Ein Manifest für die Freiheit des Einzelnen

Seit 2006 fällt die luxemburgische Band ROME durch äußerst hörenswerte Klangkunst auf. Der Musikstil der Band, die ein Bestandteil der Gothic-Szene ist, lässt sich wohl am ehesten als Folk Noir bezeichnen. ROME setzte sich schon des Öfteren kritisch mit dem historischen Faschismus auseinander. Diese Auseinandersetzung hat mit der aktuellen Veröffentlichung “Die Ästhetik der Herrschaftsfreiheit“ einen neuen Höhepunkt erreicht.

Von Stefan Kubon

Jérôme Reuter ist der kreative Kopf des einzigartigen Musikprojekts namens ROME. Mit seinem neuen Werk “Die Ästhetik der Herrschaftsfreiheit“ gelingt Reuter eine großartige Würdigung des Freiheitsgedankens. Obgleich Reuters Plädoyer für die Freiheit des Individuums letztlich von überzeitlicher Strahlkraft ist, denken und handeln die Figuren seines Werks vor allem vor der historischen Kulisse der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Zumeist kämpfen die Akteure mehr oder weniger deutlich gegen die faschistischen Herrschaftssysteme dieser Zeit.

Die Aesthetik der Herrschaftsfreiheit-Band 2
Die Aesthetik der Herrschaftsfreiheit-Band 2

Die aktuelle Veröffentlichung besteht aus drei Alben. Jede CD beschreibt eine typische Etappe des Kampfes für die Idee der Freiheit. Die CDs tragen die Titel “Aufbruch“, “Aufruhr“ und “Aufgabe“. Auf jeder Scheibe wird das akustische Geschehen vor allem durch drei Musikformen gestaltet. Erstens: eingängige Folksongs, die zwischen Pathos und Melancholie pendeln. Zweitens: stimmungsvolle Klangcollagen, die die längeren Monologe begleiten, in denen fiktive Freiheitskämpfer von ihren Erlebnissen und Gedanken berichten. Drittens: atmosphärische Industrial-Klänge, die mitunter eine martialische Rhythmik aufweisen. Bei den Folksongs singt Reuter auf Englisch, bei den Monologen spricht er auf Deutsch. Seine sonore und relativ tiefe Stimme klingt überaus angenehm, sie ist eine Klasse für sich.

Die Trilogie ist als Liederzyklus konzipiert. Und tatsächlich wird am Ende der dritten CD ein klanglicher und textlicher Bezug zum Beginn der ersten CD hergestellt. Die dreiteilige Gliederung des Themas entspricht der Struktur des Hauptwerks des Schriftstellers Peter Weiss (1916-1982). Weiss reflektiert in seinem aus drei Bänden bestehenden Roman “Die Ästhetik des Widerstands“ die schwierige Lage des antifaschistischen Widerstands während der Herrschaft des Nationalsozialismus. Doch Reuter hat sich bei seiner textlichen Gestaltung des Freiheitsthemas nicht nur von Weiss, sondern auch von anderen Denkern bzw. Zeitzeugen inspirieren lassen. Zum Beispiel verarbeitet Reuter Motive aus dem Leben und Werk der folgenden Schriftsteller: Bertolt Brecht (1898-1956), Georg Büchner (1813-1837), Gustav Landauer (1870-1919), Pablo Neruda (1904-1973), Abel Paz (1921-2009), Pierre-Joseph Proudhon (1809-1865), Bertrand Russell (1872-1970).

Freiheit durch soziale Gerechtigkeit

Die Auswahl dieser Denker macht deutlich, dass Reuter bei seinem Plädoyer für die Freiheit des Individuums stets die sozialen Umstände im Blick behält. Nach diesem Verständnis lässt sich die Idee der Freiheit nur dann realisieren, wenn die Frage der sozialen Gerechtigkeit nicht ausgeblendet wird. Beispielsweise ist es für die Freiheit des Individuums notwendig, dass die Gesellschaft auf Unterdrückungsmechanismen verzichtet, wenn sie einem Menschen das materielle Existenzminimum gewährt. Folgerichtig bringt Reuter im dritten Teil der Trilogie den Solidaritätsbegriff ins Spiel. Im Monolog “Appeal To The Slaves“ lässt er seinen Akteur die folgenden Worte sprechen: “Unsere erste und letzte Regung war immer die der Solidarität. Was kann uns jetzt noch trennen? Spalten? Aufhalten? Denn während wir mit allen Kontinenten verbunden sind, sind die mehr denn je in sich zerrissen. Einander Halt geben im Haltlosen. Uns an dieses Werk zu verschenken. Dies soll uns Aufgabe sein.“

