Im Zweifel gegen Israel

Jakob Augstein hat sich in seiner Spiegel-Online-Kolumne „Im Zweifel links“ als einer der wenigen Kommentatoren eindeutig an die Seite von Günter Grass gestellt. Zeit, klar und deutlich festzustellen: Diese Kar-„Freitags“-Linke ist nicht meine.

Von Andrej Reisin

Jakob Augstein, Herausgeber des "Freitag" (Foto: xtranews.de / CC BY 2.0)
Jakob Augstein, Herausgeber des „Freitag“ (Foto: xtranews.de / CC BY 2.0)

Wenige Stunden vor Beginn des jüdischen Pessach-Festes erklärt Jakob Augstein, Herausgeber des „Freitag“, der das Privileg hat, auf Spiegel Online die Kolumnen-Fahne einer vermeintlich linken Position hochzuhalten, in bester Karfreitagstradition noch einmal, warum Israel an allem Schuld ist – und warum diese Wahrheit „uns“ und „die Welt“ am Ende frei machen wird.

Die „knappen Zeilen, die Günter Grass unter der Überschrift „Was gesagt werden muss“ veröffentlicht hat, werden einmal zu seinen wirkmächtigsten Worten zählen“, meint Augstein. Denn:

„Sie bezeichnen eine Zäsur. Es ist dieser eine Satz, hinter den wir künftig nicht mehr zurückkommen: „Die Atommacht Israel gefährdet den ohnehin brüchigen Weltfrieden.“ Dieser Satz hat einen Aufschrei ausgelöst. Weil er richtig ist. Und weil ein Deutscher ihn sagt, ein Schriftsteller, ein Nobelpreisträger, weil Günter Grass ihn sagt. Darin liegt ein Einschnitt. Dafür muss man Grass danken. Er hat es auf sich genommen, diesen Satz für uns alle auszusprechen.“

In welcher Weise Israel den „Weltfrieden“ gefährdet, muss man nicht weiter ausführen, es erschließt sich dem Augstein’schen „wir“ offenbar ohnehin von allein. Dieses „wir“ ist es auch, was sowohl Grass‘ als auch Augsteins Text so unerträglich macht: Es ist die Konstruktion eines Kollektivs, zu dem die Leserinnen und Leser zwangsweise rekrutiert werden, wenn Augstein der Gemeinde von der Kanzel predigt, was Grass vermeintlich für „uns alle“ ausgesprochen hat.

Wer dieses „wir“ sein soll, weiß man nicht genau – „die “ Linke?, das deutsche Volk?, die Internationale der Moralisten? – klar ist nur, wer aus dem Kollektiv ausgeschlossen ist: Israel. Genau wie Grass nimmt Augstein für sich in Anspruch, etwas zu sagen, das vermeintlich nicht gesagt werden könne – obwohl genau die Augsteins und Grassens dieser Republik es mit permanenter Penetranz sagen: Im Zweifel ist Israel Schuld. Aber es kommt noch besser:

Mit der ganzen Rückendeckung aus den USA, wo ein Präsident sich vor den Wahlen immer noch die Unterstützung der jüdischen Lobbygruppen sichern muss, und aus Deutschland, wo Geschichtsbewältigung inzwischen eine militärische Komponente hat, führt die Regierung Netanjahu die ganze Welt am Gängelband eines anschwellenden Kriegsgesangs.

Wer bisher dachte, „im Zweifel links“ hieße, zu glauben, dass möglicherweise globales Kapital und neoliberale Ideologien die „Welt am Gängelband“ führten, der wird hier eines Besseren belehrt: Die Regierung Netanjahu ist es, die laut Jakob Augstein der Welt ihren Willen aufzwingt.

Dass sich amerikanische Präsidenten auch um andere Lobbygruppen als „die jüdische“ kümmern müssen, zum Beispiel um die afro-amerikanische, die Latinos, die Wirtschaftsverbände, die National Rifle Association und weiß der Geier wen noch – geschenkt. Denn: Es ist nach Augstein Jr. einzig und allein Netanjahus fünfte Kolonne, in Kooperation mit der militärischen deutschen Vergangenheitsbewältigung, die „die ganze Welt am Gängelband“ führt.

