Bürger und Rechtsextreme gegen „Kinderschänder“

Die Rechtsextremen wollen in die Mitte der Gesellschaft – so eine beliebte Analyse. Was das konkret bedeutet, zeigt sich beim Thema „Kinderschänder“. In Schleswig-Holstein demonstrierten Rechtsextreme und Bürger gemeinsam gegen einen 18-jährigen Straftäter.

Eine Demonstration in Leck in Schleswig-Holstein gegen einen jungen Mann, der ein Mädchen missbraucht hatte, ist maßgeblich von Rechtsextremen angeheizt worden. Eine Rednerin sagte, der Täter habe seine Menschenrechte verwirkt – und beklagte Repressionen „des Systems“ gegen Andersdenkende.

Zudem versuchten rund zwei Dutzend Demonstranten die Wohnung des 18-Jährigen zu stürmen. Polizeibeamte schritten ein und brachten den jungen Mann an einen sicheren Ort. Die Flensburger Staatsanwaltschaft prüft nun mögliche strafrechtliche Konsequenzen. 

Neonazis setzen immer wieder auf das Thema Missbrauch von Kindern und fordern die „Todesstrafe für Kinderschänder!“ Dies zeige, dass die Neonazis von dem Thema keine Ahnung haben, wie die Leiterin der Beratungsstellte „Zartbitter“, Ursula Enders, betont. Wer das Wort „Kinderschänder“ benutze, disqualifiziere sich fachlich, so Enders im Gespräch. Denn dies bedeute, die Opfer lebten fortan in Schande – damit verletze man die Opfer. Aber auch der Begriff Pädophilie sei in Fachkreisen verpönt, sagt Enders. Denn wenn jemand beispielsweise frankophil sei, bedeute dies nicht, er missbrauche Franzosen.

Durch die Forderung nach drakonischen Sprachen werde es den Opfern erschwert, über das erlebte Leid zu sprechen, sagt Enders. Zurzeit wird oft gefordert, es müsse bei einem Verdachtsfall sofort Strafanzeigen geben. „Wenn wir in Fällen von sexuellen Missbrauch sofort Anzeige erstatten müssen, werden sich viele Opfer uns nicht mehr anvertrauen, weil sie Angst haben, selbst angezeigt zu werden.“ Denn beispielsweise in der Odenwaldschule haben Täter mehrere Kinder in sexuellen Missbrauch verstrickt, daher fürchteten Kinder, sie würden auch bestraft. „Die Täter sagen dann, du hast es ja auch getan“, betont Enders diese besondere Täterstrategie, die zumeist auch erst später aufgedeckt wird – so auch im Fall der Odenwaldschule.

Die meisten Täter kommen aus dem sozialen Nahbereich

NPD-Propaganda für die Todesstrafe von "Kinderschändern"
NPD-Propaganda für die Todesstrafe von "Kinderschändern"

Zudem sind drakonische Strafen kontraproduktiv, da Opfer diese nicht verantworten wollen. Die meisten Täter kommen aus dem sozialen Nahbereich der Kinder – also Freunde der Familie, Verwandte, Mitarbeiter von Institutionen. Wenn diesen Personen die Todesstrafe drohe, würden viele Opfer schweigen, so Enders weiter. Der Anteil des sexuellen Missbrauchs in der Familie mache bei Mädchen etwa 30 Prozent aus. Bei Jungen sei der Anteil deutlich niedriger. Mädchen würden zu etwa 60 Prozent im sozialen Umfeld missbraucht: Nachbarn, Freunde der Familie oder Verwandte, Mitarbeiter aus Institutionen. Bei Jungen liege der Anteil der Fremdtäter etwas höher – etwas über zehn Prozent.

Enders betont, in Gesprächen mit Opfern äußern Kinder oft die Vorstellung, die Täter säßen bei Brot und Wasser im Gefängnis. Dies empfänden die Opfer aber nicht als erstrebenswert. Daher frage Enders, ob das Opfer möchte, dass der Täter im Gefängnis Kurse besuchen, damit er solche Taten nicht wieder begehe. Dies befürworten die Opfer zumeist.

Für Opfer sei es auch belastend, wenn die Angehörigen nach dem Bekanntwerden eines Missbrauchs mit Mord an dem Täter drohen. „Dann ist mein Vater im Gefängnis, das möchte ich nicht“, so eine typische Reaktion der Kinder. Daher sollten sich Angehörige mit solchen Rachegelüsten zum Wohl des Kindes zurückhalten.

