Die Sozialpsychologie des Fußballpatriotismus

In wenigen Wochen ist es wieder so weit: Die Fußball-Europameisterschaft beginnt und mit ihr der schwarz-rot-goldene Kollektivjubel auf den Fanmeilen, in Kneipen und Bars. Seit der WM 2006 wird die Begeisterung für „Deutschland“ – als Synonym für Mannschaft und Nation – in weiten Teilen der Bevölkerung akzeptiert und für gut befunden. Wie und warum genau damit beschäftigt sich die Psychologin Dagmar Schediwy in ihrer Studie Ganz entspannt in Schwarz-Rot-Gold? Der Neue deutsche Fußballpatriotismus aus sozialpsychologischer Perspektive.

Von Nicole Selmer

Am Anfang stand das Staunen der Forscherin über die mit dem ersten WM-Sieg 2006 massenhaft ausgebrochene schwarz-rot-goldene Kostümierung und das inbrünstige Singen der Nationalhymne. Ein Phänomen, das sich keineswegs einfach mit rechtsradikalen Tendenzen gleichsetzen ließ. Dagmar Schediwy befragte die Besucherinnen und Besucher von Fanmeilen nach ihrer Motivation und ihrem Erleben des Fußballevents in Deutschlandfarben bei der WM 2006 und den Turnieren 2008 und 2010. Ihr ging es darum, die sozialpsychologischen Mechanismen aufzudecken, die den Fußballnationalismus konstituieren, und die Verschränkung mit den gesellschaftlichen Verhältnisse zu beschreiben. Aus ihren Analysen ergibt sich das Bild einer Gesellschaft in der sozialen Erosion, aus der die Sehnsucht nach Gemeinschaft erwächst – ein Versprechen, das auf den Fanmeilen zumindest für 90 Minuten eingelöst wird.

Publikative.org: Ihre Studie beschäftigt sich mit dem „Neuen deutschen Fußballpatriotismus“, der spätestens mit der WM 2006 entstanden ist. Sie haben Besucherinnen und Besucher auf Fanmeilen bei den vergangenen Turnieren befragt, warum sie mit Deutschland-Utensilien ausstaffiert dorthin gehen. Was sagen die?

Dagmar Schediwy: Die meisten suchen das Gemeinschaftserlebnis, das beim Fußballevent ein ganz intensives und spezielles ist. Die schwarz-rot-goldene Kostümierung wird dabei überwiegend mit dem Motiv „Ich will meine Zugehörigkeit zeigen“ erklärt. Manchmal ist diese Zugehörigkeit eher auf die deutschen Mannschaft bezogen, dann wieder mehr auf das Land. Oft ist beides vermischt – „Wir wollen zeigen, dass wir zur deutschen Mannschaft stehen und zu unserem Land“. Es ist den Fans schon wichtig, ihr Nationalgefühl zum Ausdruck zu bringen. Das wurde oft ganz emphatisch formuliert. Nicht selten ist von Vaterlandsliebe oder der Liebe zu Deutschland die Rede. Auch Nationalstolz wurde häufig als Motiv genannt, Spaß hingegen nur sehr selten. Den Befragten war es ein ernstes Anliegen, ihre Zugehörigkeit auszudrücken.

Sie schreiben auch vom „Bedürfnis nach Selbstverständigung“, also dem Wunsch, zu erläutern, was man tut. Wie ist das zu deuten?

Das Bedürfnis, die eigene Praxis zu erklären, trat vor allem bei der Frage nach der persönlichen Bedeutung der schwarz-rot-goldenen Kostümierung auf. Die meist jugendlichen Interviewpartner_innen hatten offensichtlich ein großes Verlangen, dieses Verhalten zu erklären. Die Aussage „Wir stehen zu unserem Land“ hat dabei mitunter fast etwas Trotziges. Das ließe sich so deuten, dass die Demonstration von Nationalgefühl für sie eben doch nicht so selbstverständlich und entspannt war, wie in den Medien beschrieben.

Gab es eine Veränderung über die Turniere von 2006 bis 2010 hinweg?

