Der alte Mann und das Internet

Nicht nur Evangelos Papathanassious Newsfeed quoll gestern über vor überschwänglichen Postings zu Sven Regeners Spontan-Rant zum Urheberrecht. Unseren Gastautor wundert allerdings nicht, dass dieser Beitrag so häufig geteilt wurde, sondern  eher die vorbehaltlose und fast euphorische Zustimmung, auch und gerade von Leuten, von denen man denken sollte, dass sie es besser wissen müssten.

Von Evangelos Papathanassiou, zuerst erschienen bei: Technology is our friend

Um es mal vorweg zu sagen: An vielen Stellen hat Regener recht. Wenn man ihm vorwirft, dass er uncool sei, weil er seine Musik nicht verschenken will, dann ist das Quatsch. Wenn man jemandem vorwirft, er sei eine Nutte, weil er Musik für Geld machen würde, dann ist man ein Idiot. Wenn er sich von solchen Leuten (O-Ton) „ins Gesicht gepinkelt“ fühlt, dann ist das a) tragisch und b) rechtens. Das heißt aber noch lange nicht, dass diese Idioten die Ursache für das sind, was Regener beklagt.

Abgesehen von der peinlichen „Wir Indie-Rocker“ und „Ich weiss, was Rock’n’Roll ist und ihn ausmacht“-Haltung wirkt Regener in dieser Stellungnahme alt. Uralt. Mir ist egal, wann er geboren wurde, und vielleicht ist er sogar jünger als ich. Aber er spricht wie jemand, für den früher alles besser war, und das tun seit Menschengedenken all die, die geistig alt werden, und zwar schon lange, bevor es das Internet gab (wer Lust, kann ja mal „Sokrates Zitat Jugend von heute“ googeln).Regener malt das Bild, das sie alle malen: Musiker verdienen kein Geld mehr, weil man ihre Musik klauen würde. Das ist sicher nicht ganz falsch, aber mindestens auch ebenso sicher nicht ganz richtig. Aus dem Umfeld eines deutschen Rappers wurde mir erzählt, dass einer seiner „Hits“, der bei Youtube weit über 4 Millionen Views hat, weniger als 30.000 bezahlte Downloads erzielte. Das ist deprimierend, wenn man bedenkt, dass man je Download max. 1 Euro bekommt und davon noch viele andere neben dem Künstler verdienen müssen. Davon auszugehen, dass, wenn es Youtube und Tauschbörsen nicht gäbe, man mindestens 500.000 Downloads verkauft hätte – wo es doch so ein populäres Stück ist – wirkt aber ebenfalls deprimierend, und zwar für alle, die an die Intelligenz des Menschen glauben.

Man kann unmöglich auf alle Punkte von Regener eingehen, ohne ein Spontanbuch zu schreiben, aber zu ein paar Highlights muss ich mich unbedingt äußern:

Der Supermarktvergleich
Natürlich ist es eine Frage des Anstands, ob man Musik klaut oder nicht. Der Supermarktvergleich von Regener – man müsste die Haltung haben, auch dort nicht zu klauen, selbst wenn es sicher wäre, dass man nicht erwischt würde – zeigt, dass er nicht nur nicht verstanden hat, dass das Klauen von Musik nur ein (vielleicht sogar sehr kleiner) Teil des Übels ist, das ihn plagt, sondern zeigt auch, dass er noch immer in der komplett analogen Welt festklebt. Ähnlich wie die Filmindustrie, die mir mit jeder anständig bezahlten DVD erst einmal erzählt, dass ich doch hoffentlich kein Autodieb wäre, hat er den Unterschied zwischen dem Entwenden physischen Materials und der verlustfreien digitalen Kopie nicht verstanden. Wer physisches Material klaut, der nimmt es jemand weg. Der Schokoriegel, den ich aus dem Supermarkt mitnehme, ist danach nicht mehr da. Das Musikstück, das ich kopiere, hingegen schon. Es ist dann eben doppelt da. Das ist mit Sicherheit keine Legitimation fürs Klauen. Aber es ist ein bei klarem Geist nicht abzustreitendes Argument dafür, solche hanebüchenen Vergleiche zu unterlassen. „I wouldn’t steal a car, but I’d download one if i could“ war eine genauso behämmerte wie beliebte Replik auf diese eben auch behämmerte Analogie. Dass Regener auch viele Jahre später von dieser Denke nicht runterkommt, ist beschämend. Abgesehen davon hätte jeder, der Musik wie eine physische Ware behandelt, wie ein Buch oder eine Schallplatte, ein T-Shirt oder einen Toaster, gegen den Handel mit gebrauchten mp3s keine Argumente. Think, Regener, think!

