Geithain ist nicht Bollywood

Ein pakistanischer Imbissbetreiber will Geithain verlassen – nach Drohungen von Neonazis und einem Anschlag auf sein Geschäft mit dem Namen „Bollywood“.  Die örtlichen Nazis jubeln. Das „Freie Netz Geithain“ meldete per Twitter: „Märchen mit gutem Ende? Pakistanischer „Bollywood“-Betreiber packt seine Koffer!“ Das LKA schließt derweil einen rechtsextremen Hintergrund des Anschlags nicht aus.

Von Kerstin Köditz*

Bollywood, so weiß jeder, der auch nur einen Film aus der indischen Traumfabrik gesehen hat, steht für Lebensfreude, für Musik, Tanz, große Gefühle, Buntheit. Natürlich handelt es sich um Kitsch. Aber um Kitsch, der so kitschig ist, dass es schon wieder Kult wird. Jeder, der auch nur einmal in Geithain war, weiß, dass diese Kleinstadt nichts, aber auch gar nichts mit dem asiatischen Pendant von Hollywood zu tun hat. Statt fröhlichem Lärm bedrückende Stille. Statt lebensfroher Buntheit tristes Einerlei. Bollywood will die Welt erobern, Geithain lieber unter sich bleiben und nicht wahrgenommen werden. Es ist der eher Albtraum und nicht der Traum. Wenn sich dann eine Pizzeria ausgerechnet in Geithain „Bollywood“ nennt, sorgt schon der Name für Aufmerksamkeit.

Der Name verspricht etwas Besonderes, auch wenn es dort nur Döner vom Pakistani gibt. Diese Stadt, so mag sich der Inhaber, der 30-jährige Mohamed Abid Sayal, könne ein wenig Flair der großen weiter Welt gebrauchen. „Ich werde ihn ihr bringen.“

Das untere Stadttor, die Nikolaikirche und die Stadtmauer in Geithain. (Foto: Gernot Galli)
Das untere Stadttor, die Nikolaikirche und die Stadtmauer in Geithain. (Foto: Gernot Galli)

Heute steht Mohamed Abid Sayal vor den Trümmern seiner Existenz. Der Traum ist zum andauernden Albtraum geworden. Nach dem Sprengstoffanschlag vom vergangenen Wochenende ist er am Ende. Er hat Angst, er will aufgeben. Wer wollte es ihm verdenken? Die „Initiative für ein weltoffenes Geithain“, ein Projekt von leider viel zu wenigen couragierten Bürgern, fragt erschüttert: „Was ist los in unserer sonst so schönen und bis vor einigen Jahren lebenswerten Kleinstadt? Warum werden Menschen verletzt oder gar mit dem Tode bedroht, nur weil sie anders denken, anders aussehen, woanders herkommen?“

Für Mohamed Abid Sayal fing der Ärger bereits vor der Eröffnung am 1. Januar 2012 an. In der Nacht zuvor zerstörten Unbekannte die Fensterscheibe seines Ladens. Weitere Zerstörungen und Bedrohungen folgten. Vor einer Woche dann der Höhepunkt bis zu jenem Zeitpunkt. Eine Gruppe von ca. zehn Neonazis, zum Teil vermummt und mit Messern bewaffnet, drohte: „Wenn du den Laden morgen wieder aufmachst, bist du tot.“ Herr Abid Sayal öffnete trotzdem wieder. Und erlebte den bisher schwersten Anschlag, die Explosion eines mutmaßlich vom Täter selbst gebastelten Böllers mit enormer Sprengkraft. Juristisch ausgedrückt handelt es sich um das Herbeiführen einer Sprengstoffexplosion (§ 308 Strafgesetzbuch), somit um eine Tat, für die eine Freiheitsstrafe von mindestens einem Jahr vorgesehen ist.

Nach Sprengstoffanschlag Zynismus vom LKA

Eigentlich ist es eine Selbstverständlichkeit, dass die Polizei nach einer Straftat in alle Richtungen ermittelt. Dafür bedarf es keiner Verlautbarung des Landeskriminalamtes. Erst recht keine, in der nicht mehr steht, als dass ein „rechtsradikaler Hintergrund“ nach aktuellem Stand nicht bestätigt werden könne. Für den Betreiber müssen solche Äußerungen, zusammen mit der polizeilichen Vermutung, es könne sich auch um einen Anschlag aus Konkurrenzneid handeln, wie blanker Zynismus klingen. Wurde nicht auch bei den Morden des NSU zunächst fast ausschließlich nach möglichen Urhebern im kriminellen Milieu, bei einer Art Mafia, gesucht? Wird das sächsische LKA zur Aufklärung jetzt nach bayerischem Vorbild in Geithain selbst einen Döner-Imbiss eröffnen?

Geithain will offenbar keinen Hauch von Bollywood durch die Stadttore lassen.
Geithain will offenbar keinen Hauch von Bollywood durch die Stadttore lassen.

