Ganz Sankt Pauli fragt die Polizei

Die Hamburger Polizei hat bekommen, was sie angeblich verhindern wollte: Eine Straßenschlacht, jede Menge Aufmerksamkeit in ihrem Sinne durch eine willfährige Lokalpresse und zahlreiche „Argumente“, künftig noch härter durchzugreifen. Wir fragen uns dagegen: Was sollte dieser Polizeieinsatz?

Von Redaktion Publikative.org

Eine Anmerkung in eigener Sache vorab: Publikative.org ist personell maßgeblich in Hamburg verortet und es ist kein Geheimnis, dass wir dem FC St. Pauli näher stehen als anderen Vereinen. Am Sonntag waren drei Autor/Innen selbst vor Ort und haben zahlreiche weitere Augenzeug/Innen um ihre Einschätzung gebeten. Wir waren sowohl am Rande der Rostocker Demonstration als auch vor und im Stadion, aber natürlich nicht immer an allen Orten zu jeder Zeit. Auch unsere Wahrnehmung ist subjektiv und unterliegt Fehleinschätzungen. Bitte schickt uns weitere Bilder und Videos sowie Gedächtnisprotokolle an publikative(at)web.de oder anonym hier.

MoPo Sankt Pauli Chaoten greifen Jolly Roger an (Screenshot)
Glanzstück der Berichterstattung: „St Pauli-Chaoten“ greifen laut „MoPo“ die eigene Kneipe mit Steinen an.

Aber wenigstens schreiben wir nicht Polizeiberichte ab und tarnen dies als Journalismus wie die „Kollegen“ Frenzel und Gaertner von der „Hamburger Morgenpost“ (MoPo). In Koproduktion mit der Hamburger Polizei haben Frenzel/Gaertner zweifellos das Glanzstück des Jahres abgeliefert: Jetzt greifen die „St. Pauli“-Chaoten schon ihre eigene Kneipe an. Später hätten sie dann die Polizei angegriffen, heißt es.

(Hier der später in der Überschrift korrigierte MoPo-Artikel, der durch einige kosmetische Änderungen „eigenes“ Erleben suggerieren soll und hier das Original, der Bericht der Pressestelle der Hamburger Polizei. „We report – you decide“ oder so ähnlich.)

Das Geschehen des Tages lässt sich ansonsten relativ schnell zusammenfassen: Circa 2.000 (nach Polizeiangaben: 1.700) Fans von Hansa Rostock demonstrierten friedlich in Hamburg-Altona gegen die Verbotsverfügung der Hamburger Polizei, die ihnen die Möglichkeit der Unterstützung ihrer Mannschaft am Millerntor genommen hatte.

Nach unserer Einschätzung circa 1.200 (Polizei: 800) St. Pauli-Fans verfolgten das Spiel ihrer Mannschaft aus Protest ebenso friedlich vor statt im Stadion. Gegen Ende des Spiels blieb die Situation rund um das Stadion dann nicht ganz so friedlich, aber die Polizei konnte mit gefühlt 10.000 Beamten (Polizei: 1512 Polizisten der Landespolizeien aus Hamburg, Niedersachsen und Schleswig-Holstein, sowie 650 Bundespolizisten) gerade noch das Schlimmste verhindern, ansonsten wären St. Pauli und die angrenzenden Stadtteile im Chaos versunken (siehe MoPo).

Unserer Wahrnehmung nach hat sich die Hamburger Polizei durch ihre Verbotsverfügung in eine rein polizeilich wesentlich schwerer zu beherrschende Lage manövriert als dies in einem Szenario mit organisiert anreisenden Auswärtsfans – die man vom Bahnhof zum Stadion und zurück hätte bringen müssen – der Fall gewesen wäre. Stattdessen musste man eine Demo und ein Fußballspiel sichern und dabei sowohl die verfeindeten Fanlager voneinander trennen, als auch im und rund um das Stadion für die Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung sorgen. Zu letzterem Zweck nahm man ein ganzes Viertel per „Gefahrengebiet“ in Geiselhaft und schaffte es trotz allem nicht, einzelne Ausschreitungen zu verhindern, deren Schwere man je nach eigenem Erleben und Erfahrungen unterschiedlich bewerten mag.

Die taz-Nord beschrieb das Geschehen angenehm unaufgeregt: „Ein(e) Gruppe organisierter junger Autonomer greift eine Gruppe Polizisten aus der Paulinenstraße heraus so schlagartig an, dass diese die Flucht ergreifen. Wenig später fahren Wasserwerfer auf und rücken Festnahme-Einheiten an. Es kommt zum Wasserwerfer-Einsatz und wieder fliegen Steine und Flaschen. Die Randale schwappt auch auf die umliegenden Straßen St. Paulis über. Nach kurzer Zeit und einsetzendem Regen beruhigt sich aber dann die Lage wieder.“

Screenshot Bild.de: Hier wird behauptet, die verletzte Frau habe randaliert und gehöre zu den "verdammten Pauli-Chaoten".
Screenshot Bild.de: Hier wird behauptet, die verletzte Frau habe randaliert und gehöre zu den "verdammten Pauli-Chaoten".