„Umsonst“ ist kein Geschäftsmodell
Hier hat Regener uneingeschränkt recht. Allerdings sollte man, wenn man von Geschäftsmodellen redet, auch ein wenig über solche nachdenken. Das Geschäftsmodell, das auf Zwangsbundling von Liedern (in Alben) basiert, bei dem Konsumenten bezahlen für das Binden an physisches Material, den Transport, die Lagerung, den Regalplatz und den Verkauf des Tonträgers in Läden oder den Versand per Post, ist kaputt und dem Untergang geweiht. Und damit genauso wenig ein Geschäftsmodell wie „umsonst“. Das ist für all jene, die damit ihr Geld verdienten – zu weiten Teilen die von Regener gepriesenen Plattenfirmen – wirklich tragisch. Es ist auch für Minolta tragisch, dass alle Menschen Digitalkameras kaufen. Es ist auch für Kodak oder Polaroid tragisch, dass keiner mehr Filme braucht. Und es ist für TDK tragisch, dass keiner Videokassetten und andere Magnetbänder verwendet. Die Produkte sind ausgestorben, ohne dass jemand in großem Stil Disketten, Festplatten oder Digitalkameras geklaut hätte. An die Stelle der alten Waren und Dienstleistungen treten neue, die vielleicht weniger Geld einbringen oder riesige Marktteilnehmer Pleite gehen lassen. Manchmal verschieben sich auch ganze Wertschöpfungsketten derart, dass eine Ware oder Dienstleistung, die früher Geld kostete oder sogar der Margenbringer war, nun umsonst ist oder eben kaum noch Marge bringt. So etwas passiert auch mit der Musik, und so, wie es für mich aussieht, verschiebt sich die Marge bei Musikern zur Live-Performance, während Musik als Datei nur wenig mehr als die Promotion dafür ist – früher war es so, dass Konzerte oder Auftritte mehr oder weniger Promotion für Materialverkäufe waren. Das kann man beklagen. Aber zu denken, daran sei alleine „Musikpiraterie“ schuld, ist mindestens naiv.

Die Musiklandschaft

Sven Regener von Element of Crime (Foto: Arne Müseler / www.arne-mueseler.de)
Sven Regener von Element of Crime (Foto: Arne Müseler / www.arne-mueseler.de)

Zu Haarprobe-Daum-artigem Realitätsverlust kommt es dort, wo Regener deliriös den Rock’n’Roll vertritt und von der Musiklandschaft faselt, die ohne Plattenfirmen nur noch Volksmusik und Rock zulässt. Dieses Bild kann nur jemand haben, der es über 24stündigen ZDF-Konsum ausbildet. Dieselbe Technologie, die den verlustfreien Vertrieb in Echtzeit (und ja, auch das Kopieren und Klauen) von Musik ermöglicht, hat vielen Künstlern, die jetzt Regener eine Statue bauen wollen, überhaupt erst ermöglicht, solche zu werden. Durch die Digitalisierung haben sich die Produktionsmittel und Vertriebswege demokratisiert. Ein Studio, das früher nur an Hardware mehrere hunderttausend Euro kostete, gibt es heute in Kombination von Hardware und Software für wenige tausend Euro. Und nicht wenige der DJs und Produzenten, die jetzt ein Urheberrecht von 1850 wollen, haben ihre Karrieren auf geklauten Ableton- und Reason-Versionen begonnen – oder mindestens mal einen Monat-Trial-Vollversionen davon genutzt, die auch nichts anderes als die Geburt neuer Geschäftsmodelle sind. Und sich dann, wie sich das gehört, eben legale Kopien gekauft. Aber für 1000 Euro. Nicht 200.000. Das wäre nämlich nur mit Miete eines Studios und zwar von der Gnade einer Plattenfirma gegangen, und ein überwiegender Teil derer, die heute von Musik und insbesondere eben Auftritten leben können, hätten brav Lehramt studiert oder ihre Zahntechniker-Ausbildung beendet, anstatt einem A+R in die Hände zu fallen. Für Regener, der sich noch „damals“ durchgesetzt hat, als nur ganz wenige ein heiliges Studio nutzen durften und es nicht mit zwei Keyboards und drei Rechnern im Arbeitszimmer aufstellen konnten, ist das natürlich besonders deprimierend, wenn jetzt jeder Hinz und Kunz professionell klingende Musik machen kann. Aber daraus darauf zu schließen, die Musiklandschaft sei einfältiger geworden, ist vollkommen absurd. Jeder, der Musik liebt, muss die Vielfalt, die Verfügbarkeit unterschiedlichster Musik, die Befreiung vom Diktat von MTV, FormelEins und Radiostationen begrüßen. Wie viel Talent ist in den 70ern, 80ern und 90ern einfach verschwunden, ohne dass wir je etwas davon mitbekommen hätten? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur: weit mehr – also dramatisch weit mehr – als heutzutage.

