Schweinske-Cup: Experte wirft Polizei Versagen vor

Der Kriminologe und Polizeiwissenschaftler Feltes hat die Vorfälle beim Hamburger Schweinske-Cup im Januar untersucht und nun seinen Bericht vorgelegt. Darin werden vor allem Polizei und Veranstalter kritisiert. Damit werden die Darstellungen von Augenzeugen bestätigt, die das Vorgehen der Polizei angeprangert – und den einseitigen Medienberichten widersprochen hatten.

Von Patrick Gensing

St. Pauli-Fans hatten im Rahmen einer Diskussionsveranstaltung zu den Vorfällen beim Schweinske-Cup beschlossen, eine unabhängige Untersuchungskommission einzuberufen. Die Fans konnten mit Prof. Dr. Thomas Feltes von der Ruhr-Universität Bochum einen renommierten Wissenschaftler* für die Kommission gewinnen, die nun ihren Bericht vorlegte. Dieser sei allerdings nur „eine erste, eher oberflächliche Prüfung und Bewertung der Ereignisse“. Es liege „nunmehr an denjenigen, die für den Ablauf der Veranstaltung, die Sicherheitsmaßnahmen und den Polizeieinsatz verantwortlich waren, diese Fragen aufzugreifen und zu beantworten.

Massive Kritik an der Polizei

Die Experten nehmen vor allem den Einsatz der Polizei ins Visier, denn es habe bereits im Vorfeld Hinweise auf mögliche Eskalationen gegeben, so dürfte die Ankündigungen aus der HSV-Szene, dass es dort bei dem Turnier „krachen“ würde, „weil es nie wieder so einfach sein wird, an die Anderen ranzukommen“, auch der Polizei bekannt gewesen sein. Entsprechend intensiv hätten die Vorbereitungen sein müssen, kritisieren die Autoren.

Ebenfalls sei der Polizei spätestens seit der Ankunft der Lübecker Fans bekannt gewesen, dass 20 HSV-Anhänger diese Fangruppe „verstärkten“. Nach Informationen der Polizei Schleswig-Holstein war zudem laut Experten davon auszugehen, dass sich „unter den zu erwartenden 80-120 Anhängern des VfB Lübeck 30 – 40 Problemfans befinden würden“. Der Polizei Hamburg sei dies ebenfalls bekannt gewesen, stellen die Wissenschaftler fest. „Spätestens hier hätte dem Einsatzleiter der Polizei bewusst sein müssen, dass es sich bei der Lübecker Gruppe um gewaltbereite Fans handelte.“

Dennoch konnten sich die Lübecker- und HSV-Fans in der Halle frei bewegen, eine Fan-Trennung, in der Alsterdorfer Sporthalle leicht zu realisieren, habe nicht stattgefunden. Die Angriffe auf den St. Pauli-Block hätten leicht unterbunden werden können, stellen die Wissenschaftler fest – und kritisieren, dass die Polizei im Folgenden offenkundig einseitig gegen St. Pauli-Fans vorging, während  Straftaten von Lübecker-Fans offenbar nicht geahndet wurden:

Diese beinhalteten insbesondere rechtsextreme Äußerungen, welche offensichtlich die als „links“ bekannten St. Pauli-Fans provozieren sollten. Hier hätte die Polizei aufgrund des Legalitätsprinzips (es bestand der begründete Verdacht, dass gleich gegen mehrere Straftatbestände verstoßen wurde) und aus polizeirechtlicher Sicht (§ 3 SOG) einschreiten und die Personalien feststellen müssen (§ 13 SOG). Dies gilt besonders, weil die Lübecker Fans beim Einlass das Sicherheitspersonal angriffen und unter diesen Personen bis zu 40 gewaltbereite Fans des HSV waren, die den szenekundigen Beamten bekannt gewesen sein mussten. Die Tatsache, dass hier keine Festnahmen erfolgten und diese Fans sich danach noch relativ unkontrolliert in der Halle bewegen konnten, dürfte ein wesentlicher Grund für die späteren gewalttätigen Auseinandersetzungen gewesen sein. Hier sehen die Autoren (zum gegenwärtigen Stand) ein polizeiliches Einsatzversagen.

Die ersten Rangeleien habe die Polizei zum Anlass genommen, eine behelmte Hundertschaft vor dem St. Pauli-Fanblock und ganz offensichtlich auch zwischen den St. Pauli-Fans zu positionieren, die teilweise die Sicht der Fans auf das Spielfeld einschränkten, und dies, obwohl  von dort offensichtlich keine unmittelbare Bedrohung ausgegangen sei, wie die Experten betonen. „Dass dies von den St. PauliFans als Provokation empfunden wurde, zumal vor dem Lübeck-Block deutlich weniger Beamte standen, obwohl von dort aus Straftaten verübt wurden, ist nachvollziehbar.“ Ein solches Vorgehen in einer bereits aufgeheizten Situation sei „weder angemessen, noch taktisch klug“.

St. Pauli-Block beim Schweinske-Cup vor dem Angriff der Lübecker und dem Einsatz der Polizei
St. Pauli-Block beim Schweinske-Cup vor dem Angriff der Lübecker und dem Einsatz der Polizei

Auch der folgende Einsatz von Pfefferspray wird in dem Bericht scharf kritisiert: Dabei seien auch Frauen, Kinder und Ältere getroffen worden. Unbeteiligte, die eingeschritten, um Verletzten zu helfen, seien weggedrängt oder selbst Opfer polizeilicher Maßnahmen geworden. „Offensichtlich hatte die Polizei zu diesem Zeitpunkt den Überblick über die Gesamtsituation verloren. Gründe für das aggressive Vorgehen der polizeilichen Einsatzkräfte konnten wir den uns vorliegenden Unterlagen nicht entnehmen. Insbesondere wird von keiner gegenwärtigen Gefahr berichtet, die man hätte dadurch abwehren müssen“, so die Autoren.

