Alles wird bereut

Sie haben es nie in die Charts geschafft, ihre Verliererhymnen sind legendär: Nach 15 Jahren Schepper-Soul mit wunderbaren Texten löst sich die Hamburger Band Superpunk auf. An diesem Wochenende feiern die bekennenden  HSV-Fans im Knust auf St. Pauli Abschied mit ihren Fans, zu denen auch die Redaktion von Publikative.org zählt.

Von Sven Sakowitz, zuerst erschienen in der Jungle World, mit freundlicher Genehmigung übernommen

Und plötzlich war die Welt noch ein bisschen schlechter als sonst: Mit einem lapidaren »Au revoir« und der Ankündigung einer letzten Tournee gab die Band Superpunk Anfang Februar auf ihrer Website ihre Auflösung bekannt. Zugegeben, anders als zum Beispiel beim Ende der Boygroup Take That gab es keine Fan-Demos und Sondersendungen im Fernsehen, und es mussten auch keine Sorgentelefone eingerichtet werden, um junge Mädchen vom Selbstmord abzuhalten. Aber die Nachricht vom Superpunk-Ende hat vielen Menschen den Tag vermiest.

Heinz Strunk meets The Jam: Superpunk!
Heinz Strunk meets The Jam: Superpunk!

»Von Schlägereien und bösem Blut kann ich leider nicht berichten«, sagt Carsten Friedrichs, Sänger der Band, im Gespräch in Hamburg. »Wir haben uns wie in einer Beziehung ganz stinklangweilig auseinandergelebt. Es war kein Zug mehr drin, wir haben kaum noch geprobt – und deshalb lassen wir es jetzt ganz.« 15 Jahre Band-Geschichte liegen hinter ihm und seinen Mitstreitern Lars Bulnheim (Gitarre), Tim Jürgens (Bass), Thies Mynther (Keyboards) und Thorsten Wegner (Schlagzeug). Fünf reguläre Studio-Alben haben sie veröffentlicht, keinem gelang es, in die Charts zu kommen. Das 1998 von Bernd Begemann produzierte und an nur einem Tag in einem Bunker in Hamburg-Eimsbüttel eingespielte Debüt »A bisserl was geht immer« verkaufte sich knapp 4 000 Mal, der Nachfolger »Wasser Marsch« ist mit etwas mehr als 10 000 verkauften Exemplaren das kommerziell erfolgreichste Album der selbsternannten »Top Old Boys«. »Uns war von Anfang an klar, dass wir nicht den großen Durchbruch schaffen würden«, sagt Friedrichs. »Dafür haben wir alle zu wenig Ehrgeiz und sind als Typen zu absonderlich.«

So kam es auch zu legendären Auftritten wie dem auf der ersten Tour: In Kassel spielten Superpunk am 3. Januar 1999 vor fünf Freunden, die allesamt auf der Gästeliste standen. Zahlendes Publikum war nicht gekommen. Ein Problem sei das nie gewesen: »Wir waren genügsam, und meistens waren ja auch ausreichend nette Leute da«, sagt Friedrichs. »Da stand immer ein Kühlschrank, aus dem man sich kostenlos Getränke nehmen konnte, und ich saß auch gern im Tourbus und habe aus dem Fenster geguckt.« Die Messlatte lag also tief, und als mal wieder irgendwo nur 15 Leute auftauchten, sprach Tim Jürgens den programmatischen Satz: »Ich möchte doch nur, dass unsere Musik pro Stadt 30 Leuten etwas bedeutet!«

Das haben sie bestimmt geschafft, so richtig bekannt wurden sie nie. Vermutlich waren vor allem die großartigen Texte von Friedrichs der Grund für die beeindruckende Erfolglosigkeit der Band. Wiederkehrendes Motiv ist das Individuum, das durch die Moderne strauchelt, herumgeschubst wird, viele Niederlagen erlitten und die Hoffnung auf eine grundlegende Verbesserung seiner Lage aufgegeben hat. Es scheitert mit Würde, will anständig und nicht peinlich sein (»Ich bin kein Ignorant, ich bin kein Idiot«) – auch wenn das nicht immer gelingt (»Ja, ich bereue alles«). Klar, dass sich in einer Welt, in der vor allem Erfolg, Stärke und teure Kinderwagen etwas zählen, nur wenige mit solchen Verliererhymnen identifizieren wollen.

