Sächsische Schlammschlacht

Vor einigen Jahren waren es die Schläger und Hintermänner der Skinheads Sächsische Schweiz, die für Angst und Schrecken sorgten. Die NPD baute in diesen Jahren zielgerichtet ihre Strukturen auf. Heute baut die Partei die Strukturen offenbar systematisch ab – und die Abkürzung SSS steht nun für Sächsische Schlammschlacht.

Von Patrick Gensing

Freie Kräfte und NPD stehen sich in Sachsen derzeit unversöhnlich gegenüber.
Freie Kräfte und NPD stehen sich in Sachsen derzeit unversöhnlich gegenüber.

Bislang galt Sachsen als braunes Musterland. Doch wenn es etwas zu verteilen und zu verlieren gibt, wachsen die Begehrlichkeiten. So auch in der NPD und dem „Nationalen Widerstand“, nun sind seit Längerem bekannte interne Differenzen und Streitigkeiten zu einer offenen Schlammschlacht mutiert. Besonder im Fokus: Parteichef Holger Apfel und dessen „seriöse Radikalität“ sowie der Sächsische Parteichef Mario Löffler sowie dessen Vize Maik Scheffler.

Scheffler brachte das Fass bei den Freien Kräften offenbar zum Überlaufen. Radikal aber nicht sonderlich seriös verteidigte er in der Kommentarspalte einer Internet-Seite, deren Hauptbetreiber derzeit im Knast sitzt, seine Abrechnung mit den alten Kameraden aus dem Spektrum der „Freien Kräfte“, die in der NPD-Hochburg Sachsen zunehmend an Einfluss gewinnen, während die NPD an selbigem verliert, was bei der Partei offenbar für angespannte Nerven sorgt.

Und so teilte Scheffler aus, frei nach dem Motto: Angriff ist die beste Verteidigung. „Selbsternannte außerparlamentarische Hohepriester schwingen das NS-moralische Zepter über ihre vermeintlichen Gegner im nationaldemokratischen Lager. Das geschieht größtenteils in Schriftform über das persönlich ungefährliche Weltnetz, da sich die körperliche und menschliche Erscheinung konträr zur Größe ihrer Worte verhält. Für die NPD zumindest handelt es sich um eine zu vernachlässigende Größe“, gibt sich Scheffler breitschultrig.

Mitgliederzahl eingebrochen

Die Entwicklung spricht aber eine andere Sprache: Die NPD hatte im Jahr 2006 allein in Sachsen noch rund 1000 Mitglieder, jetzt sollen es um die 800 sein – minus 20 Prozent. Ähnlich dramatisch der Rückgang auf Bundesebene: Nach Angaben des Spiegels liegt die NPD-Mitgliederzahl mittlerweile unter der 6000er-Marke – trotz der angeblich erfolgreichen „Verschmelzung“ mit der DVU. Gewohnt großspurig hatten führende Rechtsextreme von einer Zahl von weit mehr als 10.000 Mitgliedern geträumt. Knapp daneben ist auch vorbei.

Animal farm? Die FK werfen der NPD vor, zu verbonzen (Foto: Sebi Brux)
Animal farm? Die FK werfen der NPD vor, zu verbonzen (Foto: Sebi Brux)

Und die Partei verliert weiter an Rückhalt: Kreisverbände müssen unter Notstandsverwaltung gestellt werden, weil Funktionäre ihre Ämter niederlegen oder gleich die Partei verlassen, Internet-Seiten liegen brach. Beobachter bescheinigen dem Landesverband insgesamt einen desolaten Zustand. Der Verfassungsschutz Sachsen kommentierte, seit der Wahl von Holger APFEL zum NPD-Bundesvorsitzenden und Mario LÖFFLER zum Vorsitzenden des sächsischen NPD-Landesverbandes träten zunehmend innerparteiliche Differenzen öffentlich zu Tage. Nach Einschätzung des LfV Sachsen ist beispielsweise der Schritt der ehemaligen Funktionäre des NPD-Kreisverbandes Landkreis Leipzig, die ihr NPD-Parteibuch zurückgaben, ein Zeichen für ihre Unzufriedenheit mit der Führungsspitze der Partei. Ein Name fällt dabei immer wieder: Scheffler. Bereits im Juli 2011 hatte der Geheimdienst vermeldet: Mit der Wahl von SCHEFFLER an die Spitze des Landesverbandes will man offenbar die rechtsextremistische Kameradschaftsszene noch stärker an die NPD binden. Das dürfte allerdings bei dem Teil der Szene schwierig sein, der der zunehmenden politischen Verantwortung Schefflers in der Partei ablehnend gegenübersteht. Apfel hat offenbar auf das falsche (Kameradschafts-)Pferd gesetzt.

