„Ein Super-GAUck“

Ruhig ist es um den neuen Bundespräsidenten Joachim Gauck geworden. Zeit, auf die Debatte um die politische Ausrichtung des „Präsidenten der Herzen“ zurückzuschauen. In dem Buch  „Ein Super-GAUck. Politische Kultur im neuen Deutschland“ wurden kritische Beiträge zu Gaucks Positionen veröffentlicht. Jochen Böhmer hat das Buch gelesen.

Am 18. März 2012 wurde Joachim Gauck mit großer Mehrheit von der Bundesversammlung zum Bundespräsidenten gewählt. Diese Wahl war an sich keine Überraschung, gab es doch eine breite Stimmung in den Parteien und in der Bevölkerung für den Pastor aus Rostock. Lediglich die Linke stellte mit Beate Klarsfeld eine Gegenkandidatin auf, die in der Partei aufgrund ihrer erklärten Solidarität mit Israel umstritten war. Über den Kandidaten der NPD muss man keine weiteren Worte verlieren.

Was bedeutet die Kandidatur bzw. die Wahl von Joachim Gauck für die politische Kultur dieses Landes? Diese Frage stell(t)en sich Wissenschaftler und Publizisten wie Clemens Heni, Wolfgang Wippermann, Anton Maegerle, Andrej Reisin, Patrick Gensing oder Efraim Zuroff. Spätestens wenn die „Junge Freiheit“, das publizistische Flaggschiff der Neuen Rechten, titelt, „Wir sind Präsident!“ sollte man hellhörig werden. Aber, und darauf wird man beim Lesen des Bandes hingewiesen, ist diese Schlagzeile keineswegs überraschend, sondern folgerichtig.

Zu Beginn erläutert Dr. Clemens Heni, wo und warum Gauck die Shoah „diminuiert“ (S. 7). Sei es durch die „obsessive“ (S. 11) Gleichsetzung der DDR mit dem NS-Regime oder durch das Klagen über den Verlust an religiösen Wertesystemen, die dann dazu führt, die Shoah zu „entweltlichen“, wie Gauck in seiner viel zitierten Rede vor der Robert-Bosch-Stiftung meinte. Daraus folgt – und das ist das Zentrum der Kritik an Gauck – dass das Einzigartige, das Präzendenzlose an der Shoah, nämlich der Wille eine gesamte Bevölkerungsgruppe vom Greis bis zum Säugling ausnahmslos zu vernichten, nicht mehr erkennbar wird. Und wenn dann Gauck – als Unterzeichner der Prager Erklärung – mit dazu auffordert, den 27. Januar als Gedenktag für die Opfer des deutschen Vernichtungswahns, zugunsten des 23. August (Unterzeichnung des Hitler-Stalin-Paktes) als Gedenktag an die Opfer des „nationalsozialistischen und kommunistischen Regimes“ abzuwerten, wird eben diese „obsessive Komparatistik“ (S. 8) überdeutlich. Das gesamte und vereinte Deutschland „kommt zu sich selbst“ (S. 7)

Über Deniz Yücels Kommentar („Ein Stinkstiefel namens Gauck“) in der „Tageszeitung“ ereiferte sich der Grünen-Fraktionschef Jürgen Trittin in der ZDF-Talkshow Maybrit Illner immerhin so stark, dass er dieser Zeitung, die den Grünen ja eher zugeneigt ist, sogar „Schweinejournalismus“ vorwarf. Im Buch finden sich sowohl der (überarbeitete) Kommentar von Yücel, als auch Analysen zu den Vorwürfen werden von den Publizisten Andrej Reisin und Patrick Gensing unter die Lupe genommen. Der Vorwurf von Yücel, Gauck würde „die Singularität der Shoah aufeben“ (S. 49) wird von Trittin lediglich mit dem Verweis auf die Satzung des Vereins „Gegen Vergessen – Für Demokratie“ gekontert, dessen Vorsitzender Gauck ist. Allerdings vertritt dieser Verein „exakt diejenige totalitarismustheoretische Ineinandersetzung von NS- und SED-Diktatur“ (ebda.) wie man bei einem Blick auf die Satzung feststellen kann. Dass sich das rot-grüne Milieu noch nicht einmal davon abschrecken ließ, dass Gauck das adjektiv „mutig“ (S. 77) für Sarrazin wählte oder „`bewusst` den Begriff `Überfremdung` benutzt, ist nach den Morden des NSU ein Zeichen – wenn auch das falsche.“ (S. 78) Man kann sich damit schmücken, den „wertkonservativsten“ (S. 50) Bundespräsident seit langem ins Amt gehievt zu haben.

