auch deutsche Polizisten wollen endlich wieder auf Demonstranten und Fußballfans schießen können. Dabei ist der jüngste tödliche Vorfall erst wenige Wochen her.

Von Patrick Gensing & Andrej Reisin

Der 28-jähriger Iñigo Cabacas, Fan von Athletic Bilbao, starb im April 2012 an seinen schweren Kopfverletzungen. Wie Augenzeugen berichteten, war der Athletic-Anhänger nach dem Europapokalerfolg gegen Schalke 04 von einem Polizisten mit einer Gummipatrone am Kopf getroffen worden, wie Stadionwelt berichtete. Ärzte stellten bei Cabacas danach einen Schädelbruch und erhebliche Hirnverletzungen fest, denen der Fußballfan erlag. Eine Untersuchung bestätigte den Verdacht, dass Cabacas von der Polizei mit Gummigeschossen getötet wurde.

Während ein Platzsturm in Düsseldorf mit insgesamt 0 Verletzten die Schlagzeilen tagelang dominierte, war der Tod des Fußballfans den deutschen Medien kaum eine Zeile wert. Stattdessen führte man eine „Debatte“, die darin bestand, dass Hardliner sich gegenseitig in Ahnungslosigkeit überboten, um ihre dummdreisten Forderungen einer breiten Öffentlichkeit zu unterbreiten. Polizeiopfer spielen dabei keine Rolle, vielmehr räumen Redaktionen den Sprechern der Polizeigewerkschaften regelmäßig Sendezeit und Zeilen ein, obgleich deren Forderungen schlicht und ergreifend absurd sind – und vor allem unverantwortlich.

Der jüngste Streich kommt mal wieder vom Vorsitzenden der Deutschen Polizeigewerkschaft   (DPolG), Rainer Wendt, der via „Bild“-Zeitung verkündete: „Die linken Chaoten sind rücksichtslos und brutal gegen die Einsatzkräfte der Polizei vorgegangen. Offenbar schrecken sie nicht mal mehr davor zurück, Polizisten zu töten. Wenn Wasserwerfer nicht mehr reichen, muss die Polizei als Antwort auf die Steine, Brandsätze und Stahlkugeln der Demonstranten Gummigeschosse einsetzen!“ Wo genau Brandsätze und Steinkugeln geflogen sein sollen, wo Polizisten getötet werden sollten, wurde wie immer nicht verraten. Die Forderung nach Gummigeschossen, spricht Wendt übrigens seit mindestens 2007 Mantra-artig immer wieder in jedes zweite dahin gehaltene Mikrofon – Motto: Vielleicht wird’s ja irgendwann mal was.

Die tödliche Verharmlosung gefährlicher Schusswaffen

Dabei ist spätestens seit ihrem massenhaftem Einsatz im Nordirland-Konflikt klar, dass Gummigeschosse keine „nicht-tödlichen“ Waffen sind, wie die Waffenlobby gerne behauptet, sondern höchstens „weniger tödliche“: Mindestens 17 Menschen starben während des Bürgerkrieges in Nordirland durch Gummigeschosse, unzählige weitere wurden verletzt.  Insbesondere Treffer im Augenbereich führen fast immer zur Erblindung am betroffenen Auge.  Die Bilanz in Israel, wo derartige Munition in den besetzten Gebieten insbesondere während der Intifada gegen Palästinenser eingesetzt wurde, sieht ähnlich düster aus.

Während es in diesen beiden großen Gummigeschoss-„Testreihen“ allerdings immerhin um bewaffnete Konflikte ging, in denen die beteiligten Armeen nicht ohne Zynismus darauf verweisen, dass beim Einsatz scharfer Munition stets noch wesentlich mehr Menschen zu Schaden gekommen, wären, will die DPolG einen solchen Einsatz in deutschen Großstädten – kaum zu glauben, aber nicht undenkbar für die Hirne deutscher Sicherheitsfanatiker. Dass es Polizisten in unübersichtlichen Situationen wie eskalierenden Demonstrationen auf engem Raum nahezu unmöglich ist, derartige Waffen bestimmungsgemäß einzusetzen, wird dabei geflissentlich ignoriert:

Gummigeschosse werden nicht eingesetzt, um Menschen zu töten, sondern um sie abzuschrecken und durch Verletzungen bedingte Kampfunfähigkeit herbeizuführen. Prinzipiell kann aber ein abgefeuertes Geschoss einen Menschen töten, wenn es mit entsprechender Wucht auftrifft. So kann beispielsweise ein Schuss auf den Hals einer Person die Luftröhre quetschen oder unter Umständen sogar die Wirbelsäule brechen und so zum Tode führen. Vornehmlich soll deswegen auf die Beine oder den Rumpf der Angreifer gezielt werden, um eine Gefährdung so gering wie möglich zu halten. Das Problem hierbei ist, dass das Zielvermögen eines Polizisten während einer Straßenschlacht oder Demonstration sehr eingeschränkt ist. Quelle: Wikipedia

Unbekannte Demonstrantin, die in den USA von einem Gummigeschoss im Gesicht getroffen wurde
Unbekannte Demonstrantin, die in den USA von einem Gummigeschoss im Gesicht getroffen wurde (Foto: cynicaltimes.org)

Es ist daher irreführend, ob eine Waffe „tödlich“ ist oder nicht (dies kann im Extremfall auch bei einer Küchengabel der Fall sein), sondern es geht darum, dass man mit diesen Waffen unter  bestimmten Bedingungen Menschen relativ leicht schwer verletzen und töten kann. Die Formel „nicht tödlich“ ist ein reiner PR-Gag interessierter Marketingabteilungen, die ein Verkaufsinteresse haben. Die Wirkung ist in vielerlei Hinsicht fatal: Mit dem verschleiernden Begriff „nicht tödlich“ wird eine vermeintliche Gefahrlosigkeit suggeriert, die überhaupt erst ermöglicht, dass Schusswaffen im öffentlichen Raum massenhaft zum Einsatz kommen. Denn gegen einen solchen Einsatz gäbe es selbstredend massiven politischen Widerstand, wenn man ihn als das verkaufte, worum es sich in Wirklichkeit handelt: Der  Gebrauch konventioneller Schusswaffen mit weniger durchschlagender Munition.