Augsteins Argumentation bedient dabei antisemitische Denkmuster in Reinkultur, sie halluziniert ein „wir“, das von „jüdischen Lobbygruppen“ im Bunde mit der „israelischen Regierung“ die „am Gängelband“ geführt wird, und das nun – dank Grass, dank Augstein – seiner kollektiven rhetorischen und moralischen Befreiung harrt, um „die Zukunft der Welt“ zu retten.

Wann darf man eigentlich von Antisemitismus sprechen?

Natürlich nimmt auch Augstein genau wie Grass für sich in Anspruch, kein Feind Israels, kein Judenfeind zu sein. Nun sind bekennende Antisemiten jenseits der Nazis aber leider immer Mangelware. Daher die Gegenfrage: Wenn so viele Komponenten einer antisemitischen Bilderbuch-Wahnwelt zusammen kommen, darf man dann von Antisemitismus reden? Wenn die eigene faktenfreie Welt zur Grundlage für den vermeintlichen Mut wird, für „uns alle“ eine scheinbar endgültige Wahrheit auszusprechen?

Was, wenn nicht diese Imagination des Erlösers vom israelischen Übel, diese Paraphrasen von „Wahrheit macht frei“ und „Die Juden sind unser Unglück“ soll Antisemitismus denn sonst noch sein? Wer sich fragt, warum Henryk M. Broder und andere sich vor Jahren angewidert von der deutschen Linken abwandten und heute nur noch als „Neocons“ gelten, der findet in Augsteins Text die Antwort: So lange dieses antisemitische Geschwätz „im Zweifel links“ ist – so lange ist diese Linke so weit von einer vernünftigen Politik- und Gesellschaftsanalyse entfernt wie Mahmud Ahmadinedschad von der friedlichen Nutzung der Atomkraft.

Siehe auch: SPD: Antisemitismuskeule, Gutmenschen, Schuldstolz, Grass – der Sarrazin für Israelkritiker?, Beim Schälen der Kartoffel, Neues von der Waffen-SS

43 thoughts on “Im Zweifel gegen Israel

  1. @momorulez

    Auch wenn es langsam ermüdend wird, aber: Ob man nun, wie Sie schreiben, „…seinen persönlichen Gottesberater hat oder seinen Stasi-Blockwart“, ist eben im vorliegenden Fall und hinsichtlich des Verständnis um die Vorgänge im Iran eben NICHT „…gerade gehupft wie gesprungen“, da der Blockwart (ob nun Stasi oder Nazi) der Zuträger, der Büttel (oder wie auch immer) einer säkularen Diktatur war, wo gegen sich der Gottesberater aus freien Stücken und religiösen Gründen seitens des Gläubigen gesucht wird… da es nun einmal gerade dem Schiismus bzw. der Schia immanent ist. – Und welche Rolle der Geistlichkeit im Iran zugerechnet wird, BEWEIST doch Ihre eigene Verlinkung bzw. der Artikel innerhalb der „Welt“. Sofern man dessen Inhalten glauben schenken kann, wären doch überdies „Hopfen und Malz“ noch nicht verloren, wobei ja Ahmadineschads Rolle bzw. seine Reaktionen noch vollkommen unklar sind.

    Und wie kommen Sie darauf, von „Ihrer“ (also der Meinigen) Lektüre zu schreiben, die mir zwar durchaus geläufig ist aber von mir angeführt wurde um darauf hinzuweisen, dass es eben quasi die Pflichtlektüre eines jeden gläubigen Schiiten ist. – Und jene Lektüre wird auch von JEDEM Gläubigen im Iran als ursprüngliche Basis für den eigenen Glauben angesehen, wobei Ahmadineschad nicht ausgenommen ist. – Von mir wurden doch keine christlichen Kommentierungen angeführt, so, wie Sie es kolportieren, und schon gar nicht Walter Benjamin oder Theodor W. Adorno, die soundso nicht in den Kontext der vorliegenden „Debatte“ passen würden.

    Ich wüsste auch nicht, warum eine vorgebliche Unseriösität der „Publikative“ bzw. des Blog, Ihren Freund (oder Bekannten) daran hindern sollte, das über den Iran zu schreiben, was er für nötig hält. – Es ist ja wohl nicht so, dass es dazu keine Iranisten oder Interessenten gäbe, die sich zustimmend oder ablehnend ebenso äußern könnten oder wollten.