Youtube

Jetzt merkt man, wie alt Regener ist – und wie sich die Zeiten in etwas mehr als einem Jahrzehnt auf den Kopf gestellt haben. Ignorierte die Musikindustrie in dunklen Limos sitzend die Internet-Heinis in den 90ern noch, ist es jetzt so weit, dass ein Typ meint, uns erklären zu müssen, dass Google ein milliardenschwerer Konzern sei und viel reicher als die armen kleinen Plattenfirmen. Das stimmt und ist in seiner Dramatik, vor allem eben in der Geschwindigkeit, mit der das passiert ist, natürlich beeindruckend. Sich darüber zu beklagen, dass Youtube nichts zu bieten hätte, außer Inhalte, die jemand dort einstellt, zeigt, dass Regener vom Internet ungefähr so viel versteht wie ich seiner Meinung nach wohl von Rock‘n’Roll und dem, was coole Indie-Rocker ausmachen würde: nichts. Das ganze Internet hat nichts zu bieten außer das, was jemand einstellt. That’s the whole point, Regener!

Deswegen ist es so toll, und deswegen ist Youtube so toll. Natürlich soll niemand gezwungen sein, seine Songs oder Videos bei Youtube einzustellen. Natürlich sollte jeder selbst entscheiden, ob er die Sachen dort eingestellt wissen will oder nicht. Und natürlich ist es legitim, von Google Geld für professionelle Inhalte zu verlangen. Aber es ist eben genauso legitim, wenn Google sagt: Bei dem Preis eben nicht. Denn was Regener ärgert, ist ja offensichtlich nicht, dass unschuldige junge Leute sich zu Lobbyisten eines Riesenkonzerns machen, sondern dass auf element-of-crime.de 12 Leute seine Videos schauen, während es auf Youtube 1 Million wären. Auch das kann man beklagen, wie man eine Krankheit oder ein Unwetter beklagen kann. Nur Schuldzuweisungen sind fehl am Platz.

Man kann versuchen, seine Geschäftsmodelle auf eine andere Medienlandschaft anzupassen. Viele Basketball-Ligen in Europa bezahlen (!) zum Beispiel TV-Stationen dafür, ihre Spiele zu übertragen, während die Fußballer hunderte Millionen Euro pro Saison bekommen. Das ist unendlich fies und schlimm, aber wenn ich einen englischen Basketballspieler sähe, der darüber weint, weil er doch viel öfter und härter trainieren und spielen würde als ein Fußballer, würde ich ihn auch auslachen. Wann hat Regener das letzte Mal 8 Stunden Iron Man auf Eurosport17 geschaut? Mit Werbung? Weil der Sportler das nicht als „exzentrisches Hobby“, sondern als Beruf ausüben WILL? Das ist ein Markt, Baby, und ich verstehe, dass Regener kein Straßenmusikant sein will. Nur geht es nicht um Willen, sonst wäre ich auch Trilliardär. Die Basketball-Ligen, die Fernsehsender für Präsenz bezahlen, tun das, weil die Vereine auf diese Weise für Sponsoren attraktiver werden. Sie passen ihr Geschäftsmodell an. Es ist Googles Pflicht, Videos zu entfernen, die ohne Rechte eingestellt werden. Das tun sie mittlerweile sehr zuverlässig. Es ist nicht Googles Pflicht, sich Regeners Kopf zu zerbrechen. Das muss er schon selbst. Er muss sich keine Vorwürfe machen lassen, wenn er seine Videos nicht bei Youtube sehen will. Aber er muss damit leben, dass User dort andere Bands entdecken, die sie vielleicht sogar ein bisschen noch geiler finden als Element of Crime.

