Grass – eine Zwischenbilanz

Seit Mittwoch dominiert die Debatte über das Gedicht „Was gesagt werden muss“ von Günter Grass die Medien und Kommentarspalten in Deutschland. Dabei wird einiges durcheinandergeworfen – ein Versuch, die Diskussionsstränge zu ordnen.

Von Patrick Gensing

Günter Grass (Foto: Christoph Müller-Girod /CC BY-ND 2.0)
Günter Grass (Foto: Christoph Müller-Girod /CC BY-ND 2.0)

Das Gedicht von Günter Grass wird im Wesentlichen auf drei Ebenen diskutiert: formal, militärisch und (geschichts-)politisch. Die erste Ebene soll hier keine große Rolle spielen, zwar erscheint unklar, warum ein paar zerstückelte Sätze ein Gedicht sein sollen, aber das kann unter Freiheit der Kunst verbucht werden – und wenn Grass einmal ein Gedicht schreiben will, dann soll er das tun, auch wenn es eigentlich ein Leserbrief ist, wie es Thomas Hinrichs treffend formulierte.

Selbst die Stimmen, die Grass verteidigen, räumen ein: Es handelt sich künstlerisch gesehen um kein wertvolles Werk. Die schwache Verpackung wird von Kritikern vielmehr als weiterer Beleg dafür gewertet, dass der Nobelpreisträger offenbar in Rage das Gesagte niedergeschrieben hat.

“Flächenbrand”

Militärisch bzw. strategisch sind sich Grass-Kritiker einig, dass der Autor Banalitäten, Unwahrheiten oder alte Erkenntnisse ausgesprochen bzw. wiederholt hat: Ja, ein Krieg im Nahen Osten wäre eine Katastrophe, weil ein “Flächenbrand” droht – wahrhaftig eine banale Erkenntnis. Nein, Israel will nicht den Iran “auslöschen” – und baut nicht aus purem Vergnügen eine Drohkulisse auf. Die Grass-Kritiker betonen in diesem Zusammenhang, dass gerade die Atomwaffen, über die Israel verfügen soll (was im Übrigen nicht bewiesen sei), eben genau diesen “Flächenbrand” verhinderten, da die Abschreckung funktioniere.

Wahlplakat der Hamas in Ramallah. Auf dem Plakat heißt es: Palsetine From Sea to Rever (sic!). Gemeint ist, dass Israel von der Landkarte verschwinden muss, damit ein islamischer Gottesstaat zwischen Mittelmeer (Sea) und Jordan-Fluss (River) entstehen kann. (Quelle: Ervaude)
Wahlplakat der Hamas in Ramallah. Auf dem Plakat heißt es: Palsetine From Sea to Rever (sic!). Gemeint ist, dass Israel von der Landkarte verschwinden muss, damit ein islamischer Gottesstaat zwischen Mittelmeer (Sea) und Jordan-Fluss (River) entstehen kann. (Quelle: Ervaude)

Die Friedensfreunde setzen hingegen auf die Strategie: Alle werfen ihre Waffen weg, dann wird alles gut – und wer mit einem Präventivschlag droht, der muss der Bösewicht sein. So eine Perspektive lässt sich von Schwerin, Kassel oder Freiburg aus gesehen bequem formulieren, immerhin ist es nicht Deutschland, das regelmäßig von anderen Staatschefs als “tödliches Krebsgeschwür” bezeichnet wird, das herausgeschnitten werden müsse. Wenn es nicht um die Sicherheit der eigenen Kinder geht, die von Fanatikern bedroht wird, lässt sich entspannt über die Lage fachsimpeln. Wobei es auch in Israel viele Stimmen gibt, die den Kurs der Regierung Netanjahu scharf kritisieren, nicht nur in der Außenpolitik, sondern auf allen Politikfeldern; die Vielfalt der Meinungen in Israel fällt in den deutschen Debatten ohnehin zumeist unter den Tisch: Entweder werden rechte Hardliner zitiert oder es kommen linke Friedensaktivisten zu Wort – dazwischen gibt es in Israel zahlreiche Stimmen, in Deutschland wird die Debatte hingegen zumeist auf diese Pole reduziert.