Wohlgemerkt: ich will gar nicht ausschließen, dass es einen anderen als einen politischen Hintergrund geben könnte. Es ist zumindest beruhigend, dass mit der Soko Rex nunmehr Fachleute mit den Ermittlungen betraut sind. Aber ein LKA-Chef, der auch nur annähernd mit dem Ernst der Lage vertraut ist, hätte den Tatort nicht nur seinen Beamten überlassen, sondern wäre selbst am Wochenende in Geithain aufgetaucht um zu zeigen, dass der Anschlag die angebrachte Aufmerksamkeit erfährt. Er hätte vor Ort darauf hingewiesen, dass sich sein Amt nunmehr verstärkt der überfälligen Bekämpfung der Neonazi-Szene des Ortes widmen werde. Er hätte den Inhaber ermutigt, weiter in der Stadt zu bleiben und ihm Schutz zugesichert.

Vor allem aber hätte ein verantwortungsbewusster LKA-Chef darauf hingewiesen, dass sich das akute Problem mit Neonazis in Kleinstädten wie Geithain, Colditz, Burgstädt oder Limbach-Oberfrohna auch wegen der Ausdünnung der Polizeipräsenz in der Fläche derart zuspitzen konnte. Er hätte bei dieser Gelegenheit gefordert, dass die Kürzungsvorhaben im Bereich der Polizei umgehend zurückgenommen werden. Er hätte davor gewarnt, dass sich die Lage weiter verschlechtern wird, wenn die Pläne des Innenministers umgesetzt werden. Das wäre eine richtige und notwendige Reaktion, egal wo die Täter in diesem Fall zu verorten sind.

LKA-Präsident Dr. Jörg Michaelis weiß dies alles selbstverständlich. Er handelt nur nicht entsprechend. Für die Betroffenen einer verfehlten Politik der Inneren Sicherheit, wie den Geithainer Imbissbetreiber, ist es dabei unerheblich, ob dies aus seiner Parteidisziplin für die CDU, deren Landesschiedsgericht er vorsteht, oder wegen seiner Karriereplanung erfolgt. Er mag sich zu Höherem als zum LKA-Präsidenten berufen fühlen. Dass er dazu nicht befähigt ist, hat er am Wochenende demonstriert.

Die örtlichen Nazis jubeln unterdessen. Am Montag meldete das „Freie Netz Geithain“ per Twitter: „Märchen mit gutem Ende? Pakistanischer „Bollywood“-Betreiber packt seine Koffer: ‚Niemand kann mir Sicherheit garantieren. Ich gebe auf.‘“ Ein gutes Ende? Ein gutes Ende wäre es, wenn dieser Anschlag endlich zum Anlass genommen, konsequent und nachhaltig gegen die Nazi-Szene in Geithain vorzugehen.

*Kerstin Köditz ist Abgeordnete der Linkspartei im Sächsischen Landtag.

Siehe auch: Sachsen: Der ganz normale WahnsinnKein Konzert mehr ohne Nazis?

6 thoughts on “Geithain ist nicht Bollywood

  1. Stadt evakuieren rückbauen. Das ist die einzige Lösung, ohne Besatzungstruppen sind die Deutschen einfach nicht kontrollierbar.

  2. „Jeder, der auch nur einmal in Geithain war, weiß, dass diese Kleinstadt nichts, aber auch gar nichts mit dem asiatischen Pendant von Hollywood zu tun hat. Statt fröhlichem Lärm bedrückende Stille. Statt lebensfroher Buntheit tristes Einerlei. Bollywood will die Welt erobern, Geithain lieber unter sich bleiben und nicht wahrgenommen werden. Es ist der eher Albtraum und nicht der Traum.“

    Obwohl Frau Köditz als sächsische Landtagsabgeordnete gewählt wurde, zeigt sie hier offenkundig, daß sie von Sachsen, seiner Landschaft und seinen Bewohnern eigentlich gar nichts hält. Ein „Albtraum“ also – das sollten ihre (potentiellen) Wähler schon wissen.

    Irgendwie fühlt man sich da unweigerlich an einen guten Text von „Freiwild“ erinnert:

    „Hört endlich auf, Eure Heimat zu hassen.
    Wenn sie Euch nicht gefällt, könnt ihr sie doch verlassen.“

  3. @2 (t.k.):

    ich weiß zwar nicht, ob sie das verstehen werden, aber dennoch:

    mit etwas nicht einverstanden zu sein, hat mit hass zunächst gar nichts zu tun.

    hass ist ein gefühl. kritik ist ein gedanklicher, ein kommunikationsvorgang. frau köditz polemik vorzuwerfen, wäre besser möglich, und ich unterstelle sogar, dass sie dem kaum widersprechen wollte. warum auch, schließt kritik eine gewisse schärfe der auseinandersetzung doch nicht aus.

    wussten sie eigentlich, dass der von ihnen zitierte text dieser südtiroler heimatband im zusammenhang der auseinandersetzung von dableibern und optanten eine bedeutung hat, die mit döner und migration im 21. jahrhundert aber auch gar nichts zu tun hat? wir sind auch im gegensatz zu den südtirolern irgendwie kein kleines volk. oder kennen sie den rest des liedtextes am ende gar nicht und haben das zitat nur aus einer vorlage kopiert?

    .~.

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