Rechter Lifestyle blüht im Osten

In Westdeutschland gibt es in absoluten Zahlen mehr subkulturell orientierte Rechte als im Osten der Republik. Berücksichtigt man jedoch die Gesamtbevölkerungszahl, ergibt sich ein anderes Bild: Im Osten ist der Anteil von Rechten um ein dreifaches höher als im Westen. Dies ergibt eine Auswertung des apabiz der Bestelldaten von rechten Online-Versandhäusern, die nach Hackangriffen öffentlich gemacht wurden.

Aus dem Monitor Nr. 54 des apabiz

Operation Blitzkrieg, Nazi-Leaks, Anonymous: Viel war in der medialen Debatte in den vergangenen Monaten die Rede von Onlineattacken gegen rechte Online-Infrastrukturen. Durch etliche Hack-Angriffe und anschließende Veröffentlichungen sind vielerlei eigentlich vertrauliche Daten publik geworden.

Hacks verunsichern die Szene

Dazu gehören unter anderem eine Spendenliste der NPD, interne Debatten aus Nazi-Onlineforen oder auch eine AutorInnenliste der Wochenzeitung Jun ge Freiheit. Aus juristischer Sicht bewegen sich die Hackangriffe mindestens in einer rechtlichen Grauzone, die meisten dürften durchaus strafrechtlich relevant sein. Welche Wirkung sie, neben der leicht feststellbaren Verunsicherung auf die Rechte selbst haben, bedarf hingegen einer eigenständigen Bewertung. So rangierte die NPD in Sachsen-Anhalt vor den Landtagswahlen 2011 in Wahlumfragen beispielsweise wochenlang oberhalb der Fünfprozenthürde. Dann wurde ein internes Forum gehackt und der NPD-Spitzenkandidat Matthias Heyder als Forenteilnehmer »Junker Jörg« geoutet, der zur »Schändung« von linken Frauen aufrief. Es folgte eine größere Berichterstattung in den Medien. Letztlich landete die NPD bei 4,6 Prozent Stimmanteil.

Die schwer beantwortbare Frage lautet: Wie hoch war der Anteil des Hackangriffs an der Verhinderung eines neuen NPD-Parlamentseinzugs? Was lässt sich aus den Versandhacks ablesen? Schon seit etlichen Jahren werden auch immer wieder rechte Online-Versandhäuser gehackt und die Bestelldaten öffentlich gemacht. Lassen sich hieraus relevante Erkenntnisse über die rechte Bewegung in Deutschland gewinnen?

Das apabiz hat probeweise die Personendaten aus sechs Onlineversand-Hacks aus den Jahren 2005 bis 2011 zusammengefasst. Es handelt sich um Versandhäuser, die auf Rechtsrock und Szenekleidung sowie Literatur und Utensilien wie Fahnen spezialisiert sind – also auf subkulturelle Artikel. Insgesamt ergab sich eine Liste von 11.000 Personen, die bei diesen Versandhäusern bestellt haben. Anhand der Postleitzahlen kann nachvollzogen werden, aus welchen Teilen Deutschlands die Bestellungen getätigt wurden. Wenn in dem Zusammenhang mit den Hacks von rechter Subkultur gesprochen wird, dann wird der Bezug über die gemeinsam geteilte rechte Ideologie hergestellt, nicht zwangsläufig über identische Ausdrucksformen.

Der Rechtsextremismus ist ein gesamtdeutsches Problem - mit Schwerpunkt im Osten. Die interaktive Grafik finden Sie hier http://www.apabiz.de/versaende/
Der Rechtsextremismus ist ein gesamtdeutsches Problem - mit Schwerpunkt im Osten. Die interaktive Grafik finden Sie hier http://www.apabiz.de/versaende/

Zwar bedient der überwiegende Teil des Angebotes der Online-Versandhäuser das, was klassischerweise als jugendkulturelle rechte Ausdrucksformen verstanden wird, in geringerer Anzahl finden sich aber zum Beispiel auch heidnisch zu verortende Artikel. Nicht möglich sind indes Aussagen im Hinblick auf den Härtegrad der ideologischen Überzeugung und organisatorischen Verstrickung der Bestellenden.

Viele bekannte knallharte Neonazis tauchen in den Listen gar nicht auf, wenn sie ihre Szeneartikel bei Konzerten oder in Ladengeschäften erwerben. Im Zweifelsfall tauchen sie aber auch deswegen nicht auf, weil sie ihre politische Gesinnung nicht (mehr) über ihre Kleidung ausdrücken. Menschen, die in einschlägigen rechten Online-Versandhäusern bestellen, darf aber wohl grundsätzlich eine Affinität zum extrem rechten Denken unterstellt werden. Denn »zufällig« bestellt dort wohl kaumjemand.

Die für die Auswertung bereinigten 11.000 Datensätze wurden den einzelnen Bundesländern und Landkreisen zugeordnet. Anhand der Gesamt-Bevölkerungszahlen1 lässt sich so das Maß »Bestellungen pro 100.000 Einwohner_innen« errechnen. Damit ist keine Aussage getroffen, wie hoch die Zahl von Rechten in den einzelnen Regionen tatsächlich ist – aber eine Relation zwischen den Regionen lässt sich herstellen. Anhand der Vornamen wurden die Besteller_innen zudem, soweit dies ausreichend eindeutig möglich war, nach ihrer Geschlechtszugehörigkeit sortiert.