Die meisten Kommentatoren betonten, dass Grass` Behauptung, Israel plane einen nuklearen Erstschlag, schlicht und ergreifend bösartiger Unsinn sei. Zwar argumentieren Grass-Verteidiger, dies habe er explizit nicht “gedichtet”, doch überzeugt diese Behauptung kaum: Ein Literaturnobelpreisträger kennt die Wirkung von Worten, benutzt nicht wahllos irgendwelche Begriffe, die ihm gerade in den Sinn schwirren: Schuld, Herkunft, Verdikt Antisemitismus, auslöschen, Israel, Gefahr für den Weltfrieden – und als Zugabe noch die Gleichschaltung der Presse. Grass wusste, was er da schreibt, spricht und öffentlichkeitswirksam verbreiten ließ. Wäre dies nicht so, sollte er seinen Literaturnobelpreis schnellstmöglich im nächsten Hermes-Shop in Lübeck oder Mölln aufgeben und in Richtung Skandinavien zurückschicken. Wer die heutige Medienlandschaft in der Bundesrepublik zudem mit der in der NS-Zeit vergleicht, relativiert die Verhältnisse im “3. Reich”.

Das schlechte Gewissen

Damit kommen wir zu der (geschichts-)politischen Ebene der Debatte. Grass belässt es in seinem Gedicht nämlich nicht bei seinen Erkenntnissen und Warnungen bezüglich seiner Sicht der Dinge in Nahost, sondern er verbindet seine Behauptungen mit einem Ausbruch. Viele Kommentare in Netzforen und persönlichen Gespräche zeigen: Grass ist nicht allein mit seinen Gefühlen. Die ältere Generation in Deutschland hat tatsächlich ein dickes Tabu im Kopf, wonach sie Israel nicht kritisieren dürfe. Nun stellt sich die Frage, wer dieses Tabu auferlegt habe – und da kommen wir nicht aus den Köpfen der älteren Generation heraus: Sie haben sich dieses Tabu selbst verschrieben. Man kann es auch schlicht und ergreifend schlechtes Gewissen nennen, was da noch immer an der deutschen Seele knabbert. Teilweise haben die Älteren dieses schlechte Gewissen auch noch weitergegeben an die folgenden Generationen. Die brillante Beobachtung von Zvi Rex, wonach die Deutschen den Juden Auschwitz nie verzeihen würden, wird in diesen Tagen passenderweise immer wieder zitiert.

Ein schlechtes Gewissen sorgt für schlechte Stimmung, Aggressionen gegen sich selbst, die dann nach außen verlagert werden – und Wut. Wut auf die, die an das schlechte Gewissen erinnern – und das sind nun einmal die Juden, bzw. der einzige jüdische Staat auf der Erde – Israel. In Deutschland gelten Holocaust-Gedenktage vor allem als Pflichtaufgabe, Gedenksteine werden als “Kranzabwurfplätze” bezeichnet. Für die meisten Politiker und Multiplikatoren sind Gedenkveranstaltungen weder sonderlich lästig, noch sonderlich wichtig. Das Gedenken ist kein Anliegen, sondern eine Pflicht, ein Teil der “Wiedergutmachung” – wenn man nur ordentlich und pflichtgemäß gedenkt, muss doch irgendwann wieder gut sein, so offenbar der Gedanke dahinter. Nur wird es nicht wieder gut, der Holocaust hat immer noch stattgefunden, die Großeltern waren immer noch zumeist Täter oder Mitläufer – und der jüdische Staat ist immer noch da, weil er den Juden in der Diaspora als Lebensversicherung dient. Grass und viele seiner Altersgenossen können Israel nicht ohne die deutsche Schuld und die Wiedergutmachung sowie das schlechte Gewissen denken und betrachten. Doch das ist deren oder unser Problem, aber sicherlich nicht das der Israelis.

Den Kontext beachten

Das in der Form nicht überzeugende Gedicht, offenbar nur notdürftig in diese Form gepresst, zeigt, es geht Grass nicht um Kunst. Auf der strategisch-militärischen Ebene verbreitet er schlicht Unwahrheiten und Banalitäten, die er als mutigen Tabubruch verkauft – und verbindet dies mit dem Seelenleiden vieler älterer Menschen in Deutschland, die seit der Befreiung vom NS-Terror offenkundig ein schlechtes Gewissen mit sich herumschleppen.

"Israel-Kritik" an der Kölner Klagemauer
„Israel-Kritik“ an der Kölner Klagemauer

Greift man sich eine Ebene aus dem Gedicht heraus, wie Grass` Verteidiger es tun, wird die vehemente Kritik an seinem Gesagten schwer nachvollziehbar. So freuten sich Kulturschaffende, dass wieder über ein Gedicht debattiert wird – also Ebene 1 ohne 2+3. Aber was ist ein Werk wert, wenn man den Inhalt nicht betrachtet? Eine leere Verpackung, gelbe Tonne, weiter im Text.

