Grass – eine Zwischenbilanz

Seit Mittwoch dominiert die Debatte über das Gedicht „Was gesagt werden muss“ von Günter Grass die Medien und Kommentarspalten in Deutschland. Dabei wird einiges durcheinandergeworfen – ein Versuch, die Diskussionsstränge zu ordnen.

Von Patrick Gensing

Günter Grass (Foto: Christoph Müller-Girod /CC BY-ND 2.0)
Günter Grass (Foto: Christoph Müller-Girod /CC BY-ND 2.0)

Das Gedicht von Günter Grass wird im Wesentlichen auf drei Ebenen diskutiert: formal, militärisch und (geschichts-)politisch. Die erste Ebene soll hier keine große Rolle spielen, zwar erscheint unklar, warum ein paar zerstückelte Sätze ein Gedicht sein sollen, aber das kann unter Freiheit der Kunst verbucht werden – und wenn Grass einmal ein Gedicht schreiben will, dann soll er das tun, auch wenn es eigentlich ein Leserbrief ist, wie es Thomas Hinrichs treffend formulierte.

Selbst die Stimmen, die Grass verteidigen, räumen ein: Es handelt sich künstlerisch gesehen um kein wertvolles Werk. Die schwache Verpackung wird von Kritikern vielmehr als weiterer Beleg dafür gewertet, dass der Nobelpreisträger offenbar in Rage das Gesagte niedergeschrieben hat.

“Flächenbrand”

Militärisch bzw. strategisch sind sich Grass-Kritiker einig, dass der Autor Banalitäten, Unwahrheiten oder alte Erkenntnisse ausgesprochen bzw. wiederholt hat: Ja, ein Krieg im Nahen Osten wäre eine Katastrophe, weil ein “Flächenbrand” droht – wahrhaftig eine banale Erkenntnis. Nein, Israel will nicht den Iran “auslöschen” – und baut nicht aus purem Vergnügen eine Drohkulisse auf. Die Grass-Kritiker betonen in diesem Zusammenhang, dass gerade die Atomwaffen, über die Israel verfügen soll (was im Übrigen nicht bewiesen sei), eben genau diesen “Flächenbrand” verhinderten, da die Abschreckung funktioniere.

Wahlplakat der Hamas in Ramallah. Auf dem Plakat heißt es: Palsetine From Sea to Rever (sic!). Gemeint ist, dass Israel von der Landkarte verschwinden muss, damit ein islamischer Gottesstaat zwischen Mittelmeer (Sea) und Jordan-Fluss (River) entstehen kann. (Quelle: Ervaude)
Wahlplakat der Hamas in Ramallah. Auf dem Plakat heißt es: Palsetine From Sea to Rever (sic!). Gemeint ist, dass Israel von der Landkarte verschwinden muss, damit ein islamischer Gottesstaat zwischen Mittelmeer (Sea) und Jordan-Fluss (River) entstehen kann. (Quelle: Ervaude)

Die Friedensfreunde setzen hingegen auf die Strategie: Alle werfen ihre Waffen weg, dann wird alles gut – und wer mit einem Präventivschlag droht, der muss der Bösewicht sein. So eine Perspektive lässt sich von Schwerin, Kassel oder Freiburg aus gesehen bequem formulieren, immerhin ist es nicht Deutschland, das regelmäßig von anderen Staatschefs als “tödliches Krebsgeschwür” bezeichnet wird, das herausgeschnitten werden müsse. Wenn es nicht um die Sicherheit der eigenen Kinder geht, die von Fanatikern bedroht wird, lässt sich entspannt über die Lage fachsimpeln. Wobei es auch in Israel viele Stimmen gibt, die den Kurs der Regierung Netanjahu scharf kritisieren, nicht nur in der Außenpolitik, sondern auf allen Politikfeldern; die Vielfalt der Meinungen in Israel fällt in den deutschen Debatten ohnehin zumeist unter den Tisch: Entweder werden rechte Hardliner zitiert oder es kommen linke Friedensaktivisten zu Wort – dazwischen gibt es in Israel zahlreiche Stimmen, in Deutschland wird die Debatte hingegen zumeist auf diese Pole reduziert.

