Der Mob

In Emden ist ein Mädchen ermordet worden. Der Fall wird in der Öffentlichkeit maximal ausgeschlachtet – aus Sensationsgier. Die Polizei führte einen 17-jährigen als Verdächtigen ab – öffentlich in Handschellen. Im Netz und auf der Straße formierte sich derweil der Lynchmob.

Von Jesper Olsen

Ein fürchterliches Sexualverbrechen, ein Bürger-Mob, der zur Selbstjustiz aufruft, sensationslüsterne Medien: In Emden ist deutlich geworden, wie Trauer und Empörung schnell in Vorverurteilungen und Lynch-Stimmung umschlagen können.

Ein 17-Jähriger war am Dienstag festgenommen worden, wie zunächst Nachbarn des Jugendlichen im Netz verbreitet hatten. Auf Basis dieser Quelle übernahmen zahlreiche Medien diese Information und machten sie zur Nachricht, Bild.de meldetet, ein Zeuge habe den 17-Jährigen auf einem Überwachungsvideo, das die Polizei veröffentlicht hatte, erkannt. Die Nachrichtenagentur dapd will erfahren haben, dass ein 15-Jähriger den Jugendlichen auf dem Video an seinem Gang (!) erkannt habe.

In den Medien, Zeitungen, Online-Plattformen und Nachrichtenagenturen war fortan von einem mutmaßlichen Täter die Rede, obgleich die Polizei noch nicht einmal einen dringenden Tatverdacht bestätigt hatte. Zudem wurde die Adresse des Verdächtigen im Netz veröffentlicht, vor dem Haus des Jugendlichen versammelten sich Schaulustige, eine Art Straßenfest.

Gezielt schürt die NPD Ängste bei Familien.

Wo Wut über ein Verbrechen an einem Kind herrscht, sind Menschen, die diese Wut instrumentalisieren wollen, nicht weit. In den vergangenen Wochen hatten bereits in Leck und Oldenburg Rechtsextremisten Wohnungen von „Kinderschändern“ belagert und wollten diese stürmen. Dabei konnten sie auf Unterstützung aus der Nachbarschaft zählen.

Zeitdruck

Die Polizei in Emden geriet derweil unter Zeitdruck, da sie den Verdächtigen nur eine begrenzte Zeit ohne Haftbefehl festhalten darf. Spätestens am Tag nach der Festnahme muss der Beschuldigte einem Haftrichter vorgeführt werden. Doch der Jugendliche schwieg. Am Mittwochabend beantragten die Ermittler dennoch einen Haftbefehl, der nach kurzer Zeit auch erlassen wurde, wie ein Sprecher des Amtsgericht der Öffentlichkeit mitteilte – ohne weitere Details. Für den Donnerstagmittag setzte die Polizei dann eine Pressekonferenz an, um das große Medieninteresse an dem Fall zu bedienen.

Doch noch am Mittwochabend berichtete der Focus, der Beschuldigte stehe im Verdacht, das Mädchen zur Verdeckung einer Straftat getötet zu haben. Zuvor soll der 17-Jährige nicht näher bezeichnete sexuelle Handlungen an seinem Opfer verübt haben, wie der Direktor des Emder Amtsgerichtes laut Medienberichte sagte. Der Jugendliche habe die Tat aber nicht gestanden. Es müssten noch DNA-Spuren ausgewertet werden. Die Nachrichtenagentur dapd berichtete derweil von einer Art Straßenfest vor dem Haus des Verdächtigen und benannte sogar den Emder Stadtteil, in dem der Jugendliche in einem „dreigeschossigen Mietshausblock“ wohnt. Welchen Mehrwert diese Information für die Öffentlichkeit bringt, ist unklar.

In der Pressekonferenz berichtete die Polizei dann, der Jugendliche habe widersprüchliche Angaben gemacht und verfüge über kein Alibi, streite die Tat aber ab. Indizien hätten zu Festnahme und Haftbefehl geführt, welche dies gewesen seien, wurde nicht weiter ausgeführt. Der Staatsanwalt war sich seiner Sache wohl nicht mehr so sicher angesichts der  Beweislage  und der öffentlichen Hysterie – und warnte vor einer Vorverurteilung.

Rechtsextreme punkten im Netz mit Parolen gegen "Kinderschänder".
Rechtsextreme punkten im Netz mit Parolen gegen "Kinderschänder", andere versuchen, darüber aufzuklären.