Dann gibt es Leute, die betrachten isoliert einzelne Aspekte der Ebene 2: Sie finden es verständlicherweise fürchterlich, dass Atomwaffen existieren und hoffen auf Frieden, wenn alle ihre Waffen verschrotten. Sie können nicht verstehen, warum auf Grass verbal eingeprügelt wird, weil sie die Verdrehungen von Grass sowie Ebene 3 ausblenden. “Was ist falsch daran, Atomwaffen schlecht zu finden?” Nichts natürlich, aber die Welt ist leider komplizierter. Wenn Israel alle seine Waffen abschafft, dürfte sein Ende kurz- bis mittelfristig besiegelt sein, trotz der Schutzmacht USA. “Was ist daran so schlimm, Israel zu kritisieren?” Nichts, wie man an der aktuellen Kritik an dem Einreiseverbot für Grass sieht, wenn man diese Kritik nicht mit Verdrehungen belastet und sich selbst zum Tabubrecher stilisiert, obwohl Kritik an der israelischen Politik an der Tagesordnung ist. Nur noch einmal zur Erinnerung: Im Juli 2010 hat der Bundestag einstimmig (!) eine Resolution beschlossen, die das Ende der Gaza-Blockade fordert. Keine Kritik?

Zwischenfazit: Das Grauen aus Grass` Gesagtem ergibt sich aus der Gesamtsicht auf die drei Ebenen. Jede für sich ist schon kein Ruhmesblatt für einen Nobelpreisträger: Ebene 1 wäre allein aber irrelevant. Behauptungen aus der Ebene 2 finden sich Tausendfach im Internet – und wurden immer wieder widerlegt. Ein Tabubruch war das nicht. Richtig interessant wird es auf Ebene 3, auf der eindrucksvoll freigelegt wird, was in der deutschen Seele immer noch vor sich geht. Und so ist Grass Gesagtes tatsächlich ein Tabubruch, denn nun kommt eine notwendige Debatte in Gang, auch wenn der Autor sich das teilweise sicher anders vorgestellt hatte: Endlich wird über die latente Israelfeindschaft, die – wie viele Beiträge in Netzforen nun zeigen – bisweilen in offenen Antisemitismus umschlägt, diskutiert.

Siehe auch: Im Zweifel gegen Israel,  SPD: Antisemitismuskeule, Gutmenschen, SchuldstolzGrass – der Sarrazin für Israelkritiker?,Beim Schälen der KartoffelNeues von der Waffen-SS

22 thoughts on “Grass – eine Zwischenbilanz

  1. Grass hat weder geschrieben, dass die israelische Regierung zum Spaß aufrüstet, noch diese das iranische Volk auslöschen will. Dieses zu verbreiten ist schlechter Stil, die ‚Neins‘ im Abschnitt ‚Flächenbrand‘ sind also vollkommen wertlos. Auf absoluten Pazifismus hat sich Grass ebenfalls nicht bezogen und auch keinen nuklearen Erstschlag genannt. Ich frage mich aber, was ein auf israelischer Regierungsseite bereits diskutierter konventioneller Erstschlag gegen eine Atomanlage für den nahen Osten bedeuten könnte und ob man davor Angst haben darf.

    Grass hat in Bezug auf ‚das schlechte Gewissen‘ aus seinen Erfahrungen heraus die Probleme geäußert, die er mit sich hatte und der er auf sich zukommen sah. Und da lese ich hier nichts, was unverständlich und ihm nicht zuzugestehen wäre. Ohne, dass Grass hier ein einziges antisemitistisches Wort erhebt, wird ihm Antisemitismus vorgeworfen.

    Keiner muss Jahrzehnte in „antideutschen Kreisen“ mitdiskutiert oder sämtliche Konkret-Diskurse verinnerlicht haben, um die richtigen Worten zu finden, will man den präventiven Erstschlag auf Atomanlagen oder eine nie dagewesene, rechts-aggressive Militär- und Außenpolitik Israels angreifen.

    Schade, denn ich lese gern publikative. Aber wie hier mal eben Menschen mit anderen Meinungen, auch gerade publikative-Leser, als Sekundärantisemiten abgestempelt werden, ist unschön.

  2. “ Grass und viele seiner Altersgenossen können Israel nicht ohne die deutsche Schuld und die Wiedergutmachung sowie das schlechte Gewissen denken und betrachten“

    Mag sein. Für mich nehme ich in Anspruch eine weise Weste zu haben.

    Im Gegenteil: Die Israelis sind aus meiner Sicht Diebe, die mir, obwohl unschuldig, immer mehr Geld rauspressen.

    DIE haben ein schlechtes Gewissen. Hätte ich auch wenn ich Unschuldige ausplündern würde.

    Netanjahu hat doch schon einen atomschlag (anders sind die Bunker nicht zu knacken) geredet.

    Also hat Grass recht.

    Und Israel hat Atomwaffen. Derjenige der sie gebaut hat hat es bestätigt und steht unter „Hausarrest“.

    Tolle Demokratie.

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