Die meisten Kommentatoren betonten, dass Grass` Behauptung, Israel plane einen nuklearen Erstschlag, schlicht und ergreifend bösartiger Unsinn sei. Zwar argumentieren Grass-Verteidiger, dies habe er explizit nicht “gedichtet”, doch überzeugt diese Behauptung kaum: Ein Literaturnobelpreisträger kennt die Wirkung von Worten, benutzt nicht wahllos irgendwelche Begriffe, die ihm gerade in den Sinn schwirren: Schuld, Herkunft, Verdikt Antisemitismus, auslöschen, Israel, Gefahr für den Weltfrieden – und als Zugabe noch die Gleichschaltung der Presse. Grass wusste, was er da schreibt, spricht und öffentlichkeitswirksam verbreiten ließ. Wäre dies nicht so, sollte er seinen Literaturnobelpreis schnellstmöglich im nächsten Hermes-Shop in Lübeck oder Mölln aufgeben und in Richtung Skandinavien zurückschicken. Wer die heutige Medienlandschaft in der Bundesrepublik zudem mit der in der NS-Zeit vergleicht, relativiert die Verhältnisse im “3. Reich”.

Das schlechte Gewissen

Damit kommen wir zu der (geschichts-)politischen Ebene der Debatte. Grass belässt es in seinem Gedicht nämlich nicht bei seinen Erkenntnissen und Warnungen bezüglich seiner Sicht der Dinge in Nahost, sondern er verbindet seine Behauptungen mit einem Ausbruch. Viele Kommentare in Netzforen und persönlichen Gespräche zeigen: Grass ist nicht allein mit seinen Gefühlen. Die ältere Generation in Deutschland hat tatsächlich ein dickes Tabu im Kopf, wonach sie Israel nicht kritisieren dürfe. Nun stellt sich die Frage, wer dieses Tabu auferlegt habe – und da kommen wir nicht aus den Köpfen der älteren Generation heraus: Sie haben sich dieses Tabu selbst verschrieben. Man kann es auch schlicht und ergreifend schlechtes Gewissen nennen, was da noch immer an der deutschen Seele knabbert. Teilweise haben die Älteren dieses schlechte Gewissen auch noch weitergegeben an die folgenden Generationen. Die brillante Beobachtung von Zvi Rex, wonach die Deutschen den Juden Auschwitz nie verzeihen würden, wird in diesen Tagen passenderweise immer wieder zitiert.

Ein schlechtes Gewissen sorgt für schlechte Stimmung, Aggressionen gegen sich selbst, die dann nach außen verlagert werden – und Wut. Wut auf die, die an das schlechte Gewissen erinnern – und das sind nun einmal die Juden, bzw. der einzige jüdische Staat auf der Erde – Israel. In Deutschland gelten Holocaust-Gedenktage vor allem als Pflichtaufgabe, Gedenksteine werden als “Kranzabwurfplätze” bezeichnet. Für die meisten Politiker und Multiplikatoren sind Gedenkveranstaltungen weder sonderlich lästig, noch sonderlich wichtig. Das Gedenken ist kein Anliegen, sondern eine Pflicht, ein Teil der “Wiedergutmachung” – wenn man nur ordentlich und pflichtgemäß gedenkt, muss doch irgendwann wieder gut sein, so offenbar der Gedanke dahinter. Nur wird es nicht wieder gut, der Holocaust hat immer noch stattgefunden, die Großeltern waren immer noch zumeist Täter oder Mitläufer – und der jüdische Staat ist immer noch da, weil er den Juden in der Diaspora als Lebensversicherung dient. Grass und viele seiner Altersgenossen können Israel nicht ohne die deutsche Schuld und die Wiedergutmachung sowie das schlechte Gewissen denken und betrachten. Doch das ist deren oder unser Problem, aber sicherlich nicht das der Israelis.

Den Kontext beachten

Das in der Form nicht überzeugende Gedicht, offenbar nur notdürftig in diese Form gepresst, zeigt, es geht Grass nicht um Kunst. Auf der strategisch-militärischen Ebene verbreitet er schlicht Unwahrheiten und Banalitäten, die er als mutigen Tabubruch verkauft – und verbindet dies mit dem Seelenleiden vieler älterer Menschen in Deutschland, die seit der Befreiung vom NS-Terror offenkundig ein schlechtes Gewissen mit sich herumschleppen.