Da war es längst zu spät: Im Internet (und auf Autohecks) sind Forderungen nach der Todesstrafe für „Kinderschänder“ ohnehin bereits normal, in Emden fielen die Parolen auf einen fruchtbaren Boden. „Hängt ihn!“ und andere Parolen sollen Bürger gerufen haben, als der Jugendliche dem Haftrichter vorgeführt worden war. Ein Mob wollte die Polizeistation stürmen, um den Verdächtigen zu lynchen.

Hintergrund: Forderung nach Todesstrafe nützt den Opfern nicht

Allerdings hatte die Polizei selbst im Netz fahndet – und so den Gewalt-Shitstorm mit entfacht. Und was sollen Internet-Nutzer aus Bayern, Berlin oder Brandenburg  überhaupt Gewinnbringendes zu einem Video aus einem Parkhaus in Emden beitragen? Allerdings wollten viele Menschen in den sozialen Netzwerken auch schlicht ihre Trauer und Fassungslosigkeit über das Verbrechen ausdrücken. Doch immer wieder mischten sich Hassparolen darunter.

Abgründe mitten in der Zivilisation: Auf der FB-Kondolenzseite lässt der Bürger seinem Hass freien Lauf.
Abgründe mitten in der Zivilisation: Auf der FB-Kondolenzseite lässt der Bürger seinem Hass freien Lauf.

Am Freitag dann die Wende: Der 17-Jährige wurde aus der U-Haft entlassen. Er könne als Täter ausgeschlossen werden, teilten Polizei und Staatsanwaltschaft mit. Die Gewerkschaft der Polizei forderte derweil, wer hinter den „Lynchaufrufen steckt, muss die volle Härte des Gesetzes zu spüren bekommen“. Es dürfe nicht toleriert werden, dass „einige soziale Netzwerker glauben, in unserem Rechtsstaat Wild-West-Methoden wiederbeleben“ zu können. Allerdings sind es keine „sozialen Netzwerker,“ die da wüten, sondern Menschen und Bürger, die sogar soweit entsichert sind, dass sie angeblich fast eine Polizeiwache stürmen wollten. Die GdP erklärte, in einem solchen Mordfall arbeiteten die ermittelnden Beamten unter enormen Zeitdruck und unter dem Brennglas von Medien und Bevölkerung. Die „aufgebrachte Menschenmenge“ vor der Polizeiinspektion sorge für eine „zusätzliche, unnötige und nicht zu akzeptierende Störung“.

Linktipp: Nazis den Wind aus den Segeln nehmen – Informationsbroschüre zum Thema sexueller Missbrauch

Nun wird spekuliert, der Haftbefehl sei wackelig gewesen, doch wegen des öffentliche Drucks sei er erlassen orden.  Nun muss sich die Polizei fragen lassen, warum sie einen Jugendlichen, gegen den Indizien vorlaen, in Handschellen vorführte. Dieser 17-Jährige, öffentlich als „Schwein“ und „Unmensch“ beschimpft, vom Mob zum Lynchen freigegeben, dürfte durch die Hölle gegangen sein. Ganz zu schweigen von dem unermesslichen Schmerz der Angehörigen des toten Mädchens, die nun auch noch dieses unwürdige Schaupiel und die reißerische Berichterstattung ertragen müssen.

Die gute und die schlechte Welt

Das Internet funktioniert nicht losgelöst von der „echten“ Welt, es ist ein Resonanzkörper der Gesellschaft.  Die Idee, es gebe die guten Bürger in den ordentlichen deutschen Wohnstuben, die brav die tagesschau schauen – und im Gegensatz dazu eine Vorhölle namens Internet, ist nichts als riesiger Unsinn und eine reine Wunschvorstellung von Menschen, die  Missstände nicht wahrhaben wollen, sondern sie mit „dem Internet“ erklären.

Es gibt übrigens einen Merksatz, der wurde im Netz geprägt – und gilt auch für die alten Qualitätsmedien, die so gerne über die Schlechtigkeit des Netzes klagen, aber selbst die Exzesse dort schüren: Wenn man keine Ahnung hat, einfach mal die Fresse halten! Damit wäre bisweilen schon viel gewonnen.

Siehe auch: EU-Diplomatie: Mit toten Kindern gegen Israel, Bürger und Rechtsextreme gegen “Kinderschänder”, Die Rechte und der Missbrauchsskandal, Nazis den Wind aus den Segeln nehmen – Informationsbroschüre zum Thema sexueller Missbrauch, “Chemische Kastration einführen” – NPD-Antrag abgelehnt, Neonazis fordern “höchste Strafe für Kinderschänder”