    Bezüglich http://www.welt.de/politik/ausland/article106164953/Chamenei-plant-Zukunft-Irans-ohne-Ahmadinedschad.html und Ihrem: „Ich sehe mich da deutlich bestätigt in dem, was ich hier die ganze Zeit schreibe.“, muß ich anmerken, dass sich unsere „Debatte“ eben daran entzündet hat, da es für Sie eben KEINE entscheidende Geistlichkeit im Iran gab bzw. gibt, wobei mir ja nun klar ist, dass Sie sich auf etwas bezogen haben, das offensichtlich andere erzählen. – Aber wie dem auch sei: Wir werden doch darin übereinstimmen, dass ein Krieg für alle Beteiligten die schlechtere Wahl gegenüber dem Abgang eines Ahmadineschad wäre, auch und speziell der Bevölkerung zuliebe.

    @Erbloggtes

    Sie können direkt an mich schreiben und benötigen dafür nicht momorulez als Mittler. – Sofern Sie dies täten bzw. vorhätten, verspreche ich Ihnen, aus meinen Niederungen der „Menschenfeindlichkeit“ heraus mich deutlich zu äußern. 😉

    Ich hab` da mal eine Frage bzgl. Ihrer offensichtlichen Sorge um die Nichteinhaltung der Menschenrechte und einer daraus resultierenden Menschenfeindlichkeit. Wenn sie Einerseits vom Moskauer Antichrist (offenbar für Sie der leibhaftige Belzebub des „Kalten Krieges“) schreiben, dann war also dennoch für Sie die Angst des „Westens“ vor einer Zerstörung durch „den Antichrist“ eine Chimäre bzw. eine Einbildung, obwohl eine Gefahr bestand!? – Denn so „…hieß es damals in jenen pluralistischen und liberalen Demokratien.“

    Ehrlich gesagt weiß` ich immer noch nicht so recht, was Sie eigentlich wollen: Moskau war der „Antichrist“; der „Westen“ hat` sich eine Gefährdung eingebildet („jene pluralistischen und liberalen Demokratien“); Sie danken momorulez für seinen Einsatz gegen „Menschenfeindlichkeit“, während es eigentlich – relativ nüchtern – um das religiös untermauerte und politische Bestreben von Ahmadineschad geht; dann interpretieren Sie Grass in einer Art, die wiederum „versöhnlich“ stimmt; dann unterstellen Sie mir indirekt, dass ich gesagt hätte, dass Grass` Adepten Beteiligte an der Verschwörung der Holocaust-Konferenz seien usw. – Ich wäre ja schon zufrieden, wenn Sie schreiben würden, dass Sie „lediglich“ für „ein bißchen Frieden“ sind… aber so wird mir eben weiterhin Nichts ersichtlich, sorry! – Außer vielleicht, dass Sie ein großer Iran-Freund sind: was Ihnen ja belassen bleibt.

  2. “ Daniel said:

    Das scheinen die klassischen deutschen Bauchschmerzen zu sein: Israel hat den Völkermord überlebt und ist stärker geworden als je zuvor. Ganz ohne deutsche Hilfe.“

    Selten so gelacht wirklich!! Besonder bei dem Satz : Ganz ohen Deutsche Hilfe habe ich mich kaputtgelacht.

    Ohne deutsche Hilfen und „Wiedergutmachungen“ würde in Israel nicht ein Kraftwerk stehen.

    Lese gerade ein sehr interssantes Buch von Nahum Goldmann:

    „Israel muss umdenken“

    Der Typ war schon vor 40 Jahren weiter als wir alle heute.

    Tenor: Israel muss umdenken, sonst geht es drauf.

    Dort steht auch drin, dass alles was in Israel an Technik gibt (Brücken; Schiffe, Kraftwerke) von den Deutschen! bezahlt wurde.

    Also nix aus eigener Kraft.

  3. Jo, @Sebastian… GERADE wenn es so seien sollte, wie es Nahum Goldmann deiner Ansicht nach gesagt hätte, sollte es, ob` deines Eintrages zu bzw. über ihn und im Kontext zu Grass und dem Iran, auch so bleiben. – Auch wenn dir dann bestimmt die Kohle für deine Flat-Rate ausgehen könnte oder dein Kühlschrank leer bleibt…

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