„Blut muss fließen“ – Undercover unter Nazis

Thomas Kuban – der Name ist ein Pseudonym – filmt seit fast zehn Jahren und unter Lebensgefahr Konzerte der Neonazi-Musikszene – europaweit, mit Schwerpunkt Deutschland. 

Von Anna Zumstein, Fluter

Die Orte werden kurzfristig per E- Mail, SMS oder Mundpropaganda angekündigt. Das Konspirative liefert den zusätzlichen Thrill. Irgendwo auf dem Land, eine Halle, wie 2005 in Mitterschweib bei Mitterskirchen, der Bauer Franz Xaver Wagner nennt die Musik schön und seine Gäste ordentlich. „Ich bin ein Nazi und stolz darauf, auf die Bonner Verräter, da scheiß ich drauf!“ Die Polizei steht im Festzelt und hört zu. Auf den Getränkebons steht die 28, der Szenecode für die seit 2004 verbotene Organisation Blood & Honour. Die Zwei steht für den Buchstaben B, die Acht für das H. Blut und Ehre – so lautete die Parole der Hitlerjugend – die Verwendung ist strafbar. Offiziell war das Konzert als NPD-Parteiveranstaltung angemeldet worden, organisiert von Norman Bordin, NPD-Bundestagskandidat.

Rock für Deutschland

Ganz öffentlich dagegen feierte in Gera 2005 die NPD ihren Wahlkampfauftakt als Massenveranstaltung mit über 1.000 Teilnehmern. „Rock für Deutschland“ nannte die NPD den Event, die Stars der Neonazi-Musikszene traten auf. Am 11. Juli 2009 warteten schon 5.000 Fans in der Geraer Innenstadt auf Die Lunikoff Verschwörung, Sleipnir, Brainwash und Blitzkrieg. Thomas Kuban: „Musik ist die Einstiegsdroge in die rechte Szene. Nach Gera kam doch niemand wegen Udo Voigt, was zog, war Lunikoff.“ Die Lunikoff Verschwörung, die Berliner Nachfolgeband der verbotenen Landser, spielten am 11. Februar 2012 bei einer Mitgliederversammlung des Vereins Frei Räume e.V. – Neonazi-Rock im rechtsfreien Raum. Oliver Tölle, Polizeidirektor aus Berlin: „Wenn das nicht-öffentliche Orte sind, ist es für uns sehr schwer, tätig zu werden.“

„Blut muss fließen“

Kuban kennt die Szene-Evergreens auswendig: Der Song „Blut muss fließen“ war in der Nazizeit Marschlied der SA, die Band Tonstörung aus Mannheim machte daraus einen Skinhead-Hit: „Blut muss fließen, knüppelhageldick, und wir scheißen auf die Freiheit dieser Judenrepublik.“ Auf der Schlagerparade steht zudem: „Eine U-Bahn, eine U-Bahn bauen wir von Jerusalem bis nach Auschwitz.“ Der Neonazi-Punk, der die Neunziger prägte, ist out, so Kuban: „Die Songs werden immer vielfältiger, darunter sind richtige Ohrwürmer, es gibt sogar neonazistischen Rap.“ Auf den kostenlos verteilten und von der NPD als Wahlwerbung eingesetzten Schulhof-CDs etwa brachten Noie Werte mit „Fuck the USA“ ein Lied gegen denIrak-Krieg der USA. Der Song ließe sich anti-imperialistisch verstehen. Kuban: „Ein Song, der nicht als Nazisong zu erkennen ist – wenn man ihn separiert hört, kann der für Jugendliche zum Aha-Erlebnis führen: Möglicherweise sind die doch ganz anders, als unsere Lehrer und Eltern es uns gesagt haben.“

Terroristen mit E-Gitarre oder Kommerz-Rocker?

