Rechtsextreme machen Jagd auf mutmaßlichen Täter

Auf einer bekannten rechtsextremen Internet-Seite ist der vollständige Name eines 18-Jährigen veröffentlicht worden, der mutmaßlich in Emden ein elfjähriges Mädchen ermordet hat. Die Rechtsextremen konnten bei ihrer Suche zahlreiche Informationen aus den Medien benutzen.

Von Patrick Gensing, zuerst veröffentlicht bei tagesschau.de

Der Fall der ermordeten elfjährigen Lena hat in den vergangenen Tagen heftige Debatten über Lynchaufrufe im Internet entfacht. Nun veröffentlichten Rechtsextreme auf einer bekannten Internet-Seite den vollständigen Namen des mutmaßlichen Täters.

Die Rechtsextremen hatten das Profil des 18-Jährigen auf Facebook gefunden und dieses mit Informationen und Bildern aus den Medien abgeglichen. Besonders betont wurde dabei ein Interview der Sendung „RTL explosiv“ mit einem Bekannten des mutmaßlichen Täters, der Details über den 18-Jährigen verbreitete. Zudem benutzten die Rechtsextremen TV-Bilder, beispielsweise von „Spiegel-TV“, die zwar verpixelt wurden, aber angeblich zur Identifizierung ausreichten.

Hetze gegen „Kuscheljustiz“

NPD-Propaganda für die Todesstrafe von "Kinderschändern"
NPD-Propaganda für die Todesstrafe von "Kinderschändern"

Die Rechtsextremen benutzen das Thema sexuelle Gewalt gegen Kinder immer wieder für ihre Propaganda – insbesondere um vor einer vermeintlichen „Kuscheljustiz“ zu hetzen. So heißt es auf der rechtsextremen Internet-Seite, man habe den vollen Namen veröffentlicht, weil es zuvor zahlreiche entsprechende Urteile gegeben habe. Die Rechtsextremen bezeichnen die Veröffentlichung des Namens als einen ersten „Schritt in Richtung zivilcouragierten Protests“.

Wegen der Lynchaufrufe im Netz gegen den zunächst verhafteten 17-Jährigen, der später als unschuldig freigelassen wurde, wird bereits ermittelt. Nach der Veröffentlichung des Namens des mutmaßlichen Täters dürfte nun auch die rechtsextreme Internet-Seite, die gute Kontakte zu NPD-Funktionären pflegt, in den Fokus geraten.

Einfache Lösungen

Sexualisierte Gewalt gegen Kinder ist das Thema, mit dem Rechtsextreme, auch die NPD, bisweilen ihre politische und gesellschaftliche Isolation durchbrechen können. Die einfache Lösung („Todesstrafe“) bei einem höchst emotionalen Thema kommt bei vielen Menschen an. Rechtsextreme hatten bereits mehrere Demonstrationen gegen „Kinderschänder“ initiiert oder maßgeblich beeinflusst.

Das Thema ist in der rechtsextremen Bewegung äußerst populär, in Hunderten Liedern wird zur Selbstjustiz gegen „Kinderschänder“ aufgerufen. Dadurch wähnen sich die Rechtsextreme als moralisch integer und präsentieren sich als verantwortungsbewusst und kinderfreundlich. Zudem wollen sie den Rechtsstaat als unfähig darstellen, weil er angeblich zu lasch gegen Sexualstraftäter vorgeht. Dabei geht es allerdings nur vordergründig um das Wohl des Kindes, wie ein Text aus einem rechtsextremen Lied exemplarisch zeigt:

„Die Seele des Mädchens ist gebrochen / es wird von Psychologen gesprochen / doch Psychologen brauchen wir nicht / denn bald halten wir Gericht!“

Die Rechtsextremen wollen sich also als Ordnungsmacht, als Gericht aufspielen, so wollten sie auch bereits „Bürgerwehren“ organisieren, um die Wohnungen von tatsächlichen oder angeblichen Sexualstraftätern zu belagern. In mehreren Bundesländern musste die Polizei in den vergangenen Monaten Sexualstraftäter oder Verdächtige zudem vor Angriffen von ganzen Gruppen schützen.

„Keine Ahnung vom Thema“

Dabei zeige bereits die Parole „Todesstrafe für Kinderschänder“, dass die Rechtsextremen von dem Thema keine Ahnung hätten, betonte Ursula Enders, Leiterin der Beratungsstellte „Zartbitter“. Wer das Wort benutze, disqualifiziere sich fachlich, so Enders im Gespräch mit tagesschau.de. Denn dies bedeute, die Opfer lebten fortan in Schande – damit verletze man die Opfer.