"Israel-Kritik" an der Kölner Klagemauer
„Israel-Kritik“ an der Kölner Klagemauer

Greift man sich eine Ebene aus dem Gedicht heraus, wie Grass` Verteidiger es tun, wird die vehemente Kritik an seinem Gesagten schwer nachvollziehbar. So freuten sich Kulturschaffende, dass wieder über ein Gedicht debattiert wird – also Ebene 1 ohne 2+3. Aber was ist ein Werk wert, wenn man den Inhalt nicht betrachtet? Eine leere Verpackung, gelbe Tonne, weiter im Text.

Dann gibt es Leute, die betrachten isoliert einzelne Aspekte der Ebene 2: Sie finden es verständlicherweise fürchterlich, dass Atomwaffen existieren und hoffen auf Frieden, wenn alle ihre Waffen verschrotten. Sie können nicht verstehen, warum auf Grass verbal eingeprügelt wird, weil sie die Verdrehungen von Grass sowie Ebene 3 ausblenden. “Was ist falsch daran, Atomwaffen schlecht zu finden?” Nichts natürlich, aber die Welt ist leider komplizierter. Wenn Israel alle seine Waffen abschafft, dürfte sein Ende kurz- bis mittelfristig besiegelt sein, trotz der Schutzmacht USA. “Was ist daran so schlimm, Israel zu kritisieren?” Nichts, wie man an der aktuellen Kritik an dem Einreiseverbot für Grass sieht, wenn man diese Kritik nicht mit Verdrehungen belastet und sich selbst zum Tabubrecher stilisiert, obwohl Kritik an der israelischen Politik an der Tagesordnung ist. Nur noch einmal zur Erinnerung: Im Juli 2010 hat der Bundestag einstimmig (!) eine Resolution beschlossen, die das Ende der Gaza-Blockade fordert. Keine Kritik?

Zwischenfazit: Das Grauen aus Grass` Gesagtem ergibt sich aus der Gesamtsicht auf die drei Ebenen. Jede für sich ist schon kein Ruhmesblatt für einen Nobelpreisträger: Ebene 1 wäre allein aber irrelevant. Behauptungen aus der Ebene 2 finden sich Tausendfach im Internet – und wurden immer wieder widerlegt. Ein Tabubruch war das nicht. Richtig interessant wird es auf Ebene 3, auf der eindrucksvoll freigelegt wird, was in der deutschen Seele immer noch vor sich geht. Und so ist Grass Gesagtes tatsächlich ein Tabubruch, denn nun kommt eine notwendige Debatte in Gang, auch wenn der Autor sich das teilweise sicher anders vorgestellt hatte: Endlich wird über die latente Israelfeindschaft, die – wie viele Beiträge in Netzforen nun zeigen – bisweilen in offenen Antisemitismus umschlägt, diskutiert.

Siehe auch: Im Zweifel gegen Israel,  SPD: Antisemitismuskeule, Gutmenschen, SchuldstolzGrass – der Sarrazin für Israelkritiker?,Beim Schälen der KartoffelNeues von der Waffen-SS

22 Kommentare zu „Grass – eine Zwischenbilanz

  1. Ein wahrlich sehr guter Text, der die derzeitige Debatte mit, um und gegen Günter Grass ziemlich exakt und verständlich beschreibt. Vielen Dank hierfür.

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  2. netter versuch zur abwechslung mal objektiv zu urteilen… hätte man nicht schon die anderen 2 oder 3 artikel von herrn gensing gelesen könnte man fast drauf reinfallen.

    ich würde gerne wissen, wo grass, wie hier behauptet wird, in seinem gedicht explizit unwahrheiten verbreitet?

    indem er sagt, dass ein präventivschlag die lage im nahen osten explodieren lassen würde?
    indem er sagt, dass ein möglicher präventivschlag schon ausgearbeitet wird?
    indem er sagt, dass es nicht bewiesen ist, dass der iran an atomwaffen arbeitet?
    indem er sagt, dass deutschland waffen liefert, die für einen atomkrieg gerüstet sind?
    indem er sagt, dass auch israels atomwaffen von einer unabhängigen instanz kontrolliert werden sollten, genauso wie es auch vom iran gefordert wird?

    was auf dieser seite in letzter zeit veröffentlicht wird, hat nichts mehr mit berichterstattung zu tun.