Zwei Veränderungen sind mir aufgefallen, die sich beide auf die Motive für das Zur-Schau-Stellen von Nationalgefühl beziehen. Zum einen nahm die „eventbezogene“ Begründung mit den Turnieren zu. Als Antwort auf die Frage, warum sie in Deutschlandfarben herumlaufen, sagten die Fans: „Es ist EM/WM. Da trägt man so was.“ Zum anderen wurde Nationalstolz immer mehr als natürlich und normal empfunden. So antworteten Fanmeilenbesucher_innen während der EM 2008 und der WM 2010 nicht selten „Wir leben in Deutschland. Da ist man stolz auf sein Land.“

1990 wurden nach dem WM-Sieg Reichskriegsflaggen auf den Straßen geschwenkt, die Stimmung war aggressiver, das Ganze anschlussfähiger für Neonazis. Die aktuelle deutsche Nationalelf gefällt der NPD ganz sicher nicht. Muss man sich vor Schwarz-rot-gold trotzdem fürchten?

Die Frage lässt sich nicht mit einem eindeutigen Ja oder Nein beantworten. Für meine Interviewpartner_innen war der gemeinsame Ausdruck von Nationalgefühl ein wichtiges Motiv zur Teilnahme am Fußballevent. Außerhalb solcher Ereignisse empfinden sie das aber nach wie vor als tabuisiert. Sozialpsychologisch ist der Stolz auf die eigene Gruppe jedoch immer mit der Abwertung anderer Gruppen verknüpft. In der Forschungsgruppe um Wilhelm Heitmeyer, die an der Langzeitstudie „Deutsche Zustände“ arbeitet, wurde als Ergebnis des gestiegenen Nationalstolzes rund um die WM daher auch eine Zunahme gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit ausgemacht. Daran ändert auch eine multi-ethnische Zusammensetzung der Nationalelf nichts. Die Gefühle, die der Nationalelf während des Fußballevents entgegengebracht werden, verbessern im Alltag nicht notwendigerweise das Verhältnis zu Menschen mit Migrationshintergrund. Zur Erinnerung: Wenige Monate nach der WM 2010 wurde Thilo Sarrazins „Deutschland schafft sich ab“ mit rassistischen Thesen zum Beststeller.

Neben dem subjektiven Erleben analysieren Sie auch gesellschaftliche Veränderungen. Warum und wie entstand der „Neue deutsche Fußballpatriotismus“ gerade zu diesem Zeitpunkt?

Die Einführung von Hartz IV ein Jahr vor der WM 2006 markierte einen Paradigmenwechsel in der Sozialpolitik. Wie die empirische Sozialforschung nachweist, wurde das in der Bevölkerung quer durch alle Schichten als tiefer Einschnitt empfunden. Die WM im eigenen Land bot eine Steilvorlage, um den sozialen Sprengstoff, den die Hartz-Gesetze enthielten, zu entschärfen. Nationalismus hatte schon immer die Funktion, soziale Gegensätze zu befrieden. Wir haben hier ein Zusammenspiel zwischen sozioökonomischen Verhältnissen und öffentlichen Diskursen. Die Ideologie des naturalisierten Nationalismus lieferten die Medien dazu. Das Bekenntnis zum Land wurde in den Medien mit Attributen wie „cool“, „geil“ und „unverkrampft“ verknüpft. Dass das kein notwendiger Bestandteil einer WM im eigenen Land sein muss, sieht man im Vergleich mit dem Turnier von 1974, das ja sogar gewonnen wurde. Da gab es keine vergleichbare Entwicklung.

Wie genau sieht der spezifische Zusammenhang zwischen dem Fußballpatriotismus und der „Hartz-IV-Gesellschaft“ aus?

