Grass – der Sarrazin für Israelkritiker?

Droht Deutschland nach der Sarrazin-Debatte nun eine Grass-Debatte, die möglicherweise noch unappetitlicher wird? Jein, denn neben einigen Parallelen gibt es auch große Unterschiede.

Von Patrick Gensing

Während sich die Kommentatoren in den Zeitungen – im Gegensatz zur Sarrazin-Debatte – im Fall Grass überwiegend einig sind, dass der Nobelpreisträger mit seinem Gedicht über den Aggressor Israel ein beachtliches politisches Unwissen sowie peinliche Selbstverliebtheit bewiesen hat, überschlägt sich in den Netzforen die Begeisterung darüber, dass es dem „Juden unter den Staaten“ endlich einmal gezeigt wurde.

„Die da oben…“

Legitime Israel-Kritik? Rechte "Antizionisten" in Aktion (Foto Marek Peters)

Ähnlich zur Sarrazin-Debatte ist auch bei Grass` die Selbststilisierung als mutiger Tabubrecher zu beobachten, der sich nicht von angeblichen Sprechverboten aufhalten lasse. Bei Sarrazin war dies besonders absurd, da er sich der Massenmedien bediente, um seine kruden Thesen zu verbreiten und sein Buch zu bewerben. Auch Grass setzt auf große Medien, erntet aber schärfere Kritik und mehr Widerspruch – vor allem auch bei den Meinungsführern von BILD und Spiegel, die in Sachen Sarrazin Volkes Meinung teilten und noch befeuerten.

Viel Zustimmung also vom armen, von den Juden bevormundeten und von Israel bedrohten kleinen Deutschen, Widerspruch von den Kommentatoren in den Medien – aus der Wissenschaft sowieso: eine schwierige Situation, denn das Bauchgefühl von „Otto Normalverbraucher“ und die Verschwörungstheorien behaupten stets, es gebe eine gleichgeschaltete Medienlandschaft, was durch die fast einhellige Verurteilung von Grass Befindlichkeitsversen scheinbar bestätigt wird. Sarrazin konnte sich der Unterstützung großer Teile der Bevölkerung und vieler Medien sicher sein, nur die „naiven Gutmenschen“ störten die deutsche Gen- und Gemüsehändlerdebatte. Dennoch strapazierte Sarrazin einen historischen Vergleich, um die Kritik an seinen Thesen als unredlich zu disqualifizieren:

In einem Gastbeitrag in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung im Dezember 2010 warf Sarrazin Kritikern wie Bundeskanzlerin Angela Merkel und dem damaligen Bundespräsidenten Christian Wulff vor, sich wie „deutsche Inquisitoren“ zu verhalten: „Die Bundeskanzlerin eröffnete den Reigen und setzte mein Buch auf den Index, so wie es früher die Heilige Inquisition tat.“ Sarrazin vertrat die Meinung, er hätte, wenn gewollt, eine „Staatskrise auslösen können“ und sprach von Feinden „in Politik und Medien“.

Gleichschaltung der Meinung 

Grass benutzt einen historischen Vergleich, der die NS-Zeit glatt verharmlost: Grass fühlt sich nach der heftigen Kritik an seinem Israel-Gedicht zunächst missverstanden und unterstellt seinen Gegnern zudem Methoden, die von den Nazis verwendet wurden. Es sei ihm „aufgefallen, dass in einem demokratischen Land, in dem Pressefreiheit herrscht, eine gewisse Gleichschaltung der Meinung im Vordergrund steht“, sagte der 84-Jährige in einem NDR-Interview. Zudem beklagte Grass eine Kampagne und Rufmord.

Er warf den Medien vor, nicht auf das Inhalt des Gedichts einzugehen, was ebenfalls eine beachtliche Realitätsverweigerung dokumentiert, schaut man sich die zahlreichen Analysen von Grass` Gesagtem an. Sarrazin argumentierte ähnlich, in der FAZ schrieb er: „Gleichwohl hat die beispiellose Medienkampagne mit ihren verleumderischen Zügen einen Rufschaden bei einem Teil jener Zeitgenossen produziert, die sich für das Buch und seine Inhalte nicht weiter interessierten.“ Grass und Sarrazin umgehen mit der Behauptung, es gebe keine sachliche Kritik, auf die vorgetragene Kritik einzugehen.

Argumente spielen keine Rolle

Argumente, in den zahlreichen Kommentaren und Analysen vorgetragen, warum Grass` lyrischer Erstschlag  vollkommen daneben ist, spielen also keine Rolle mehr, wie sie ohnehin keine Rolle spielen – denn es geht um Gefühle – so übrigens auch bei Sarrazin. Meinungsführer wie Sarrazin und Grass liefern ihren Anhängern die Bestätigung für die eigenen dumpfen Vorurteile oder Ressentiments, sie sind die Könige der Netztrolle. Wer Grass` Schuldabwehr kritisiert, wird mit angeblichen oder tatsächlichen Verbrechen der Israelis gegen Palästinenser konfrontiert. Die Islamkritiker warfen ihren Kritikern vor, sie wollten sich moralisch erhöhen; die Israelkritiker haben die Moral bereits gepachtet.