Die Piratenpartei
Ich wüsste gern den Punkt in dem Progamm der Piraten, wo „freie Downloads für alle“, „tretet Künstlern in den fetten Arsch“ und „wir verachten Indie-Rocker“ steht. Spätestens hier klingt er so, wie ich mir Franz-Josef-Strauss vorstelle, wenn er nachts im Bett über die Grünen oder deren Anfänge sinnierte.

Urheberrecht ist eben nicht nur Musik, Literatur und Film. Es ist auch wissenschaftliche Arbeit, Software und Patente und noch viel mehr. Wer glaubt, wir bräuchten keine Reform dieses Rechtes, die der Veränderung der Medien, der Technologie und der globalisierten Gesellschaft Rechnung trägt, tut mir leid. Das heißt nicht, dass wir gar kein Urheberrecht brauchen. Das heißt auch und erst Recht nicht, dass jeder alles kopieren können darf. Aber dass Regener genau diesen Eindruck erweckt, zu genau dieser Schwarzweißmalerei beiträgt – im besten George-Bush-Style, wer nicht mein Freund ist, ist mein Feind – ist beschämend. Dass er es mit Stammtisch-artigen Beispielen tut, als säße er in der Eckkneipe „Bei Babsi inne Zündkerze“ am Tresen und hätte schon 11 Herrengedecke intus, ist schlimmer als beschämend.

Jetzt hat Regener ja keine vorbereitete Rede gehalten, sondern mal spontan abgekotzt. Ich bin mir nicht sicher, ob man ihm das zu Gute halten soll, weil man emotional schon über‘s Ziel hinaus schießen kann, oder ob das zusätzlich belastend ist, weil das ja ungefilterte und wahre Einstellung zeigt. Klar ist aber, dass sein grundsätzliches Missverständnis darin besteht, dass Piraterie der Grund allen Übels sei. Das ist, wenn überhaupt, maximal die halbe Wahrheit. Musik entwertet sich, so, wie sich viele Industrien durch die Digitalisierung insgesamt entwerten, was das monetäre Volumen angeht (und im Fall von Musik ausdrücklich nicht Quantität und Qualität der Ware). Es ist weniger Geld damit zu machen, weil einfach viele – physische – Teile der Wertschöpfungskette, die Konsumenten früher mitbezahlten, wegfallen. Als Teenie habe ich mehr als mein Taschengeld, nämlich fast alles, was ich mir mit Jobs von Supermarkt-Regaleinräumer bis Kofferanhänger-Lederstanzer verdient habe, in Musik gesteckt. Eine LP unter 20 Mark war ja schon ein Schnäppchen. Mit CDs und dem Euro wurde die Lage nicht anders – nur hatte ich mehr Geld und hab noch mehr ausgegeben. Und aufgrund der Schönheit des Auflegens habe ich teilweise auch damals noch LPs gekauft.