Die Bezugnahme auf die Nation – und das gilt meiner Meinung nach nicht nur für den Fußballpatriotismus – hat in einer solchen Gesellschaft eine kompensatorische Funktion. Je bedrohter die eigene wirtschaftliche Situation erscheint, je mehr man einen Statusverlust befürchten muss, desto mehr wird die Identifikation mit dem eigenen Land zum Ventil, das von existentiellen Ängsten und Exklusionsbedrohungen entlastet. Die Nation als Basis der Selbstdefinition hat den psychologischen Vorteil, dass die Zugehörigkeit zu ihr nicht verloren geht. Während eine Stelle gekündigt werden kann und ein Vermögen schwindet, bleibt die Zugehörigkeit zur Nation für die bereits Zugehörenden bestehen. Das macht in Krisenzeiten die Attraktivität des Nationalen aus. Dieses Bedürfnis nach Zugehörigkeit und Gemeinschaft haben meine Interviewpartner_innen auf den Fanmeilen selbst thematisiert. Je größer die Prekarisierung und je stärker der Konkurrenzdruck in den neoliberalen Verhältnissen, desto größer ist die Sehnsucht nach dem schichtenübergreifenden Gemeinschaftserlebnis, das die Fanmeilen und der Fußballnationalismus versprechen.

Dagmar Schediwy
Ganz entspannt in Schwarz-Rot-Gold?
Der Neue deutsche Fußballpatriotismus aus sozialpsychologischer Perspektive
Lit-Verlag, 2012, 384 Seiten, 34.90 Euro

Siehe auch: Der Wahn der Normalität, Wer nur eine Heimat kennt, ist verdammt, blöd zu bleiben, Wahre Liebe: Nazis gegen Deutschland

19 thoughts on “Die Sozialpsychologie des Fußballpatriotismus

  1. @ Mothra

    Danke auch, dass du anhand von einem Satz von mir mich gleich zum Paradebeispiel für den lokalpatriotischen Fan / Ultras stilisierst.

    Was soll denn daran bitte eine unangenehme Eigenschaft sein zu kritisieren, dass Fußballspieler zu viel verdienen?

    Zum Vergleich: Francois Hollande verdient im Monat 13000 EUR netto und
    Angela Merkel 17000 EUR Brutto also gleich viel.
    http://www.focus.de/politik/ausland/frankreichs-regierung-kuerzt-eigenes-gehalt-hollande-verdient-68-400-euro-weniger-als-sarkozy_aid_754458.html

    Bei einem EM-Sieg erhält jeder DFB-Spieler 300 TEUR! Das ist das doppelte des Jahresgehalts von Hollande!
    http://www.general-anzeiger-bonn.de/thema/fussball-em/gruppeb/teams/Loew-spuert-Titel-Sehnsucht-300-000-Euro-Praemie-article768252.html

    Es geht hier nicht um mehr oder minderleisten, sondern es geht darum,
    dass der Sport entfremdet wird und zu einem wirtschaftlichen Faktor geraten ist. Dabei spielt übrigens auch die Medien, die diese Hysterie mit dem Party Patriotismus massiv gepusht haben eine Rolle.

    Dies zu kritisieren finde ich richtig. Den antikapitalistische Kampf auf den Fußball auszuweiten ist völlig konsequent. Leider gibt es nur wenige, die diese Motivation teilen:

    „Marx sah schon vor 150 Jahren die Widersprüche des Kapitalismus, er hat eingesehen das Geld die Welt zerstört. Und es zerstört auch den Fussball.
    Ich möchte kein konformistischer Fussballer sein“
    Ivan Ergic als Kapitän des FC Basel

    Vielmehr würde ich es begrüßen, wenn außer der hier in zahlreichen guten Artikeln erfolgten Kritik an der Berichterstattung auch auf den Grund gegangen wird: Weshalb gibt es Repression und was ist die Ursache dieser Medienhetze?

    Einen erfreulichen Ansatz gibt es hier:
    http://safetyfirst.blogsport.de/texte/strategien-der-praxis/unpolitischer-traum/

    Da würde ich mir mehr davon wünschen von Seiten linker Fußballfans oder anderer linker Organisationen.

