Kein Konzert mehr ohne Nazis?

Bei einem Überfall auf mehrere Konzertbesucher sowie -veranstalter in Delitzsch (Sachsen) in der Nacht vom 17. auf den 18. März sind mehrere Personen teils schwer verletzt worden. Ein junger Mann aus Tschechien könnte sogar teilweise sein Augenlicht verlieren, er liegt noch immer im Krankenhaus. Die Stadt zieht offenbar ihre ganz eigenen Schlüsse aus dem rechtsextremen Überfall: Konzerte, zu denen Neonazis nicht kommen dürfen, solle es nicht mehr geben. Die Stadt weist die Darstellung zurück.

Radio Corax schreibt in einer Pressemitteilung, die Aufarbeitung des Überfalls seitens der Stadtverwaltung sei skandalös. So sei der Veranstalter des Ska-Konzertes in die Stadtverwaltung geladen worden, dort hätten ihm Vertretern des Ordnungsamtes, der Polizei sowie der Bürgermeister und der Oberbürgermeister der Stadt Delitzsch eröffnet, dass er zukünftig keine Konzerte mehr in der Stadt veranstalten solle, bei denen Neonazis ausgeschlossen würden.

Plakat für das Konzert in Delitzsch
Plakat für das Konzert in Delitzsch

Zudem warfen ihm die Stadtvertreter den Angaben zufolge vor, er trüge die eigentliche Verantwortung für den Überfall und stelle durch sein Bekenntnis, dass Nazis auf von ihm veranstalteten Konzerten unerwünscht seien, eine „Gefährdung der öffentlichen Sicherheit“ und des „sozialen Friedens“ in Delitzsch dar. „Anstatt ein klares Bekenntnisses zu einer Vielfalt der Jugendkulturen und gezielten Maßnahmen um die Situation in der Stadt zu ändern, spielt die Stadtverwaltung den Neonazis in die Hände, indem sie alternative bzw. nicht-rechte Jugendkultur unmöglich macht“, kommentiere Radio Corax, und weiter: „Der vermeintliche Lösungsansatz ist so einfach wie skandalös: Ohne existierende „Feindbilder“ gebe es folglich auch keine rechte Gewalt. Weiterhin wird seitens der Behörden versucht, eine für Sonntag angemeldete antifaschistische Demonstration in Delitzsch im Sinne der „Wahrung des sozialen Friedens“ zu verhindern.“

Die Stadt wies diese Darstellung mittlerweile zurück: „Es kursieren einzelne Behauptungen, die Stadt Delitzsch und der Delitzscher Oberbürgermeister Dr. Manfred Wilde hätten bei einem Gespräch mit dem Konzertveranstalter diesem mitgeteilt, dass derartige Konzerte in Delitzsch nicht mehr stattfinden dürften und die Betroffenen selbst Schuld an dem Vorfall seien. Diese Behauptungen sind gänzlich unwahr.“

„Es macht auch keinen Spaß mehr“

Der Konzertveranstalter Tony Müller erklärte in einem Interview, nach dem Konzert hätten mindestens 20 Neonazis mehrere Personen schwer verletzt, ein Freund aus Tschechien sei mit einer Flasche oder mit einem Schlagring am Auge schwer verletzt worden, so dass er möglicherweise die Sehkraft auf einem Auge verliert. Es sei ohnehin sehr schwierig, als Linker in Delitzsch zu leben, so Müller. Es gebe dort eine sehr große Szene von Neonazis, die Zahl nehme zu. „Es macht auch keinen Spaß mehr“, so Müller, „was jetzt noch passiert, weiß man nicht.“ Immerhin sei ihm viel Hilfe angeboten worden, lokale Medien hätten sich aber kaum  um den Vorfall gekümmert. Müller stellte es offen in Frage, ob er es sich weiter zutrauen könne, Konzerte oder sogar eine Demonstration zu veranstalten.