Durch die Forderung nach drakonischen Strafen werde es den Opfern zudem erschwert, über das erlebte Leid zu sprechen, betonte Enders. „Wenn wir in Fällen von sexuellen Missbrauch sofort Anzeige erstatten müssen, werden sich viele Opfer uns nicht mehr anvertrauen, weil sie Angst haben, selbst angezeigt zu werden“, gab Enders zu Bedenken. Denn beispielsweise in der Odenwaldschule hätten Täter mehrere Kinder in sexuellen Missbrauch verstrickt, daher fürchteten Kinder, sie würden auch bestraft. „Die Täter sagen dann, du hast es ja auch getan“, betonte Enders diese besondere Täterstrategie, die zumeist auch erst später aufgedeckt wird – so auch im Fall der Odenwaldschule.

Zudem seien drakonische Strafen kontraproduktiv, da Opfer diese nicht verantworten wollten, so Enders, da die meisten Täter aus dem sozialen Nahbereich der Kinder kämen – also Freunde der Familie, Verwandte, Mitarbeiter von Institutionen.

Siehe auch: Der Mob

10 thoughts on “Rechtsextreme machen Jagd auf mutmaßlichen Täter

  1. Der Mob möge sich klarmachen, was der Beruf des Henkers bedeutet. (In Zeiten der Gendergerechtigkeit natürlich auch der Henkerin.) Und zwar nicht nur für den Delinquenten, sondern für den Ausführenden selbst. Wie schauts aus mit dem Partygespräch über die reizenden Kinderchen, wenn Töchterchen jetzt endlich eine Ausbildung zur Vollstreckerin macht und schon sooo stolz ist, daß sie neulich das erste Mal dabei sein durfte?

    Abgesehen davon kann man nicht gleichzeitig behaupten, „für Todesstrafe“ zu sein (also für eine gesetzliche Regelung) und Lynchjustiz propagieren (also spontane Rache über das Gesetz stellen). Das ist noch nicht einmal dann logisch, wenn man Todesstrafe akzeptabel findet.

    Aber mit Logik haben Ultrarechte ja wohl öfter mal ernste Probleme. (Nicht nur sie, ich weiß – aber von der Seite fällt es mir schon überdurchschnittlich häufig auf.)

  2. Mal wieder aus dem Kontext gerissen, Herr Gensing.

    In der Liedzeile ist der Psychologe gemeint, welcher sich so lieb immer um die Kindermörder kümmert.

    Und überhaupt: Ob Kindermörder oder Kinderschänder. Worte sind nur Schall und Rauch….

  3. Find ich toll, dann hätte der Beamte den Täter bei seiner Selbstanzeige letztes Jahr einfach standrechtlich erschossen und alles wäre gut.

    Also ehrlich, da will jemand seine gefährlichen Neigungen bekämpfen, und unser Staat protokolliert das auf der unsichtbaren Schreibmaschine, um mal Chief Wiggum zu zitieren.
    Wenn jemand für den Tod des Mädchens verantwortlich gemacht werden kann, dann eine Staatsmacht die Prävention mit der Bemerkung von sich schiebt, man könne erst was machen, wenn es schon zu spät ist.

    Die Zahl der Opfer dieses einzelnen Verbrechens ist schockierend.

  4. Eure Solidarität mit perversen Kindermördern ist bedenklich und macht mir Angst!

  5. Wieso nicht? Der Täter hat gestanden. DNA ist fix. Bei solchen schweren Vergehen besteht öffentliches Interesse und die Nennung des Namens ist nichts besonders bei solchen Taten. Im Übrigen hatten andere Medien schon vorher den Namen genannt und die Rechten sind nur darauf angesprungen.

    Ich erinnere mal an die die mutmaßliche Terrorhelferin Beate Z, deren Name von Anfang an voll (von allen Medien) genannt wurde obwohl sie bisher schweigt.

    Wir wollen ja niemals nicht mit 2erlei Maß messen.

    Aber vielleicht überlegen die Leute mal bevor sie andere vorverurteilen udn lynchen wollen. Fast wäre es soweit gewesen und ein Unschuldiger wäre ermordet worden von einem Mob

  6. PS:

    Ich wurde als Kind mißbraucht und bin gegen die Todesstrafe.

    Nicht aber aus moralischen Gründen. Ganz bestimmt nicht. Sondern nur der tatsache geschuldet das die Todestrafe vom Staat mißbraucht werden kann und das Unschuldige hingerichtet werden könnten.

    Nur aus diesem einen Grund, aber ich finde es gibt keinen Besseren.

  7. Jeder Täter, der die Todesstrafe wünscht, kann diese provozieren. Nennt sich „Suicide by cop“.

    Wer Todesstrafe will, soll in die USA auswandern, oder nach China, von mir aus auch nach Somalia. Hauptsache raus aus meinem Land, ihr Pfeifen.

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