Risiko einer Panik

In diesem Zusammenhang stelle sich die Frage, wieso Pfefferspray, obwohl die gefährlichen Wirkungen und Nebenwirkungen bekannt seien, von der Polizei als „milderes Mittel“ gegenüber dem Schlagstock gesehen werde – und dies in einer Halle, in der es leicht zu panikartigen Reaktionen mit entsprechenden Verletzungen kommen könnte, wie die Experten betonen.

Zu klären sei außerdem, ob Polizeihunde auch in der Halle eingesetzt und ob dabei oder auch außerhalb der Halle auch Unbeteiligte oder Personen, die anderen helfen wollten gebissen worden seien. Mindestens ein Polizeihunde-Einsatz erfolgte auch nach den Darstellungen der Polizei selbst nicht zu Selbst- oder Fremdverteidigungszwecken sondern, um einen Verdächtigen festzunehmen. Dieses Vorgehen ist dem Bericht zufolge nicht von der PDV 350 gedeckt, wonach Hunde grundsätzlich nur als „defensives Einsatzmittel“ (und nicht als taktisches) verwendet werden dürfen.


Intensive Aufarbeitung

Die Autoren weisen darauf hin, dass ihr  Bericht auch die Notwendigkeit verdeutlichen soll, solche und ähnliche Ereignisse rund um Fußballspiele „intensiv aufzubereiten und durch unabhängige, externe Experten auswerten zu lassen“. Die üblichen internen Aufarbeitungen von Seiten der Vereine und der Polizei reichen nach Auffassung der Autoren des Berichtes nicht aus, um die nötige Transparenz herzustellen.

Insgesamt erscheine eine detaillierte Untersuchung und Bewertung der Vorkommnisse derzeit aber nicht möglich. Allerdings gebe es „deutliche Anhaltspunkte“ dafür, dass sowohl in der Vorbereitung, als auch während und nach dem Turnier durch die Veranstalter, aber auch durch die Polizei „Fehler gemacht wurden, die dringend aufzuarbeiten sind“. Das hatte Innensenator Neumann auch versprochen, nach dem jüngsten Großeinsatz der Polizei in Hamburg darf aber daran gezweifelt werden, dass den großen Worten auch Taten folgen.

Richter in Stadien gefordert

Dieser Appell dürfte weitestgehend ungehört verhallen, denn im öffentlichen Bild sind „sogenannte Fußballfans“ mittlerweile wieder zu gewalttätigen Primaten mutiert, während Polizeilobbyisten ausreichend medialen Raum erhalten, um die absurdesten Forderungen auszubreiten.

Die jüngste Idee: In Fußballstadien sollen Richter sitzen, die angebliche oder tatsächliche Straftäter direkt aburteilen. Rechtstaatliche Prinzipien spielen im Bürgerkrieg gegen den Fußball-Mob offenbar keine Rolle mehr. Der Bericht der unabhängigen Experten verdeutlicht hingegen, dass die Law-and-Order-Fantasien genau der falsche Weg sind, mehr Transparenz ist nötig – und Polizeiarbeit, die effektiv gegen tatsächliche Gewalttäter vorgeht. In einer Zeit, in der ganze Kurven in Kollektivhaft genommen werden, ein naiver Wunsch. Denn merke: Sachbeschädigung bei einem Fußballspiel = mediale Hysterie, Dutzende Verletzte durch Pfefferspray = Randnotitz, bestenfalls.

*Thomas Feltes ist Inhaber des Lehrstuhls für Kriminologie, Kriminalpolitik und Polizeiwissenschaft an der Juristischen Fakultät der Ruhr-Universität Bochum. Seit 2007 ist er auch kooptiertes Mitglied der sozialwissenschaftlichen Fakultät der Ruhr-Universität Bochum. Von 2006 bis 2008 gehört Feltes dem Gründungssenat der Deutschen Hochschule der Polizei in Münster an. Über seine Tätigkeit als Lehrender hinaus ist Feltes Wissenschaftlicher Berater des Europarates, der UN und der OSZE. Zudem war er Generalberichterstatter und Chairperson der Konferenz „Polizei und Menschenrechte“ des Europarates im Juni 1999 sowie Gutachter für das amerikanische Justizministerium zum gleichen Thema (1999). Zwischen 1999 und 2002 war er Mitglied der Sucht- und Drogenkommission der Bundesregierung. Seit vielen Jahren ist er als forensischer Gutachter (vor allem zur Sicherungsverwahrung und zu Rückfallprognosen) für Gerichte tätig.  Er gibt seit 1992 zusammen mit Hans-Jürgen Kerner die Reihe “Empirische Polizeiforschung” im Felix-Verlag, Holzkirchen heraus und seit 2005 die “Bochumer Schriften zu Rechtsdogmatik und Kriminalpolitik” (zusammen mit Rolf D. Herzberg und Holm Putzke). Er ist Herausgeber des „Polizei-Newsletter“, der seit 1999 erscheint. Sein Literaturverzeichnis enthält über 160 Buch- und Zeitschriften-Veröffentlichungen in den Bereichen Polizei, Justiz, Kriminologie, (Jugend-)Strafrecht. (Quelle: Wikipedia)

Siehe auch: Alles Chaoten!Moralische DiskussionslatteHurra, wir leben noch!,  Dahin, wo es weh tut!Gewaltorgie beim Hallenturnier: Des Rätsels LösungÜberbieten und StrafenÜber Fußballgewalt reden heißt von Auschwitz schweigenDistanzlos gegen FangewaltEtwas Besseres als diesen JournalismusSogenannter Journalismus: Wie erzähle ich Fußballrandale?

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