Auch im Folksong “Automation“ wird das Freiheitsthema im Kontext sozialer Gerechtigkeit betrachtet. Der Text prangert an, dass die Freiheitsrechte aufgrund von sozialen Ausbeutungsverhältnissen extrem ungleich verteilt sind: “Your hunger, your greed made it a right for a few, to truly be free and not having to serve.” Und nicht zuletzt in der experimentellen Industrial-Collage “Disbandment“ geht es um die soziale Ungerechtigkeit der materiellen Ungleichverteilung, denn ein dem Tod ins Auge blickender Mensch spricht dort Folgendes: “Was zu mir gehört, soll verteilt werden. Meine Kleider denen, die in Lumpen gehen. Meine Zelte denen, die im Regen schlafen. Mein Brot den Geknechteten.“

Der Spanische Bürgerkrieg und die Legion Condor

Neben grundsätzlichen Aussagen zur Freiheitsthematik bieten die Texte Reuters auch Einblicke in die konkrete Lebenswelt der Kämpfer gegen den historischen Faschismus. Im Monolog “A Cross Of Fire“ wird der Hörer etwa mit Ereignissen konfrontiert, die dem Spanischen Bürgerkrieg (1936-1939) zuzuordnen sind. Möglicherweise hat sich Reuter bei der Gestaltung des Monologs von der Biographie des oben erwähnten Schriftstellers Abel Paz inspirieren lassen, der gegen die faschistischen Truppen des Generals Francisco Franco kämpfte. In dem betreffenden Text heißt es unter anderem: “Übernächtigt hocken wir im Rauch, versuchen eine Möglichkeit des Überdauerns zu finden, während draußen die Kondore im roten Widerschein einer untergehenden Sonne das gleiche Feuer, das einst Prometheus den Göttern stahl, auf unsere Städte niederspeien. So sind in diesem Kampf auch alle folgenden enthalten.“

Wenn Reuters Protagonist von den feuerspeienden “Kondoren“ spricht, ist das eine recht deutliche Anspielung auf die Legion Condor. Bekanntlich griff das nationalsozialistische Deutschland mit dieser Wehrmachtseinheit zugunsten Francos in den Spanischen Bürgerkrieg ein. Die Legion Condor erlangte traurige Berühmtheit, weil Kampfflieger dieser Einheit dafür verantwortlich waren, dass erstmals in der Geschichte des Luftkriegs auch Zivilisten in größerer Zahl zu Tode kamen. Der Luftangriff auf die spanische Stadt Guernica gilt als besonderer Schandfleck.

Appell an das Gerechtigkeitsgefühl: “Empört euch!“

Bei einem anderen Monolog kann man den Eindruck gewinnen, Reuter habe sich beim Schreiben auch von Stéphane Hessel inspirieren lassen. Hessel beteiligte sich von 1941 bis 1944 am französischen Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Unlängst sorgte Hessel mit seiner Schrift “Empört euch!“ für großes Aufsehen. Die Schrift ist ein Plädoyer für Demokratie und Menschenrechte. Man fühlt sich an diese Schrift erinnert, wenn in Reuters Monolog “The Night-Born“ an das Gerechtigkeitsgefühl des Hörers appelliert wird: “Wirklich, was sind dies für Zeiten, in denen die zufällig Verschonten glauben, sich beharrlich aus dem Streit der Welt halten zu müssen? Wo es doch nicht an Unrecht, sondern nur an Empörung fehlt.“

Die sehr berührende Trilogie endet schließlich mit den gleichen Worten, mit denen sie beginnt. Diese Worte erinnern daran, dass der historische Fortschritt, den die progressiven Kräfte dieser Welt im Lauf der Jahrhunderte errungen haben, kaum genug gewürdigt werden kann. Doch trotz des bisherigen zivilisatorischen Fortschritts: Demokratie und Menschenrechte müssen immer wieder aufs Neue verteidigt und erkämpft werden. Nur so kann man darauf hoffen, dass diese Werte im Idealfall eines Tages eine weltweite Gültigkeit haben werden. Allen Menschen, die beim Kampf für diese Werte gestorben sind, gedenkt Reuter mit den folgenden Worten: “Ich versinke im Eis von Kronstadt. Ich liege unter dem Pflaster von Paris. Ich klebe an den Mauern Warschaus. Ich steh‘ versteinert in Berlin. Ich liege in den Straßen Barcelonas. Ich falle im Kugelhagel der Weißen Garden. Ich liege im Schnee Petrograds. Lieg‘ verscharrt in den Wäldern Perus.“

