Die Opfer aus der dritten Klasse

32 Menschen sind bei dem Unglück der Costa Concordia ums Leben gekommen, tragisch. Die Aufmerksamkeit für dieses Ereignis ist bis heute ungebrochen, vermisste Deutsche, unfähige Italiener, ein fahnenflüchtiger Kapitän – der Stoff, den die deutsche Öffentlichkeit liebt. Rund 1500 tote Flüchtlinge im Mittelmeer interessieren hierzulande dagegen kein Schwein.

Von Jesper Olsen

Der Glamour-Faktor der Opfer aus der dritten Klasse ist auch eher überschaubar, zumeist junge Männer, ohne Geld, die im reichen Europa ein paar Krummel abhaben wollen, ertrinken irgendwo im Mittelmeer. Kameras sind keine dabei, auch die wenigsten Journalisten interessieren sich für diese Menschen, während bei der Costa Concordia ganze Sendeteams nach Italien geschickt wurden.

Die nackten Zahlen sind erschreckend: Nach Angaben des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen (UNHCR) sind im vergangenen Jahr mehr als 1.500 Migranten und Flüchtlinge im Mittelmeer ertrunken oder gelten als vermisst. Das schreibt die Bundesregierung in ihrer Antwort auf die kleine Anfrage der Linkspartei mit dem Titel „Todesopfer unter Flüchtlingen in die Bundesrepublik Deutschland und die Europäische Union im Jahr 2011“.

Verdurstet

Die Flüchtlinge, die es nach Deutschland schaffen erwartet Hetze von Neonazis.
Die Flüchtlinge, die es nach Deutschland schaffen erwartet Hetze von Neonazis.

Zur Frage, wie viele Menschen in der EU 2011 tot aufgefunden wurden, nachdem sie „im Zuge ihres Versuchs der gegebenenfalls unerlaubten Einreise“ in ihrem Transportmittel Sauerstoffmangel, Hunger, Durst, Kälte, Überhitzung oder ähnlichem ausgesetzt waren, liegen der Bundesregierung der Vorlage zufolge keine amtlichen Erkenntnisse vor. Auf die Frage, wie viele Menschen unter solchen Umständen in Deutschland aufgefunden wurden, berichtet die Regierung von zwei Toten, die am 8. Mai 2011 auf dem Parkplatz einer Tank- und Rastanlage an der Bundesautobahn 7 auf einem griechischen Sattelschlepper in einer Kabeltrommel aufgefunden worden seien. Bei den beiden Toten handelte es sich laut Antwort um zwei männliche afghanische Staatsangehörige. Die Obduktion habe den „sogenannten Hitzetod als Todesursache (Herzversagen aufgrund starker Hitze, räumlicher Enge und Dehydrierung)“ ergeben.

Immerhin: Die Menschen, die es nach Deutschland schaffen, werden „komfortabler“ „zurückgeführt“. Im vergangenen Jahr hat es in Deutschland insgesamt 7.917 Abschiebungen auf dem Luft- oder Landweg gegeben. Dies geht aus der Antwort der Bundesregierung (17/8834) auf eine Kleine Anfrage der Fraktion Die Linke (17/8557) hervor. Danach wurden 2011 von deutschen Flughäfen aus 7.188 Abschiebungen auf dem Luftweg vorgenommen und auf dem Landweg 729. Die Zahl der über deutsche Flughäfen vollzogenen Zurückweisungen lag den Angaben zufolge 2011 bei 3.352 und die der Zurückschiebungen bei 643. An den Seegrenzen wurden 2011 laut Antwort 26 Zurückweisungen sowie 77 Zurückschiebungen registriert und an den Landgrenzen 4.561 Zurückschiebungen.

Aufgrund von Widerstandshandlungen scheiterten 2011 der Regierung zufolge 122 Abschiebungen auf dem Luftweg und weitere 56 aus medizinischen Gründen. An der Weigerung der Fluggesellschaft oder des Flugzeugführers scheiterten im vergangenen Jahr laut Vorlage 39 Abschiebungen und 13 an der Weigerung der Zielstaaten, Abzuschiebende aufzunehmen.

„Offenes Scheunentor“

Auf dem jüngsten Treffen der EU-Innenminister spielten die Hunderten Toten kaum eine Rolle, sondern es ging darum, die Festung Europa weiter abzuschirmen, damit sich das Flüchtlingsproblem im Meer von ganz allein erledigt. Die FAZ meldete:

Nach den Finanzproblemen Griechenlands wächst in der Europäischen Union nun auch der Unmut über die Schwierigkeiten des Landes bei der Sicherung der gemeinsamen Außengrenze. Auf einer Sitzung der Innenminister in Brüssel verlangten sieben Mitgliedstaaten, unter ihnen Deutschland, eine bessere Kontrolle der griechisch-türkischen Grenze, über die viele illegale Einwanderer nach Europa kommen. „Die Grenze steht offen wie ein Scheunentor“, sagte die österreichische Innenministerin Johanna Mikl-Leitner. In Griechenland fehle es an politischem Willen, den Migrantenstrom besser in den Griff zu bekommen. Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich schloss sich der Forderung der EU-Kommission an, dass alle Mitgliedstaaten Griechenland mehr helfen müssten.

Durch die elegante Verknüpfung der Themen Finanzhilfe und Flüchtlingspolitik können Deutschland und die anderen EU-Hardliner nun den Druck auf Griechenland nach Belieben erhöhen – während im Mittelmeer jeden Tag Menschen ertrinken oder auf dem Weg nach Europa in Containern ersticken. Willkommen in Europa, dem Hort der Zivilisation.