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  3. „Ein schlechtes Gewissen sorgt für schlechte Stimmung, Aggressionen gegen sich selbst, die dann nach außen verlagert werden – und Wut. Wut auf die, die an das schlechte Gewissen erinnern – und das sind nun einmal die Juden, bzw. der einzige jüdische Staat auf der Erde, nämlich Israel.“

    Über die Definition Israels als jüdischen Staat gibt es schon länger Streit:

    http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13527229.html
    http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,722324,00.html

    Es gibt viele israelische Staatsbürger mit islamischem, christlichem oder gar keinem Glauben. Die Definition Israels als rein jüdischem Staat kommt vor allem vom rechten Rand. Im Gegensatz zum Iran bspw. ist Israel keine Theokratie!

    Das Ganze Gerede von „den Juden“ ist selbst nur eine Projektion.

    „Nur wird es nicht wieder gut, der Holocaust hat immer noch stattgefunden, die Großeltern waren immer noch Täter oder Mitläufer – und der jüdische Staat ist immer noch da, weil er den Juden in der Diaspora als Lebensversicherung dienen soll.“

    Und wenn es keine Lebensversicherung mehr braucht, wird Israel dann von der Landkarte getilgt?

    Der Text ist leider sehr unsauber geschrieben, auch wenn ich die Gedankengänge nachvollziehen kann.

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  4. Lieber Stefan,

    Sie tun genau das, was ich beschrieben habe, Sie greifen sich einzelne Thesen aus dem Gedicht und ignorieren den Kontext – und dabei gehen Sie noch nicht einmal korrekt vor. Niemand bestreitet, dass es in Israel Überlegungen gibt, mögliche Atomanlagen im Iran anzugreifen, darüber diskutiert das ganze Land und die interessierte Fachwelt seit Monaten. Grass dichtet sich aber einen nuklearen Erstschlag zusammen und behauptet zudem, Israel sei die Gefahr für den Weltfrieden – und nicht ein nuklear hochgerüsteter Iran, dessen Führung den Holocaust leugnet und Israel als Krebsgeschwür bezeichnet, das herausgeschnitten werden müsste. Hier werden Ursache und Wirkung schlicht vertauscht.

    Weiterhin empfehle ich Ihnen die diversen Faktenchecks, die in deutschen Zeitungen in den vergangenen Tagen veröffentlicht wurden, in denen aufgezeigt wird, was Grass an Unwahrheiten und Ungenauigkeiten verbreitet. Diese Beiträge sollten zumindest wahrgenommen werden, wenn man an der Debatte teilnehmen will, sonst dreht sich diese nämlich ständig im Kreis – und es wäre gut, wenn wir weiterkommen würden.

    Gruß
    Patrick Gensing

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  5. Danke für die unaufgeregte Analyse.

    „die Debatte um Grass hat eine sehr hohe Bedeutung, weil jetzt deutlich wird, wie viele Deutsche noch mit einem schlechten Gewissen rumrennen und sich als Opfer irgendwelcher eingebildeter Tabus fühlen.“(P.G.)

    …scheint wirklich etwas dran zu sein.

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  6. Der damalige Premierminister Ehud Olmert hat 2006 Israel als einen Staat bezeichnet, der atomar bewaffnet ist („Würden Sie sagen, dass das Niveau der Bedrohung gleich ist, wenn sie (die Iraner) Atomwaffen haben wollen wie Frankreich, die Amerikaner, die Russen und Israel?“, http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,453882,00.html) und die Existenz von etwa 50-500 nuklearer Sprengkoepfe unter israelischer Kontrolle wird in Sicherheitskreisen von niemanden ernsthaft bezweifelt.

