Sparfüchse und lupenreine Demokraten

Die EU, von Max Goldt einst als „Germany plus“ tituliert, ist zum Club der Sparfüchse mutiert. Debatten über gemeinsame politische Ziele spielen keine Rolle mehr, Europa hat das „pa“ aus seinem Namen gestrichen – und kennt nur noch ein Thema: Sparen. Doch damit könnte jetzt endlich Schluss sein – was Berlin erzürnt.

Von Patrick Gensing

Reihenweise werden die konservativen Führungen für ihre unsoziale und destruktive Sparpolitik (Austerität) abgewählt – nur Deutschland hält weiter Kurs. Es steht wegen seiner Exportausrichtung und Niedriglöhne deutlich besser dar, als alle anderen Euro-Geschäftspartner. Der angebliche Zahlmeister hat in Wirklichkeit über Jahre abkassiert wie kein anderer.

Klare Positionen zur Ukraine, Schweigen zu Russland - und dem Griechen mal zeigen, was sparen bedeutet: Kanzlerin Merkel mit Russlands Premier und jetzt wieder Präsident Putin und EU-Kommissionspräsident Barroso. (Quelle: Bundeskanzlerin.de)
Klare Positionen zur Ukraine, Schweigen zu Russland - und dem Griechen mal zeigen, was sparen bedeutet: Kanzlerin Merkel mit Russlands Premier und jetzt wieder Präsident Putin und EU-Kommissionspräsident Barroso. (Quelle: Bundeskanzlerin.de)

Nun droht die deutsche Vorherrschaft in Sachen „Euro-Rettung“ in Gefahr zu geraten. In Frankreich übernehmen die Sozialisten das Ruder, was „Die Welt“ bereits dazu veranlasste, den deutschen Sozialdemokraten – ausgerechnet am 8. Mai – für die Unterstützung von Hollande „Vaterlandsverrat“ vorzuwerfen: „Mit ihrem Widerstand gegen den Fiskalpakt verraten die Sozialdemokraten die Interessen der hiesigen Bürger.“

Erst ist etwas alternativlos, und wer dennoch nicht mitmacht, wird zum Verräter. Merke: Unterschiedliche Positionen sind in Sachen Euro nicht erwünscht, demokratische Mitbestimmung wird zur Folklore für Naivlinge, die den Ernst der Lage nicht erkannt hätten – oder schlicht den Dienst am Vaterland verweigern. Wenn Frankreich nun nicht mehr nur sparen, sondern auch noch Wirtschaftswachstum fördern will, drohe Europa das finanzielle Chaos, so die hysterischen Reaktionen. Doch das ist in Europa längst da.

Peitsche für den Griechen

Noch etwas grobschlächtiger als mit den Franzosen gehen viele Politiker und Kommentatoren mit den Wählern in Griechenland um, die sich erdreistet hatten, nicht so abzustimmen, wie Brüssel und Berlin es wollten. Niemand leiht den Griechen mehr Geld, wenn sie nicht den Sparprogrammen aus Brüssel zustimmten, heißt es mahnend.

Doch vielen Griechen, beispielsweise den Arbeitslosen und verarmten Rentnern, leiht sowieso keiner mehr auch nur einen Cent. Viel mehr erleben sie Europa von seiner dunkelsten Seite: Souveränität und demokratischer Wille spielen nur noch eine untergeordnete Rolle. Wer sich dagegen wehrt, gilt als Unverantwortlich. Erst werden den griechischen Bürgern drastische Kürzungen zugemutet, jetzt sollen sie auch noch das Schicksal des Euro schultern.

Es wurde daher höchste Zeit, dass die Wähler dem Sparwahnsinn in Europa ein Ende bereiten. Dieser hat bereits zahlreiche Wirtschaften geradezu ruiniert, die Ökonomie überstrahlt alles. Politik, Kultur, Pflege, Sport – alles nur noch, wenn es sich rechnet.

Gefangen in der gemeinsamen Währung

Während Island nach dem Crash seine Währung entwertete und so wieder handlungsfähig werden konnte, sind die Euro-Staaten in ihrer gemeinsamen Währung gefangen. Deutschland lebt mit diesem Konstrukt äußerst komfortabel, doch ohne Frankreich wird auch Berlin nicht weiter sein Spardiktat durchdrücken können. Das Konzept „Prosperity through pain“ droht endlich zu scheitern, wirtschaftlich war es schon länger Unsinn.

Unruhe macht sich breit, weil Berlin nun Gegenwind spürt, die Erpressungsversuche gegen Griechenland belegen die Nervosität. Westerwelle, Schäuble und andere Politiker erhöhen den Druck auf Athen, auch viele deutsche Journalisten erfüllen ihre vaterländische Pflicht, sie fordern, wie beispielsweise das „Offenburger Tageblatt“, die Griechen „zur Vernunft zu bringen – und zwar mit Zuckerbrot und Peitsche“. Und während man an der Ukraine das Gewissen in Sachen Menschenrechte beruhigt, schweigt Europa in Deutschland zu den Vorgängen in Russland, weil die wirtschaftliche Zusammenarbeit schlicht zu wichtig ist. So sprechen und handeln Sparfüchse und lupenreine Demokraten.

Siehe auch: Wer Armut sät, wird Gewalt ernten, Wenn Leistung sich nicht lohnt, “Das ist eine Frage der Selbstbehauptung der Demokratie!“, Faule Griechen, diebische Polen, illegale Flüchtlinge

3 thoughts on “Sparfüchse und lupenreine Demokraten

  1. Island hat seine Währung nicht abgewertet, sie wurde abgewertet. Island hat sich vor allem geweigert, niederländische und britische Sparer zu entschädigen, die mit oder in isländische Banken investiert hatten. Hier ging es um knapp 3,8 Mrd. Euro. Vor allem aber hat Island nicht gespart, sondern versucht die Wirtschaft wieder in Gang zu bringen. Meiner Meinung nach hat das mit der Währung nicht viel zu tun.

    Griechenland kann auch mit dem Euro wieder aus der Krise kommen, leider hat die EU schon im Maastricht-Vertrag hier einen Konstruktionsfehler begangen, in dem sie gesagt haben, jeder ist für seine Schulden verantwortlich. Jetzt begehen sie den Fehler Länder wie Griechenland, Italien, Spanien oder Portugal in der Krise zum sparen zu zwingen. Die Krise wird dadurch noch mehr verschärft, weil durch jeden gesparten Euro ein Euro weniger in die Wirtschaft fließt.

    Und Deutschland wird dies auch noch zu spüren bekommen, wenn irgendwann die Wirtschaft nicht mehr läuft und dem Staat die Hände gebunden sind, weil sich ein paar völlig merkbefreite Politiker_innen die Schuldenbremse ausgedacht haben, die die Schulden nicht bremst aber die Möglichkeiten des Staates erheblich einschränkt.

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