Sarrazin auf den Seiten der NPD (Screenshot vom 11.9.2010)
Sarrazin auf den Seiten der NPD (Screenshot vom 11.9.2010)

Die Islamkritik stützt sich auf dumpfe Vorurteile in einer entsicherten  Gesellschaft, auf ein verrohendes Bürgertum und auf sich radikalisierende Konservative, die gegen ihre Bedeutungslosigkeit ankämpfen – unterstützt von Medien, die ein gutes Geschäft auf Kosten von Migranten wittern. Seit Breivik ist es allerdings deutlich ruhiger um die „Islamkritik“ geworden. Und Griechen und Schweizer ziehen einfach nicht so als Feindbilder.

Die Islamkritik ist ein europäisches Phänomen, das auf gemeinsamen Vorurteilen basiert, während das Ressentiment des Antisemitismus eine jahrhundertealte Tradition hat und im Holocaust gipfelte, sich danach durch Schuldabwehr und -relativierung äußerte. Allerdings nimmt die rassistische Islamkritik mittlerweile durchaus Züge eines Ressentiments an, wenn allen Muslimen unterstellt wird, sie seien Teil eines gigantischen Plans zur Weltherrschaft, auch durch das Tarnen mit aufklärerischen Motiven sowie der Solidarität mit Israel versuchen sich Rechtspopulisten, eine moralische Basis für ihren Rassismus zu bauen. Vorurteile lassen sich möglicherweise durch Fakten und eigenes Erleben bisweilen noch bekämpfen, ein Ressentiment braucht hingegen gar keinen Bezug zur Realität mehr. Der Staat Israel spielt für die meisten Bundesbürger im Alltag keine Rolle, außenpolitische Themen sind den meisten herzlich egal – außer, wenn es um Israel geht. Woran das wohl liegt?

Mit letzter Tinte auf die richtige Seite der Geschichte

Grass muss sich nicht einmal mehr – wie Sarrazin – pseudowissenschaftlicher Erkenntnisse bedienen, er behauptet einfach so, Israel plane einen nuklearen Erstschlag gegen den eigentlich friedlichen, nur etwas vorlauten Iran. Dass die iranische Führung generell gegen den jüdischen Staat hetzt, während Israel mit einem Militärschlag gegen Atomanlagen droht und nicht die staatliche Existenz des Iran in Frage stellt, spielt bei Grass keine Rolle, er dreht diese Tatsache schlicht um. Ein atomarer Erstschlag gegen den Iran stand allerdings bislang nirgendwo auch nur ansatzweise zur Debatte – Grass hat sich dies in seinem Lübecker Zuhause offenkundig schlicht ausgedacht, da seine Strategie, endlich auf der Seite der Guten zu stehen, sonst nicht aufgeht.

Die niederländische Zeitung de Volkskrant: Gerade jemand, der die Uniform der Waffen-SS getragen hat, ist eine Art Erfahrungsexperte auf dem Gebiet der Bedrohung des Weltfriedens. Dass das Gedicht an sich nicht besonders gut ist, hat mit dem Genre zu tun, es ist Agitprop.

Das deutsche Volk jubelt Grass zu, denn eigentlich weiß es ja jeder gefühlsmäßig: Israel ist böse. Und da tut es, besonders als Deutscher, verdammt gut, endlich auf der richtigen Seite zu stehen, um einen neuen Holocaust, nämlich die Vernichtung des iranischen Volkes durch die Juden, verhindern zu können. Das ist der Unterschied zwischen Sarrazin und Grass: Sarrazin setzte auf offensichtliche Vorurteile gegen tatsächlich vorhandene Migranten. Der Nobelpreisträger legt beim Schälen der Kartoffel nun das Innere frei. Was unter der dünnen Schale der Zivilisation hervortritt, ist erschreckend – aber leider auch nicht überraschend.

Siehe auch: Beim Schälen der KartoffelNeues von der Waffen-SS

35 thoughts on “Grass – der Sarrazin für Israelkritiker?

  1. Mit den Drucksachen vom 4.11.2008 (16/10775, 16/10776) beschlossen alle Bundestagsfraktionen die „Arbeitsdefinition von Antisemitismus“ des BDIMR/OSZE (engl. ODIHR/OSCE) für die Arbeit staatlicher Behörden zu
    empfehlen. Somit gilt diese Definition als eine von allen im Bundestag vertretenen Parteien als derzeit anerkannte Antisemitismusdefinition.
    http://fra.europa.eu/fraWebsite/material/pub/AS/AS-WorkingDefinition-draft.pdf

    Folgt man den Kriterien dieser Definition (Stichworte: doppelter Standards und Dämonisierung), sind die Zeilen von Günter Grass in der SZ – jenseits dessen, ob er selber ein geschlossenes antisemitisches Weltbild hat – antisemitisch.

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