Jüdische Ikone der Israelgegner

Eine Ikone der Pro-Palästinabewegung rechnet ab. Norman Finkelstein erklärt die antiisraelische “Boycott Divestment Sanctions”-Bewegung (BDS) zur Polit-Sekte, die sich mehr um die Zustimmung seiner Mitglieder sorgt als um die Durchsetzung politischer Ziele. Finkelstein möchte mehr Realpolitik, von seinen Nazi-Vergleichen distanziert er sich aber nicht.

Von Andreas Strippel

Norman Finkelstein war ein gern gesehener Gast bei der “Boycott Divestment Sanctions”-Bewegung (BDS). Dies dürfte sich jetzt grundlegend geändert haben. In einem Interview mit einem BDS-Aktivisten in London bezeichnet er den BDS als Polit-Sekte (er benutzt im Englischen den Ausdruck „cult“) und spricht ihnen praktisch die Politikfähigkeit ab.

Finkelstein gehört zu den Kritikern der israelischen Siedlungspolitik und der US-Nahostpolitik, die die Grenze zum antisemitischen Klischee gern überschritten haben. Erstmals wurde man in Deutschland 1998 auf ihn aufmerksam, als er eine Replik auf Goldhagens Buch „Hitlers willige Vollstrecker“ veröffentlichte. „Der Spiegel“ brachte Auszüge aus Finkelsteins Buch im Vorabdruck und verhalf ihm damit zu viel Aufmerksamkeit.

Im Jahr 2001 erregte er dann mit seinem Buch „Die Holocaust-Industrie“ noch größere Aufmerksamkeit. Seine These war, das jüdische Organisationen – namentlich die Jewish Claims Conference (JCC) – mit dem Holocaust als Argument Ansprüche von Überlebenden verfechten, die Gelder aber letztlich zweckentfremdet habe (was beides falsche Behauptungen waren). Darüber hinaus glaubte er, dass zu hohe Forderungen an die Bundesrepublik gestellt würden, und dass die JCC unrechtmäßig Ansprüche verfolge. Dass die JCC erstmalig eine Entschädigung von Zwangsarbeitern durchsetzte, die vor allem nicht-jüdischen Menschen aus Osteuropa zu Gute kam, interessierte ihn dabei nicht.

Jüdischer Kronzeuge gegen Israel

In Deutschland wurden Finkelsteins steile Thesen sehr breit diskutiert und sie stießen auf offene und verdeckte Zustimmung. Er fand Unterstützer aus allen politischen Lagern, die sich weder an der latenten antisemitischen Argumentation Finkelsteins störten, noch seine penetranten Israel-Nazi-Vergleiche als Problem ansahen. Ein linker amerikanischer Jude kann in Deutschland mit seinen antizionistischen Positionen schon mal zum Helden der neuen Rechten werden – und gleichzeitig sowohl in den Mainstream-Medien als auch in linken Publikationen positiv aufgenommen werden. Er war eine Zeit lang der jüdische Kronzeuge gegen Israel, gegen jüdische Ansprüche gegenüber dem Staat, der die Rechtsnachfolge des „Dritten Reiches“ angetreten hatte. Aber auch in den USA hatte Finkelstein Fürsprecher auf der radikalen Rechten, mit denen er keine Berührungsprobleme hatte. Dass er selbst antisemitisch sei, wies er mit dem Hinweis darauf, dass er als Jude und Kind von Holocaust-Überlebenden nicht Antisemit sein könne, zurück.

Norman Finkelstein während eines Vortrags (2005)
Norman Finkelstein während eines Vortrags (2005)

Hier zeigt sich eine Konstante in Finkelsteins politischem Engagement für die Palästinenser. Wenn es seiner Sache dient, ist er nicht wählerisch, bei der Auswahl seiner Verbündeten. Wenn er meint, dass es seiner Position dient, hat er wenig Berührungsängste. Dass er damit auch zum Türöffner für rechtsradikale Vorstellungen und antiimperialistische Verschwörungstheorien wurde, interessierte ihn offenkundig wenig bis gar nicht.

Besonderer Beliebtheit erfreute sich Finkelstein im linken-antiimperialistischen Lager, in dem er vor allem durch Noam Chomsky populär gemacht wurde. Er begreift sich wie Chomsky selbst als Antiimperialist. In solchen Kreisen imaginiert man bisweilen auch antisemitische Kampforganisationen wie die Hamas zu statthaften Bündnispartner einer vermeintlich progressiven Politik. Solche Selbsttäuschungen führten beispielsweise dazu, dass Finkelstein 2009 glaubte, die Hamas wolle ernsthaft eine Zweistaaten-Lösung. Auf einer prinzipiellen Ebene sieht er Boykott-Aktionen gegen Israel als legitimes Mittel des Protestes an und er teilt die Rhetorik, wonach Israel ein Unrechtsstaat sei.

Internationales Recht als politische Grundlage

In dem Gespräch mit dem BDS stellt Finkelstein klar, dass er friedlichen Protest gegen Israel weiterhin unterstützt, dazu gehört für ihn auch die Gaza-Flottille. Boykott hält unter Umständen für ein legitimes Mittel der Politik. Er verweist dabei auf die Boykott-Politik gegen Südafrika in den 1980er Jahren.

In dem aktuellen, konkreten Fall sei er aber nicht dafür, weil er die drei wichtigsten Politischen Anliegen der BDS nicht teile. Für Finkelstein sind dies:

• Beendigung der Besatzung und Rückzug der Siedlungen

• Rückkehr der Flüchtlinge und deren Nachkommen(das wären mehrere Millionen)

• Gleiche Rechte für arabische Israelis

Wenn alle drei Punkte umgesetzt würden, wäre die Konsequenz daraus jedoch die Zerstörung Israels, eine Ein-Staatenlösung. Dies ist für Finkelstein ebenso wenig akzeptabel wie die Heuchelei, wenn es um die arabische Minderheit in Israel geht.