Auf dem folgenden Video ist dokumentiert, wie die Polizei gegen friedliche Leute und Journalisten  mit Wasserwerfern gezielt vorgeht. Von einem massiven Angriff, kann zumindest in den dargestellten Sequenzen keine Rede sein, im Gegenteil, es ist überhaupt keine Gewalt seitens der Fans vor dem Jolly Roger und der  Passanten zu erkennen. Dafür gehen die Beamten mit Härte gegen eine Frau vor, die sich zwar augenscheinlich der Anweisung widersetzt, die Straße zu räumen, sich ansonsten aber vollkommen friedlich verhält und bis zu ihrer ebenfalls unter Einsatz massiver körperlicher Gewalt durch zwei gepanzerte und behelmte Polizisten keinerlei Angriff auf die Beamten erkennen lässt.

Prellungen und ein gebrochenes Handgelenk

Publikative.org hat mit der Betroffenen gesprochen, E. berichtet, sie sei von drei Polizisten fixiert und mit Kabelbindern an den Händen gefesselt worden. Dann musste sie in einem Polizeifahrzeug warten, schätzungsweise eine Stunde. Mehrmals bat sie um ärztliche Hilfe, da sie bei dem Vorgehen der Polizei diverse Verletzungen erlitt, vor allem Prellungen. Danach wurde sie auf eine Wache gebracht – dort sollte sie sich entkleiden, was sie ablehnte. Die Polizei führte demnach erkennungsdienstliche Maßnahmen durch – und erst danach erhielt sie ärztliche Hilfe im Krankenhaus. Dort traf sie einen Hansa-Fan, der sich das Handgelenk gebrochen hatte – angeblich ebenfalls durch Polizeieinwirkung. Medien benutzen derweil groß Bilder von der Festnahme von E. und texten dazu, „St. Pauli-Chaoten“ hätten die Polizei angegriffen.

Die einfachste aller Fragen

Man muss daher wirklich kein linksradikaler Polizeihasser sein, um die einfachste aller Fragen des bürgerlich-liberalen Journalismus zu stellen. Da dieser in der Freien und Hansestadt derzeit aber nicht zu existieren scheint, übernehmen wir notgedrungen diese Aufgabe: Gemessen an den Kosten, der Verhältnismäßigkeit der Mittel und des zweifelhaften Erfolges: Was sollte dieser Polizeieinsatz? Es sei denn, er diente bestimmten Führungskräften dazu, ihr politisches Süppchen zu kochen, wie wir bereits gestern mutmaßten.

Dann aber muss man die Hamburger SPD fragen, warum sie dieses Spielchen mitmacht, obwohl ihr Erster Bürgermeister Olaf Scholz und dessen Innensenator Michael Neumann mit einer absoluten Mehrheit regieren? Nämlicher Innensenator erklärte nach einem ebenfalls überzogenen Polizeieinsatz bei einem Hallenturnier auf einer Versammlung von St. Pauli-Fans, er wolle an seinen „Taten gemessen“ werden. Wir nehmen ihn beim Wort und fragen die Hamburger SPD und ihren Innensenator nach diesen „Taten“. Und wir fordern jede/n auf, dies bei der nächsten SPD-Ortsversammlung in seinem oder ihrem Stadtteil ebenfalls zu tun: Fragen wir die Regierung – stellvertretend für den Teil der Exekutive, der sich scheinbar keiner Diskussion zu stellen braucht, da er mit seinen „Polizeiberichten“ bereits alles für gesagt hält.

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Siehe auch:
St. Pauli vs. HRO: Police and Thieves,Die Büchse der PandoraQuo vadis DFB?Fußball, Schwachsinn, DFBUltras: Wer mit dem Feuer spieltHeiopei der Woche: Hartlap und die Ultra-Geiselnehmer“Fußballchaoten” setzen Untersuchungskommission einDahin, wo es weh tut!Gewaltorgie beim Hallenturnier: Des Rätsels LösungÜberbieten und Strafen

37 thoughts on “Ganz Sankt Pauli fragt die Polizei

  1. Heh, jetzt mal im Ernst:
    Ihr könnt nicht tagelang über die Ausschreitungen beim Schweinske-Cup berichten,
    schlimme Lügen verbreiten …und nun da der Fall abgeschlossen ist (auch St.Pauli hat die Strafe akzeptiert) mit keinem Wort mehr darauf eingehen.

    Eigentlich könnte man das als Schmuddel-Journalismus bezeichnen, aber da ihr damit ja auch noch politisch agitiert, ist das wohl eine Untertreibung.

    PS: Mit Lügen meine ich unter anderen diesen Absatz
    Zitat“ Nein, rätselhaft ist am Geschehen in der Alsterdorfer Sporthalle gar nichts: Eine sorgfältig formierte und in ihrem Sinne äußerst motivierte Hool-Gang hat sich vorgenommen, St. Pauli bei „deren“ Turnier mal zu zeigen, was eine Harke ist – mit beachtlichem Erfolg“

    1. @Frank:
      Jetzt mal im Ernst: Da können Sie sich aber sicher sein, dass wir dazu noch was zu gegebener Zeit noch was zu sagen haben. Wie Sie auf die Idee kommen, der Fall sei „abgeschlossen“, weil der FC St. Pauli sich aus taktischen Gründen der DFB-Gerichtsbarkeit unterwirft, ist uns vollkommen schleierhaft.

      Und als was Sie das bezeichnen, ist uns ehrlich gesagt herzlich egal. Einstweilen ein Link zum Thema mit weiteren „Lügen“:
      http://fcspaddicted.wordpress.com/2012/04/28/spatfolgen-des-schweinskecup/

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