Der Kommunistenjäger

Ein Kommunistenjäger war der amerikanische Senator Joseph McCarthy. Trifft dies auch auf den deutschen Pfarrer Joachim Gauck zu? Ist unser künftiger Präsident ein deutscher McCarthy? Wie ist er zu dem geworden, was er geworden ist – zu einem bekennenden Antikommunisten? Der Text stammt aus dem Buch „Der Super-GAUck. Politische Kultur im neuen Deutschland“, mehr dazu am Ende des Artikels. 

Von Wolfgang Wippermann[1]

"Wir sind Präsident!" - Ausschnitt aus dem Titelbild der jungen Freiheit (Foto: Screenshot / Junge Freiheit)
"Wir sind Präsident!" - bei der "Jungen Freiheit" weiß man, was man an Gauck hat. (Foto: Screenshot / Junge Freiheit)

Nach der Verabschiedung des Stasi-Unterlagengesetzes im Dezember 1991 wurde der bisher nur berufene „Sonderbeauftragte der Bundesregierung für die personenbezogenen Unterlagen des ehemaligen Staatssicherheitsdienstes“ Joachim Gauck vom Bundestag zum „Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR“ gewählt, und zwar fast einstimmig. Dieses, sein Amt baute Gauck in kurzer Zeit und mit einer bemerkenswerten Geschicklichkeit zu einer Mammutbehörde aus, der bald 2.000 und schließlich sogar 3.000 Mitarbeiter angehörten.

Damit verfügte die Gauck-Behörde über zehnmal mehr Mitarbeiter als die „Zentralstelle zur Aufklärung von NS-Verbrechen“ in Ludwigsburg. Ein völlig unberechtigtes Missverhältnis. Aufgabe der Ludwigsburger Stelle war schließlich die Aufklärung und Ahndung von Massen- und Völkermord. (…)

Nach seinen eigenen Bekundungen ist es Gauck immer nur um die „Aufarbeitung“ der Geschichte der DDR gegangen. Unter sie dürfe einfach „kein Schlussstrich“ gezogen werden. Der „therapeutische Prozess“ der offensichtlich auch psychologisch gemeinten „Aufarbeitung“ müsse unbedingt fortgesetzt werden. „Nur so“ könne „man lernen“, etc. etc. Vordergründig war hier nur von der DDR die Rede.

Doch tatsächlich ging es auch um die nationalsozialistische Vergangenheit. Davon zeugten bereits Begriffe und Metaphern wie „Aufarbeitung“, „kein Schlussstrich“, „therapeutischer Prozess“ und (aus der Geschichte) „lernen“ etc. Sie sind nämlich samt und sonders der Sprache entnommen, die bei der Aufarbeitung der Geschichte des Dritten Reiches verwandt worden ist. Den hier bereits sprachlich angedeuteten Vergleich zwischen DDR und Drittem Reich hat Gauck in einem Aufsatz näher ausgeführt, den er zur deutschen Ausgabe des Schwarzbuchs des Kommunismus beigesteuert hat.[2]

Im Schatten der Wahrnehmung des Dritten Reiches

Ein deutscher McCarthy?
Ein deutscher McCarthy?

Überschrieben ist dieser kurze, nur neun Seiten umfassende Aufsatz mit „Vom schwierigen Umgang mit der Wahrnehmung.“ Gemeint ist oder soll wiederum die „Wahrnehmung“ der DDR sein. Sie habe „Defizite“ aufgewiesen und sei „selektiv“ gewesen sein. Vor allem habe sie immer im Schatten der Wahrnehmung des Dritten Reiches gestanden, obwohl die DDR doch genauso „totalitär“ gewesen sei wie das Dritte Reich. Dies versuchte Gauck in einem kurzen und sehr oberflächlich bleibenden Vergleich zu beweisen, wobei er vor allem auf die „konkrete Herrschaftstechnik“ (die „Ideologien“ hielt er jedoch für unterschiedlich) der jeweiligen „staatsterroristischen Herrschaft“ einging. Gemeint waren „die dienstbare Rolle des Rechts“ und der „permanente Einsatz von Terror“ durch den „Sicherheitsdienst“ bei der, so wörtlich, „Ausmerzung alles Anderen“.