Der Leitfaden seiner politischen Argumentation ist dabei das internationale Recht. Sehr zu Ungunsten vieler seiner anitiimperialistischen Bewunderer in der BDS und anderswo schließt das jedoch die Existenz Israels positiv mit ein, ein Standpunkt den er auch schon früher vertreten hat. Er wirft der BDS vor, das internationale Recht nur selektiv zu sehen. Dies drücke sich auch darin aus, dass der BDS offizielle keine Position zu Israel habe – aber das Recht, auf das der BDS sich beruft, explizit Israel als Staat anerkenne. Finkelstein machte seinen Gegenüber zudem darauf aufmerksam, dass selbst PLO-Chef Arafat als rechtliche Grundlage für einen palästinensischen Staat den UN-Teilungsplan für Palästina anerkannt habe – und der sehen nun mal auch Israel als Staat vor.

Das selektive Argumentieren führe dazu, so Finkelstein weiter, dass die Öffentlichkeit die Faktizität des israelischen Argument „Aber was ist mit unserem Existenzrecht?“ ernst nähme und nicht mehr über die Probleme der Palästinenser gesprochen würden. Daher sei die Verneinung des Existenzrechts Israels politisch das falsche Mittel, um der palästinensischen Seite gehör zu verschaffen.

Finkelstein möchte nicht Teil einer „Polit-Sekte“ sein

Finkelstein geht immer wieder darauf ein, dass er als politischer Mensch sich bei Argumenten fragen müsse, würde er ein Argument auch öffentlich vertreten. Er tadelt die Meinung seines Gegenüber, wonach der BDS eine wachsende Bewegung sei – und betont, die Argumente gegen Israel seien nicht für einen öffentlichen Diskurs, sondern zur Mobilisierung der eigenen Anhänger. Auch hält er die Wahrnehmung, dass der BDS und andere antizionistische Organisationen im Wachsen begriffen seien, für falsch. Da nur sehr wenige Leute zu den Demonstrationen kämen, könne man diese Wahrnehmung nur als Selbstbetrug werten. Er zeigt dafür sogar Verständnis und verweist auf seine Erfahrung in einer maoistischen Gruppe, um dann seinem Gegenüber um die Ohren zu hauen: „Ich werde nicht wieder Teil einer Polit-Sekte sein!“ („I’m not gonne be in a cult again“ [24.40 min]).

Finkelstein plädiert für eine seriöse Israel-Kritik auf der Grundlage einer Zweistaaten-Lösung, die für ihn eine tragbare Lösung des Konfliktes sein könnte. Jedoch distanziert er sich in diesem Gespräch nicht von seinen früher Aussagen und Nazi-Vergleichen.

Seine Kritik am BDS geht letztlich dahin, dass Finkelstein in antizionistischen Polit-Sekten offenbar keinen Bündnispartner mehr sieht für seine Kritik an Israel. Immerhin stellt er nicht die Existenz Israels in Frage. Dies ist aus den Kreisen der Pro-Palästinabewegung schon eine gute Nachricht, doch muss Finkelstein sich fragen lassen, warum er über Jahre der antiimperialistischen Linken als Aushängeschild diente und deren antisemitischen Positionen in den Mainstream vermittelte – sowie in den USA sich nicht von seinen rechtsradikalen Bewunderern distanziert. Auch in Deutschland sind Finkelsteins Werke bei vielen rechtsradikalen Buchhändlern zu finden.

Bleibt wie Frage, warum Finkelstein sich jetzt von der BDS distanziert? Will er sich einfach wieder ins Gespräch bringen? So stark die Abrechnung mit der BDS auch sein mag, es bleibt abzuwarten, ob Finkelstein seine Position zur antizionistischen/antisemitische Linken beibehält. Möglicherweise verfällt Finkelstein bald wieder in alte Muster, wenn er glaubt, dass es für ihn nützlich ist.

Siehe auch: Die Statistik von den traurigen Witzen, “Antisemiten aus der Linkspartei verweisen”Glückwunsch, Herrmann Dierkes (Die Linke)!9. November: Hammer, Sichel und ganz viele NägelVerschwörung als Ausweg der erfolglosen RechthaberMutmaßliches Linke-Mitglied posiert mit Waffen und droht gegen Zionisten,  Holocaust-Konferenz: Finkelstein doch nicht dabei

3 thoughts on “Jüdische Ikone der Israelgegner

  1. „• Gleiche Rechte für arabische Israelis“

    Dies zu fordern wäre schon allein deshalb unsinnig, weil arabische Israelis schon seit der Staatsgründung rechtlich gleuichgestellt sind und auch zum Teil hohe Posten im Militär, Rechtswesen oder der Politik bekleiden.

  2. @ jan b: echt? arabische israelis bekleiden hohe posten im militär? eigentlich dürfen die garnicht zum militär. bitte um aufklärung. das verbot für arabische israelis, ihre ehepartner zu ihnen ziehen zu lassen, wenn es sich dabei ebenfalls um araber handelt, ist auch nicht eben ein zeichen von gleichberechtigung. unter der derzeitigen rechtsaußenregierung wird antiarabischer rassismus ziemlich unverholen propagiert und in gesetzesform gegossen. man sollte sich da auch nichts vormachen.

    zum artikel: um festzustellen, dass finkelstein sich von den doofsten israelkritikern distanziert, hätte man nicht den halben artikel lang fststellen müssen, dass er selbst ganz böse ist. der artikel macht den eindruck ein vorwand zu sein, um sachen zu schreiben, die man eh stets gerne schreibt.

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