Die Rose vom Schloss Bellevue

Immer wenn ich an den frisch gewählten Bundespräsidenten, Joachim Gauck, und die Debatte der vergangenen Wochen um seine Person denke, fällt mir der Ausspruch der amerikanischen Schriftstellerin Getrude Stein ein: „a rose is a rose is a rose!“  Stein formulierte diesen Satz aus Widerstand; sie hatte es satt, dass die Rose literarisch zu mehr gemacht wurde, als sie war.

Von Marjan Parvand*

Ihren Lesern wollte sie durch das Repetitive des Satzes vor Augen führen oder besser noch in Erinnerung rufen, dass die Rose in der Literatur vollkommen überfrachtet wird (die rote Rose als Symbol für Liebe/ die weiße Rose als Symbol für Unschuld / die Dornen der Rose als Symbol für Liebesschmerz). Stein wollte zurück zu den Tatsachen – zurück zur Banalität einer Blume. Nach all den politischen und medialen Debatten über den „richtigen“ und den „falschen“ Bundespräsidenten, über die fast schon übermenschlichen Eigenschaften des Joachim Gauck, über seine immense Weitsicht und Weisheit sowie seine Fähigkeit Deutschland „endlich würdig zu repräsentieren“, möchte ich zunächst einmal zurück zu den Tatsachen – zurück zur Banalität eines Bundespräsidenten.

Joachim Gauck (Foto: Sebastian Hillig / CC BY-NC 2.0)
Fingerpointing mit und gegen Joachim Gauck. Schuld sind die Blogger, Quelle: Internet (Foto: Sebastian Hillig / CC BY-NC 2.0)

Joachim Gauck ist ein Bundespräsident und kein Heilsbringer. Joachim Gauck ist ein Bundespräsident und kein Führer. Joachim Gauck ist ein Bundespräsident und keiner, der von nun an die deutsche Bevölkerung hinter sich einen wird. ZUM GLÜCK! Denn die politische sowie die mediale Debatte um ihn war in den Wochen vor seiner Wahl zu einer Farce verkommen. Gauck wurde so überfrachtet, wie einst die Rose in der Literatur. Fast schien es, als ob nicht nur die Bundesregierung sondern auch die gesamte Medienlandschaft den Ärger mit seinen beiden Vorgängern so satt hatte, dass sie diesem Bundespräsidenten umso mehr Achtung und Respekt entgegenbringen wollte. Der Sorte Politiker überdrüssig, die entweder das politische Berlin nicht ertragen konnten (Köhler) oder dem politischen Berlin unerträglich waren (Wulff), gab es nach den beiden verunglückten Vorgängern bei diesem dritten Anlauf wenig mediale Distanz. Mit dem Ergebnis, dass Gauck  nicht nur jede Menge Vorschusslorbeeren bekam, sondern auch noch so überhöht wurde, wie es letztlich keinem Menschen und auch keinem Bundespräsidenten gut tun kann.

Synchron zu dieser Perwoll-Stimmung bei den Mainstream-Medien gab es die übliche Hyperaktivität im Netz. Nur wenige Stunden nachdem Gauck zum Kandidaten aller Parteien – außer der Linkspartei – erkoren worden war, kursierten nicht nur viele seiner Aussagen im Netz, sondern wurden dort auch in Foren und Blogs diskutiert und kommentiert. Doch so großartig es ist, dass das Internet so viel in so kurzer Zeit an die Oberfläche und damit auch wieder in das kollektive Gedächtnis spülen kann, so wichtig ist es auch, dass das zu Tage beförderte eingeordnet wird. Gauck hat tatsächlich einiges vor allem in Form von Interviews gesagt, was beispielsweise mich als Deutsche mit Migrationshintergrund aufhorchen lässt. Seine Verwendung der Begriffe der „Nation“ und der „Überfremdung“ sind problematisch. Dazu bemerkt Andreas Strippel auf publikative.org:

„Gauck konstruiert die Gemeinschaft gern im vorpolitischen Raum der Kultur und kann so auch seine Überfremdungsphantasien artikulieren. Da ist es kein Zufall, dass die „Junge Freiheit“ ihn gut findet. Gaucks vorpolitischer Volksbegriff ist systematisch offen für die Ideen der neuen Rechten und alten Konservativen, die ja auch gern ihren ideologischen Wust hinter dem Begriff der Freiheit verstecken.“[1]

Komfortabler Schleudersitz: Schloss Bellevue
Komfortabler Schleudersitz: Schloss Bellevue

Kann so ein Bundespräsident jemals auch der Bundespräsident einer Deutsch-Iranerin sein? Vielleicht. Denn es ist auch eine Tatsache, dass Gauck diese Äußerungen vor seiner Zeit als Bundespräsident gemacht hat – als er also noch Privatperson war. In seiner kurzen Dankesrede nach seiner Wahl im Bundestag verwendete er den Begriff des „Wir“ mit deutlich mehr Sensibilität. Ich war froh zu hören, dass er zum einen von der deutschen Bevölkerung sprach, und habe mich gefreut, weil er mehr Differenziertheit in seiner Wortwahl walten ließ, als er dieses „Wir“ näher zu beschreiben versuchte.

„Ermutigend und beglückend ist es für mich auch zu sehen, wie viele im Land sich in der letzten Zeit eingebracht haben und auch mich ermutigt haben, diese Kandidatur anzunehmen. Es sind Menschen ganz unterschiedlicher Generationen und Professionen, Menschen, die schon lange, und Menschen, die erst seit kurzem in diesem Land leben. Das gibt mir Hoffnung auf eine Annäherung zwischen den Regierenden und der Bevölkerung…“[2]

Dennoch werde ich als Deutsche mit Migrationshintergrund jetzt sehr genau hinhören, wenn sich der Bundespräsident gerade zu diesem Themenkomplex äußert. Als Bürgerin berufe ich mich übrigens in solchen Augenblicken auf den Schatz der Demokratie, der auch dem frisch gewählten  Bundespräsidenten so wichtig ist: das Recht auf die Freiheit, die Freiheit der Meinungsäußerung.

*Marjan Parvand ist Redakteurin bei ard-aktuell und gehört zu den Neuen Deutschen Medienmachern.

 


[1]    Quelle: Andreas Strippel: „Welche Freiheit?“ 9. März 2012, www.publikative.org

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