Dann kam die digitale Welt, und weil ich Musik nicht klauen wollte, habe ich meine CDs (und in Teilen in Horror-Arbeit auch meine Vinyls) digitalisiert, und habe dann für Jahre ein Abo bei emusic abgeschlossen: 90 Downloads im Monat, 25 Dollar. Das macht im Schnitt 9 Alben im Monat, zu einem Preis, für den ich früher 1,5 Alben oder eben 2 Maxis bekam. Legal. Nur von Indie-Labels. Und wenn ich etwas von Majors brauchte, habe ich es für 1 Euro je Song bei itunes, später bei Amazon gekauft. Aber selbst das emusic-Abo habe ich gecancelt. 90 Songs im Monat sind zu einfach viel. Ich komme gar nicht dazu, die Musik zu hören, die ich legal besitze, und ohne Shuffle-Funktion wäre ich komplett aufgeschmissen. Und damit hört es ja nicht auf: Allein an dem Vormittag, an dem ich mit dem Regener-Kram in Facebook bombardiert wurde, hatte ich in meinem Facebook-Newsfeed, ungefragt und ungegoogelt, Links zu über 4 Stunden frei downloadbaren Soundcloud-Mixes, die ich auch noch gut fand. Nicht eingestellt von Piraten, sondern von Leuten, die mit Mixes eine Reputation bilden, ihre Radio-Show bewerben, ihre Mixkünste oder Genrekenntnis zur Schau stellen und an anderen Stellen darüber Geld verdienen. Zu deutsch:

Musik wird überverfügbar.

Musik wird vom Zentrum einer ganzen Industrie zur Beigabe für andere, sei es ein DJ, den man buchen kann, eine Liveband wie Deichkind oder Delays Disko, sei es Live-Entertainment allgemein oder eben etwas eigentlich Artfremdes wie ein Smartphone oder Telko-Vertrag. Selbst Coca-Cola hat schon vor Jahren eine 9stellige (!) Anzahl von Downloads von Majors gekauft und belohnt Leute mit freien Downloads, die genug von ihrem Gesöff kaufen. Es gibt freie Downloads, wenn man den richtigen Kaffee kauft. Und es gibt obendrein Internet-Radios. Und Spotify. Und Mixcloud. Und all das ist legal. Es hat mit Piraterie nichts zu tun. Es hat nichts damit zu tun, dass wir Künstlern ins Gesicht pinkeln wollen oder ihre Arbeit nicht wertschätzen. Im Gegenteil: Wer die Zeit vor dem ipod kennt, wird wissen, wie viel weniger Menschen ein echtes Musikinteresse hatten oder Künstler abseits der Billboards gehört haben. Nur haben diese wenigen, die echte Musikfans waren, überproportional viel bezahlt. Die Zeiten sind vorbei, da kann Regener noch so viele Volksmusikteufel an die Wand malen, die es nicht gibt.

Wir müssen andere Wege finden, Künstler zu entlohnen. Die Industrie springt ein mit Werbung und Sponsoring. Die Einnahmen durch Live Gigs steigen seit Jahren kontinuierlich. Ein paar Künstler werden davon leben können, für andere wird Musik ein exzentrisches Hobby sein, so traurig das klingen mag. So, wie die Harry-Potter-Autorin Abermillionen verdient und die besten Lyriker nebenbei Krimis rezensieren, um über die Runden zu kommen, wird David Guetta steinreich und ein Indie-Rocker nebenbei kellnern. Die Lyriker können nicht nach ihrem Willen entscheiden, ob sie für Gedichte entlohnt werden oder nicht, egal, wie genial diese sein mögen. Und die haben kein Piraterie-Problem, sondern das, was die gesamte Musikindustrie hat: ein Angebot- und Nachfrage-Problem. Das Musikangebot wächst aufgrund digitaler Erstellung und Distribution eben derart, dass es gar nicht so viel Nachfrage geben kann, dass alle ein Kuchenstück bekommen, das satt macht. Ich kann nur unter Drogeneinfluss 24 Stunden Musik am Tag hören. Mehr geht halt nicht.

Also: Piraterie ist scheiße. Musik klauen ist scheiße. Und um es klar zu sagen: mache ich nicht. Dennoch weiß ich nicht, wie ich euch mein Geld zukommen lassen soll, wenn ich überall geile Musik in die Hände bekomme, für die ich nicht bezahlen SOLL. Dass Regner nicht versteht, dass illegale Kopien nur ein kleiner Teil des Problem sind, finde ich zwar peinlich, kann ich aber noch irgendwie verstehen. Der alte Mann und das böse Internet. Aber wie viele Menschen, von denen ich dachte, dass sie es besser wüssten, auf diesen peinlichen Rant die Korken knallen ließen, das hat mich schon irritiert.

