Ein angeblicher Polizei-Kalender – und viele offene Fragen

Die Berliner Morgenpost und Die Welt hatten über einen angeblichen Kalender der Gewerkschaft der Polizei (GdP)  berichtet, in dem rassistische Bilder zu sehen seien. Die Online-Ausgaben der Zeitungen veröffentlichten die Bilder sogar – doch nun sind die Artikel und angeblichen Kalenderbilder verschwunden – ohne Angaben von Gründen. Die GdP wies die Vorwürfe auf Anfrage von Publikative.org zurück.

Von Patrick Gensing

Auch eine Google-Bildergalerie des mutmaßlichen Zeichners, der nach eigenen Angaben seit 25 Jahren als Polizist arbeitet, wurde gelöscht, auf seiner Internet-Seite wurden offenkundig mehrere Motive entfernt. Vorgänge, die Fragen aufwerfen. Antworten gibt es bislang kaum, Morgenpost und Welt reagierten bis jetzt nicht auf schriftliche Anfragen. Die taz griff die Geschichte mittlerweile ebenfalls auf – und erhielt eine Antwort von Welt-Online, in der es  etwas verklausuliert heißt: „Aufgrund der insgesamt zweifelhaften Faktenlage und widersprüchlichen Hintergründe sowie mit Blick auf die schweren Vorwürfe, die sich daraus ergeben, haben wir uns entschlossen, die Geschichte zunächst von der Seite zu nehmen.“

In der Tat hatten es die Vorwürfe in sich. So hatten Welt und Morgenpost in ihren mittlerweile gelöschten Artikeln ohne Angaben von Quellen geschrieben, nach ihren  Informationen solle der frühere GdP-Chef Harald Schneider Herausgeber des nun aufgetauchten Kalenders sein. Das wäre pikant, denn Schneider hatte die Karikaturen der DPloG jüngst scharf verurteilt. Die Zeitungen betonten, die beiden Gewerkschaften seien sich „spinnefeind“.

Welt Online und Morgenpost hatten zudem behauptet, der Kalender liege den Redaktionen vor. Aber warum verschwand der Artikel dann wieder? Und von wem kommt der angebliche Kalender, wenn nicht von der GdP?

Keine Anfragen der Zeitungen

Ex-GdP-Chef Schneider sagte auf Anfrage von Publikative.org, er habe keine Kalender herausgegeben, in seiner Zeit als GdP-Bayern-Chef von 2005 bis 2010 hätte es überhaupt keine entsprechenden Veröffentlichungen gegeben, auch danach nicht. Auf die Frage, ob Morgenpost und Welt ihn mit den Vorwürfen konfrontiert hätten, versicherte Schneider, es habe keine Anfragen der Zeitungen gegeben. Er wisse nicht, wer diese Behauptungen verbreitet hätte, vermute aber, diese könnten von „interessierten Kreisen“ lanciert worden sein. Der SPD-Landtagsabgeordnete erwähnte in diesem Zusammenhang auch die Konkurrenz zwischen GdP und Deutscher Polizeigewerkschaft (DPolG) in Bayern.

Ein Sprecher der GdP kündigte gegenüber Publikative.org an, die Gewerkschaft werde zu Wochenbeginn die Welt und die Morgenpost um Stellungnahmen bitten – und auch rechtliche Schritte prüfen.

Die Berliner Morgenpost löschte ihren Artikel ohne Angaben von Gründen, nicht die feine Art
Die Berliner Morgenpost löschte ihren Artikel ohne Angaben von Gründen, nicht die feine Art

Die bei der Berliner Morgenpost gezeigten Motive stammen aber so oder so von einem Polizisten, der als Karikaturist tätig ist – allerdings sind einige Zeichnungen offenkundig schon deutlich älter. Die Löschung des Morgenpost-Artikels (auch im Google Cache, in WebArchiven ist dieser nicht zu finden) und der Bildergalerie sowie die offensichtliche Entschärfung der Internet-Seite des Karikaturisten machen die ganze Sache nur interessanter. Der Artikel von Welt Online, inklusive der Motive, können aber noch im Cache angeschaut werden, zudem existiert mittlerweile eine Sicherheitskopie des Artikels inklusive der Bilder.