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  7. Anm. Ebene 1

    Wer hier Grass‘ Gedicht mit einem Leserbrief gleichsetzt, der leidet wohl an übler Selbstüberschätzung, selbst wenn er nur zitiert. „…warum ein paar zerstückelte Sätze ein Gedicht sein sollen“, unfassbar. Das klingt nach jemanden, der seine Gedichtslektüre mit dem 19. Jahrhundert beendet hat: schöne Reime, schönes Metrum, klar…Als Vergleich und hier bleiben wir sachlich auf Ebene 1: Sie hätten ihren Beitrag auch gekonnt in einer Schülerzeitung abdrucken können und es wäre nicht aufgefallen (neben den romantischen Gedichten).

    Anm. Ebene 2,3

    Wurde der israelische Staat wirklich auf einer, im heutigen Sinne, rechtmäßigen Basis gegründet? Ist es denn nur gerecht gewesen, dass der Nahe Osten eins von seinen vielen muslimischen Ländern abzugeben hatte. 8,9 Länder um 1950 sind schon wirklich viel und eine Bedrohung für ein überwiegend christliches Europa. Das war die Begründung des britischen Parlaments, doch die Immigrationsgenehmigung nach Palästina zu geben, das zu der Zeit unter britischem Mandat stand. Europa: Wie viele christliche Staaten ballen sich da nochmal auf so kleinen Fläche? Eins weniger oder mehr ist wohl auch egal, oder?

    Wissen sie wie der UN Teilungsbeschluss von 1947 aussah, den Palästina mit gutem Grund abgelehnt hat? 5% Juden – 55% des Landes, 95% Palästinenser (Christen, Juden, Muslime u.a.) – 45%. Wenngleich sich Israel als jüdischen Staat bezeichnet, sollten wir klar Antizionismus von Antisemitismus unterscheiden. Und wenn die vielen Toten auf israelischer und palästinensischer Seite plötzlich einem ach so unverständlichen Unwillen Palästinas in die Schuhe geschoben werden, weil sie jenen „gerechten“ Teilungsbeschluss nicht annahmen, dann ist das für mich Augenwischerei. Ein noch immer nicht gestoppter Siedlungsbau fragmentiert das Restpalästina soweit, dass der effektive Bewegungsraum der Palästinenser auf ein Minimum eingeschränkt wird. Gaza ist ein riesiges Freiluftgefängnis. Hören wir auf, mit zweierlei Maß zu messen und dieser westlichen islamophobischen Augenwischerei, an der unsere Medien nicht wenig Schuld tragen, blind zu vertrauen.

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  8. Anm. zur Interpretation des „Wahlplakat der Hamas in Ramallah.“

    „Auf dem Plakat heißt es: Palsetine From Sea to Rever (sic!). Gemeint ist, dass Israel von der Landkarte verschwinden muss, damit ein islamischer Gottesstaat zwischen Mittelmeer (Sea) und Jordan-Fluss (River) entstehen kann. (Quelle: Ervaude)“

    Vertauschen wir mal ein paar Orts- und Religionsangaben und wir würden hier nicht ein Wahlplakat der Hamas sehen, potentielle Zukunft, sondern ein Hier und Jetzt, aktuelles Geschehen im jüdischen (Gottes)staat Israel.

    (Zweierlei Maß…aber jetzt habe ich die Grenze wohl schon überschritten und eine Flut an Beschimpfungen wird über mich ergehen, wie ich mir diese Kritik als „Deutscher“ überhaupt erlauben könne…)

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  9. Ich kann die Argumentation in diesem Beitrag und dabei vor allem die Trennung der 2. und 3. Ebene nicht ganz nachvollziehen. Ich halte sie für rein analytisch, denn militärische und politische Argumente des Gedichts/Pamphlets sind nicht voneinander zu trennen. Insofern macht es sich der Autor des Textes auch einfach, wenn er in der Auseinandersetzung mit einzelnen Argumenten des Textes auf einen von ihm geschaffenen nebulösen „Kontext“ verweist. Daher gehe ich jetzt trotzdem eine Ebene tiefer:

