Die schwedische Torte des Grauens

In Schweden gibt es einen handfesten Rassismus-Skandal, in den die Ministerin für Kulturfragen, Lena Adelsohn Liljeroth, involviert ist. Auslöser: Eine Menschen-Torte nach Blackface-Manier, die eine wimmernde Frau darstellt.

Von Nadia Shehadeh, zuerst erschienen bei www.philibuster.de

Wir haben also: Eine Ministerin für Kulturfragen. Dazu eine unsägliche Installation, die den Torso einer Frau, die beschnitten wird, darstellt – ein Tortenkörper auf einem Tisch, durch eine Tischluke steckt der Künstler seinen Kopf, und immer, wenn jemand den Kuchen anschneidet, beginnt er zu wimmern. Man kann gar nicht so viel Kuchen essen wie man kotzen möchte.

Lena Adelsohn Liljeroth ist die betreffende Ministerin, Makode Aj Linde der Künstler, der mit seiner Aktion auf Genitalbeschneidung aufmerksam machen möchte. Die Installation ist das Machwerk des Grauens: Ein Körper in Autoreifenschwarz, der Künstlerkopf von Aj Linde in den grellsten Farben angemalt – ein Alptraum-Blackfacing, wie es nur im Buche steht.

© Video Screenshot via Pontus Raud – YouTube

Topfschlagen im Rassismus-Minenfeld
Es ist Topfschlagen im Rassismus-Minenfeld, die Bilder sind so abartig, dass man vielleicht im ersten Fall noch von einer Provokation ausgeht: Ist das Gebahren der Gäste vielleicht auch Teil der Performance? Wollen sie zeigen, wie wunderbar unsouverän bisweilen mit dem Thema Genitalbeschneidung und/oder Rassismus umgegangen wird – auch vonseiten der Politiker? Oder, anders: War es vielleicht der Plan des Künstlers, die Anwesenden hochgehen zu lassen, um damit dem Publikum vor Augen zu führen, wie unreflektiert zum Beispiel die höchste Kulturbeauftragte des Landes ist?

Hehre Hoffnungen, doch keine wird zutreffen. Man hat einen Künstler, der einzig provozieren will, und dafür auch Opferhäme in Kauf nimmt. Auf seiner Facebook-Page bringen Freunde und Anhänger ihre Unterstützung zum Ausdruck: Sie hätten begriffen, wie toll die Aktion ist, sie wüssten, dass es um eine gute Aktion geht, und so weiter. Dabei ist die ganze Aktion einfach nur abartig, der rassistische Duktus und die frauenfeindlichen Elemente der Installation kaum auszuhalten.

Gruselige Performance
Der Künstler wird zum Zulieferer des Schlechten, die Konsumenten zeigen sich von ihrer besten – nämlich, der unreflektierten – Seite. Dass niemand äußert, wie befremdlich die ganze Situation der Performance ist, macht sie dabei noch gruseliger. Liljeroth hampelt zwar ein bisschen unbeholfen herum, und ihr Lächeln ist durchaus auch in Anstrichen ein verunsichertes, als sie mit dem Messer in dem „Kuchen“ rumstochert, und dennoch: Hier zeigt sich die Macht des ganzen Kollektivs, das gemeinsam Reproduktionen von Rassismus und Gewalt gegen Frauen huldigt. Und das Schlimmste: Das alles in einem Zusammenhang, in dem eigentlich auf genau diese Missstände aufmerksam gemacht werden sollte. Die Ministerin verweist bei Kritik inzwischen auf den Künstler. Der wiederum bezieht sich auf seine Künstlerfreiheit. Bei so „kompetenten“ Künstlern und Kulturministern in Europa braucht es eigentlich auch fast keine rechtsgesinnten Hinterwäldler mehr.

Siehe auch: Alltagsrassismus: Alles nur Theater?, “Braune Karte” für Kampnagel und “Performance III”

12 thoughts on “Die schwedische Torte des Grauens

  1. Die ganze Geschichte ist wohl doch etwas komplizierter. Da Makode Aj Linde schon lange mit Blackface als ästhetisch-kritisches Mittel einsetzt, unterstelle ich mal, dass er hier eher Rassismus blosstellen will und genau den Eindruck eines rassistischen Spektakels hervorrufen wollte. Ganz sicher bin ich mir da auch nicht, letztlich kann es auch einfach billige Provokation sein. Der Kuchen jedenfalls war ja nicht eine anatomisch korrekte Abbildung einer Schwarzen Frau, sondern eher ein Verweis auf das rassistische Bild von „afrikanischer Kunst“, das im Westen dominiert – evtl. auch auf Sarah Baartman.

    Eine solche Interpretation würde dann das ganze Spektakel als Performance sehen (dafür spricht auch, dass die Ministerin explizit dazu gebracht wurde, den „Kuchen“ anzuschneiden und Linde dann damit zu füttern), die entlarven sollte, wie in der Diskussion um FGM alte und neue rassistische Stereotype über „Afrika“ verschmelzen und der westliche FGM-Diskurs afrikanische Frauen selbst objektiviert. Der FGM-Diskurs im Westen ist für mich ein Fall von „White (wo-)men saving black women from black men“ (frei nach Gayatri Spivak). Afrikanische Feministinnen sind nämlich keineswegs begeistert über die Art, wie FGM zum zentralen Thema westlicher feministischer und Hilfsorganisationen geworden ist, und beklagen u.a. die Objektivierung Schwarzer Frauen im Diskurs und die Dominanz des Themas als „afrikanisches“ (obwohl nur in wenigen Regionen praktiziert), das andere wichtige (und verbreitetere) Probleme auf dem Kontinent in den Hintergrund treten lässt.

    Eine differenziertere Diskussion der Aktion von Linde gibts hier:
    http://africasacountry.com/2012/04/18/swedish-cake/

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