Die Grenzen zwischen Rechtsrock, Black Metal oder auch Gothic zur Neonazi-Musik verschwimmen. Kuban: „Immer wieder geht es um Germanentum, Heidnisches. Im NS-Black-Metal sieht man Hitlergrüße, hört Sieg Heil. Das ist die gleiche Blut-und-Boden-Ideologie.“ Die Oi-Skinheadszene zeige immer weniger Berührungsängste gegenüber den Nazis: „Auf Oi-Konzerten werden Nazistücke gecovert, Nazibands treten auf und es tanzt teils auch der Punk mit Iro.“ Mittlerweile wird mit Rechtsrock eine Menge Geld verdient, 15 bis 20 Euro Eintritt für ein Konzert sind keine Seltenheit. Besonders profitieren die Vertriebe, per Online-Versand kommen CDs oder die angesagten Kapuzen-Sweats von Erik & Sons ins Haus, beiliegend Propagandamaterial, Flugblätter und Aufkleber. Thomas Kuban: „Neonazis schaffen Arbeitsplätze für Neonazis.“

Die NPD sucht aktiv den Anschluss an die Rechtsrock-Szene, um sich als junge Partei zu präsentieren. (Foto: Marek Peters)
Die NPD sucht aktiv den Anschluss an die Rechtsrock-Szene, um sich als junge Partei zu präsentieren. (Foto: Marek Peters)

Zu seinem ersten Dreh reiste Thomas Kuban allein, „per se schon auffällig“, später fuhr er in Nazifahrgemeinschaften, oft viele hundert Kilometer weit, den Horror und die Kamera im Gepäck: „Jemand schaut einen an, und dann fragt man sich: Schöpft der Verdacht?“ Immer wieder schloss sich Kuban auf der Toilette ein, das Equipment checken, die Kamera im Knopfloch seiner Fascho-Tarnung – ein Poloshirt in den Farben der Reichskriegsflagge. Bei seinem ersten Konzert stand Steffen Hammer, Anwalt, Frontsänger von Noie Werte auf der Bühne. Die Band aus Baden-Württemberg existiert seit 1987: „Ich kenne deinen Namen, ich kenne dein Gesicht, du bist die Faust nicht wert, die deine Nase bricht.“ Mit Musik der Band unterlegte dieNSU manche Bekennervideos. Thomas Kuban erzählt vom Adrenalinrauschen: „Das war ein irres Gefühl, wie im falschen Film. Die vielen Hitlergrüße, überall schallte es Sieg Heil, die gereckten Fäuste. Man begibt sich so weit wie möglich in diese Rolle als Nazi hinein, so dass die Menschenverachtung in dem Moment nicht so persönlich an einen herankommt. Letztlich ist es lebensgefährlich. Wenn die einen mit der Kamera erwischen – dann prügeln sie auf einen ein, da kann man tot sein.“ Jedes Mosaiksteinchen könnte zu seiner Enttarnung führen. Eine Anspannung, traumatisch, gleich der eines Kriegsberichterstatters. Kuban durfte bei niemandem als Gesicht in Erinnerung bleiben, die Gespräche drehten sich um die Musik. ReportPanoramaund Spiegel TV strahlten seine Bilder teilweise aus.

Auf den Konzerten sind alle gesellschaftlichen Schichten vertreten, vom Arbeitslosen bis zum Juristen. Ein paar wilde Jahre und dann ist alles vorbei? Kuban: „Die Szene wächst in alt bewährten Strukturen, es ist nicht so, dass da nur Zwanzigjährige rumspringen.“ Die Mädchen auf den Konzerten sehen aus, als kämen sie direkt aus der Unibibliothek, langhaarig, nett, unbedarft. Der Frauenanteil in der Szene ist stark angewachsen, auf etwa ein Viertel, schätzt Kuban: „Anfang der 2000er-Jahre waren bei Veranstaltungen von 400 Leuten vielleicht drei, vier Mädels.“

Nazi-Konzerte in Rocker-Clubheimen

"Rock für Deutschland" in Gera mit "Lunikoff" - Bildrechte liegen bei: recherche(at)infothek-dessau.de Dort können auch weitere Bilder bestellt werden.