    – Der Verweis auf den Faktencheck:
    ich hab mir nochmal 2 solcher Checks angesehen (z.B. http://www.zdf.de/ZDFmediathek/beitrag/video/1614398/Grass%2527-Argumente-im-Faktencheck) und kann nicht verstehen, wie der Autor danach diese immer noch für seine Argumentation einspannen will. Mit Ausnahme des zugegebenermaßen dämlichen „Auslösch-Arguments“ werden hier alle Fakten, die Grass nennt bestätigt. Für mich entscheidend: Israel ist eine Atommacht, die sich nicht kontrollieren lässt. Man kommt doch nicht um das Argument herum, dass die israelische Regierung etwas vom Iran verlangt, was sie selber nicht tut. Mit welcher Begründung?

    – Das Tabu
    das Tabu des nicht zu kritisierenden Israels wurde doch eindeutig mit den ersten (nicht den darauffolgenden) Reaktionen auf das Grass-Gedicht eindrucksvoll bestätigt. Grass baut hier keinen Popanz a la Sarrazin auf „das wird man ja noch sagen dürfen“. In den ersten Reaktionen wurde Grass einfach nur als Antisemit bezeichnet, ohne auf seine Argumente einzugehen. Man lese sich hierzu den Beitrag von Jan Fleischhauer bei SPON durch (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,825879,00.html) der lediglich aus persönlichen Animositäten gegenüber der Person besteht. Das Tabu, das vermeintlich nur eines der älteren Generation sein soll, besteht zu einem gewissen Teil weiterhin. Ich wiederhole mich: Wer das abstreitet, sehe sich die dumpfen Reaktionen auf das Gedicht an

    – Die U-Boote
    Das zweite Hauptargument, das Grass aufzählt, besteht darin, dass sich Deutschland mit seinen Waffenlieferungen an Israel indirekt an einem möglichen Krieg beteiligt. DIe Tatsache, dass Deutschland dies nicht nur im Falle Israels tut, macht es nicht besser. Und wenn im Faktencheck behauptet wird, „ja es wird geliefert, aber man müsste die U-Boote ja erst noch in Israel umbauen“, dann ist das ja einfach nur ein lächerliches Argument. Deutschland macht sich mit seinen Waffenlieferungen mitschuldig. Dagegen habe ich auch noch kein gutes Argument gehört.

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  10. Wieder ein Artikel, der er nicht schafft sich von der Ebene der primitiven Freund-Feindunterscheidungen zu lösen und die Causa Grass in eine, größeren Kontext zu diskutieren. Berechtigte Kritik am Verhalten von Grass wird hier benutzt, um über Menschen herzuziehen, die als naive „Friedensfreunde“ verächtlich gemacht werden. Dem wird ein politischer Realismus a la Carl Schmitt entgegengehalten, in dessen Perspektive der Rest der Welt als barbarisches Feindesland erscheint, das durch militärische Drohungen im Zaum gehalten werden muss, dem man Notfalls die Segnungen der westlichen Zivilisation unter Anwendung von Gewalt aufzwingen kann. Das Lamento zur polarisierten Darstellung israelischer Diskurse zum Nahost-Konflikt ist hohl, denn gerade auf Publikative.org werden die Positionen der rechten Hardliner regelmäßig zur zivilisatorischen Norm erhoben, während die „linken Friedensaktivisten“ in die Rolle von dubiosen Querfrontlern gedrängt werden. Diese Schwerpunksetzung wird von Gensing im Text reproduziert, wenn er frei von Kenntnis jüdischer Diskurse zur Entwicklung Israels behauptet:
    „…und der jüdische Staat ist immer noch da, weil er den Juden in der Diaspora als Lebensversicherung dient.“
    Die Analyse der geschichtspolitischen Ebene bedient die üblichen küchenpsychologischen Klischees und bedarf Konstrukte wie „deutsche Seele“, wobei ich natürlich nicht ausschließen kann, dass Grass wirklich so einfach gestrickt ist.

