21 Monate Sarrazin – und kein Ende in Sicht

Seit der Veröffentlichung von Thilo Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab“ vor knapp zwei Jahren ist die große Welle der Empörung mittlerweile abgeebbt. Sein Name aber ist noch jedem bekannt: für die einen ist er messianischer Tabubrecher, für die anderen Symbolfigur eines Salon-Rassismus aus der Mitte der Gesellschaft.

Von Kai Budler und Alexander Hacker

Seit der ersten Auflage seines Buches hielt Sarrazin zahlreiche Lesungen in ganz Deutschland; manche fanden statt, andere wurden aufgrund von Protesten abgesagt. Am Mittwoch las Sarrazin in Erfurt aus „Deutschland schafft sich ab“ und es zeigte sich, dass er auch nach fast zwei Jahren immer noch ein Garant für ein ausverkauftes Haus zu sein scheint. Während vor der Alten Oper in Erfurt rund 200 Menschen aus einem breiten Bündnis verschiedener Organisationen demonstrierten, hatten sich fast 900 Gäste für den Besuch der Lesung in dem alt ehrwürdigen Gebäude schick gemacht.

Noch vor dem Eintreffen der ersten Gäste an der Alten Oper hatten Gegendemonstranten an dem von der Polizei abgeriegelten Eingang einen „Braunen Teppich für Rassisten“ ausgelegt, um den Besuchern der Veranstaltung unmissverständlich ihren Protest darzulegen. Etwa zwei Stunden vor Beginn der Veranstaltung begann sich sowohl der Platz der Gegenproteste wie auch der Eingangsbereich der Oper zu füllen. Vor der Oper; High Heels, Jacketts und mit Parfüm geschwängerte Luft. Neben der Oper; Plakate „Rassisten kein Podium geben“ und im Chor skandierte Rufe: „Eure Kinder werden so wie wir“. Dazwischen hatte sich die Polizei mit einem beachtlichen Aufgebot postiert, was dafür sorgen sollte, dass es keine Zusammenstöße gab. Bis auf kleine Rangeleien zwischen der Polizei und den Demonstranten blieben die Proteste dann auch friedlich.

Als Thilo Sarrazin gegen 20 Uhr die Bühne der Alten Oper betrat, wurde er mit frenetischem Applaus empfangen. „Wir lieben dich“ rief ein Besucher aus dem Publikum. Nach einigen Worten über die Demonstranten begann der ehemalige Finanzsenator die Lesung mit großen Teilen aus der aktualisierten Einleitung. Kern der Lesung waren nicht die Inhalte und Statistiken des Buches, vielmehr war es eine geschickte Inszenierung des Tabubrechers, des Rebellen Sarrazin und seines Kampfes für die Wahrheit und gegen Politik und Presse.

Thilo Sarrazin am 3. Juli 2009 (own Work by Nina)
Thilo Sarrazin am 3. Juli 2009 (own Work by Nina)

Über eine Stunde referierte der ehemalige Finanzsenator über die Geschehnisse seit der Veröffentlichung des Buches im August 2010 und geriert sich als Opfer einer fast schon geheimverschwörerischen „Political Correctness“. Und der Opferstatus, dies gibt er dann auch freimütig zu, habe sich äußerst positiv auf die Verkaufszahlen ausgewirkt. Geordnet arbeitet er sich an den einzelnen Gruppen ab, die sein Buch und ihn kritisiert hatten. Den Anfang machen die Politiker: Merkel, Gabriel und Wulff. Mit der Bemerkung, wenn der Wind ein wenig stärker wehe, zeigten sich die instabilen Säulen der Demokratie, erntete er Applaus und als er den ersten Teil seiner Lesung mit den Worten beendete, er habe von den Politikern auch nichts anderes erwartet, hat er das ohnehin wohlgesonnene Publikum gänzlich auf seiner Seite. Als zweites knöpft sich Sarrazin die Presse vor. Entlang prominenter Beispiele wie Heribert Prantl, versucht Sarrazin zu zeigen, dass auch die deutsche Medienlandschaft sein Buch zwar zerrissen aber wohl kaum gelesen habe.

Schlussendlich habe man ihn zwar angegriffen, zum Rücktritt von seinem Bundesbankposten bewegt und fast aus der SPD ausgeschlossen, aber die Fakten seines Buches habe niemand widerlegt. So sei die Kritik vielmehr dadurch bedingt, dass die Faktizität seines Buches nicht mit dem Weltbild seiner Gegner übereinstimme, führt Sarrazin zusammenfassend aus: „Rede- und Meinungsfreiheit sind bei uns eben sehr begrenzt.“ Da ist er wieder, der Tabubrecher, der gegen alle Widerstände die Wahrheit verbreitet und eben nichts als die Wahrheit.

Während der Lesung löst sich Sarrazin gelegentlich vom Buch und geht auf das Publikum und aktuelle Geschehnisse ein. Besonders die Ausschreitungen der Salafisten gegen den „unsympathischen Haufen von Pro NRW“ müssen für einen Vergleich zu Thüringen herhalten. Zynisch kommentiert Sarrazin die Berichterstattung der Tagesschau: Es gäbe ja nur zwei bis dreitausend Salafisten, eine Szene also, die „nur ein wenig größer sei als die rechtsradikale Terrorszene in Thüringen“.

Ohnehin scheint das Publikum nach fast zwei Jahren Sarrazin kaum zur Lesung gekommen zu sein, um Neues zu erfahren. Vielmehr findet man bei der Lesung wohl die Geister, die man mitgebracht hat. Man möchte die Wahrheiten eben noch einmal aus dem Munde Sarrazins direkt hören. So verwundert es nicht, dass wieder frenetischer Applaus einsetzt als Sarrazin eine Umfrage zitiert, in der jeder dritte türkische Migrant in Deutschland angegeben hätte, ohne staatliche Unterstützung auswandern zu wollen.

Siehe auch: Gute Mitte, böse NazisGrass – der Sarrazin für Israelkritiker?

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