Als Identifikationsangebot für soziale Bewegungen eignen sich die Texte nicht, der Mensch wurschtelt sich allein oder mit Freunden durchs Leben, nimmt Medikamente gegen Depressionen (»Ein bisschen Seele«), braucht Schnaps, um sich stark zu fühlen (»Ich trinke«), und entführt einen Vermögenden, um sich vom Lösegeld Zahnersatz leisten zu können (»Neue Zähne für meinen Bruder und mich«). Tragische Geschichten wurden bei Superpunk nie mit Pathos, sondern auf eine Weise leicht und humorvoll erzählt, die ihresgleichen sucht. Oder wie Carsten Friedrichs es ausdrückt: »Unsere Haltung war immer die: Es gibt kein Licht am Ende des Tunnels – aber scheiß drauf, wir nehmen das Leben sportlich.« Ein großes Missverständnis habe es über seine Texte immer wieder gegeben: »Wir wurden oft so wahrgenommen, als ob wir ein Sprachrohr für den kleinen Mann von der Straße sein wollten – aber es gibt ja eigentlich nichts Schlimmeres, und nichts lag uns ferner. Ich war mit meinen Texten ein Sprachrohr für mich selbst und niemanden sonst. Die Texte waren allein deshalb nah an meinem Leben, weil mir eine gewisse Phantasielosigkeit zu eigen ist und ich mich nur schwer in andere Leute hineinversetzen kann.« Unterlegt wurden die Texte mit druckvollem Geschepper, zu dem sich die fünf Herren von Northern-Soul-Klassikern inspirieren ließen. Beziehungsweise: Schamlos geklaut haben sie! Macht aber nichts, die Musik kommt von Herzen, geht in die Beine und eignet sich hervorragend zum Tanzen und gleichzeitigen Biertrinken. Musikalische Innovationen oder Überraschungen gab es selten. Es war bei jedem neuen Album wie mit einem alten Freund, den man selten trifft – um sich jedes Mal zu freuen, dass der verschrobene Typ sich nicht verändert hat.

Die Auftritte von Superpunk waren verlässlich gute Partys mit angenehmem Publikum. Zeugnis davon legen die Fotos ab, die Tim Jürgens seit 2004 bei jedem Gig von der Bühne herunter gemacht und auf die Website der Band hochgeladen hat: lauter glückliche, verschwitzte Menschen (meistens jedenfalls).

Ein bisschen erinnern Superpunk an die englischen The Specials, die ebenfalls mit ernsten Themen Spaß verbreiten konnten. Ohnehin sieht Friedrichs Superpunk in britischer Musiktradition: »Die Menschen in Deutschland wollen belehrende oder erbauliche Musik hören, mit Ironie und Humor kommt man nicht weit. In England dagegen gab es immer prominente Künstler mit sehr humorvollen Texten, zum Beispiel die Kinks und Morrissey. Hier geht das nicht, und auch Grautöne werden nicht erkannt. Entweder Karneval oder bierernst. Da gibt es nur ganz wenige Ausnahmen von der Regel. Zum Beispiel die von mir geschätzten Fettes Brot, die einer Band wie Madness sehr nahe kommen.«

Bald wird es vermutlich noch eine weitere Ausnahme-Band geben: Die Liga der gewöhnlichen Gentlemen heißt die neue Gruppe von Friedrichs und Tim Jürgens. Die erste Single »Gentlemen Spieler« erscheint im Juni und handelt im typischen Superpunk-Stil von den Anfängen des Fußballs in Deutschland. Das Album soll im Sommer produziert werden. Aber Vorfreude verbietet sich an dieser Stelle. Das wäre ja so, als würde man auf der Beerdigung des Partners schon mit dem nächsten flirten. Das gehört sich nicht, und deshalb soll hier und jetzt aufrichtig um eine phantastische Band getrauert werden.

Soeben ist die Best-of-CD »A Young Person’s Guide to Superpunk« erschienen. Die Abschiedstournee endet am 3. Juni in Hamburg.

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