Zweite Gewerkschaft verteidigt ersten Kalender

Die Deutsche Polizeigewerkschaft in Bayern gibt sich derweil wenig einsichtig, was die Kritik an ihrem eigenen Kalender, ebenfalls mit rassistischen Inhalten, angeht, bezieht sogar die Kritik daran noch trotzig ein: „Nur wer Schlechtes denkt, wird Böses sehen“ steht nun über einer Darstellung. Der Kalender hatte für viel Kritik gesorgt, aber Vertreter der Gewerkschaft verteidigten das Werk. Dabei wurden die absurdesten Argumente vorgetragen. So sei der Kalender ja nur für den internen Gebrauch, hieß es unter anderem.

Die Initiative Schwarze Menschen in Deutschland verurteilte in aller Schärfe den von der Deutschen Polizeigewerkschaft veröffentlichten Polizeikalender. Völlig unverständlich sei, wie sie ihn auch weiterhin verteidige. So heißt es von Seiten des bayerische Landesvorsitzende der Polizeigewerkschaft, dass im Kalender „Situationen des täglichen Dienstbetriebes” abgebildet seien und so getan werde, „als ob es diesen Polizeijargon nicht geben würde“. Wenn diese Karikaturen Ausdruck realer Geschehnisse sind, müssten die Polizeiführung und die Polizeigewerkschaften sich endlich hinterfragen, wie stark Rassismus auch innerhalb der Polizei vorhanden sei. „Mit dem Abhängen alleine ist es nicht getan.“

Dank an die aufmerksamen Leser für Hinweise und Links!

Siehe auch: Rassismus, Sexismus, Menschenverachtung – Humor bei der Polizei,  Geistige Engpässe: Kalender der Polizeigewerkschaft, Deutscher Humor: ohne Rassismus kein Witz

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36 Kommentare zu „Ein angeblicher Polizei-Kalender – und viele offene Fragen

  1. das hat vermutlich nur mit urheberrecht zu tun.
    der „künstler“ hat gemerkt, dass seine cartoons nicht überall gut ankommen und daraufhin:
    1. die schlimmsten cartoons von seiner Homepage entfernt
    2. das picasa-webalbum geschlossen
    3. den zeitungen untersagt, seine urheberrechtlich geschützten werke in diesem zusammenhang zu zeigen.
    und jetzt duckt er sich und hofft, dass noch mal alles gut geht für ihn.

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  2. @Hugo So ganz scheint da im Moment niemand durchzublicken. Das sind einfach „Sicherheitskopien“ der Bilder, die in dem Welt Online-Artikel verlinkt waren, ähnlich wie in dem Pastebin vom Kollegen oben.

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  3. Vor allem die Karikatur, die ganz offensichtlich auf den Tod von Oury Jalloh anspielt, ist ja wohl absolut ekelhaft und unverschämt. Man achte insbesondere auf den Kanister, der neben den Polizisten steht. Unglaublich….

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  4. Auch wenn es eine Fehlinformation war und es den GdP-Kalender gar nicht gibt: Diese extrem rassistischen Polizei-Cartoons sind auf jeden Fall alle echt, sie stammen zum großen Teil von dem Polizei-Cartoon-Zeichner Kriminaloberkomissar Alfred Berger.

    Hier die Archiv-Version seiner inzwischen vom Netz genommenen Homepage:
    http://web.archive.org/web/20100727123253/http://www.polizeicartoons.de/index.html

    Seine Kritiker bezeichnet er dort als „Reichsbedenkenträger“ und „selbstgerechte Minderheitenschützer“. O-Ton: „Ach ja -bevor ich es vergesse- leider haben in der Vergangenheit manche „Reichsbedenkenträger“ im Kollegenkreis und selbstgefällige, politische „Minderheitenschützer“ meine Bildchen nicht verstanden…“
    (Quelle: http://web.archive.org/web/20100727123253/http://www.polizeicartoons.de/index.html)

    Vermutlich stammen viele der Cartoons aus seinem 2001 veröffentlichten Bildband:
    http://www.amazon.de/H%C3%A4nde-hoch-Verkehrskontrolle-Alfred-Berger/dp/3821830832/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1330879198&sr=8-1

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  5. Die Frage ist: Was heißt Fehlinformation? Die Zeitungen hatten den Kalender angeblich vorliegen, zumindest haben sie das geschrieben. Und die haben den GdP-Funktionär Schneider schwer belastet, mit Klarnamen – ohne seine Stellungnahme einzuholen. Und nun verschwinden die Artikel wieder, das Gerücht ist losgetreten worden – und die Blätter stellen das nicht richtig? Was ist das denn bitte für ein Vorgehen? Und woher kommen denn die Anschuldigungen gegen die GdP? Das ist sehr spannend.