20 thoughts on “Der alte Mann und das Internet

  1. Ich denke, dass die „Kritik“ am Frust vom Regener ganz irdische und durchaus menschliche Gründe bzw. Züge hat: JEDER der sich aufregt weiß`, dass die Zeiten eines, wie auch immer gearteten, unbezahlten Download oder kopieren (welcher urheberrechtlich geschützten Trägermedien auch immer) dem Ende entgegen gehen und sich u.a. Musiker und Management (wie auch Filmindustrie) wehren.

    Das wohlfeile Monologisieren im Artikel über Google, Youtube, Coca-Cola, „George Bush-Style“, über Geschäftspraktiken usw. kann doch nicht darüber hinweg` täuschen, dass ein elementares Problem von einem Musiker angesprochen wurde (den ich übrigens gar nicht kenne), das jedem halbwegs gebildeten und „zivilisierten“ Menschen aufstoßen müsste: Da gibt es Menschen, die mit ihrem Handwerk ihren Lebensunterhalt verdienen – egal, wie beschissen oder genial (also geschmacksabhängig) der einzelne Kunde diese Ware empfindet -, und dass diese Menschen Angst um ihren Verdienst und den Absatz ihrer Ware haben … Und mehr ist es doch letztendlich auch nicht: Ware.

    Wenn der Autor ellenlang aufführt, wie eben Musiker im digitalen Zeitalter und via neuen Vertriebswegen (u.a. über Werbung und Einbindung in die neuen Medien) zu ihrem Geld kommen können, dann frage ich mich, wofür er dann überhaupt noch die Frage nach neuen Wegen stellt, wobei dann immer noch der Fakt bestehen bleibt, dass ja alle Involvierten und sich gegenseitig Bedienenden für ihre Arbeit bezahlt werden müssen: vom Studiomusiker, Tontechniker, Kameramann, über das Management hin zum jeweiligen Künstler usw. – Und diese Kohle kann eben gerade durch DAS fliessen, was offenbar ständig seitens des Autors kritisiert wird. Und wenn schon einführend der Autor glaubt`, dass ein Hinweis im Vorspann der DVD dümmlich sei und jeder Käufer quasi zum latenten Autodieb stigmatisiert würde, dann sollte er an das jeweilge Management schreiben und auch versichern, dass er nicht zu Denen gehört, die EIN ORIGINAL kaufen und dann als „Kopie“ -zig tausend mal in Umlauf bringen. Allein durch diesen bornierten Pseudo-Sarkasmus hinsichtlich der „Hinweise“ des Autoren auf die Hinweise auf den DVD`s (früher auch auf VHS, BETA usw.), glaube ich, dass der Autor von „Tuten und Blasen“ keine Ahnung hat bzw. diese nicht haben will, und dass er vom eigentlich Problem ablenken möchte, das durch ihn aber durchaus erkannt und noch einmal, stellvertretend für Regener, benannt und auch ganz doll abgelehnt wurde. – Letztendlich weiß ich nicht, WAS der Autor mit seiner Kritik überhaupt bezwecken will`.

  2. Sehr viel recht wütend klingende Argumentation, dafür das Regener´s Form kritisiert wird. Auch sehr viel bekannte Argumentation, z.B. für Musiker müsse das gleiche gelten wie für Programmierer: Programmierer verdienen sehr viel mehr Geld als Musiker. ich denke allein deshalb lässt sich das nicht vergleichen und die Argumentation diese würden viel Energie in Open-Sorce-Projekte stecken hinkt.

    Wenn Leute die wenig bis gar nichts mit der Materie zu tun haben, die Zukunft der Musik bestimmen wollen oder schon direkt vor sich sehen, naja…

    Wenn ein Unternehmensberater für digitale Fragen argumentiert die Musikproduktion bestehe nur in der Übertragung, und das erledigen jetzt die Netzbetreiber, dann ist das seine Perspektive. Sachlich richtig ist es nicht.

    Aber es stimmt, daß wenige Musiker von ihrer Musik leben können. Das ergibt sich, wenn man Studien, statistische Erhebungen und Umfragen vergleicht, ist auf diesem Weg nachweisbar.