Spätestens an dieser Stelle hätte Gauck auf die rassenideologisch motivierte „Ausmerzung“ der Juden und anderer Opfer des nationalsozialistischen „Rassenstaates“ eingehen und einräumen müssen, dass gerade dieses Moment gegen jeglichen Vergleich zwischen Faschismus und Kommunismus im Allgemeinen, der DDR und dem Dritten Reich im Besonderen spricht. Doch dies geschah nicht. In dem gesamten Aufsatz fehlt ein Wort, und das ist Holocaust. Vom Holocaust ist selbst dann nicht die Rede, wenn Gauck von den „gigantischen Menschheitsverbrechen“ spricht, die „in diesem Jahrhundert“ zu einem „Qualitätssprung ins Negative“ geführt hätten. Stattdessen beklagt Gauck in emphatischer Weise die „Verwüstung in den Seelen der Überlebenden“, welche die „totalitäre Herrschaft“ angerichtet habe, womit offensichtlich wiederum die der DDR gemeint ist.

Von der Unfähigkeit, den Holocaust zu erklären

Gaucks energische Verteidigung der Totalitarismustheorie weist in einer eindrücklichen und ihm selber vielleicht gar nicht bewussten Weise, ihre eklatante Schwäche auf – die Unfähigkeit, den Holocaust zu erklären. Daher wirkt seine fast schon drohende Aufforderung an die Linken und Antifaschisten, sich dem „antitotalitären Konsens aller Demokraten“ anzuschließen, auch so problematisch. Denn wenn dieser „antitotalitäre Konsens“ bedeuten soll, die zentrale Bedeutung des Holocaust für unser Geschichtsbewusstsein zu relativieren oder gar zu verschweigen, dann kann er nicht viel, auf jeden Fall nicht viel Gutes bedeuten. (…)

Gaucks nachgeholter antikommunistischer Eifer gefährdet die gerade jetzt notwendige Weiterentwicklung der Demokratie. Lehnt er doch alle linken und sozialistischen Ideen und Utopien, mit und in denen eine besserer Demokratie gefordert wird, entschieden ab und bekämpft alle Maßnahmen, die zu einer besseren Demokratie führen könnten. Mit Gauck kann man weder die nationalsozialistische Vergangenheit aufarbeiten noch die demokratische Gegenwart bewältigen. Fraglich, ob ein solcher Mann die Zukunft gestalten kann. Die Zeit der Kommunistenjäger ist vorbei und muss vorbei sein.

Wolfgang Wippermann, Professor für Neuere Geschichte an der FU Berlin. Geboren 1945 in Bremerhaven.


[1] Auszugsweiser Abdruck seines Textes aus dem Buch Clemens Heni/Thomas Weidauer (Hg.): Ein Super-GAUck. Politische Kultur im neuen Deutschland, Berlin: Edition Critic (erschienen am 14. März 2012), ISBN 978-3-9814548-2-6, 14,8cmx21cm, 112 Seiten, 13€, bestellbar (versandkostenfrei) direkt beim Verlag editioncritic@email.de, bei Amazon.de und im gesamten Buchhandel.

 

 

[2] Joachim Gauck (1998), Vom schwierigen Umgang mit der Wahrheit, in: Stéphane Courtois (Hg.), Das Schwarzbuch des Kommunismus, München/Zürich: Piper, 885–894. Die folgenden Zitate ebenda.

Clemens Heni/Thomas Weidauer (Hg.): Ein Super-GAUck. Politische Kultur im neuen Deutschland, Berlin: Edition Critic, 2012, ISBN 978-3-9814548-2-6, 112 Seiten,  Softcover, 21cm x 14,8cm, 13€ (D)

Das Buch ist seit dem 14. März 2012 lieferbar!

Eine nahezu Allparteienkoalition nominierte am 19. Februar den neuen Bundespräsidenten 2012, den Super-GAUck. Was steckt hinter diesem Phänomen? Ist es ein Vorgeschmack auf die Zukunft, wenn ein Ausscheren aus dem Konsens als „Schweinejournalismus“ (O-Ton Jürgen Trittin) diffamiert wird?

Annähernd unisono feiern die großen Medien Pastor Joachim Gauck als Glücksgriff und Freiheitsapostel und niemand wird skeptisch, wenn die Neue Rechte und deren publizistisches Flaggschiff, die Wochenzeitung Junge Freiheit, euphorisch titelt: „Wir sind Präsident!“

13 Texte von 12 Autoren aus Deutschland, England, Litauen und Israel bieten Analysen zur politischen Kultur, der „Prager Deklaration“ und vielem mehr.

Zu den Autoren zählen unter anderem Efraim Zuroff, Deniz Yücel, Wolfgang Wippermann, Andrej Reisin, Anton Maegerle, Dovid Katz und Patrick Gensing.