Brandenburg ganz vorne

Bei der Bundestagswahl 2009 holte die NPD 1,5 Prozent. Am stärksten schnitt sie im Osten ab (Quelle: Wahlatlas.net)

Zu den Ergebnissen: Aussagekräftig werden die Zahlen, wenn man die Gesamtbevölkerungszahl der Regionen gegen die Gesamtzahl der Bestellungen rechnet. Hierbei ergibt sich ein differenziertes Bild, welches auf eine ungleich größere Präsenz von rechter Subkultur in Ostdeutschland verweist. Im Osten gibt es in Relation auf die Gesamtbevölkerung drei mal so viele Bestellungen als im Westen. Bezogen auf die Bundesländer und unter Rücksicht auf die Gesamt-Bevölkerungszahl kamen die meisten Bestellungen aus Brandenburg, dahinter Sachsen-Anhalt, Sachsen, Mecklenburg-Vorpommern und Thüringen. Erst auf dem sechsten Rang und mit einigem Abstand folgt mit Schleswig-Holstein das erste westdeutsche Bundesland. Rang sieben: Berlin. Nordrhein-Westfalen, obwohl nach absoluten Zahlen mit 1.300 Bestellungen an der Spitze, nimmt den letzten Platz der sechzehn Bundesländer ein.

Die Unterschiede sind beträchtlich, in Brandenburg kommen bei den sechs Versänden 35 Bestellungen auf 100.000 Einwohner_innen, in NRW hingegen gerade einmal 7,5. Diese Reihenfolge spiegelt sich in großer Verlässlichkeit wider, wenn man anstatt aller fünf Versandhäuser nur die Ergebnisse für jeweils einen einzelnen Versand betrachtet. Ein Hinweis darauf, dass die Datensätze durchaus vergleichbar, austauschbar und somit aussagekräftig sind.

Eine Sortierung nach Landkreisen verdeutlicht dementsprechend die Dominanz des Ostens in der Versandwelt rechter Subkultur. Die Landkreise mit dem größten Anteil von Bestellungen in Relation zur Gesamt-Bevölkerungszahl sind, in Reihenfolge gesetzt: Elbe-Elster (Brandenburg), Dahme-Spreewald (Brandenburg), Gera (Thüringen), Frankfurt/Oder, Cottbus und der Landkreis Oberspreewald-Lausitz (alle Brandenburg).

Viele Auslands-Bestellungen, geringer Frauenanteil

Bemerkenswert ist die vergleichsweise hohe Zahl von 1.100 Bestellungen aus dem Ausland. Sie machen einen Gesamtanteil von zehn Prozent aus. Für Neonazis europaweit scheint Deutschland also ein wichtiger Referenzpunkt zu sein. Die Auslandsbestellungen konzentrierten sich auf Österreich und die Schweiz, aber auch osteuropäische Länder waren in größerer Zahl vertreten.

Gehackter Asgardversand
Gehackter Asgardversand

Die männliche Dominanz der Szene bildet sich wenig überraschend im Datensatz ab: 84 Prozent der Besteller_innen sind männlich und nur 14,5 Prozent weiblich. Die Daten-Hacks lassen Aussagen über die repräsentative Verteilung der Bestellungen zu. Aber die Analyse wirft auch Fragen auf, die sich auf der Datenbasis nicht beantworten lassen. So zum Beispiel die Frage nach dem Zusammenhang von Szeneläden vor Ort und den Bestelldaten. Führen Szeneläden dazu, dass die Bestellzahlen aus einer Region zurückgehen? Oder sind sie Indiz für eine besonders starke rechte Subkultur – und damit Erklärung für hohe Bestellzahlen?

Auch zur Altersstruktur der Besteller_innen lassen sich nur Vermutungen anstellen. Die offenen Fragen markieren die Grenzen der Analyse. Die vorher explizierten Aussagen aber zeigen, dass sich aus den Daten durchaus lohnenswerte Ergebnisse ausarbeiten lassen.

Interaktive Karte zu den Hacks.

Linktipp: NSU-Watchblog des apabiz

Siehe auch: Die Wutbürger von Jena, “Wunderbare Jahre”: Nazi sein als Lebensgefühl, Im Osten nichts Neues …?, Kalter Krieg und Extremis-Mus in Deutschland,  Limbach-Oberfrohna: Keine Kritik an Nazis, Demokratie von oben: Bürgerpreis ohne Bürger, Sachsen: Der ganz normale Wahnsinn,  Ein Hoch auf die Nestbeschmutzer!, Debatte: Die Ossifizierung des Westens, Rechtsextremismus auf dem Dorf: Zwischen Lageanalysen und Zonen der Angst

3 thoughts on “Rechter Lifestyle blüht im Osten

  1. Aber, aber: eine etwas monokausale Argumentation und nicht jeder in einer Kundendatei ist auch ein Kunde. 😉 Siehe http://blog.17vier.de/2010/01/04/landtagsabgeordneter-ratjen-fdp-war-kunde-bei-thor-steinar/ und http://blog.17vier.de/2010/01/07/ratjen-doch-kein-kunde-der-mediatex-gmbh/

    Außerdem ist die höhere nutzung von Versandhändlern im vom Aussterben bedrohten Osten doch verstädnlich. In Dortmunf, Köln, Passau etc. ist halt der Naziladen um die Ecke.

  2. @ Blödfrau:

    „Außerdem ist die höhere nutzung von Versandhändlern im vom Aussterben bedrohten Osten doch verstädnlich. In Dortmunf, Köln, Passau etc. ist halt der Naziladen um die Ecke.“

    Aha. Alle Westdeutschen wohnen also in Städten wie Dortmund, Köln oder Passau, und können deswegen „um die Ecke“ einkaufen gehen, und alle Ostdeutschen wohnen in den abgeschiedenen Backwoods, wo es weit und breit keine Städte, und daher auch keine Nazi-Läden gibt. Das ist Ihre Argumentation?

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