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  11. Der Kommentar ist tatsächlich eher sehr schlecht (schlicht). Zwar wird erwähnt, dass es in Israel jede Menge Kritiker der Regierung Netanjahu gibt, dennoch wird jede Kritik von außerhalb, besonders aus Deutschland, pauschal als Antisemitismus verurteilt. Dabei ist das wahre Problem doch, dass man, sobald man Kritik an Israels Politik übt, sofort Beifall aus einer Ecke bekommt, aus der man ihn ganz sicher nicht haben will. Und deshalb, aus Furcht vor eben diesem Beifall wird vieles an Kritik erst gar nicht geäussert.
    Unsere wahre Aufgabe in Deutschland wäre es also, uns endlich intensiv mit der braunen Sosse zu beschäftigen, die allerorten in Deutschland noch immer/schon wieder aus den Ecken quillt und es sogar in Parlamente schafft. Dann bräuchten wir auch keine Angst mehr haben, dass uns bei berechtigter Kritik an der israelischen Politik Kumpanei mit den Alt- und Neonazis vorgeworfen werden könnte.
    Im Übrigen fehlt mir bei praktisch jeder Kritik an Grass, so auch im obigen Kommentar, das Eingehen auf seine Kritik an den deutschen Waffenlieferungen an Israel. Ist es wirklich nötig, U-Boote zu liefern, die mit Atomwaffen bestückt werden können? Darauf einzugehen verzichten die Grass-kritiker wohl gerne deswegen, weil ihnen dann ganz schnell die Argumente ausgehen würden. Denn das kann wohl wirklich nicht mit notwendiger Solidarität aus historischer Verpflichtung begründet werden. Da stehen ganz andere Interessen dahinter, die sich bei näherer Betrachtung ganz sicher nicht mit den üblichen hohlen Phrasen von Freundschaft, Verbundenheit, Wiedergutmachung etc. maskieren lassen. Deshalb schlägt die Kritik an Grass ja so heftig, aber an anderen Punkten, zu, um von genau dieser Frage abzulenken.

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  12. Ich kann @Rik nur vollstens zustimmen.
    Ein nicht geringer Teil des israelischen Volkes merkt ja inzwischen selber, dass seine Regierung überall, vor allem bei den USA, Zustimmung zu evtl. Militärschlägen gegen den Iran zusammen sammelt, aber auch klarstellte, dass Israel keine Zustimmung der USA zum Erstschlag benötigt. Irans (autokratische!) Führung wollte ja (nachweislich auf einen, offenbar bei fast jeder Presse willkommenen und darum SOFORT ohne Nachprüfung übernommenen, Übersetzungsfehler (???))nicht Israel auslöschen, sondern betonte, dass das „israelische REGIME“ bald der Geschichte angehören wird…
    Wenn man das Ganze mal ins (fiktive) Extreme ziehen würde und sagen würde, dass Israel(-s REGIME) wahllos die umliegenden Länder bombardieren würde und dies dann öffentlich kritisieren würde, wird man sofort ohne wirkliche ehrliche Prüfung als Antisemit bezeichnet, obwohl, wie @Rik sagt, Antizionismus nicht Antisemitismus bedeutet. Um dem Missverständnis gleich vorzubeugen, sagte Grass, dass er ein Freund des israelischen Volkes sei, was ihm aber nichts nützt, da sofort der AS-Stempel draufkommt. Israel hat schon eine gewisse „Narrenfreiheit“ im nahen Osten und wenn weiter oben ignoranter Weise von „nicht bewiesenen israelischen Atomwaffen“ die Rede ist, werden ebenfalls nicht bewiesene iranische Atomwaffen als 100%-ge Wahrheit verkauft. Was ist der Unterschied zwischen Nordkorea und Iran? Richtig: Iran hat Öl… – wie Libyen übrigens auch oder Irak (mit seinen mobilen ABC-Waffen…) oder Afghanistan (Bin Laden wurde von Saudi-Arabien(US-Verbündeter)finanziert).
    Ich bin mit der SS-Vergangenheit von G.Grass vertraut aber trotzdem sollte man Ignoranz durch offene ehrliche Diskussion ersetzen.

