Hartz-IV-„Drückeberger“ immer raffinierter?!

Die BILD-Zeitung schlagzeilt heute, noch nie sei von „Hartz-IV-Beziehern“ so viel geschummelt und getrickst worden. Eine echte „Sauerei“ sie dies, haut die „BILD“ auf die Tonne. Der Paritätische Wohlfahrtsverband betont hingegen: Der Missbrauch sinke, die BILD betreibe unverantwortliche Stimmungsmache.

Von Jesper Olsen

Erschreckend sei die Bilanz der Bundesagentur für Arbeit über „Tricksereien“ der „Drückeberger“ – und dann listet die BILD auf, es seien noch nie so viele Sanktionen verhängt worden. Eine Sprecherin der BA erklärte die Zunahme gegenüber tagesschau.de mit der positiven Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt im vergangenen Jahr. In Zeiten einer guten Konjunktur könnten die Arbeitsagenturen den Leistungsempfängern mehr Angebote unterbreiten, deren Nicht-Wahrnehmung oder Ablehnung Sanktionen nach sich ziehen. Zugleich steige bei größerer Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt erfahrungsgemäß die Zahl der Hartz-IV-Empfänger, die Angebote der Arbeitsagenturen zurückwiesen.

Unser Kommentar zur aktuellen Debattenlage in Deutschland.
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Als unverantwortliche Stimmungsmache kritisierte der Paritätische Wohlfahrtsverband die Berichterstattung der BILD. Faktisch seien Missbrauch und Arbeitsverweigerung sogar deutlich zurückgegangen, so der Verband. „Hier wird ohne jede empirische Grundlage auf unverantwortliche Art und Weise gegen Millionen Menschen gehetzt und ein Bild der schmarotzenden Massen geschürt, das mit der Realität nichts zu tun hat“, kritisiert Ulrich Schneider, Hauptgeschäftsführer des Paritätischen. Tatsächlich habe es nur einen ganz leichten Anstieg der Sanktionsquote in Hartz IV von 3,1 auf 3,4 Prozent gegeben, der jedoch nichts mit Missbrauch oder Trickserei zu tun habe, sondern überwiegend auf Meldeversäumnisse zurückzuführen sei, wie die Statistiken der Bundesagentur für Arbeit belegen. „Hier geht es nicht um mutwilligen Missbrauch, sondern ganz alltägliche Versäumnisse wie beispielsweise das Vergessen eines Termins“, so Schneider.  Der Anteil der Arbeitsverweigerung ist nach Berechnungen des Paritätischen seit 2007 sogar um 30 Prozent gesunken und hat damit ein Rekordtief erreicht. Lediglich rund 0,5 Prozent aller erwerbsfähigen Leistungsbezieher wurden auf Grund von Arbeitsverweigerung sanktioniert.

Die neue Formel des Abbaus von sozialstaatlichem Anrecht auf Unterstützung laute: Gnade durch Wohlhabende und Selbstverantwortung der sozial Schwachen. Hinzu komme die Reklamierung eigener ungerechter Behandlung durch Wohlhabendere trotz der Umverteilung von unten nach oben. Dies sei “die Entblößung bisheriger ohnehin labiler Moralität. Der semantische Klassenkampf von oben wird ungeniert offenbart.” (Quelle: Rohe Bürgerlichkeit, siehe unten)

 Ganz abgesehen davon, dass es ohnehin erniedrigend ist, vom Staat mit Sanktionen belegt zu werden, die oft von der Willkür der Sachbearbeiter abhängen, wird nun einmal mehr gegen vermeintliche Drückeberger gehetzt. Zudem stellt die BILD nicht die Frage, ob nicht vielleicht auch „endlich“ härter durchgegriffen wird, wie man in diesen Kreisen auch gerne zu fordern pflegt.

Das entsicherte Bürgertum pflegt seine Feindbilder, Sarrazin lässt grüßen: Gegen die Masse wird gepöbelt, aber gleichzeitig spielt man sich als Anwalt des Volks auf – denn merke: Masse ist böse, Volk ist gut.

Anlässlich des 60-jährigen Bestehens der BILD-”Zeitung” will der Springer-Verlag am 23. Juni an jeden der 41 Mio. deutschen Haushalte eine BILD verschicken. Die Initiative „Alle gegen BILD“ meint: Wer so austeilt, muss auch einstecken können! Man kann der BILD-Redaktion im Vorfeld eine schriftliche Absage erteilen, so dass sie kein Exemplar zuschicken darf! Ein Online-Formular hilft dabei.

Siehe auch: Rohe Bürgerlichkeit und Klassenkampf von oben

8 thoughts on “Hartz-IV-„Drückeberger“ immer raffinierter?!