    Zum Thema Söldner sei gesagt, dass ich keinem Spieler vorgewerfe, dass er es wagt ein besseres Leben zu haben und woanders zu spielen. Vielmehr habe ich teilweise Bedauern für Spieler die Teil eines Systems sind in dem sie gehandelt werden und von finanziellen Interessen Anderer getrieben sind. Wenn ich gut kicken könnte und mir massenhaft Geld angeboten würde, dann würde ich das auch nicht ablehnen. Aber Geld kann den Charakter verderben. Da sind auch nicht alle Spieler gleich. Was ich vielen Spielern vorwerfe und das ist ein Trend der sich abzeichnet, dass immer weniger Ihre Meinung sagen und so bei vielen Fans der Eindruck entsteht, dass diese gar keine Meinung haben.
    Bei tausenden Fußballprofis auf der Welt gibt es nur ganz wenige die fortschrittliches Gedankengut äußern oder ihre öffentliche Stellung dazu nutzen, um für soziale Projekte zu arbeiten oder auf Mißstände hinzuweißen.
    Mir fallen da drei Beispiele ein:
    Javier Zanetti: http://de.indymedia.org/2005/05/116851.shtml
    Christiano Lucarelli: http://www.zeit.de/2005/30/Lucarelli_30
    Ivan Ergic: http://jungle-world.com/artikel/2009/36/38823.html

    Was ist mit den anderen? Alle nur Mitläufer?

    Was hat die Kritik daran mit der von dir geforderten Information zum Thema Alltagsrassismus beim Fußball zu tun?

    „Um einmal einen Vergleich zu bringen: Die Publikative verhält sich in diesen Fall wie die “Mitte” die vielleicht auf Anti-Nazi-Demos geht, aber ihren Alltagrassismus noch immer fast liebevoll hegt und pflegt.“

    Das ist eine Unterstellung die ich so nicht teilen kann. Da möchte ich zum Beispiel folgenden Artikel anführen. Das nennst du liebevoll hegen und pflegen? http://www.publikative.org/2012/03/11/ultras-wer-mit-dem-feuer-spielt/

    Was willst du den lesen was dem Fanherzen weh tun soll und wie wie soll das formuliert werden und was willst du damit erreichen?
    Das würde dein Paradebeispiel für einen lokalpatriotischen Fan / Ultra schon interessieren!

    Vielleicht hast auch den anderen Teil meines Kommentars gelesen in dem es um das Verhalten von Fans im Zusammenhang mit der Geschichte geht.
    Als Ergänzung dazu noch ein aktueller Beitrag:
    http://jungle-world.com/artikel/2012/20/45479.html

  2. Gallendieter, wenn du die Naziverbrechen im zweiten Weltkrieg mit der EM2012 in irgendeiner Weise in Verbindung bringst, bist du nicht besser als all jene die unter dem Deckmantel der Euphorie ihre radikalen politischen Ansichten( wie immer bei solchen Großveranstaltungen) unters Volk bringen wollen. Außerdem sind sich auch deutsche Spieler ihrer politischen Verantwortung bewusst. http://www.spiegel.de/sport/fussball/fussball-em-philipp-lahm-kritisiert-ukrainisches-regime-a-831445.html Recht gebe ich dir, wenn du sagst das Sport zu einem wirtschaftlichen Faktor geraten ist. Sicherlich logisch, da Geld und Macht von unserer Gesellschaft als höchstes Gut auserkoren wurden. Und wie ich deinem Statement entnehme, bist auch du nicht davor gefeit. Trotzdem( oder gerade deshalb) werde ich mir den Spaß an diesem Spiel, egal ob international oder Kreissliga, von keinem Psychologen oder von Leuten mit irgendwelchen kranken politischen Ideologien verderben lassen. Achso, der DFB hat schon des öfteren falsche Entscheidungen getroffen und damit wahre Fussballfans erst recht zum Handeln ermutigt.http://www.sueddeutsche.de/sport/dynamo-dresden-verkauft-virtuelle-tickets-ausverkauftes-geisterspiel-1.1305611 Gruß Luckyloser (der Name ist Programm)

  3. wieso spricht eigentlich niemand von der sozialpsychologie des gemeinen, artentypischen moderators? es ist ein ungeschütztes kommentar im sarah-kuttner-thema versunken. wie bekommt man es von da ans tagesicht?

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