Antifeministisch und reaktionär

Die Literaturwissenschaftlerin Barbara Vinken hat das Buch „Danke, emanzipiert sind wir selber!“ von Familienministerin Kristina Schröder heftig kritisiert. Das Buch sei antifeministisch und ein Plädoyer dafür, dass man das Familienministerium eigentlich abschaffen könnte. Auch andere Kommentatorinnen bezeichnen das Buch als reaktionär.

Bundesfamilienministerin Kristina Schröder
Bundesfamilienministerin Kristina Schröder

Im DeutschlandradioKultur sagte Vinken, das ganze Buch sei Antifeminismus und ein Plädoyer dafür, das Familienministerium abzuschaffen. Wenn man Frau Schröder glaube, sei Familienpolitik überflüssig, weil das Problem der Gleichberechtigung durch den Markt geregelt werde. Die Denke sei, so Vinken, dass der Markt die jungen Frauen brauche – und die bekämen sowieso alle Jobs – und der Rest solle privat geregelt werden. Wenn eine gesellschaftliche Situation dermaßen analysiert werde, dann sei das Familienministerium schlicht und einfach überflüssig.

Vinken wirft Schröder eine groteske Missrepräsentation von Politik vor. Die Frauen hätten oft keine Wahlfreiheit zwischen Job und Familie, da es in Deutschland im Gegensatz zu Ländern wie Dänemark oder auch Frankreich keine ausreichende Kinderbetreuungsstruktur gebe. „Das hat die vorherige Ministerin Ursula von der Leyen ja auch super erkannt und damit wirklich zu einer absoluten Wende in der deutschen Familienpolitik geführt, die jetzt leider Frau Schröder wieder reaktionär zurückdreht“, so Vinken. Selbst wenn man Politik ganz minimal definiere, müsse erst einmal eine solche Wahlfreiheit geschaffen werden, forderte Vinken. Das habe mit „Vorschriften gar nichts zu tun. Sie können doch in einer freien Gesellschaft, in der wir mehr oder weniger leben, natürlich entscheiden, dass Sie sich eher für den Heirats- als für den Arbeitsmarkt entscheiden.“ Er sei „doch noch nie irgendjemandem passiert, dass man gesagt hat, du darfst jetzt aber nicht zu Hause bleiben, du musst deine Kinder mit einem Jahr in die Krippe geben. Das gibt’s doch gar nicht! Deswegen ist das doch ein völlig falscher, an den Haaren herbeigezogener Konflikt.“

„Familie eitel Freude und Eierkuchen“

Zudem ignoriere Schröder die Tatsache, dass die Institution Familie oder der Heiratsmarkt gar nicht mehr als Sicherheit funktioniere. „Wir haben eine Scheidungsrate, die geht irgendwie gegen 40 Prozent oder liegt irgendwie in Großstädten über 40 Prozent, das heißt, everybody would say, it’s a very high-risk business, right.“ Die Familie sei keine Versorgungsinstanz mehr, betont Vinken. Dem stellt sich Schröder gar nicht: „Sie tut so, als wenn in der Familie eitel Freude und Eierkuchen herrscht, nur Liebe und Vertrauen.“

Lesetipp: Ein neuer Stern am schwarzen Himmel

Vinken zufolge trifft das Buch „einen ganz breiten populistischen Konsens. Wir haben den größten Verdienstunterschied von allen Ländern in der EU und da kann man jetzt doch nicht als Politikerin sagen, na, die Frauen wollen nicht und irgendwie, die haben eben andere Prioritäten.“ Dies sei „ein ganz schwaches Argument“. Man könne doch nicht einfach sagen: „Okay, lassen wir das alles im Privaten!“ Dies sei eine kleinbürgerliche Vorstellung, die in Deutschland sehr stark sei, aber „die uns auch in diese Situation reingebracht hat, in der wir sind“.