Leider benutzen Polizisten Waffen, die sie für „nicht tödlich“ halten, aber auch noch wesentlich häufiger als Schusswaffen mit „scharfer“ Munition. Wie amerikanische Studien bereits mehrfach belegt haben, fällt die Entscheidung zum Waffengebrauch eben wesentlich leichter, wenn die Konsequenzen vermeintlich überschaubar sind. Mit anderen Worten ist es ist eben nicht so, dass die Anzahl der Opfer durch Gummigeschosse reduziert wird, sondern gerade umgekehrt wird ein Schuh daraus: Es werden massenhaft neue Opfer produziert, die es ohne diese Munition nie gegeben hätte.

Gewaltbereite Männerbünde unter sich

Doch zurück nach Hamburg: Publikative.org erfuhr aus gut unterrichteten Kreisen, dass der Polizeieinsatz in der Hamburger Innenbehörde durchaus für Ärger gesorgt hat, möglicherweise könnte es sogar personelle Konsequenzen geben. Kein Wunder, denn immer mehr Berichte werden bekannt über verletzte Demonstranten. Eine Frau erlitt einen Schädelbruch, ein Einsatz der Reiterstaffel gegen friedliche Blockierer, von denen viele auf der Straße saßen, führt zu weiteren Fragen nach der Verhältnismäßigkeit.

Die Polizeigewerkschaft meint, die Polizei sei zu schlecht ausgerüstet, bräuchte dringend Gummigeschosse. (Foto: Publikative.org)
Die Polizeigewerkschaft meint, die Polizei sei zu schlecht ausgerüstet, bräuchte dringend Gummigeschosse. (Foto: Publikative.org)

Da erscheint es nur folgerichtig, dass Polizeivertreter versuchen, aufkommende Kritik vorsorglich mit dem Ruf nach härtesten Konsequenzen zu übertönen. Ein Stilmittel, das in der deutschen Öffentlichkeit gut ankommt, da die Rollen eindeutig verteilt sind: Polizei ist gut, Demonstranten böse. Wie wenig zutreffend diese Wahrnehmung ist, zeigte sich auch angesichts der jüngsten Razzien im Rocker-Millieu wieder ziemlich deutlich: Offenbar hatten Berliner Ermittler die einschlägigen Motorrad-Clubs vor den bevorstehenden Maßnahmen gewarnt, wie Spiegel Online berichtet. Dort kommt auch ein Kriminalrat aus Nordrhein-Westfalen zu Wort, der Folgendes berichtet:

‚Es gibt dort den ein oder anderen Kollegen, der durchaus gute Kontakte zur Szene hat‘, so ein hochrangiger Ermittler aus Nordrhein-Westfalen. Vor allem bei Kraft- und Kampfsport kämen sich Gang-Mitglieder und manche Beamte zuweilen näher. Viele teilten zudem eine ähnliche Lebenseinstellung, die geprägt sei von einem draufgängerischen Abenteurertum, von Männerbünden und Korpsgeist. ‚Da kommt es schon einmal zu falschen Freundschaften‘, so der Kriminalrat.

Doch anstatt über problematische Vorstellungen von Männlichkeit und Kameradschaft nachzudenken, schweigen Wendt & Co. zum brutalen Vorgehen ihrer Kollegen gegen  Demonstranten natürlich wie eh und je. Dabei ergeben Schwarzweiß-Bilder selten ein schlüssiges Bild – was für die ständig nur „ACAB“-vor sich hin brüllende Fraktion seltsam aufgepumpter Testosteron-Hools umgekehrt übrigens genauso gilt – doch differenzierte Darstellungen sind nicht gefragt. So verhärten sich die Fronten immer weiter – bis einer heult oder liegen bleibt. Beim derzeitigen Kurs der Eskalation dürfte dies leider nur eine Frage der Zeit sein.

Nachtrag:
Mittlerweile hat sich Deutschlands größte Polizeigewerkschaft, die „Gewerkschaft der Polizei“ (GdP), dankenswerterweise vom Einsatz von Gummigeschossen distanziert und die DPolG scharf kritisiert: „Die Polizei muss bei Demonstrationen mit aller Entschiedenheit gegen militante Gewalttäter vorgehen, aber wir leben in Deutschland nicht in einem Bürgerkrieg. Wir sollten ihn auch nicht herbeireden“, sagte der GdP-Landesvorsitzende Frank Richter.  „Unser Rechtsstaat muss wehrhaft sein, aber die Polizei darf dabei nicht bewusst den Tod von Menschen im Kauf nehmen“, so Richter weiter. „Das ist in einer Demokratie nicht hinnehmbar.“

Fragt sich nur, wann die Erkenntnis, dass  es sich bei Wendt und der DPolG offenbar um unverantwortliche Scharfmacher handelt, endlich auch in bundesdeutschen Redaktionsstuben ankommt – und man endlich damit aufhört, diese radikalen Stimmen einer polizeilichen Minderheit publizistisch aufzuwerten.

Siehe auch: Tausende demonstrieren, 400 Neonazis marschierenAlles Chaoten!Gegendemonstrant nach Polizeieinsatz auf IntensivstationGeistige Engpässe: Kalender der PolizeigewerkschaftDie Polizei fordert …

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