Als neue Entwicklung sieht Kuban eine Verschmelzung zwischen politischem Extremismus und organisiertem Verbrechen. Rockerclubs wie die Hells Angels oder ihre Unterstützer, die Red Devils, rekrutierten ihren Nachwuchs aus der Nazi- und aus der Hooliganszene. „Es gibt viele Nazis, die Hooligans sind“, so Kuban, „Der Verfassungsschutz meint, es sei keine strukturelle Zusammenarbeit erkennbar, die Nazis, die bei den Rockern anzutreffen sind, seien Aussteiger. Naja, sagte mir ein Neonazi, wir sind jetzt im Rockerclub, wir dürfen uns als Rocker politisch nicht betätigen. Das ist von den Clubs nicht erwünscht.“ In Seesen bei Hannover entdeckte Kuban ein Ladengeschäft mit angeschlossenem Tattoo-Studio, geführt von einem Präsidenten der Red Devils, vertrieben wurde Nazi-Kleidung. Am Eingang hieß es „Angels Welcome“, es gab die Spirituosen der Hells Angels mit der Aufschrift „Original 81“ auf Bier und Schnäpsen. An den Kleiderständern hingen Ku-Klux-Klan-Shirts und Band-Shirts – zum Beispiel von den Braunen Stadtmusikanten, die den Song `Döner-Killer` veröffentlichten.

Hintergrund: Vom Rumpel-Rock zum Nazi-Reggae

Kuban erlebte in der Neonazimusikszene die Gewaltbereitschaft als allgegenwärtig; Aufrufe zu Mord und Terrorismus gehörten dazu, gerichtet gegen Juden, Ausländer, Politiker. Kuban hat kein konspiratives Neonazikonzert erlebt, bei dem es nicht zu Straftaten gekommen wäre: Den Verfassungsschutz sieht Kuban als eine Black Box: „Der Verfassungsschutz weiß entsetzlich wenig.“ V-Leute seien vom Staat bezahlte Neonazis. Mit einem NPD-Verbot, so Kuban, würde „der Szene ein unglaublich wichtiger Stützpunkt wegbrechen. Die NPD hat durch ihre Parlamentssitze Leute, die neonazistische Veranstaltungen organisieren können, hauptberuflich dafür bezahlt, und sie hat dank ihres Parteistatus die Möglichkeit Großveranstaltungen zu organisieren und einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Das würde einer Freien Kameradschaft wohl nie genehmigt.“

Mit „Blut muss fließen“ zeigt Kuban das europaweite Erstarken der rechtsextremen Szene. Fragen bleiben offen: Wer organisiert die Konzerte, wer kassiert ab? Wie viel setzt der Online-Handel der Szene um? Welche Rolle übernimmt die NPD, welche Rolle spielt die Jugendorganisation der NPD, die Jungen Nationaldemokraten? Warum bleibt die Polizei so oft untätig? Kuban wollte ein Signal setzen in die Neonaziszene hinein. Das ist ihm gelungen. Per Internet erhält der Undercover-Journalist nun Morddrohungen.

 

Hier sind vier kurze Ausschnitte aus dem Film:
Clip 1
Clip 2
Clip 3
Clip 4

Die Website der Produktionsfirma Filmfaktum bietet weitere Infos zum Film „Blut muss fließen.

Lesetipp: “Wunderbare Jahre”: Nazi sein als Lebensgefühl

Siehe auch: “Döner-Killer”: Anklage gegen Gigi erhoben, Vom Rumpel-Rock zum Nazi-Reggae

 

10 thoughts on “„Blut muss fließen“ – Undercover unter Nazis

  1. Ja kommt er jetzt in der Glotze oder nicht und wenn nein, wo kann ich ihn erwerben.

    MfG

  2. Ui. Das ist wirklich sehr spannend. Und ich frage mich, wie er dem die ganze Zeit standgehalten hat. Und meine Frage wäre auch, ob das irgendwann im Tv zu sehen ist.

    MfG

  3. Alles in allem ein guter Artikel… würde da nicht plötzlich, ganz und gar unvermittelt „politischem Extremismus“ stehen. Den ganzen Artikel lang schafft es die Autorin von Neonazis, Rechtsrockern uä zu schreiben und verfällt dann sinniger Weise ins Staatsschutzjargon zurück in dem sie von eben diesem „politischem Extremismus“ schreibt (wohlgemerkt nicht mal „Recht-extremismus“).
    Letztlich suggeriet das dem geneigten Leser:
    1. Linke „politische Extremisten“ haben auch eine Hang zur OK
    2. der Staat sollte da schleunigst etwas tun!

