Schwulenfeindliche Ärzte auf Katholikentag

Der Bund Katholischer Ärzte (BKÄ) hat auf dem Deutsche Katholikentag in Mannheim Psychoanalyse und homöopathische Behandlungen gegen Homosexualität angeboten. Erst nach Protesten distanzierten sich die Organisatoren des Kirchentreffens von der schwulenfeindlichen Propaganda. 

von Roland Sieber

Lesbisch-schwule Initiativen protestierten den ganzen Samstag über mit Sit-ins und spontanen Protesten vor dem Infostand. Teilweise schritt die Polizei höflich gegen das kritische Publikum aus bis zu 40 Schwulen und Lesben ein und ermahnte diese, Abstand zu halten.

Der katholische Bund gab am Montag bekannt (Rechtschreibfehler wie im Original von der Presseinfo entnommen):

„Auf den offiziellen Informationsstand der BKÄ-Ärztevereinigung auf dem 98. Deutschen Katholikentag Mannheim sind in einer organisierten Aktion mehrere Angriffe unternommen worden. Stein des Anstoßes und der Empörung waren ärztliche Aussagen zur Homosexualität und der Hinweis am Infostand auf spezifische Fachinformationen zu diesem aktuellen Thema.

Am Samstag Nachmittag, 19.5.2012, war es zu stundenlangen Belagerungen und Blockade des Informationsstandes gekommen, wobei der ordentliche Informationsbetrieb üner katholische Ärztearbeit fast zu Erliegen gekommen war. Die beiden Ärzte wurden in stundenlange Diskussionen verwickelt, bis die Polizei einschreiten musste, um den Zugang zum Infostand für die Katholikentagsbesucher wieder zu ermöglichen.

[…] Kaum jemand konnte und wollte sich eine geistliche / ärztliche Hilfe bei Homosexualität vorstellen. Die Empörung über dieses Angebot mischte sich mit einem generellen Haß aus alles Kirchliche / Katholische.“

Nach Augenzeugenberichten wurden von zwei katholischen Ärztevertretern am Samstag folgende Aussagen in Mannheim gemacht:

„Homosexuelle entsprechen nicht den sittlichen Normen. Diese sittlichen Normen werden aus einzelnen Passagen des alten Testaments, wie Sodom und Gomorra, abgeleitet.“

„Schwule sind krank. Sie haben zwar eine „positive Krankheit“ aber dennoch eine Krankheit. Krankheiten im negativen Sinne, sind Menschen mit einer Behinderung.“

„Die Menschen sollen doch in würde Sterben, und nicht an HIV. Da wäre es besser mit der Titanic unter zu gehen.“

Ob die Polizei diese Aussagen und die Flugblätter der Standbetreiber auf mögliche Straftatbestände hin überprüfte, ist nicht bekannt. Diese konnte Samstagabend den Eingang von Strafanzeigen wegen Volksverhetzung weder bestreiten noch bestätigen, aber am Montag gingen mehrer Anzeigen wegen Beleidigung gegen den katholische Bund ein. Auf den verteilten Flyern wird Homosexualität unter anderem als „Psychische Störung“ und „Reifungs- und homoerotische Empfindungsstörung“ bezeichnet. Fotos der Flugblätter machen seit Samstag auf Facebook die Runde (VorderseiteRückseite).

Florian Wiegand von der Homosexuellen-Gruppe „Delta Boys“, einem Projekt der Psychologischen Lesben- und Schwulenberatung Rhein-Neckar, sprach von einem skandalösen Vorgang: „Derartige Hasstiraden sind unerträglich und verstoßen gegen die Menschenwürde“. Der CSD Rhein-Neckar erklärte:

„Wir sind immer noch sehr erschrocken, wie solche menschenverachtenden und diskriminierenden Stände Bestandteil des Katholikentags sein konnten und erwarten hierzu eine klare Stellungnahme von Seiten der Katholikentagsleitung.“

Proteste gegen die schwulenfeindliche Propaganda
Proteste gegen die schwulenfeindliche Propaganda

Ein Pressesprecher der Stadt Mannheim bestätigte, dass es keine Kontrollen auf Jugendgefährdung durch das Jugendamt auf dem Katholikentag gab. Es gäbe zwar Rundgänge des Ordnungsamtes aber inwieweit der Stand der katholischen Vereinigung auf den Missbrauch des Ärztetitels oder auf eventuelle weitere Ordnungswidrigkeiten und Straftatbestände hin geprüft wurde, konnte er nicht sagen. Am Sonntagmorgen schob eine Pressesprecherin der Stadt Mannheim alle Verantwortung auf die Anmelder des Deutschen Katholikentags. Dieser wurde als Markt angemeldet und für die einzelnen Stände sei somit deren Organisationsteam zuständig. Die Pressestelle des Katholikentags gab am Samstag wiederum auf Nachfrage bekannt, dass alle katholischen Initiativen die einen Stand beantrag haben diesen ohne Kontrolle von der Geschäftsstelle des Katholikentags genehmig bekommen hätten, da für die inhaltliche Kontrolle die Stadt Mannheim verantwortlich sei.

Nachdem Samstagabend überregionale Nachrichtensendungen über die schwul-lesbischen Proteste berichteten, ruderte das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) am Sonntag zurück und distanzierte sich mit allem Nachdruck sowohl von dem Ärztestand als auch von deren inhaltlichen Aussagen. Dr. Martin Stauch fand im Regionalfernsehen RNF als Geschäftsführer des Katholikentags positive Worte zu den friedlichen Protesten. Die farbenfrohe Aktionen gegen die menschenverachtenden Ansichten des Bundes Katholischer Ärzte beurteilt der schwul-lesbische Arbeitskreis der Mannheimer Grünen als vollen Erfolg.