„Die Flucht ins Individuelle, Traditionelle“

Die Welt schreibt über Schröders Buch, an sich sei „so ein Buch für eine Ministerin im Amt eine gute Idee, die Gefahr läuft, dass alles, was von ihr bleiben wird, das Kind im Amt ist. Dass sie sich fundiert in die Geschlechterdebatte einmischen will, ist zu begrüßen. Zumal sie bislang für Frauen, Männer und Gleichberechtigung nicht sehr viel mehr erreicht hat, als ein starres Nein zur Quote und die Einrichtung eines Männerreferats. Doch gleich im ersten Satz scheint dieses unentschiedene „Ja, aber“ durch, das sich wie ein roter Faden durch den Text zieht. „Dieses Buch ist ein politisches Buch, aber kein Buch über Politik“, schreibt Schröder.“ Die Welt urteilt: „Statt zu versuchen, die deutsche Präsenzkultur zu beeinflussen oder zu hinterfragen, wie sinnvoll die permanente Verfügbarkeit ist, flüchtet sich die Autorin ins Individuelle, Traditionelle. Grundlegendes solle lieber nichts verändert werden, statt dessen muss jede Frau eben in jeder Situation wieder neu auf das Verständnis von Kollegen und Vorgesetzten hoffen. Das soll Emanzipation sein?“

Auch die taz verortet Schröders Buch im reaktionären Bereich. Heide Oestreich schreibt:

Allein in den Publikationen der letzten Jahre ringen Autorinnen wie Lisa Ortgies („Heimspiel. Plädoyer für die emanzipierte Familie“), Susanne Gaschke („Die Emanzipationsfalle“), Regine Zylka („Das große Jein. Zwanzig Frauen reden über die Kinderfrage“), Anke Dürr und Claudia Voigt („Die Unmöglichen. Mütter, die Karriere machen“), Iris Radisch („Die Schule der Frauen“) und auch die vielzitierten Alphamädchen („Wir Alphamädchen“), sie alle ringen darum, wie das Leben mit Beruf und Kindern gelingen kann. Das ermüdende postfeministische Feminismusbashing aus den 90er Jahren, dem Schröder offenbar noch anhängt, haben sie längst hinter sich gelassen.

Schröder konstruiere etwas, „das wir schon aus ihrer Zeit als Innenpolitikerin kannten: die Hufeisentheorie, die zwei Haltungen als gleichwertig darstellt, die es nicht sind. Erst waren es Rechts- und Linksextremismus, die gleich gefährlich seien. Dann waren nicht nur Deutsche rassistisch, sondern auch Ausländer deutschenfeindlich. Jetzt sind die Rollenbilder der Strukturkonservativen und „der Feministinnen“ gleich „fanatisch“. Jedes Mal werden unterschiedliche Phänomene gleichgesetzt.“

Die Ministerin schreibe damit an der Realtiät vorbei, denn die Menschen erwarteten Initiativen von der Politik. „Nun wissen sie, was sie bekommen: Ihre Probleme werden nicht als politische anerkannt. Und deshalb lässt Schröder die Strukturen, wie sie sind, anstatt etwa Teilzeitoffensiven für Männer zu starten. Das wäre moderner Feminismus. Aber Schröder hat ihr Bild vom Feminismus nie erweitert. Und so geriert sie sich ganz allein als kritische Postfeministin. Die letzte ihrer Art.“

Extremismus-Theorie bei der Kinderbetreuung

In der Koaliton steht sie damit zumindest nicht alleine dar, wie der Kampf der CSU für die Herdprämie zeigt. Auch hier folgt Schröder ihrer ganz eigenen Logik: Wenn Kita-Plätze gefördert werden, müssen auch Eltern, die Kinder zu Hause betreuen, Geld bekommen. Eine Extremismus-Theorie für die Kinderbetreuung sozusagen. Das ergibt zwar kaum Sinn, aber das hat Schröder bei ihren Programmen gegen Links, die es geben müsse, weil es auch Programme gegen Rechts gibt, auch schon nicht gestört.

Siehe auch: Kristina Schröders Kuschelworkshop für Neonazis, Der Verantwortung nicht gewachsen, Schröders “Bespitzelungsklausel” Thema im Bundestag, “Deutschenfeindlichkeit”: Schröders “rechter Aktionismus”, “Programme gegen Extremismus”: Fakten bitte!