Offenkundig wurde zudem das Kräfteverhältnis bzw. die eigene Stärke von der NPD falsch eingeschätzt – und nun versucht sie, fehlenden Einfluss durch Lautstärke auszugleichen. Ehemalige Parteifunktionäre werden als Spalter und Saboteure beschimpft. Ein wenig geschickter Schachzug, denn so kann damit gerechnet werden, dass weitere Mitglieder der Partei den Rücken kehren, weil die Parolen von Treue und Kameradschaft als hohle Phrasen enttarnt werden.

„Realitätsfremde Endsiegparolen“

Im Internet schießen die Freien Kräfte derweil auf diversen Seiten aus allen Rohren gegen Apfel, Scheffler und Löffler. Das Freie Netz Süd kommentierte recht treffend, Schefflers Ausführungen erinnerten „mehr an realitätsfremde Endsiegparolen, anstatt einer ehrlichen Reflexion der unübersehbaren inneren Konflikte und Zerwürfnisse innerhalb der NPD“. „Schefflers Welt und seine abwegigen Verzerrungen“ seien „keine Analyse, sondern reine Hetze und Nachtreterei gegen unliebsam gewordene Personen. Unliebsam deshalb, weil sich manche einen Luxus innerhalb der Apfel-Front leisteten, den andere bezahlte Funktionäre schon lange für sich abgeschafft haben. Sie besaßen noch eine eigene Meinung.“

Offene Rechnungen

Christian Worch wird wohl nicht mehr Schefflers Freund (Quelle: Marek Peters)
Christian Worch wird wohl nicht mehr Schefflers Freund (Quelle: Marek Peters)

In der Kommentarspalte von Altermedia wird Scheffler in derben Worten als Verräter beschimpft, Neonazis werfen ihm Karrieresucht und Unehrlichkeit vor. Auch der Neonazi-Kader Christian Worch meldete sich hier offenkundig zu Wort, immerhin hat er mit einigen sächsischen Kameraden noch eine Rechnung offen, da diese ihn im Juli 2007 haben böse auflaufen lassen. Damals hatte Worch versucht, rechtsextreme Aufmärsche in Leipzig durchzusetzen – und musste schließlich mit 36 Kameraden marschieren. „Die Demonstration ist boykottiert worden, und zwar erstens systematisch und zweitens auch hinterrücks.“ Unter anderem kreidete Worch dies Thomas Gerlach an, der zuletzt im Zusammenhang mit dem NSU in die Schlagzeilen geriet. Nun griff Worch, bzw. ein Kommentator, der unter dem Namen Christian Worch auftritt, auch Scheffler verbal an und warf ihm vor, sich an den 36 Marschierenden vom Juli 2007 „versündigt“ zu haben: „Und hätte nur einer von denen einen einzigen Tropfen Blutes verloren, dann wäre dieses Blut über Scheffler gekommen. Frag nicht wie!“

Möglicherweise sieht die NPD-Spitze die derzeitigen Auseinandersetzungen lediglich als temporären Kollateralschaden bei der Neuausrichtung der Partei in Sachen Außendarstellung an, doch die Freien Kräfte kündigten bereits an, die NPD bei der Landtagswahl 2014 wohl kaum unterstützen zu wollen, was fatale Folgen für die NPD haben dürfte. Das FN-Süd meinte: „Die Selbstherrlichkeit, die Scheffler und andere NPD-Funktionäre an den Tag legen nährt aber eher den Verdacht, daß die Brüche endgültig sein werden, auch wenn viele in der Partei heute noch nach dem Prinzip Hoffnung leben.“ In der Währung Hoffnung lassen sich aber keine Mitarbeiter bezahlen.

Siehe auch: Brauner Apfel statt NPD-Verbotsverfahren, Die Bewegung, die nicht mehr weiterkommt, Trauern um den verlorenen Trauermarsch

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