    Auch das Beispiel des Rappers, der 30 000 Downloads und 4 Milionen Aufführungen auf Youtube hatte:

    30 000 Downloads würden bei 12 Songs pro Platte 2500 verkauften Platten entsprechen. Das ist nicht viel! Im Major Bereich spricht man von 5000 verkauften Alben erst von einem erfolgreichen Album im Gewinnbereich.

    4 Milionen Abspielungen bei Youtube entsprechen 4 Milionen Radiohörern, die den Song einmal gehört haben, könnte man sagen. Auch das ist nicht so viel das ein Künstler davon leben kann. Eine erfolgreiche Single macht noch keinen erfolgreichen Künstler aus.

  3. @axel/@dejavu/: zugegeben, dass man das journalistisch besser und schlauer machen kann – aber der artikel soll sagen: wer piraterie oder umsonst-mentalität für das zentrale problem hält, und den eindruck habe ich bei regener, liegt mE falsch. sie ist eines der probleme, aber das zentrale thema ist, dass trotz mehr musikkonsum weniger geld im markt ist – und das wäre auch ohne piraterie so. ich selbst etwa klaue eben keine musik, würde aber, wenn ich heutzutage ungefähr so viel geld für musik ausgäbe, wie ich es 1995 ausgab, ein vielfaches – nicht 2 oder 3fach, sondern eher 20-30fach – der musik dafür erhalten. die kann ich aber gar nicht gebrauchen: ich kaufe also weiterhin 3-6 stunden neuer musik im monat, zahle dafür aber nur noch einen bruchteil, und so schrumpft das volumen des marktes insgesamt. dahin hat uns nicht piraterie gebracht, sondern die digitalisierung (ähnliches wird übrigens mit der presse (print) passieren). ich kritisiere nicht, dass [urheber] geld für seine leistung will. ich kritisiere die meinung, dass das geldvolumen im markt wegen illegaler kopien zusammenschrumpfen würde – das ist maximal ein beschleuniger. das monetäre potenzial schrumpft, weil die herstellungs- und vertriebskosten im vergleich zu physischen tonträgern nichtig geworden sind und es sich aufgrund anderer modelle (werbeeinnahmen, 50 konzerte im jahr, werbe- oder gebührenfinanzierte radioshows usw.) für einige marktteilnehmer lohnt, musik umsonst wegzugeben. deshalb verfällt zwar nicht der wert, aber der monetäre preis von musik. man (regener) macht es sich daher mE zu einfach, für diese entwicklung nur umsonstmentalität und raubkopierer oder youtube und google verantwortlich zu machen.

  4. Die Person auf dem im Artikel veröffentlicten Bild ist übrigends nicht Sven Regener, sondern David Young (Bassist bei Element of Crime).^^
    Ich glaube die Tatsache spricht auch für den ganzen Artikel.

    Danke für den Hinweis, korrigiert.

  5. mit aller Toleranz und Respekt habe ich diesen Blogbeitrag gelesen, und ich muss leider feststellen dass er ideologisch auch falsch gefärbt ist.

    Regner hat aller Recht sich aufzuregen, denn es ist seine Arbeit. Er beschwert sich nicht über deine oder „andere“ Arbeiten, sonder über die Verteilung seiner Eingenen. Der Rest und die Vergleiche die er macht sind nur Schmuck – es ist ein gesprochenes Wort (am Telefon), und daher ist es erlaubt. Wenn Du aus dem Kopf sprichst, sagst Du (imporvisiertes Wortmaterial) viel mehr als wenn Du viel Zeit hast und es auf dem Papier zusammenstellen kannst (oder in diesem Blog). Daher nehme ich den Rest nicht allzu ernst.