„Wir erfuhren am Freitag vom Stand des BDAE und den Ansichten, die dort vertreten werden. Sofort war klar: Gegen diese homophoben Thesen müssen wir gemeinsam aktiv werden. Wir waren überrascht und überwältigt von der Resonanz: CSD-Verein, Szenewirte und viele weitere Initiativen und Parteien beteiligten sich spontan am bunten Protest”,

erzählt Tobias Heck als Sprecher des Arbeitskreises begeistert, bevor Jürgen Kaufmann ergänzte:

„Lesben und Schwule sind nicht entpolitisiert: Wir müssen und werden weiterhin wo nötig für die Rechte von Lesben und Schwulen kämpfen und uns gegen Diskriminierung und Diffamierung wehren.“

Der AK SchwuLes hofft, dass die Organisator*innen des nächsten Katholikentages in Regensburg den medizinisch unhaltbaren Ansichten des Bundes Katholischer Ärzte keine offizielle Bühne mehr geben werden.

„Wer solche Ansichten öffentlich ohne wissenschaftliche Basis vertritt oder gefährliche Mutmaßungen in medizinischem Gewand in Umlauf bringt, sollte bedenken, dass dies nicht ohne Folgen bleibt: In Deutschland und weltweit sind Lesben und Schwule immer noch von vielem ausgeschlossen, diskriminiert und von Gewalt zumindest bedroht, gerade mit der Begründung, sie seien krank. Das weltoffene und tolerant Mannheim hat dagegen am Samstag gezeigt: Gesellschaftliche Vielfalt ist möglich und Homophobie – Hass auf Lesben und Schwule – ist heilbar“,

so Heck. Diese Aussage wird in einem aktuellen Spiegel-Artikel unterstrichen. Da die sogenannte „Konstitutionsbehandlung“ nicht nur wissenschaftlich widerlegt ist, sondern auch psychische Krankheiten bei betroffenen Menschen auslöst, geht die Bundesärztekammer gegen die katholischen Ärzte vor und entzog einigen der religiösen Fundamentalisten zumindest die  kassenärztliche Zulassung. Nach Augenzeugenberichten soll es Samstagabend aus dem Organisationsteam des Katholikentags die Zusage gegeben haben, den Bund Katholischer Ärzte zukünftig nicht mehr zuzulassen. Dies konnte das ZdK am Montag noch nicht bestätigen.

Wie der Verein zur Förderung lesbischwuler Kommunikation Wien berichtete, hat der Schauspieler und Sänger Benjamin Franklin Andre am Wochenende eine Facebookgruppe gegen den Münchner Arzt und Vorsitzenden des Bundes katholischer Ärzte, Dr. Gero Winkelmann, gegründet, die innerhalb von zwei Tagen auf über 2.100 Mitglieder anwuchs. Bei der Antidiskriminierungsstelle des Bundes gingen zahlreiche Beschwerden ein. Betroffene Menschen schrieben offene Briefe an Kirchenvertreter*innen und Bundespolitiker*innen. Mannheimer Lokalpolitiker*innen wollen den Vorfall  im Gemeinderat nachbearbeiten: Zu viele Fragen um die Standanmeldung und dessen Genehmigung sind offen.

Siehe auch: Frankfurt verbietet Mahnwache für Naziopfer und Gemeinderätin aus Sachsen: Offener Hass auf Schwule

7 thoughts on “Schwulenfeindliche Ärzte auf Katholikentag

  1. Leider ist es so, dass solche Steinzeit-Meinungen nicht nur katholischen Ärzten, ohne jetzt alle über einen Kamm scheren zu wollen, vorbehalten, sondern viel tiefer in der deutschen Gesellschaft verankert sein dürften. Bis Deutschland so offen und tolerant ist wie es nach außen hin immer verkauft wird, dürften noch einige Monde ins Land ziehen. Das ist zwar bitter, aber traurige Realität.

  2. Wen wundert es angesichts solcher Meldungen und Meldungen wie dieser hier: http://www.queer.de/detail.php?article_id=16556 das homophobes Mobbing nicht nur in Schulen weit verbreitet und zunehmend ist, sondern das die Suizide von LGBT*-Jugendlichen eher zunehmen als stagnieren?

    Mich stört folgendes:

    Erstens kommen dies Äußerungen ausgerechnet von den Leuten, die über jahrzehnte zumeist Jungen sexuell missbraucht haben.

    Zweitens sind Fälle aus den niederlanden bekannt, wo Jungen sexuell missbraucht und dann zwangskastriert worden!

    Drittens gibt es keine Stistik über Suizide Jugendlicher, geschweige denn über LGBT-Jugendliche in der BRD. Das Thema wird tot geschwiegen. Wir brauchen eine öffentliche Diskussion darüber. Mobbing, egal in welcher Form und egal aus welchem Grund muss als Straftat deklariert werden, denn Worte können töten. Erst Psychisch, dann Physisch.

    (*):LGBT = Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender

  3. Das für mich wirklich faszinierende ist dieser Flyer – der trieft nicht nur vor Hass, sondern ich frage mich gerade auch, wo denn die Zielgruppe eines derartigen Machwerkes ist. Diese aneinandergereihten Schlagworte sollten ja eigentlich keinen wirklich vom Anliegen der „Ärzte“ überzeugen, da ist ja noch nicht mal eine irgendwie kohärente Argumentation vorhanden.

  4. Immer wenn ich denkt dass nichts im Universum unendlich ist komme ich drauf dass es da doch was gibt: die menschliche Arroganz und Dummheit…sie sollten sich schämen!!!!!!

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