Moralische Diskussionslatte

Wenn der voreilige Jubelsturm der Fortuna-Fans, wie beim ZDF in einem Atemzug mit Menschenrechtsverletzungen in der Ukraine genannt wird, verschiebt das einmal mehr die Grenzen dessen, was  als „unfassbar“ und „skandalös“ gilt. Wo sich moralische Empörung mit intellektueller Betroffenheit vermengt, bleibt die nüchterne Betrachtung auf der Strecke.

Von Nicole Selmer

Zeit für einen ausgeruhten Blick auf die journalistische Nachbetrachtung des Relegationsabends. Am, wie es der tagesspiegel formuliert, „Tag nach dem Skandalspiel“ ist in der deutschen Sportpresse zunächst Draufhauen angesagt. Nur wenige Beiträge setzen der allgemeinen Empörung über die „Horrornacht“ etwas entgegen (Nordbayern, Sportal, tagesschau.de). ARD und ZDF legen indes mit Sondersendungen nach, zeigen „Fans außer Kontrolle“ und fragen „Wie sicher sind unsere Stadien?“. Die moralische Diskussionslatte am Tag danach hängt hoch, sie hängt dort, wo das Fernsehen sie in seiner Live-Sendung fixiert hat.

Denn das ist einer der entscheidenden Aspekt der Ereignisse von Düsseldorf – ebenso wie es einer der entscheidenden Aspekte des Pokalspiels von Dynamo Dresden in Dortmund war. Das Fernsehen gibt in seiner Berichterstattung den Ton vor, zur moralischen Betroffenheit von Reinhold Beckmann und Mehmet Scholl gesellt sich dabei die intellektuelle Betroffenheit, die sich im Räsonieren über die „Schwarmdummheit“ des Fußballmagazins 11freunde ausdrückt.

Die Bühne des frei empfangbaren Live-Fernsehens wird jedoch nicht nur von dessen Angestellten genutzt, sondern auch von den Fans. Im Fokus der medialen Aufbereitung stehen jedoch nicht die aus dem Hertha-Block geworfenen Bengalos, die wohl weder dem eigenen Support noch dem der Mannschaft dienten, und auch nicht einmal die (dem Augenschein vor dem Fernseher nach) nicht geworfenen Jubel-Leuchtfeuer der Düsseldorfer. Der Skandal ist in erster Linie der „Platzsturm“ der Fortuna-Fans. „Dummheit – live!“, wie 11Freunde-Autor Dirk Gieselmann schreibt. Die Gelegenheit zu einer nüchternen Betrachtung der Pyrovorfälle bleibt weitgehend ungenutzt. Dabei böte sich die Möglichkeit, das Verhalten der Hertha-Fans gegen das der Düsseldorfer abzuwägen und – auch wenn beides verboten ist – das eine für schwerwiegender zu halten als das andere. Und die Frage zu stellen, worum es hier eigentlich geht. Nachgeholt hat dies Christoph Ruf in einem Artikel am heutigen Tag nach den Sondersendungen. Er weist auf die zunehmende Entsolidarisierung mit der Ultraszene und die wachsende Kritik an deren Aktionen hin, beispielhaft denen der Hertha-Fans: „Wie soll man als Fußballfan auch verstehen, wenn Böller geworfen werden, nachdem die eigene Mannschaft nach einem Tor wieder Hoffnung schöpft, doch noch die Klasse zu halten – wie am Dienstag beim Berliner Ausgleichstreffer geschehen?“ Das Thema Pyro – seit Monaten Symbol für den Zwist zwischen Fans, Verbänden  und Vereinen – interessiert, wie gesagt, dieses Mal jedoch nur am Rand. Der Fokus liegt auf dem Betreten des Platzes, das wahlweise als Gipfel der Dummheit eines blindwütigen Mobs oder als zivilisatorische Grenzüberschreitung auftaucht.

Kindlich-naive Chaoten

Letzterer Zungenschlag prägt den Aufmacherartikel von Spiegel Online am Tag nach dem Spiel. Hier steht – flankiert von einem großflächigen Pyrobild – die Gefahr im Mittelpunkt. Um „ein Blutbad“ zu verhindern, seien die Hertha-Spieler trotz „Todesangst“ auf Drängen der Polizei auf den Platz zurückgekehrt, wird der Anwalt des Vereins zitiert. Die Interpretation des Verhaltens der Fortuna-Fans schwankt hier zwischen Dummheit und Randale. Von „geradezu kindlich-naivem Übermut“ ist die Rede, gleich drauf heißt es: „Die meisten dieser Chaoten wollten das Erlebnis aufsaugen, ganz nah dabei sein.“