Politisches Kunstverständnis

Tatsächlich hat Reuter mit “Die Ästhetik der Herrschaftsfreiheit“ ein überwältigendes Manifest für die Freiheit des Einzelnen geschaffen. Hier wird ein Kunstverständnis offenbar, das sich seiner politischen Verantwortung in hohem Maß bewusst ist. So überrascht es nicht, dass sich eine der von Reuter erschaffenen Figuren folgendermaßen äußert: “Doch dort, wo man nur loses Seil spannt, ist kein Trost. Fand ich doch in den kindlichen Blumenspielen der Hungerpoeten nur die Angst, sich den Bildern, die uns die Worte verwehen, zu stellen. Wo alle Kunst Flucht bleibt, ist die Sprachlosigkeit am lautesten.“

Die Sprache, die Reuter in seinen deutschen Texten verwendet, lässt sich als eher altmodisch bezeichnen. Ganz offensichtlich soll auch die Wortwahl die Zeit der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts widerspiegeln. Außerdem ist der Sprachstil Reuters sehr poetisch. An wortgewaltigen Metaphern und nachvollziehbarem Pathos herrscht kein Mangel.

Obgleich die Trilogie “Die Ästhetik der Herrschaftsfreiheit“ überaus gelungen und daher absolut empfehlenswert ist: Es gibt auch andere Möglichkeiten, um in die faszinierende Welt von ROME einzusteigen. Die Anschaffung einer CD aus dem übrigen Werk der Band bietet sich ebenfalls an.

Wunder der Klangkunst in großer Zahl

Die CDs “Flowers From Exile“ (2009) und “Masse Mensch Material“ (2008) betören den Hörer insbesondere mit sehr schönen und eingängigen Folksongs. Monologe oder bedrohlich klingende Industrial-Collagen hört man dort kaum. Gleichwohl geht es auch hier um ernste Themen. Die erstgenannte CD beschäftigt sich mit dem Spanischen Bürgerkrieg und den Schicksalen der Menschen, die damals als Freiheitskämpfer aktiv waren. Das Album “Masse Mensch Material“ ist nicht zuletzt deshalb bemerkenswert, weil dort mit dem Stück “Wir Moorsoldaten“ dem Freiheitswillen aller Verfolgten des NS-Staats ein Denkmal gesetzt wird.

Auch das Frühwerk von ROME ist sehr hörenswert. Es besteht vor allem aus den CDs “Nera“ (2006) und “Confessions D’Un Voleur D’Ames“ (2007). Stimmungsmäßig sind beide Alben relativ düster gehalten. Eingängige Folksongs gibt es eher selten zu hören. Häufig prägen dunkle Industrial-Collagen das Klangbild. Die Texte wirken zumeist recht abstrakt und geheimnisvoll.

So viele faszinierende Veröffentlichungen in so kurzer Zeit – Jérôme Reuter scheint ein besonders begnadeter Künstler zu sein. Und erfreulicherweise nutzt er seine außergewöhnliche künstlerische Begabung dazu, sich für einen Freiheitsbegriff einzusetzen, von dem sich mancher Zeitgenosse eine Scheibe abschneiden könnte.

Diskografie der Alben:

2006: Nera
2007: Confessions D’Un Voleur D’Ames
2008: Masse Mensch Material
2009: Flowers From Exile
2010: Nos Chants Perdus
2012: Die Ästhetik der Herrschaftsfreiheit
(eine limitierte Sonderausgabe der drei
Alben erschien bereits im Herbst 2011)

 

4 thoughts on “Ein Manifest für die Freiheit des Einzelnen

  1. Da Demokratie eine Herrschaftsform ist, kann es sich bei „Die Ästhetik der Herrschaftsfreiheit“ nicht um eine Erinnerung daran handeln, dass Demokratie und Menschenrechte „immer wieder aufs Neue verteidigt und erkämpft werden“ müssen. Es geht vielmehr um das Streben nach einer Gesellschaft ohne Regierung, also eine anarchistische bzw. kommunistische Gesellschaft. Und zwar geht es darum weniger in Form eines Plädoyers, sondern auf einer Metaebene, die sich fragt, was die Menschen zu diesem Kampf angetrieben hat und evtl. immer noch antreibt, obwohl er noch nie wirklich Erfolg hatte – sondern eben höchstens in der pervertierten Form der Errichtung von „Freedom & Democracy“ mit all ihren alles andere als herrschaftsfreien Folgen.

  2. Mattn, the limited edition was sold out on infrarot. There were 999 copies and they was all selled before the album came out, I know it because I was one of the latest who bought it and on infrarot they said me „we are not sure if you are too late“.

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