    Dass sich hinter dem Brandmarken von „politischem Extremismus“ gerade zwangläufig der Ruf nach dem starken Staat und seinen Repressionsorganen verbürgt, schließlich haben diese ja den unsäglichen Terminus erfunden, will nicht an dieder stelle aber nicht weiter auführen.
    Dass im Anschluss daran gerade die Unfähigkeit beschrieben wird, mit der vor allem der Verfassungsschutz solche gesellschaftlichen Probleme versucht „unter Kontrolle zu bringen“, verdeutlicht den ganzen Widerspruch. Letztlich laufen solche Argumentationen aber gerade darauf hinaus einen noch besser VS zu fordern. Ähnlich gescheit es ja gerade im NSU Kontext. Das aber der VS völlig unfähig ist das Problem, welches sie versuchen unter die Denkschablone „politischem Extremismus“ zu pressen,angemessen zu erfassen und die notwendigen Konsequenzen daraus zu ziehen, sollte langsam deutlich werden. Das selbst in solchen kritischen Atrikeln die Bezeichnung „politischer Extremismus“ verwendet wird, zeigt wie sich das „Staatsschutzdenken“ schon in den Köpfen festgesetzt hat. Wer von „politischem Extremismus“ spricht/schreibt muss letztlich in Kauf nehmen, dass sein noch so kritische Analyse letztlich auf „Gewalt“ + „Ideologie“ heruntergebrochen wird. Dies wird aber komplexen Problem wie gesellschaftlich-abreitsteiligen Rassismus, wo bekennde Nazis letztlich nur die sind, die den Abzug ziehen, nicht gerecht. Auch impliziert das, dass es immer ein linkes Pedent zum rechten-„Extremismus“ gibt, was ebenso schlimm und ebenso repressionbedürftig ist. Das so diejenigen stigmatisiert werden, die letztlich in ihren Analysen viel weiter sind und sich tagein tagaus Nazis/Rassisten/Antisemiten usw. in den Weg stellen und versuchen etwas zu verändern, wird billigend in Kauf genommen oder ist sogar gewollt.
    Auch die Überschrift unter der, der Artikel im Fluter promotet wird zeigt solche Simplifikationen: „Wenn sich Fremedenhass und Alkohol zusammentun“ …dann sitzen sie in einer Eckkneipe, in Ort XY irgendwo in Deutschland.
    Letztlich geht es darum zu begreifen, das der Verfassungsschutz Teil des Problems und nicht der Lösung ist (was der Interviewte deutlich macht) und das die Verwendung dessen Vokabular ihn aber immer wieder bestärken, da es letztlich „nur“ um Verfassungsfeinde (d.h. Extremisten) geht und eben nicht (Gruppenbezogene-) Menschenfeindlichkeit und den willen diese auch in die Tat umzusetzen. M.e. ist nicht davon auszugehen, dass der VS in nächster Zeit seine Analysen und damit seine Praktiken („V“-Männer, Einfluss nehmen, letztlich Kontrolle und Straftaten decken) überdenken wird.

    Ansonsten würde ich der Redaktion empfehlen, nochmal darüber nachzudenken ob sie denn die beiden Links zur BpB (Extremismus, Verfassungsschutz) inhaltlich tragen kann. Vorallem die Erklärung des VS ist mehr mal verniedlichend.

  4. Vor einigen Jahren wollte er doch schon damit aufhören, weil es in den Fernsehsendern zu wenig Interesse gäbe und die Tätigkeit darum kaum wirtschaftlich aufrecht zu erhalten sei.

  5. Auf der Seite von FilmFaktum steht, dass die DVD noch nicht erhältlich sei. Aber es gibt noch weitere Vorführtermine:

    EURODOK
    Oslo, 21.-25.03.2012
    DOK.fest
    München, 02.-09.05.2012

    Vielleicht danach..

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