Linktipp: Nazis den Wind aus den Segeln nehmen – Informationsbroschüre zum Thema sexueller Missbrauch

Enders berät seit Jahrzehnten Opfer, die sexuell missbraucht wurden. Sie hat mehrere Bücher zum Thema veröffentlicht und hat 1987 die Beratungsstellte Zartbitter mitgegründet. Der Verein beschäftigt sich mit dem Thema Missbrauch in Institutionen, berät Missbrauchsopfer und Einrichtungen, die von Missbrauch betroffen sind.

Siehe auch: Die Rechte und der Missbrauchsskandal, Nazis den Wind aus den Segeln nehmen – Informationsbroschüre zum Thema sexueller Missbrauch, “Chemische Kastration einführen” – NPD-Antrag abgelehnt, Neonazis fordern “höchste Strafe für Kinderschänder”

Siehe auch: Forderung nach Todesstrafe nützt den Opfern nicht

8 thoughts on “Bürger und Rechtsextreme gegen „Kinderschänder“

  1. Hallo,
    was mich an dem Artikel stört ist die Verwendung des Begriffs „Missbrauch“. Es wird zwar über eine angemessene Bezeichnung der Täter_innen nachgedacht, jedoch wird den „Opfern“ (ebenfalls ein Begriff, der diskussionswürdig ist) der Missbrauch zugeschrieben, was impliziert, dass es einen Gebrauch geben würde. Expliziter heißt dies: Sexueller Missbrauch – sexueller Gebrauch. Ich halte es für sinnvoller von Vergewaltigung oder sexualisierter Gewalt zu sprechen.

  2. Wenn es gegen „Kinderschänder“ geht, ist ein gemeinsames Demonstrieren mit Neonazis leider nichts außergewöhnliches, sondern die Regel. Ich möchte hier an die seit nunmehr mehreren Monaten mit Dorfbewohnern und Neonazis gemeinsam betriebene Hetzjagd gegen zwei zugezogene ehemalige Kinderschänder im Altmarkdorf Insel erinnern.

    Zwar wollen sich die Dorfbewohner von Insel von den Neonazis distanzieren. Doch in meinen Augen können sie – da sie die Vertreibung von Menschen und damit Menschenrechtsverletzungen fordern und ihnen auch nicht die Chance zur Rehabilitieren geben wollen – genau so gut auch weiterhin seit an seit mit den Braunen marschieren. Denn ihr verhalten zeigt, dass sie in die selbe Richtung denken, wenngleich sie nicht unbedingt das Gleiche denken.

    Mit einem Verständnis von Gerechtigkeit und Humanität hat das, was in Insel, oder wie hier beschrieben in Leck in Schleswig-Holstein passiert, nichts zu tun.

  3. …damit ich nicht falsch verstanden werde: Für die Straftat sollten die Täter in meinen Augen selbstverständlich trotzdem büßen. Allerdings in Grenzen, die durch die Humanität gesetzt werden (um mal nicht die Rechtssprechung zu nennen, da die sich – theoretisch – jederzeit ändern kann)

  4. Es gibt wohl kaum ein anderes Thema, bei dem es so leicht ist, Zivilisation und Humanismus auf die Probe zu stellen. Als Vater ist mir schon klar, wie schwer es ist, das Thema sexueller Gewalt gegen Kinder rational zu behandeln.

    Man sollte allerdings schon vorsichtig sein, mit wem man gegen was demonstriert. Ausgerechnet mit Anhängern einer Ideologie gemeinsame Sache zu machen, die Hunderttausende von Kindern einfach gnadenlos umgebracht hat, weil sie behindert waren, oder der falschen „Rasse“ angehörten, und die auch nichts dabei fand, auch Kinder zu „medizinischen“ Experimenten zu missbrauchen – das verkennt ja wohl, in welchen Dimensionen dieses Pack das Wort Kindesmissbrauch tatsächlich getrieben hat.

    Niemals sollte man an der Seite solcher Leute stehen.
    Sven

  5. Erschreckend, wie sich die Leiterin einer Beratungsstelle gegen Missbrauch auch offenbar noch mit dem Täter solidarisiert und gegen diesen Abschaum auch noch schützenden Argumente vorbringt…

  6. @ Papa Marcus

    Ja das kann ich auch nicht verstehen. Täterschutz geht in Deutschland vor Opferschutz.

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