Germany’s most wanted football fans

Die Polizei Braunschweig fahndet per Pressemitteilung und veröffentlichten Fahndungsbildern nach … nein, nicht Terroristen, Vergewaltigern, Mördern, Räubern oder Einbrechern, sondern Fußballfans.

Von Nicole Selmer

Die Braunschweiger Polizei veröffentlichte am Mittwoch in einer Presseaussendung die Bilder zweier junger Männer, die „nach umfangreichen Ermittlungen durch Beschluss des Amtsgerichts Braunschweig zur Veröffentlichung freigegeben“ wurden. Gesucht werden sie im Zusammenhang mit einem Fußballspiel, nämlich dem Zweitligaspiel von Fortuna Düsseldorf bei Eintracht Braunschweig am 3. Oktober 2011. Bei dieser Partie hatten Düsseldorfer Fans bengalische Feuer im Gästeblock abgebrannt. Nun sucht die Braunschweiger Polizei, wie sicher auch andere Dienststellen, häufiger mit Fahndungsfotos nach Tätern oder vielmehr vermutlichen Tätern, allerdings dann wohl nur online und nicht per Pressemitteilung.

So eine Pressemeldung jedoch stößt natürlich auf viel mehr Aufmerksamkeit und wird fleißig abgeschrieben und weiter verbreitet, zum Beispiel bei den Boulevardmedien. Der Express etwa bastelte daraus gleich die Überschrift „Polizei jagt diese Pyro-Chaoten“ und präsentierte die Bilder in seiner Onlineausgabe natürlich ebenfalls. Ganz unten ist zu lesen: „Inzwischen hat sich einer der mutmaßlichen Täter gestellt“. Sein Foto ist entfernt worden, nach dem „vermummten Pyro-Chaoten wird noch gefahndet“ – die vornehmste Aufgabe der Medien neben dem Abtippen von Polizeiberichten.

Logo Polizeiinspektion Braunschweig

Harmloses Inferno
Das Ereignis selbst bei dem Spiel war dem Express vor mittlerweile einem halben Jahr auf jeden Fall eine Bilderstrecke und die Information „Inferno in Braunschweig: Vor dem Topspiel brannten die Fortuna-Fans im Gästeblock jede Menge Pyrotechnik ab“ wert. Unter den sensationsheischenden Schlagzeilen verraten die Bilder und auch der Bericht jedoch bereits, dass es sich wohl um eine relativ diszipliniert ablaufende und geplante Aktion gehandelt hat, die zudem im Zusammenhang mit den Gesprächen zwischen DFB und Ligaverband auf der einen und der Initiative zur Legalisierung von Pyrotechnik andererseits stand. Der Artikel zitiert zudem einen Fortuna-Verantwortlichen mit den Worten „In Braunschweig war die Aktion mit Spielbeginn beendet. Außerdem wurden die Fackeln nicht in den Innenraum geworfen, sondern heruntergelassen“. Von Verletzten und Geschädigten keine Rede, auch im Zusammenhang  mit der vom DFB später ausgesprochenen Strafe von 8.000 Euro in Verbindung mit Pyrotechnikeinsätzen bei einem weiteren Auswärtsspiel ist davon nichts zu lesen. Es ist also von einem recht harmlosen „Inferno“ auszugehen.

Der Express-Bericht aus dieser Woche allerdings klingt ganz anders. Jetzt schreibt das Boulevardblatt von Ermittlungen wegen „schwerer Gefährdung durch Freisetzen von Giften“ und gibt die mutmaßlichen Täter mit der Wiedergabe der Bilder zur Onlinestrafverfolgung frei. Der Supporters Clubs Düsseldorf hat in seiner Stellungnahme das Vorgehen der Braunschweiger Polizei und die Berichterstattung des Boulevardblattes scharf kritisiert, ebenso der Fanklub Metzhausen Hypers 2001.

Neue Fahndungsqualität
Pyrotechnik ist verboten, das bestreiten auch die Düsseldorfer Fans nicht. Auf die Unterscheidung zwischen kontrolliertem und geplantem Abbrennen (wie vermutlich in Braunschweig) und dem unkontrolliertem und deutlich gefährlicherem Werfen von Bengalos etwa weist auch die Pyrotechnikkampagne  in ihren Statements hin, allerdings meist vergeblich.

Leuchtfackel Eintracht Braunschweig - Fortuna Düsseldorf, Foto: SCD

Das Mittel eines öffentlichen Fahndungsaufrufs samt Fotos scheint dem hier zu verfolgenden Vergehen jedoch kaum angemessen zu sein. Eine Verhältnismäßigkeit zwischen den Handlungen der „möglichen Tatverdächtigen“, der Stichhaltigkeit der Ermittlungsergebnisse und den Konsequenzen, die der unter fleißiger Mithilfe der Medien verbreitete Fahndungsaufruf, haben kann, ist nur schwer zu erkennen. Der Supporters Club und Hypers2001 machen  auf diese möglichen Folgen einer solchen öffentlichen Fahndung aufmerksam: „Was dies beruflich und familiär oder im Bekanntenkreis zur Folge haben kann, können wir an dieser Stelle nur erahnen“. Auch der Verein Fortuna Düsseldorf hat kritisch Stellung bezogen und festgestellt: „Diese Qualität des Fahndungsaufrufes zur Ermittlung möglicher Täter im Rahmen von Fußballveranstaltungen ist uns bisher gänzlich unbekannt. Insbesondere vor dem Hintergrund, dass anscheinende Ermittlungsergebnisse der Polizei Braunschweig bis zum heutigen Tag nicht an den Verein Fortuna Düsseldorf herangetragen wurden.“ Das wäre möglicherweise eine erfolgversprechende Strategie zur Identifizierung der Zündler gewesen, aber natürlich weniger öffentlichkeitswirksam und dramatisch.

Dass die Unschuldsvermutung – auch bei deutlich gefährlicheren Taten als dem „Inferno“ von Braunschweig – durchaus Sinn machen kann und der Polizei bei ihren Ermittlungen im Umfeld von Fußballfans auch … na, sagen wir Fehler unterlaufen können, zeigt im Übrigen ein aktueller Freispruch aus Österreich.

2 thoughts on “Germany’s most wanted football fans

  1. „Was dies beruflich und familiär oder im Bekanntenkreis zur Folge haben kann, können wir an dieser Stelle nur erahnen“.

    Wir können ebenso nur erahnen, wie das Abbrennen von Pyrotechnik auf Menschen im unmittelbaren Umfeld einwirken kann. Vielleicht sollte Der Autor einmal Kontakt mit der Frau aus Bochum aufnehmen, deren Haut 2010 zu 80% aufgrund einer Bengalofackel verbrannte.

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