Wer Armut sät, wird Gewalt ernten

„Plan B“, einer der derzeit erfolgreichsten englischen Rapper und Soul-Musiker, thematisiert in „Ill Manors“ soziale Isolation als Hintergrund der Londoner Riots vom vergangenen Sommer. Der Guardian feiert den Titeltrack bereits als „großartigsten britischen Protest-Song seit Jahren“.

Von Andrej Reisin

„We’ve had it with you politicians
you bloody rich kids never listen
There’s no such thing as broken Britain
we’re just bloody broke in Britain

What needs fixing is the system
not shop windows down in Brixton
Riots on the television
you can’t put us all in prison!

Oi! I said Oi!
What you looking at you little rich boy?“

So heißt es in „Ill Manors“, dem neuen Song und Musikvideo von „Plan B“, einem der derzeit erfolgreichsten englischen Rapper und Soul-Musiker, der mit seinem zweiten Studioalbum „The Defamation of Strickland Banks“ 2010 die britischen Charts anführte. Zu seinem neuen Konzeptalbum „Ill Manors“ hat das Multitalent, der bislang auch als Schauspieler tätig war, nun gleich einen ersten Spielfilm produziert. Thema: Soziale Isolation als Hintergrund der Londoner Riots vom vergangenen Sommer. Der Guardian feiert den Titeltrack bereits als „großartigsten britischen Protest-Song seit Jahren„. Trotz der in Video und Musik transportierten Wut geht es „Plan B“ nicht darum, die Gewalt der Riots zu glorifizieren, ganz im Gegenteil. In einem BBC-Interview erläutert er seine Motive:

Straßenszene während der Riots in London 2011 (Video-Screenshot)
So stellt sich die mediale Öffentlichkeit „Chavs“ vor: Straßenszene während der Riots in London 2011 (Video-Screenshot)

„Für mich macht es keinen Unterschied, ob man über Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe oder ihres Geschlechts abwertend spricht oder in Bezug auf ihre soziale Herkunft. Der Begriff „Chav“ unterscheidet sich inhaltlich überhaupt nicht von anderen abwertenden Wörtern dieser Art, der einzige Unterschied ist, dass dieser Begriff einfach so in jeder Zeitung benutzt wird. Die Leute sollten sich darüber klar  werden, was es bedeutet, wenn sie sich über jemanden lustig machen, der weniger gebildet ist oder ärmer ist oder weniger Glück hatte: Wenn man jemanden dafür angreift, wie er redet, wie er sich anzieht, welche Musik er hört oder wie ungebildet er ist – und es völlig akzeptiert ist, all das in der Öffentlichkeit einfach so zu tun, dann fühlt sich derjenige massiv ausgegrenzt. Diese Leute fühlen sich nicht mehr als Teil der Gesellschaft. Jedes Mal, wenn jemand „Chav“ sagt, gibt es da draußen jemanden, der bereit ist, dieses Stereotyp zu erfüllen, der sich sagt: ‚Ich werde eh nie ändern, wie ihr über mich denkt, also werde ich jetzt einfach euer Bild erfüllen und Öl ins Feuer gießen.'“

Kriminelle Kinder, die vor ihren Eltern gerettet werden müssen?

Weise Worte eines jungen Musikers, der die Mechanismen von sozialer Ausgrenzung besser verstanden zu haben scheint als die meisten Politiker oder Journalisten, egal ob in England oder in Deutschland, wo das Geschwätz über die „Unterschicht“ der HARTZ-IV-Empfänger, deren „Kinder vor ihnen Eltern gerettet“ werden müssten, auch ganze Zeitungsseiten füllt. Nutzlos zu erwähnen, dass es in dem zitierten Artikel von Dorothea Siems (der nur ein Beispiel unter vielen ist), von öffentlich verbreiteten Vorurteilen und Stereotypen nur so wimmelt und noch nicht mal der Versuch unternommen wird, irgendwelche empirisch belegbaren Argumente vorzutragen.

Gleiches gilt für die immer wiederkehrenden Endlosschleifen der „Randale“-Berichte hierzulande, egal ob zum 1. Mai, zu Fußballgewalt oder Jugendgangs. Außer dem stumpfen Verurteilen der Gewalt und der Diffamierung aller Beteiligten (außer der Polizei natürlich) als „hirnlose Kriminelle“ haben Politik und Presse in aller Regel nichts Analytisches beizutragen. Und wer es wagt, die Ereignisse kritischer zu hinterfragen, muss sich in aller Regel anhören, er verharmlose oder unterstütze den Gewaltexzess. Ein Vorwurf, der auch diesen Blog in schöner Regelmäßigkeit ereilt. Auch dazu äußert sich „Plan B“:

„Ich will in keiner Weise gutheißen, was während der Riots passiert ist. Es hat mich zutiefst abgestoßen und mich ganz krank gemacht. Aber mehr als alles andere hat es mich mit tiefer Traurigkeit erfüllt, denn durch all die Gewalt und all das Plündern haben diese Kids ihr eigenes Leben zehn Mal schwerer gemacht. Sie haben exakt das bestätigt, was bestimmte Teile der englischen Mittelschicht eh über sie denken. Die Frage, die ich stelle, lautet: Warum gibt es so viele Kids da draußen, denen es offenbar scheißegal ist, vorbestraft zu sein oder in den Knast zu gehen? Warum ist das so – und was werden wir dagegen unternehmen?“

Siehe auch: Weder gedankenlos noch unpolitischHalbzeitbilanz: Schwarz-Gelb spaltet die Gesellschaft

2 thoughts on “Wer Armut sät, wird Gewalt ernten

  1. Sehr ehrenwert von Plan B, sich künstlerisch mit dieser Thematik auseinander zu setzen.

    Allerdings nehme ich dem Künstler immer noch den Umstand übel, dass er sich als Schauspieler wie Sänger des Titelsongs in ein politisch fragwürdiges Machwerk wie „Harry Brown“ (mit Sir Michael Caine) verstricken ließ.
    Gerade besagter Film zeichnet mit beispiellosem Zynismus ein Zerrbild von Jugendgewalt und sozialer Verwahrlosung, an deren Ende degenerierte Slumkids reihenweise vom rechtschaffenen Kriegsveteranen abgeschlachtet werden und man das Gefühl nicht los wird, der Film wolle dem Zuschauer dies schmackhaft machen.
    Bei Interesse unbedingt einmal anschauen – mAn ein politisch grausig missratener Film. Trotz Caine und Plan B.

    Jedoch soll dies das gute Bild nicht trüben, dass Plan B mit dieser jüngeren Aktion abgibt.

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