    Es ist Schade dass keiner drauf eingeht was er über die Apps von PiratenPartei sagt :) da schweigen alle…

  6. @Roger Wieso!? Ich hatte doch was zu Programmierern gesagt! 😉 Ich wollte nur nicht schon wieder deutlich werden. Denn es stimmt ja: Lieber Strukturen kritisieren als Personen… Lösungsansätze statt Feindbildpflege. u.s.w…

    Aber ich finde auch: Man sollte nicht nur gucken was argumentiert wird, sondern auch wer und aus welcher Perspektive heraus argumentiert. Das kann bei dieser Thematik, die unter „ein weites Feld“ zählt hilfreich sein…

  7. Ich denke mal, bei dem Thema Illigale Downloads-Youtube-Urheberrecht (Was eigentlich mehrere Themen sind) spielt einiges an Dingen ein. Ich kann eigentlich beide Seiten verstehen oder nachvollziehen. Die einen die sagen, umsonst ist scheisse und die anderen, die meinen, ist halt da, wird genutzt.
    Und hier beginnt es doch schon. Die meisten, die kostenlos sich mit Musik eindecken, machen es nur, weil es geht. Es ist vorhanden. Sei es Tauschbörse, sei es Sharingplattformen, sei es Youtube u.a.. Im Endeffekt sehen die meisten Musik nicht mehr als wertvolle Kunstform an, sondern eher als ledigliches Konsumprodukt. Ich konsumiere also bin ich. Musik wird doch überall als austauschbare Untermalungslala benutzt, egal ob Pop, Indie oder Klassik, Hiphop, Gothik, Metal, Punk usw.. In der Werbung, im Film, im TV, in den Medien, in Berichten, in Kaufhäusern, im Telefon, als Klingelton…Musik wird dadurch schon mal als beliebig degradiert. Da sind auch Plattenfirmen teilweise selber dran schuld, wenn sie ihre Musik allen preisgeben, die da anklopfen. Insofern ändert sich das Nutzerverhalten der Leute. Fern ab der Debatte ob es legal ist oder nicht kann man das einfach mal nüchtern feststellen. Ich meine, die meisten laden sich die Sachen so in großen Maße runter, dass sie die Trilliarden Songs auf ihrer Platte wahrscheinlich in ihrem Leben eh nie hören werden, geschweige denn bewusst konsumieren werden können oder dazu in der Lage sind. Die Frage wäre da auch, ob den Plattenfirmen überhaupt ein wirklicher Verlust entstanden ist, weil die Frage im Raum steht, ob die Leute die Sachen überhaupt wirklich gekauft hätten. Vorallem, wenn CD’s um die 20 Euro kosten. Wahnsinnspreise, die teilweise komplett absurd sind. Es gibt Software, die lädt alles nach Schlagwörtern runter, was in diversen Webradios in diverser Qualität gerade läuft. Die Leute werden das nie alles hören in ihrem Leben aber es ist einfach möglich, sowas zu machen. Und es wird auch immer möglich sein, dessen muss man sich bewusst sein. Man kann es nicht verhindern.

    Die Frage ist, wie man damit umgeht? Sich darüber aufregen? Oder versuchen einen Weg zu finden, damit zu spielen und es für sich zu nutzen. Als Band kann man Youtube als Werbeplattform nutzen. Konzertmitschnitte usw.. Das kann man gesteuert da reinstellen als Werbung für sich als Beispiel für Eigenwerbung. Die Vermarktung der eigenen Produkte (Mp3, Wav oder CD, Coverartwork, Texte etc.) erfolgt über die eigene Seite mittels Webshop. Entsprechende AGB’s entworfen und den Vertrieb selbst in die Hand genommen. Einfach den Handel übergehen und Direktvertrieb machen. Ergibt andere Preise. Der Handel nimmt doch die meisten Prozente vom Verkaufspreis oder? Das kann man doch umgehen, indem man das selber macht. Via Netzwerken (Facebook und co.) bekommt man sicherlich die Leute am Start, die das aufsetzen und/oder verwalten können inklusive Gestaltung. Damit hilft man sich dann noch gegenseitig. Und preislich gesehen kann der Handel da nicht mithalten. Irgendwie so mal spontan nachgedacht. Sicherlich nicht perfekt aber man muss sich da ein Kopp machen. Hinstellen und meckern ist zwar nachvollziebar, bringt aber nachhaltig nichts. Das Internet macht es doch möglich, dass der Künstler direkt sein Produkt zum Fan bringen kann. Da sollte es doch auch möglich sein, einen Weg zu finden, der alle zufriedenstellen kann.

    Mit freundlichen Grüßen
    Olli

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