Heiopei der Woche: Hartlap und die Ultra-Geiselnehmer

Sie kennen Detlef Hartlap nicht? Das muss sich ändern, aber schnell: Denn Hartlap ist Chefredakteur von „Prisma“, einem der größten TV-Magazine Deutschlands, das nach Angaben der dafür zuständigen „Informationsgemeinschaft zur Feststellung der Verbreitung von Werbeträgern“ (IVW) eine Auflage von 4.225.943 Exemplaren hat und 7.060.000 Millionen Leser erreicht, da es hierzulande 50 Tageszeitungen beiliegt.

Von Andrej Reisin

Ähnlich wie in der ADAC Motorwelt machen auch in „Prisma“ Anzeigen von Treppenlift-Herstellern einen bedeutenden Teil der Werbung aus. Und: „Prisma“ gibt es schon seit 35 Jahren. Zum 30. vor fünf Jahren gratulierte sogar die „TAZ“:

Haifisch-Absturz
Heiopei – der publizistische Wochenabsturz

„Manch einer denkt wegen einer ganz bestimmten Anzeigenstruktur, die Prisma sei eher etwas für ältere Leute“, sagte Chefredakteur Hartlap damals. In Wirklichkeit aber verteile sich seine „Leserschaft sehr gleichmäßig von jung bis alt.“ Trotzdem beklagte sich Hartlap schon damals, dass der Auflagenschwund der Tageszeitungen eine „beängstigende Entwicklung“ sei. Gegen die drohende Gefahr, die in jedem Fall mit diesem perfiden Internet zusammenhängt, schreibt Hartlap denn auch nach Kräften an. Er „pilgert von Blog zu Blog, von Vollmund zu Lästermaul“ und stellt fest: „An Bescheidwissern besteht kein Mangel.“ Aber aufgemerkt: „Zusammengenommen ergeben die gedanklichen Muskelspiele allerdings doch wieder nur dieses babylonische Gesumse von Meinungen, Deinungen, Seinungen, die wie ein Tinnitus durchs Ohr geistern und schon eine geraume Weile nerven.

Trotz oder wegen seiner vermeintlich zahlreichen jungen Leserinnen und Leser ist Hartlap allerdings auch von einem Phänomen genervt, das in Deutschland in etwa genauso alt ist wie das Internet: Fußball-Ultras (2. Seite: hier). Diese seien eine „aggressive Minderheit, die Deutschlands Stadien in Geiselhaft“ genommen habe. Das Ultra-Gespenst, das in der Bundesliga umgehe, leuchte „in allen Schattierungen“, es blitze und zische und verbreite „einen unangenehmen Gestank“. Aber, klagt Hartlap, der „Bundesliga-Normalo“ sei „ein Biedermann, der die Brandstifter so lange als folkloristische Zugabe zum Spiel betrachtet, bis sie ihm den Schalensitz unter dem Hintern wegsprengen.“ Ultras, weiß Hartlap, „entnehmen ihre Gesänge teils dem Hip-Hop, teils den traditionellen Schwulen-Hymnen von Queen und Pet Shop Boys.“ Hartlap ist diese Unterstellung aber offenbar nicht nur wegen der sexuellen Orientierung suspekt, sondern vor allem, weil sich hinter der vermeintlichen Harmlosigkeit furchtbare Dinge verbergen: „Den Hooligan dürstet es nach der Straftat wie den Zecher nach dem Bier. Die Ultras sehen sich selbst fanatischer als den Fan und im Notfall auch als Hooligan.

Soweit die messerscharfe Analyse. Aber Hartlap hat noch lange nicht fertig: Denn im Gegensatz zu den „Vollmündern“ und „Lästermäulern“ im Internet kann er – genau wie alle „richtigen“ Journalisten außerhalb der „Internet-Gemeinde“ – auch aufmerksam lesen, anständig zitieren und vor allem die richtigen Schlüsse ziehen. Und das geht so: Philipp Markhardt, Sprecher der Vereinigung „ProFans“, sagte der Deutschen Presse Agentur (dpa) Folgendes:

„Selbstverständlich gibt es auch Ultras, die zu Gewalt greifen. Alles andere zu behaupten wäre Blödsinn. Aber pauschal zu konstatieren, die Ultras seien gewalttätig, das ist genau so wenig richtig wie zu behaupten, die Ultras sind alle Chorknaben. Der Ultra verfolgt nicht das Ziel, gewalttätig zu werden. Ultras sind genau so ein Schnitt durch die Gesellschaft wie alle Fußballfans. Da gibt es nicht mehr oder weniger Gewalttätige.“

Daraus wird bei Hartlap:

„Selbstverständlich gibt es auch Ultras, die zu Gewalt greifen. Alles andere zu behaupten wäre Blödsinn“ sagt Philipp Markhardt, ein „bedingungsloser“ Unterstützer des Hamburger SV. Gewalt als Naturgesetz, da kann man nichts machen.“

Und am Ende des Märchens von den Biedermeiern und Brandstiftern folgt dann das Finale furioso:

„Auch über Port Said, wo 70 Ägypter mutmaßlich infolge politischer Strippenziehereien starben, brannte das Licht der Ultras: Bengalisches Feuer. Ähnlich war es 1986 im Brüsseler Heysel-Stadion, wo 39 Menschen starben. Im Wohnzimmer der Bundesliga steht ein Elefant. Noch denken die Vereine: Der will nur spielen.“

Man kann zu derlei Dünnsinn eigentlich kaum noch etwas Vernünftiges aufschreiben, aber in aller Kürze trotzdem der Versuch: Was immer in Port Said genau passiert ist, hatte mit deutschen Ultras und der Bundesliga ungefähr so viel zu tun wie Hosni Mubarak mit der Mondlandung. Und im Brüsseler Heysel-Stadion sorgte nicht das Licht der Turiner Ultras für den Tod von Menschen, sondern völlig unzureichende Sicherheitsvorkehrungen und ein Liverpooler-Hooligan-Mob, der auf Turiner Fans losging, die größtenteils das waren, was Hartlap als „Normalos“ bezeichnen würde, denn die organisierten Juve-Fans waren in anderen Stadionbereichen. Die meisten Toten wurden darüber hinaus unter einer einstürzenden Mauer des baufälligen Stadions begraben. Die Art und Weise, wie hier Tote instrumentalisiert werden, die zumindest im ägyptischen Fall sogar Mordopfer sein könnten, spottet jeder Beschreibung – von journalistischer Ethik ganz zu schweigen.

So viel zusammen gebrauter Unsinn, so viel gefährliches Halb- und Nichtwissen war selten. Und damit dürfte auch klar sein, was Hartlap am Internet so stört: Dass man nicht mehr einfach unwidersprochen jeden Rotz behaupten darf, der einem bei der Morgentoilette wie ein Tinnitus durch Hirn gepiept ist. Doch Lesern, die einen „sachlichen Diskurs“ einfordern, weiß Hartlap entgegen zu schleudern: „Da gibt es keinen Diskurs!“ Womit er en passant Michel Foucault widerlegt haben dürfte. Denn trotz aller Bescheidwisser „wird das Internet zum Symbol für das unbesiegbare Nichtbescheidwissen der Masse. “ Die Masse, die er meint, müssen die Leserinnen und Leser seiner Fernsehzeitschrift sein, deren Verbreitungsgebiet laut Eigenwerbung „von der Maas bis an die Oder“* reicht. Harte Zeiten für uns Bescheidwisser der Internet-Gemeinde.

Sie auch: Diskret in den Farben, ernst in der Sache, Dahin, wo es weh tut!, Überbieten und Strafen, Distanzlos gegen Fangewalt, Etwas Besseres als diesen Journalismus, Sogenannter Journalismus: Wie erzähle ich Fußballrandale?

*Mit Dank an René Martens

7 thoughts on “Heiopei der Woche: Hartlap und die Ultra-Geiselnehmer

  1. Super-Artikel!

    Wieder einmal ist es gelungen, der bürgerlichen Presse die Maske vom Gesicht zu reißen.

    Die Frage ist nur, wie soll gegen den Volksschädling Hartlapp weitervorgegangen werden?

    Volksgerichtshof?
    Reichsschriftumskammer?
    Oder reicht ein Besuch der Gedankenpolizei?

  2. Danke für diesen Artikel. Ich habe nämlich besagten „Rotz“ von Detlef Hartlap auch letztens gelesen und mich sehr geärgert uber seine Behauptungen, die höchstens noch mehr Öl ins Feuer bei denen gießen, die eh schon eine schlechte Meinung von Fußballfans haben. Detlef Hartlap gehört für mich mit solchen „Artikel“ eindeutig am besten zur BILD-Zeitung.

  3. Super Artikel!
    Ich finde es echt schlimm, was man heutzutage noch immer in „Zeitungen“ lesen muss und noch viel schlimmer, dass die Leute offensichtlich so dumm sind, das auch noch unwidersprochen zu glauben!
    Wie wäre es, wenn man bei Fußballspielen den Artikel mit der Wohnadresse des Herrn Hartlap verteilen würde? Dann könnte er selbst rausfinden, wie viele davon wirklich gewalttätig sind…

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