Die Ethik der Erpressung …

… oder: Wie Eintracht Frankfurt beim Versuch der Eindämmung brandgefährlicher Ultras aufs moralische Glatteis gerät.

Von Redaktion Publikative.org

Bengalos beim Spiel Dortmund - Dresden (Foto: Ultras Dynamo)
Häufig Stein des Anstoßes: Pyrotechnik (Foto: Ultras Dynamo)

Unter dem Motto „Spende statt Strafe“ will Eintracht Frankfurt ab sofort „neue Wege“ gehen, verkündet der Verein auf seiner Webseite. Denn: „in der Debatte um Pyrotechnik, Wurfgeschosse, Kollektivstrafen und vermeintliche Fanprobleme“ wolle man „einen neuen, einen anderen Weg einzuschlagen und gleichzeitig die üblichen Aktion-Sanktion-Mechanismen verlassen.“ Was zunächst mal interessant klingt, hat allerdings einen ziemlich großen Pferdefuß: Der Verein möchte nämlich 50.000 Euro an die deutsche Knochenmarkspenderdatei (DKMS) spenden, um damit so genannte „Typisierungen“ zu finanzieren, mit deren Hilfe potentielle Knochenmarkspender registriert werden können, um im Falle eines Falles zur Verfügung zu stehen. Eine Knochenmarkspende ist für an Leukämie (Blutkrebs) erkrankte Menschen oft die letzte Rettung. Aber: Mit jeder DFB-Strafe, die der Verein kassieren sollte, also im Falle des Einsatzes von Pyrotechnik, bei einem Feuerzeugwurf etc.,  werden die 50.000 Euro um den Betrag der Verbandsstrafe gekürzt.

Mit anderen Worten: Wenn die Eintracht-Ultras zündeln, werden eben ein paar hundert Knochenmarkspender-Typisierungen weniger finanziert – und damit potentiell mehr leukämiekranke Kinder ihrem tödlichen Schicksal überlassen. Die Hamburger Ultra-Gruppierung Chosen Few kommentiert dieses Vorgehen zutreffend mit: „Wenn noch mal gezündet wird, stirbt dieser kleine Hund! Oder eben ein krebskranker Mensch, weil mit dem fehlenden Geld ja theoretisch durch eine Typisierung ein geeigneter Knochenmarkspender hätte gefunden werden können. Hier werden todkranke Menschen instrumentalisiert, um Vereinspolitik und Öffentlichkeitsarbeit zu betreiben.“ Dem können wir uns nur anschließen: Was hier mit fragwürdiger Moralisten-PR versucht wird, ist nichts weiter als eine besonders perfide Form der moralischen Erpressung.

Ob darüber hinaus eigentlich noch irgendwem auffällt, dass es seit Lostreten der Gewaltdebatte zu scheinbar immer mehr Gewalt kommt? Wir haben da mittlerweile leider wenig Hoffnung. Dass man mit seinem Strafenkatalog ohnehin an Grenzen stößt, mussten Eintracht Frankfurt und der DFB übrigens erst am vergangenen Freitag erfahren müssen: Trotz eines „Verbots“ von Gästefans waren 500 Dynamo-Anhänger nach Frankfurt gefahren und hatten sich erst im Stadion lautstark zu erkennen gegeben. Ein Bild, das symbolisch für die verquere Sicherheitspolitik des Verbandes steht, denn so schafft man ganz sicher nicht mehr Sicherheit für alle Beteiligten.

Siehe auch: Unsportliches Sportgericht, Ultras: Wer mit dem Feuer spielt, Heiopei der Woche: Hartlap und die Ultra-Geiselnehmer, Fußball, Schwachsinn, DFB, Die Polizei fordert …