Thomas Weidauer widmet sich in seinem Beitrag: „Gaucks Erkenntnisse als Neunjähriger“ der Herkunft Gaucks, der in einem Interview mit der Frankfurter Rundschau bekannt gab, bereits mit 9 Jahren zu wissen, dass der „Sozialismus ein Unrechtssystem war.“ (S. 53), aber vorher gerne mit (deutschen) Panzern spielt, die er von der „nationalsozialistischen Frauenschaft“ (S. 55) geschenkt bekam. Der Blogger Martin Wassermann beleuchtet neben den Tendenzen zur Normalisierung der deutschen Nation durch Gauck („Zwischen Antikommunismus und NS-Relativierung“, S. 59) auch den von der Linken ins Gespräch gebrachten Kandidaten Georg Schramm. Ein Kabarettist, der sich insbesondere damit hervortut, gegen „Banker“ und „Zins“ zu wettern. Damit punktet man zwar durchaus im deutschen Mainstream und auch in der deutschen Mainstream Linken, aber Kritik am synthetisierenden Kapitalverhältnis übt man damit nicht. Im Gegenteil: Man bedient das Ressentiment.

In einem weiteren Beitrag erläutert Thomas Weidauer das „Tragikomische“ (S. 75) an der Kandidatur Beate Klarsfelds für die Linke und ihr Verhältnis bzw. ihre Äußerungen zu Deutschland. Anton Maegerle untersucht die Reaktionen der Rechten in Deutschland zur Kandidatur von Gauck. Besonders die Anerkennung in diesem Lager für die Wiederentdeckung des Patriotischen und des Verhältnisses zur Nation bei Gauck fällt auf. Barbara Fritz verweist auf Gaucks Querverbindungen zu den „Extremismusforschern“ Eckhard Jesse und Uwe Backes. Diese „illustre Gesellschaft“ (so der Titel ihres Aufsatzes), die dem Nationalsozialismus schon mal einen „Modernisierungsschub“ (S. 86) attestieren, ist ein Alarmsignal.

"Wir sind Präsident!" - Ausschnitt aus dem Titelbild der jungen Freiheit (Foto: Screenshot / Junge Freiheit)
"Wir sind Präsident!" - bei der "Jungen Freiheit" weiß man, was man an Gauck hat. (Foto: Screenshot / Junge Freiheit)

Prof. Dr. Wolfgang Wippermanns Aufsatz, „Der Kommunistenjäger“ geht auf Gaucks Rolle bzw. Nicht-Rolle als Bürgerrechtler in der DDR ein. Darüber hinaus beleuchtet er kritisch die Arbeit der Gauck-Behörde, die z. B. über „zehnmal mehr Mitarbeiter als die `Zentralstelle zur Aufklärung von NS-Verbrechen` in Ludwigsburg“ (S. 91) verfügte. Auch Gaucks Aufsatz für die deutschsprachige Ausgabe des Schwarzbuches des Kommunismus von Stéphane Courtois wird von Wippermann sprachlich dechiffriert. Die Vokabeln „Aufarbeitung“, „kein Schlussstrich“ oder „therapeutischer Prozess“ bezüglich der DDR-Vergangenheit, sind „samt und sonders der Sprache entnommen, die bei der Aufarbeitung der Geschichte des Dritten Reiches verwandt“ (S. 95) wurde. Das Fazit ist eindeutig: „Die Zeit der Kommunistenjäger ist vorbei und muss vorbei sein.“ (S. 96)

Chris Hale verweist in seinem Beitrag auf die europäische Dimension von Gaucks Kandidatur und sagt, dass diese Kandidatur zum „Rechtsruck, der zur Zeit die Europäische Union verändert“ (S. 98) passt. Dovid Katz, ein führender Wissenschaftler für jiddische Sprache und Kultur, der sich bei der Aufarbeitung der Naziverbrechen in Litauen einen Namen gemacht hat, geht noch einmal auf die Prager Erklärung ein und kritisiert diese aufgrund der Gleichsetzung von Shoah und Stalinismus. „Es ist natürlich ausgemachter Unsinn, dass die, die Auschwitz befreit haben, irgendwie denen gleichen, die die Gräueltaten begingen, dass jene die einen großen Beitrag zur Niederschlagung Hitlers leisteten, diesem Hitler gleichen.“ (S. 103)