Siehe auch: Welche Freiheit?Abteilung Dreamteam: Broder und Pirker gegen KlarsfeldKlarsfeld: “Mein Thema ist Antifaschismus”Noch mehr “Schweinejournalismus!”Voll im Kontext: Gauck und die ÜberfremdungDas rot-grüne Desaster

10 thoughts on “Der Kommunistenjäger

  1. Ich bin auch „bekennender Antikommunist“ – muss man sich dafür schämen? Sind Ihnen, Herr Wippermann, die Maßstäbe ein wenig verrutscht?
    .
    Es ist herrlich zu sehen, wie sich Linke verschiedenster Couleur vor Wut die Haare raufen, dass ein Intellektueller nun das höchste Staatsamt übernimmt, der sie durchschaut.

  2. @Philip

    Leider haben Sie die Aussage des Artikels nicht durchschaut und reagieren reflexartig auf etwas, das im Artikel nicht steht.

    Es geht hier nicht um eine Bewertung von der Person Gauck oder seiner prinzipiellen Einstellung zum Kommunismus, sondern um seine Äußerung in Bezug auf den Vergleich von NS-Diktatur und DDR.

    Die Äußerungen offenbaren ein gedankliches Fundament, welches willkürlich alles, was dem nicht passt totalitär nennt und somit NS-Diktaur, Stalinismus, DDR und heutige Linke in einen Topf wirft ohne, dass hier differenziert wird.

    Das hat nichts mit Antikommunismus zu tun, wenn man in den Gegendemonstranten von S21 Kommunisten ausmacht, sondern um Verfolgungswahn, der jede Anständige Diskussion ausschließt.

    Es ist also im Weiteren Sinne eine Kritik an Gaucks Definitionen als Grundlage seiner Äußerungen und in Hinblick auf die Möglichkeit damit meinungsbildende Debatten zu führen.

    ich bin im übrigen nicht links, spreche Herrn Gauck aber die Intellektualität ab.

    Ich will damit aber nicht anklagen; das ist der Lauf der Dinge, dass solche Menschen die politische Elite bilden und andere denen folgen und glauben, hier sei etwas gutes passiert.

    Ich schreibe das ja auch nicht, weil ich vermute, Sie würden das verstehen, sondern lediglich als Ventil.

    Das ist im Übrigen ein sehr guter differenzierender Artikel. Danke dafür!

  3. Die Begrifflichkeiten sind alle verrutscht…Schuld ist der unsägliche Faschismusbegriff.
    Faschismus ist entstanden und ausgeführt worden in Italien.

    Ganz einfache Frage: Wo wollten Sie als Soziakldemokrat lieber leben. In Italien des Jahres 1936 oder in der Sowjetunion im gleichen Jahre?

    Faschismus kennt außer bei Leuten wie Johannes Agnoli (dieser SS-Mann, der in berlin an der FU um 1968 sein Unwesen trieb) keinen Antisemitismus, keinen Holocaust, selbst kaum Rassismus. Es gibt keine Kzs, keine Gulags, nur Internierungen in Abbruzzendörfern. ideologisch ist Faschismus eine Spinnerei des Ex-Marxisten Mussolini.
    Die einzige wirklich verfolgte Gruppe sind die deutsch-und ladinischsprachigen Südtiroler.
    Den Kolonialkreig in Abbessinien habe ich weggelassen, wiel er in seiner Bösartigkeit den Kolonialkriegen der französischen Sozialisten in Algerien gleichkommt.

  4. @Adam

    Darüber kann ich nur lachen: Das soll ein guter, differenzierender Artikel sein? In der Überschrift faselt der Linkshistoriker Wippermann von einem „deutsche McCarthy“ (ohne diesen Vorwurf nur im Mindesten zu belegen) und im Text greint er, dass Gauck totalitäre Herrschaftstechniken als totalitäre Herrschaftstechniken benennt und vergleicht.

    Offenbar trifft es heute noch viele, dass die mörderische Bilanz des Kommunismus im „Schwarzbuch“ offengelegt wurde und Gauck dazu einen Beitrag geleistet hat. Getroffene Hunde bellen.

    Vielen Dank, Herr Gauck!

  5. @Philip

    Dein Outen als bekennender Antikommunist in allen Ehren, aber du wirst doch wohl mit mir übereinstimmen, dass es nur zu begrüßen ist, wenn sich unser künftiger Bundespräsident deutlich (und sofern es einmal, auf Grund aktueller Geschehnisse, auf`s Tableau kommen sollte) dahingehend positioniert, dass sich Antikommunisten nicht mit Neonazis gemein machen können, um u.a. Hitlers Angriffskrieg als „Präventivkrieg“ gegen den Kommunismus erscheinen zu lassen, in dessen Folge alles als „rassisch minderwertig“ Bezeichnetes auch nachträglich „kommunistisch“ gewesen sei..? – Es wäre auch forschungsgeschichtlich falsch, wenn nun plötzlich Stasi-Knäste zum Auschwitz mutieren würden, wenn du verstehst` was ich meine.