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  13. Achso: Wie @Karl E. schreibt, die braunen Rattenfänger müssen wir bekämpfen, dafür sorgen, dass diese berechtigte Themen nicht instrumentalisieren. Die menschenverachtende Ideologie müssen wir öffentlich und konkret bekämpfen. Für seine Vergangenheit muss Grass sich schämen, daher wohl auch das (zu) späte Outing.
    Über die Themen im Nahen Osten muss geredet werden.
    Die sicherlich nicht ganz unbegründete Besorgnis über A-Waffen im Iran ist absolut verständlich. Trotzdem muss darüber ehrlich geredet werden, bevor die Fäuste fliegen.

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  14. „Unsere wahre Aufgabe in Deutschland wäre es also…“

    Warum kennen Israelis das Jerusalem-Syndrom und gehen damit ganz schön cool um(„arme Spinner“)!? Können wir in Deutschland sowas nicht auch einfach haben: Ein Volkskörper-Syndrom. Dann könnten wir auch sagen: „arme Spinner!“

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  15. @Quarktasche: Wäre schön, wenn wir das könnten. Allerdings bestehen da schon ein paar gravierende Unterschiede: Die „Jerusalem-Syndrom“-Patienten werden psychiatrisch betreut und richten sonst keinen weiteren Schaden an. Die hier, wie Sie es so treffend bezeichneten, vom „Volkskörper-Syndrom“ Befallenen dürfen gleichfalls Befallene wählen, die dann Parteienförderung kassieren um damit weiter Hetze gegen Alles zu betreiben, was nicht in ihre engstirnigen Schädel passt. Von der Unterstützung von Leuten, die nicht nur verbal hetzen sondern ihre abstrusen Ideen von der Reinheit des Volkes auch mit Waffengewalt umsetzen und vor Körperverletzung und Mord nicht zurüsckschrecken mal ganz abgesehen.

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  16. Grass hat weder geschrieben, dass die israelische Regierung zum Spaß aufrüstet, noch diese das iranische Volk auslöschen will. Dieses zu verbreiten ist schlechter Stil, die ‚Neins‘ im Abschnitt ‚Flächenbrand‘ sind also vollkommen wertlos. Auf absoluten Pazifismus hat sich Grass ebenfalls nicht bezogen und auch keinen nuklearen Erstschlag genannt. Ich frage mich aber, was ein auf israelischer Regierungsseite bereits diskutierter konventioneller Erstschlag gegen eine Atomanlage für den nahen Osten bedeuten könnte und ob man davor Angst haben darf.

    Grass hat in Bezug auf ‚das schlechte Gewissen‘ aus seinen Erfahrungen heraus die Probleme geäußert, die er mit sich hatte und der er auf sich zukommen sah. Und da lese ich hier nichts, was unverständlich und ihm nicht zuzugestehen wäre. Ohne, dass Grass hier ein einziges antisemitistisches Wort erhebt, wird ihm Antisemitismus vorgeworfen.

    Keiner muss Jahrzehnte in „antideutschen Kreisen“ mitdiskutiert oder sämtliche Konkret-Diskurse verinnerlicht haben, um die richtigen Worten zu finden, will man den präventiven Erstschlag auf Atomanlagen oder eine nie dagewesene, rechts-aggressive Militär- und Außenpolitik Israels angreifen.

    Schade, denn ich lese gern publikative. Aber wie hier mal eben Menschen mit anderen Meinungen, auch gerade publikative-Leser, als Sekundärantisemiten abgestempelt werden, ist unschön.

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  17. “ Grass und viele seiner Altersgenossen können Israel nicht ohne die deutsche Schuld und die Wiedergutmachung sowie das schlechte Gewissen denken und betrachten“

    Mag sein. Für mich nehme ich in Anspruch eine weise Weste zu haben.

    Im Gegenteil: Die Israelis sind aus meiner Sicht Diebe, die mir, obwohl unschuldig, immer mehr Geld rauspressen.

    DIE haben ein schlechtes Gewissen. Hätte ich auch wenn ich Unschuldige ausplündern würde.

    Netanjahu hat doch schon einen atomschlag (anders sind die Bunker nicht zu knacken) geredet.

    Also hat Grass recht.

    Und Israel hat Atomwaffen. Derjenige der sie gebaut hat hat es bestätigt und steht unter „Hausarrest“.

    Tolle Demokratie.

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