Dr. Efraim Zuroff, der Direktor des Simon-Wiesenthal Zentrum in Jerusalem, kritisiert am Beispiel des Gedenktages (also 23. August statt 27. Januar) die Wirkung der Prager Erklärung für das Gedenken an die Shoah. Eine Intention dieser Erklärung sei, so Zuroff, dass die Staaten Osteuropas dabei ihre Kollaboration mit den Nazis zu relativieren versuchen. Dabei geht es keineswegs darum, Forschung und/oder Erinnerung an Verbrechen der stalinistischen/sowjetischen Periode zu be- oder verhindern. Aber um mit Prof. Yehuda Bauer, den ehemaligen Leiter des „International Centre for Holocaust Studies“ in Yad Vashem, zu sprechen, den Zuroff am Ende zitiert: „Die größere Bedrohung für die gesamte Menschheit stellte Nazi-Deutschland dar. Und es war die Sowjetarmee, die Osteuropa befreite, den Hauptbeitrag zur Niederschlagung Nazi-Deutschlands leistete und so Europa und die Welt vom Nazi-Alptraum befreite…“ (S. 110).

Dieses Buch ist von großer Bedeutung und viele der angerissenen Themen werden die kritische Öffentlichkeit in den nächsten Jahren sicher beschäftigen. Sowohl die „Einordnung“ der Shoah und der Naziverbrechen mit der Bestrebung eines „normalen“ Deutschlands, als auch die fatale totalitarismustheoretische Gleichsetzung von Denkrichtungen, die sich im dialektischen Sinne der Aufklärung verbunden fühlen mit barbarischen, antimodernen und antiaufklärerischen Haltungen bedürfen sicher besonders großer Aufmerksamkeit.

Clemens Heni/Thomas Weidauer (Hg.): Ein Super-GAUck. Politische Kultur im neuen Deutschland, Berlin: Edition Critic, 2012, ISBN 978-3-9814548-2-6, 112 Seiten,  Softcover, 21cm x 14,8cm, 13€ (D)

2 thoughts on “„Ein Super-GAUck“

  1. „Über den Kandidaten der NPD, Frank Rennicke („Ich bin nicht modern, ich fühle deutsch.“), muss man keine weiteren Worte verlieren.“

    Muss man tatsächlich nicht, denn nicht Frank Rennicke, sondern Olaf Rose war Kandidat der NPD.

  2. Die hysterischen Reaktionen aus einer bestimmten Ecke auf die Wahl von Gauck zum Bundespräsidenten verräten in erster Linie etwas über deren Autoren und weniger über Gauck selbst. Das fängt schon an mit der Klassifizierung von totalitären Regimen und Diktaturen, die inzwischen längst zu einem charakteristischen Merkmal des linken Geschichtsrevisionismus geworden ist. Anstatt uneingeschränkt jede Herrschaftsform als solche klipp und klar anzulehnen, deren Weg jeweils mit Millionen von Leichen gepflastert waren, wird zu netten Aufhübschungen gegriffen. Kommunismus den Ideenwelt der „Aufklärung“ entsprungen – na klar, auch die Französische Revolution war das und hat in Sachen Terror schon einmal einen Vorgeschmack für die späteren Jahrhunderte beschert. die Sowjetarmee, Die Sowjetarmee, „die Osteuropa befreite“, aber hinter der ein System stand, das eine Diktatur durch eine andere ersetzte und damit sehr viele Menschen erst 1989 / 90 tatsächlich erstmals frei denken, frei wählen usw. konnten, das wird natürlich nicht gesagt. Millionen Menschen waren im kommunistischen Sowjetsystem im übrigen bereits umgekommen, bevor in Deutschland überhaupt die Nationalsozialisten an die Macht kamen. Aber vermutlich waren für die Autoren dieses Bandes all jene auch nur „Gegenaufklärer“, „Reaktionäre“ und natürlich „Antikommunisten“, die dem Fortschritt und der Aufklärung im Weg standen und deswegen einfach mal fort mußten.

    „Antimoderne und antiaufklärerische Haltungen“ bedürfen „sicher besonders großer Aufmerksamkeit.“ – Alles klar, das ist die Fortsetzung des Denkens im Sowjetsystem und den anderen kommunistischen Diktaturen in Reinkultur. Der Lerneffekt durch die vielen wissenschaftlichen Arbeiten zum Ausmaß des kommunistischen Terrors? Für die Autoren des Bandes gleich Null. Sie möchten es auch nicht wissen, sie möchten lieber an altvertrauten Formeln festhalten.

    Logisch auch, daß man aus einer solchen Sturheit der Glaube resultiert: „Die Zeit der Kommunistenjäger ist vorbei und muss vorbei sein.“ Nein, die Warner vor der Verhamrlsoung und Beschönigung linker Diktaturen – sie haben ihre Funktion und sie werden sie auch der Zukunft haben.

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