Müller dankte der Polizei, die in diesem konkreten Fall sofort ermittelt und versucht hat, die Täter zu identifizieren. Die Staatsschutzabteilung der Polizei hat Ermittlungen wegen Landfriedensbruchs und schwerer Körperverletzung eingeleitet. Eine Anfrage an die Stadt zu der Sache läuft derzeit.

Delitzsch hat seit  vielen Jahre ein Nazi-Problem und auch der Umgang mit diesem hat in der sächsischen Kleinstadt Tradition. Im Jahr 2000 wollte der delitzscher Jugendverein „Die Anderen e.V.“  eine Veranstaltung im örtlichen Jugendhaus YOZ durchführen. Das Konzert sollte unter dem dem Motto „Gegen Faschismus“ stattfinden, was von der Stadtverwaltung mit der Begründung, es handele sich um eine „politische Agitationsveranstaltung“ verboten wurde. Nach einer Klage des Vereins gegen dieses Veranstaltungsverbot wurde vom Leipziger Verwaltungsgericht festgestellt, dass der Kurs der Verwaltung rechtswidrig ist und in Folge des Urteils mußte die Stadt Delitzsch die Räumlichkeiten zur Verfügung stellen.

Aus Delitzsch kommt auch Maik Scheffler, der NPD-Vize von Sachsen, der in den vergangenen Wochen beim Konflikt zwischen Partei und „Freien Kräften“ aus der Region eine zentrale Rolle spielte.

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13 thoughts on “Kein Konzert mehr ohne Nazis?

  1. Gestrige Antifa-Demo in Delitzsch.
    Die erste antifaschistische Demo, wo ich im Vorfeld kontrolliert wurde.
    Wer ein Tuch dabei hatte, musste es abgeben. Tuch! Keine Sturmhaube!
    Für die 20 Kilometer von Leipzig brauchten wir viel länger als geplant. Danach die angesprochenen Kontrollen zogen sich nochmals eine halbe Stunde hin. Der Bahnhof voller Nazi-Sticker. Als die Polizei kam, haben es alle sein gelassen, den Mist abzukriegen.
    Die Nazis konnten ihren Protest ohne wirkliche Probleme auf Hör-und Sichtweite kund tun. Es gab nur eine Polizei – „Kette“ zwischen der Demonstration und den Nazis. Wer wollte, lief einfach durch. Da standen dann noch eine Handvoll Uniformierte.
    Eine NPD-Kundgebung wurde verboten.
    Laut Polizei 60 Faschisten.
    Zum Glück waren wir knapp 300.
    Am Ende gab es Tumulte. Ob da Nazis kamen oder die Polizei stresste, weiß ich nicht. Einen von uns haben sie festgenommen. Zack fuhr das Polizeiauto durch die Menge. Irre knapp.
    Da wir mehr als die Staatsmacht waren, haben sie ihn ganz schnell wieder rausgelassen.
    Kein Pfefferspray, Wasserwerfer o.ä. . Nur Knüppel, wenn auch ohne Einsatz.
    Das ist Sachsen, wo CDU und FDP regieren.
    Der beste Spruch auf der Demo war wohl der:
    „Auch wenn sie’s nicht vermuten, wir sind die Guten. Hallo (Winken)“
    Außerdem: „Wir sind aus purer Feindschaft, gegen eure Volksgemeinschaft“
    Danke an die Leipziger Volkszeitung für den Bericht und die Fotos.
    Der MDR, von CDU und FDP gesteuert, hat nicht mal berichtet.
    Über die 600 Leute am Samstag in Leipzig und die Blockade in Frankfurt (Oder) gab es einen 5 Zeiler. Zusammen ! Mit schwerem Grammatikfehler. „Die Beamten Polizisten“
    Wichtig war denen, dass der Chemnitzer FC gewonnen hat. Und zwar im eigenen Stadion, wo Thor Steinar Kleidung getragen werden darf.
    Was ist eigentlich mit dem Mann passiert, der von seinem Balkon „Juden raus“ gerufen hat? Nichts.

  2. Diese Politik nennt man Appeasement.

    Mehr muss man dazu nicht sagen, die Konsequenzen kennen wir aus der Geschichte.

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