9 thoughts on “Die Opfer aus der dritten Klasse

  1. wer nicht mal asylanten und asylbewerber auseinander halten kann, tritt seine eigene mitsprache mit füßen.

    andererseits: wenn es gar nicht um kritik am verfahren gar nicht geht. wer nur dumpfen ausländerhass schüren will, nimmt sich offensichtlich das wort mit dem griffigsten sound.

    .~.

  2. Die Benutzung unsicherer Boote ist unverantwortlich. Wer dies dennoch tut, sollte sich darüber im Klaren sein, was das für Folgen für ihn haben könnte. Wenn ein Autofahrer sich zu Tode rast, stößt sein Schicksal auch auf weniger Anteilnahme als das von Verkehrsteilnehmern, die sich richtig verhalten haben.

    Der Unterschied zwischen den Toten der Costa Concordia und den ertrunkenen Flüchtlingen ist ansonsten der, dass viele der Flüchtlinge durch illegale Einwanderung vorsätzlich Straftaten in Europa begehen wollten. Auch hier finde ich es nachvollziehbar, dass beim Tod rechtschaffener Menschen mehr Anteilnahme gezeigt wird als beim Tod von Menschen, die häufig Straftaten planten.

    Und als dritter Punkt kommt hinzu, dass die Toten der Costa Concordia die eigenen Großeltern sein könnten, während es sich bei den ertrunkenen Flüchtlingen nun einmal um Fremde handelt. Jeder psychologisch gesunde Mensch unterscheidet zwischen ihm nahestehenden Menschen (in unterschiedlicher Abstufung) und Fremden. Keine Politik der Welt hat Menschen z.B. bisher aberziehen können, sich den eigenen Kindern näher zu fühlen als den Kindern anderer Menschen.

  3. „Die Benutzung unsicherer Boote ist unverantwortlich. Wer dies dennoch tut, sollte sich darüber im Klaren sein, was das für Folgen für ihn haben könnte.“ ist ein guter Text für ein Warnschild.

  4. @Ricky:

    Punkt 1:
    Ja da haben Sie recht. Die Flüchtlinge sollten nur TÜV-geprüfte Boote benutzen, die über genug Schwimmwesten, Signalbojen und Notrationen im Falle eines Maschinenschadens verfügen.
    Wissen Sie was der Unterschied zum europäischen Autofahrer ist? Der fährt nicht Auto, weil er verzweifelt versucht, ein besseres Leben anzusteuern.

    Punkt 2: Da schlägt mir doch glatt die Vorurteilskeule ins Gesicht. Sie stempeln alle Flüchtlinge durch die Bank als Kriminelle ab. Was wenn die Toten auf der Concordia Betrüger waren, vielleicht haben die auch die ein oder andere Straftat begangen. Aber nein, das können alle nur rechtschaffende Menschen auf dem Kreuzfahrtschiff gewesen sein. Kannten Sie die Toten persönlich? Würden Sie mit Ihrem Besitz dafür bürgen? Ein Glück dass Menschen wie Sie im Wohlstand leben, dann begehen Sie wenigstens keine Straftaten.

    Punkt 3: Also ich habe keinerlei persönliche Bindung zu einem der Opfer auf der Concordia. Das gleiche behaupte ich mal für 99,9% aller Journalisten, die über das Unglück berichtet haben. Wie schauts bei Ihnen aus? Und trotzdem musste ich jeden Tag eine Flut von neuen Berichten und Enthüllungen über mich ergehen lassen. Von Menschen die vor Gewalt, Krieg und Armut fliehen habe ich gefühlt keinen Artikel gelesen.

  5. @Jan

    Das ist die Ideologie der Ungleichwertigkeit der Menschen. Eine neue Idee der Arbeitskreise in der NPD.

    http://www.facebook.com/pages/Arbeitskreis-der-Vorsitzenden-der-Arbeitskreise-in-der-NPD/273842209336491

    Der beste Ort für das Warnschild „Die Benutzung unsicherer Boote ist unverantwortlich.“ wäre natürlich die Costa Concordia gewesen, sagen die Arbeitskreise. Kreuzt ja im Mittelmeerraum, hätte also jeder gesehen der „rübermachen“ wollte.

  6. @Jan
    „Das ist die Ideologie der Ungleichwertigkeit der Menschen. Eine neue Idee der Arbeitskreise in der NPD.“

    Offensichtlich handelt es sich doch nicht um eine Idee der NPD, sondern um eine weit verbreitete Vorstellung, wie der Blogbeitrag naheliegt. Es sind ja keinesfalls nur NPD-Aktivisten der Ansicht, dass sich afrikanische Flüchtlinge und Kreuzfahrtouristen hinsichtlich ihres Empathiewertes unterscheiden. Die meisten Menschen in Deutschland scheinen dies so zu sehen.
    Dabei sind traumatisierte und in einem Umfeld enthemmter Gewalt aufgewachsene Bürgerkriegsflüchtlinge Menschen wie Du und ich, deren Anwesenheit eine Bereicherung für Deutschland darstellt. Man sollte hier notfalls durch Zwangseinquartierungen in Familien für mehr Toleranz sorgen und allgemein Fluchtbewegungen durch Bereitstellung staatlich finanzierter Fluchtschiffe fördern.

  7. @Marvin Da will ich gar nicht wiedersprechen! Die Bild-Zeitung sollte wieder viel positiver über den Beruf Fluchthelfer berichten. Das die Flucht dabei vom Axel-Springer-Gelände aus passiert und unzuordenbare Waffen dabei auftauchen verlangt ja niemand…

    (Vorsicht: immer noch leicht bis mittelmäßig im Satire-Modus)

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