  1. Ich habe in DE auch HARZ4 bezogen. Jahrelang habe ich mit der Beraterin über meinen OnlineShop gesprochen und das ich damit natürlich auch Umsatz mache. Normal hätte die mich an eine Kollegin „weiter geben“ müssen, die für HARZ4 mit Nebeneinkünften zuständig war. Aber nichts da….bis irgendwann irgendjemand gesehen hat, DER HAT JA EINEN ONLIN-SHOP… Innerhalb kurzer Zeit musste ich mein Einkommen darüber nachweisen.
    Geendet hat das darin, dass ich den Staat mit Bezug von HARZ4 betrogen habe, weil ich im Monat Geld verdient habe, was ich nicht angemeldet habe.
    Schon dumm, wenn die Berater ihre Arbeit nicht richtig machen und der Bezieher anschließend der Dumme ist.
    Ich denke ein Großteil der Betrüger unter die Rubrik falsche Beratung und Betreuung fallen.

  2. @ Antonius:

    die Sachbearbeiter beim Jobcenter sind an Inkompetenz, Selbstgerechtigkjeit und Faulheit auch nicht durch den ahnungslosesten, durchtriebensten oder auch faulsten „Kunden“ zu übertreffen. Ich selbst habe mal 6 Monate lang ALG II bezogen. Das ganze ging schon damit los, dass anfangs im Neukundenbereich meine Sachbearbeiterin nach dem ersten Gespräch für 3 Wochen in den Urlaub ging, was zur Folge hatte, dass mein ANtrag in diesen 3 Wochen auch nicht weiter bearbeitet wurde. Man stelle sich das mal in irgendeinem anderen Job vor. Jemand geht in den Urlaub, und niemand springt stellvertretend für ihn ein, weil sich keiner verantwortlich fühlt. Und genau diese Leute sind es, die einem dann später aus ihrer Sicht zumutbarer Tätigkeiten aufbürden und Sanktionen aussprechen, wenn man sie nicht annimmt. In diesen 3 Wochen hatte ich übrigens keinen Cent in der Tasche, Mahnungsbescheide stapelten sich und Rückforderungsgebühren der Bank für gescheiterte Einzüge liessen mich immer weiter jenseits der Dispogrenze absinken. Meine zwischenzeitliche Bitte um schnellstmögliche Bearbeitung wurde mit den Worten abgetan, 3 Wochen ohne Geld seien nicht lang. Genau die 3 Wochen also, in denen meine Sachbearbeterin im Urlaub war und sich niemand um ihre Auzfträge kümmerte. Lebensmittelmarken wurden mir übrigens erst nach expliziter Nachfrage angeboten.
    Und das war erst der Anfang, als mein Antrag noch gar nicht durch, noch nicht einmal geprüft war.

    Über die darauf folgenden Monate als Empfänger von ALG II äussere ich mich abkürzend wie folgt: Sollte ich irgendwann noch einmal in die Bredouille kommen, arbeitslos zu werden, verhungere ich lieber als mich nochmals diesen Demütigungen auszusetzen.

  3. Weiß jemand was für Springer teurer ist. Mir ne bild zu schenken oder mir keine zuzustellen.

  4. Chewie…

    „Sollte ich irgendwann noch einmal in die Bredouille kommen, arbeitslos zu werden, verhungere ich lieber als mich nochmals diesen Demütigungen auszusetzen.“

    Damit haben Sie den Zweck des Systems erkannt. Da Ihre Klagen auch von zahlreichen anderen Menschen geteilt werden, liegt der Verdacht einer Methode nahe.
    „ACHTUNG: Mit Betreten unseres Amtes erklären Sie sich einverstanden, auf Ihre Menschenwürde zu verzichten und Ihre Existenz auf Erden als ein zu lösendes Problem anzuerkennen.“

    Ich durfte einmal den bürokratischen Aufwand mit allen Formularen und Nachweisen für ALG II in Augenschein nehmen. Meiner Meinung nach ist das System darauf ausgelegt, bei den Bedürftigen Fehler, Nachlässigkeit, Überforderung oder Verzweiflung zu provozieren, um Sanktionsmöglichkeiten zu erhalten. Nicht jeder ist Rechts- und Verwaltungswissenschaftler und nimmt die Formulare mit links, zumal viele Bedürftige minderqualifiziert sind und umso mehr Schwierigkeiten mit komplexen formalen Prozessen haben dürften.
    Vielen Angestellten der Arbeitsämter wünsche ich, dass sie sich einmal auf der anderen Seite des Schreibtisches wiederfinden werden.

  5. Apropos:
    Ich rufe im Gegenteil alle Haushalte dazu auf, die zugesandte Bild dankbar anzunehmen, sie entsprechend ihrer sinnvollsten Verwendbarkeit zu nutzen und sie anschließend Springer wieder vor die Tür zu werfen.
    Schließlich bekommt man nicht alle Tage bunt bedrucktes Klopapier kostenlos.

  6. Ich sende diese asoziale und menschenverachtende Blödzeitung unfrankiert wieder zurück .

    „Zurück zum Absender, annahme verweigert!“

    😉

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