  6. Jetzt habt ihr still und leise den Schwanz eingezogen und den diffamierenden Titel geändert: Aus „Ein deutscher McCarthy?“ wurde „Ein Kommunistenjäger“. Vielleicht war die überspitzt-polemische Diffamierung im Titel sogar einem abgebrühten Linksideologen wie Wippermann zu viel. Peinlich, peinlich.

    Anmerkung Publikative.org: Wir haben die Überschrift auf Wunsch des Verlags geändert.

  7. @Philip

    Solche Aussagen wie die Deinigen sagen viel über das durch „euch“ in Gauck projizierte Bild aus. – So schief können dann seine (Gauck`s) Kritiker nicht liegen, wenn die Kritikpunkte noch fleissig durch ein bestimmmtes Klientel „befeuert“ werden, das genau Jenes zu verteidigen versucht, das es eigentlich bei Gauck nicht gäbe…

    Aber mach` dir keine Sorgen: Gauck würde sicherlich für Beides keine deutlichen Worte finden und uns stattdessen gemeinschaftlich „freiheitlich“ den Kopf tätscheln. :)

  8. @Philip

    Wie ich richtig vermutete, haben Sie nicht nicht verstanden, was ich geschrieben habe.

    1. Die Überschrift habe ich nicht gemeint, weil sie auch häufig nicht vom Autor entworfen wird und ist ja wohl das unwichtigste am ganzen Artikel. Dass Sie dem Artikel seine Differenziertheit einzig der Überschrift wegen absprechen wollen, spricht für den Artikel und gegen SIe.

    2. Wenn man den Inhalt ihrer Äußerungen und die gebrauchten Worte mit denen der anderen vergleicht, dass scheint es fast so, als seien eher Sie getroffen. Ich fühle mich durch das Schwarzbuch oder durch Opferzahlen nicht getroffen und nicht angesprochen – Ich weiß auch nicht, wie Sie darauf kommen.

    3. Es scheint Ihnen und anderen nicht ganz klar zu sein, warum man „Kommunismus“ und NS-Diktatur nicht miteinander auf eine Stufe stellen kann…auch nicht abstrahiert auf „Totalirismus“. Ihre Äußerungen deuten darauf auch hin, dass Sie glauben, man müsse nur die Opferzahlen aufrechnen.

    Kurz erklärt:
    Die NS-Diktatur fusst auf eine ideologische Grundlage, die den Genozid, Vernichtungskriege und rassistische Menschenverachtung beinhaltet, so dass Leute, die sich dieser heute Ideologie annehmen auch damit verbunden sind. Das machen sie deutlich und das wird auch deutlich. Der Totalirismus besteht hier in der Ideologie, ist absolut und schließt die Gründe für die Opfer mit ein.

    Diese ideologische(!) Basis fehlt den gedanklichen Grundlagen des Kommunismus. Die schlimmen Folgen in den Ländern, die sich kommunistisch nannten, begründen sich in den Staatsapparaten und Machtstrukturen, aber es gab keine kommunistisch-ideologische(!) Menschenverachtung, die von den Massen herausgebrüllt wurde. Hier besteht der Totalirismus nicht in der Ideologie, sondern entstand zum einen Pseudo-Ideologisch mit einer Heroisierung der Partei zum anderen aus dem Machterhalt.

    Das hat zur Folge, dass erstaunlich wenige (Sarkasmus) Linke eine menschenverachtende Politik vertreten, aber erstaunlich viele (Sarkasmus) Rechte sehr wohl.

    Nochmal: Lesen Sie sich das Ganze ruhig zwei- bis dreimal durch. Ich habe nicht geschrieben, dass der Kommunismus gut ist, ich bin auch kein Kommunist. Ich habe auch nicht geschrieben, dass die UdSSR besser war als die NS-Diktatur. Um diese Thematik geht es mir auch nicht.

    Um den Bogen zu schließen: Aus allen genannten Gründen ist, es daher falsch und gefährlich, wenn man S21 Gegner, linke Strömungen, DDR und NS-Staat miteinander verknüpft.

    4. Ich mal gespannt, wie der Antrittsbesuch Gaucks im kommunistischen China wird. Wird er offen die Menschenrechtsverletzungen ansprechen, der Kämpfer für die Demokratie? Wird er den Handschlag verweigern, weil die chinesische Hand Millionen auf dem Gewissen hat?

    Oder ist China genau in dem Augenblick nicht mehr kommunistisch, wenn deutsche Wirtschaftsinteressen Vorrang haben? Die gleiche Partei, die dort an der Macht ist, ist doch für mehr Tote verantwortlich als Menschen in der DDR gelebt haben, oder nicht? Herr Gauck?

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