So widersprüchlich das erscheinen mag, eins jedoch ist in dem Artikel von Daniel Theweleit klar. Der Lauf auf den Platz selbst ist kaum weniger als ein Zivilisationsbruch, egal in welchem Kontext und an welchem Ort er geschieht: Die Fortuna-Fans, so heißt es, „fieberten einem destruktiven Ritual entgegen: dem Jubelsturm auf den Rasen. Eine solche Aktion hatte schon die Dortmunder Meisterfeier vor zwei Wochen zerstört.“ Ja, „zerstört“. Anders als im Vorjahr war die Schale aus Angst vor den eigenen Fans, die womöglich nach Abpfiff den Rasen betreten könnten, nicht auf dem Platz, sondern auf der Tribüne überreicht worden. Fans liefen dennoch auf den Platz, daraufhin wurde auf eine Ehrenrunde der Spieler verzichtet. Es folgte eine Auseinandersetzung darüber, wer hier wem was zerstört hat.

Auch die Meisterfeier der Frankfurter Eintracht war „überschattet“ von gefährlich feiernden Fans, die Bengalos zündeten und das Spielfeld betraten. So sehr, dass faz.net das Bild eines Fans, der sein Kind auf den Schultern über den Rasen trug (während es mit dem Handy Bilder machte) folgendermaßen untertitelte: „Verantwortungslos: Ein „Fan“ trägt ein Kind auf seinen Schultern durch die aufgebrachte Menge“. (Der Artikel samt Bilderstrecke ist nicht mehr verfügbar).

Grenzen verschieben

Um es deutlich zu sagen: Sehr gut möglich, dass Hertha-Spieler tatsächlich Angst hatten. Sehr gut möglich auch, dass bei den Feiern in Dortmund und Frankfurt längst nicht alle Fans begeistert waren, sondern auch verärgert und/oder verängstigt. Und ja, es ist verboten, den Platz zu betreten, wie der DFB-Generalsekretär Helmut Sandrock im ARD-Brennpunkt erläuterte, als wäre damit alles geklärt. Genauso wenig erlaubt ist es, den Rasen umzugraben, mitzunehmen und bei ebay zu versteigern oder das Tor abzubauen. Es ist jedoch festzuhalten, dass die Klassifizierung von solchen Ereignissen historisch (und wir reden hier von den vergangenen 20 Jahren) einen großen Wandel durchlaufen hat. Der Jubelsturm der Lauterer Fans in Köln am Ende der Saison 1990/91 ebenso wie der der Club-Fans in der Relegation im selben Jahr zwischen Wattenscheid und Nürnberg war auch kein durch Regeln sanktioniertes Ereignis, auch hier bat der Stadionsprecher die Fans vergeblich, auf den Tribünen zu bleiben.

Der Düsseldorfer Lauf auf dem Platz, verfrüht oder nicht, stellt keine neue Qualität von Gewalt dar. Es ist jedoch eine neue Qualität von Berichterstattung, wenn Ereignisse wie diese zu „Schnittstellen“ erklärt werden, nach denen sich etwas ändern müsse. In den Tagen nach dem Relegationsabend ließ sich beobachten, wie durch einzelne Stimmen nur mühsam etwas mehr Sachlichkeit in die Debatte gebracht wurde, übrigens auch durch manchen Funktionär. Wenn der voreilige Jubelsturm der Fortuna-Fans, wie beim ZDF in einem Atemzug mit Menschenrechtsverletzungen in der Ukraine genannt wird, verschiebt das einmal mehr die Grenzen dessen, was  als „unfassbar“ und „skandalös“ gilt. Es verstellt den Blick auf die tatsächlichen Konfliktfelder und verhärtet die Fronten zwischen Fans und Vereinen, Fans und Verbänden, Verbänden und Politikern, Fans und Fans, und nicht zuletzt Fans und Medien.

Siehe auch: Hurra, wir leben noch!

9 thoughts on “Moralische Diskussionslatte

  1. Wenn ich mir die mediale Hysterie ansehe, die aktuell um das Abbrennen von Bengalos und verrückte Fans, die vor Abpfiff eines Relegationsspiels auf den Rasen rennen, zelebriert wird, dann bin ich sehr verwundert angesichts der eher spartanischen Berichterstattung über virulenten Antisemitismus und Rassismus sowie Homophobie in Fußballstadien.

  2. Was im Zusammenhang mit der Berichterstattung um das letzte der beiden Relegationsspiele jedoch insgesamt zu beobachten ist sind die gar merkwürdigen Schnitte die die Damen und Herren aus den Bildern des Spiels zaubern. Die Bengalos der Berliner werden da bunt vermischt mit laufenden Kindern und der Jubelfeier der Düsseldorfer Fans gezeigt, obwohl da ein zeitlicher Sprung drin ist ohne Ende. Hier wird (so meine Meinung) auch Politik gegen bestimmte Fangruppierungen gemacht.

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