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  6. Herr Gensing, endlich aufwachen und klarstellen.

    Es steht schon an etlichen Stellen im Internet, das dieser Kalender ein Fake von interessierte (linker) Seite ist.

    Hoffentlich fällt Ihre gespielte Berufsempörung über diese linke Widerlichkeit genauso heftig aus wie sonst.

    AnmPG: „Etliche Stellen?“ PIe, oder wie? Interessierte Linke denunzieren die liberalere der Polizeigewerkschaften bei den Springer-Blättern Berliner Morgenpost und Welt – wirklich, eine geniale Theorie. Haben Sie irgendwelche Indizien? Ach, was frag ich eigentlich so blöd, der „gesunde Menschenverstand“ hat Ihnen das geflüstert. Außerdem steht es im Internet.

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  7. „zunächst von der seite zu nehmen“

    hier fehlt die nächste frage, bin wann das „zunächst“ genau gilt, also wann mit der wiederherstellung des „zunächst vorübergehend“ nicht funktionierenden links gerechnet werden kann und welche form der aktualisierung/berichtigung/ergänzung ihnen genau vorschwebt

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  8. Der Satz „Morgenpost und Welt reagierten bis jetzt nicht auf schriftliche Anfragen.“ – steht da oben ja immer noch drin.

    Wie ist das nun, habt ihr nur einen neuen Beitrag zu verlinken vergessen samt dem Update-Satz hier oder wie ist denn nun der Stand der dinge – habt ihr die beiden Zeitungen desselben Verlagshauses immer noch nicht zum Reden gebracht? Ich meine, ich finde das etwas witzig, dass die meinen, publikative.org (was lief dort, a lá „onlineseite“, da müssen wir nicht antworten? lustig, irgendwie…) – jedenfalls finde ich das Schweigen witzig, wenn ich darf.

    Ihr habt Vorsprung bis morgen sagen wir 14uhr. Ab da kommt offiziell irgendne onlineseite auf Gedanken und wird sich als „Leser der Onlineausgabe“ verkleiden – „immerhin die Klicks für die Werbung und so… also werde ich hier wohl mal ein paar Fragen stellen dürfen“ und „ich habe da was gehört, da sei ein Beitrag, wo ist der denn“? – ungefähr in die Richtung werden dann wohl paar Anrufe fällig (ts, schon komisch, ich habe gehört, auf dieser Seite seien Leute mit hochaktueller Jahresziffer uffm Presseausweis unterwegs, haben aber wohl keine Flatrate und das Telefon ist zu teuer oder deren E-Mail sendet nur einmal täglich was ist da los…).

    Ihr habt Vorsprung bis morgen nachmittag, ab da startet irgendne ne „nächste onlineseite“ mit einer verkleideten Untergrundrecherche.

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  9. Pingback: Anonymous
  10. Huh? „Artikel vielleicht fehlerhaft, darum offline“ ist ein ganz guter Grund, meine ich. Es sei denn, hier bei Publikative steht man auf Verschwörungstheorien. Und hätte gern, dass die Fakten doch so wären, wie in einem möglicherweise fehlerhaften Artikel dargestellt. Was wiederum traurig ist.

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  11. an Staph: wie bitte? „Artikel fehlerhaft darum offline“ sei ein „ganz guter Grund“, meinst Du?

    Schon mal von Richtigstellungen gehört? Reinfälle dieser Art werden nicht einfach klammheimlich gelöscht, sowas korrigiert man, möglichst transparent.

    An publikative.org – sagt mal, der Tippfehler bei der taz ist schon 7 Tage alt, stört euch der gar nicht?

    Zitat: „… dass die Internetseite des Karikaturisten, der gemäß dem Blog publicatice.org seit 25 Jahren …“ :] quelle: http://www.taz.de/!88910/

    (hm mal grübeln. es gibt narratricen, actricen, warum soll es da keine publikatice geben… :-] )

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