Wie fett sind die Unsterblichen?

Die Unsterblichen haben es mit ihren „spontanen“ Aufmärschen und Internet-Videos in die großen Medien geschafft. Doch welchen Einfluss hat diese Neonazi-Truppe in der Bewegung? Und ist das alles wirklich neu?

Von Patrick Gensing

Zweifelsohne haben die Unsterblichen mit ihren Videos in den vergangenen Monaten neue qualitative Maßstäbe gesetzt, was Neonazi-Propaganda angeht. Angefangen mit den Aufnahmen von ihren gespenstischen Fackelzügen durch ostdeutsche Kleinstädte bis hin zu ihrem bisherigen „Meisterwerk“ – ein Video, das auf einem Song der Band Madsen aufbaut.  Beim Konstanzer Fasnachtsumzug marschierten zudem Neonazis, die angeblich zu den Unsterblichen gehören, unerkannt mit im Zug, berichten Medien.

Gekonnte Inszenierung von "spontanen" Aufmärschen - die Unsterblichen in Aktion
Gekonnte Inszenierung von "spontanen" Aufmärschen - die Unsterblichen in Aktion

Die Wirkung nach außen ist enorm, unter anderem Spiegel TV berichtete ausführlich über die Unsterblichen. Einige Frage bleiben dabei allerdings außen vor: Was bringt es den Neonazis eigentlich, wenn sie gar nicht erkannt werden? Und welche Bedeutung haben die Unsterblichen innerhalb der Bewegung? Fakt ist: Zwischen den Milieus gibt es viele Grabenkämpfe, von einer einheitlichen Nazi-Szene kann keine Rede sein. Auch die Unsterblichen lieferten sich interne Streitigkeiten. Zudem wird zwischen den Bewegungseliten auch diskutiert, wie weit die Aneignung von feindlicher Symbolik und Musik gehen kann und darf, denn was bleibt dann eigentlich noch von der eigenen, rechtsextremen Identität?

So sehen Nazis aus!? Nazi-Demo am 5. September 2009 in DOrtmund. (Quelle: Recherche Nord)
So sehen Nazis aus!? Nazi-Demo am 5. September 2009 in DOrtmund. (Quelle: Recherche Nord)

Ein Beispiel für solche Streitereien sind die „Autonomen Nationalisten“ aus Dortmund, in der Bewegung als „Zecken“ verlacht, viele von ihnen haben die Gesichter voller Piercings, wilde Frisuren, Baggy-Pants. Ein Graus für viele Altgedienten in der Bewegung, die zwar anerkennen müssen, dass die ANs neuen Schwung gebracht haben, aber auch die rechtsextremen Codes zu sprengen drohen.

Dennoch hat sich der AN-Style in der Bewegung durchgesetzt, besonders auf Demos. Zwar gibt es regionale Unterschiede, aber flächendeckend tauchen schwarze Blöcke bei NS-Aufmärschen auf. Erstmals fiel der großen Öffentlichkeit am 1. Mai 2008 diese neue Aktionsform auf, als in Hamburg Hunderte Neonazis im AN-Style an einer rechtsextremen Demo teilnahmen. Der Verfassungsschutz hatte bei diesem Thema tief und fest geschlafen, angeblich gebe es rund 200 ANs bundesweit, meinten die Geheimdienstler damals, dummerweise waren es an diesem Tag allein in Hamburg locker 500. Experten wie Andreas Speit weisen zudem darauf hin, dass es dieses Style auch schon zuvor gab, nur von der Öffentlichkeit nicht wahrgenommen worden war.

Was würde der Führer dazu sagen? "Autonomen Nationalisten" auf Facebook
Was würde der Führer dazu sagen? "Autonomen Nationalisten" auf Facebook

Das heißt: Allein das Phänomen der ANs können wir nun bereits seit locker einem halben Jahrzehnt beobachten, dazu kommen Videoprojekte wie „Volksfront Medien“, die ebenfalls um 2008 herum Maßstäbe setzten. Die Aneignung von linker Symbolik gehörte hier schon längst zum Repertoire der Neonazis, auch auf Demos wurden bereits Songs von linken Bands gespielt. Die Neonazis nutzen also seit Jahren die Aktionsformen, die sozialen Bewegungen zur Verfügung stehen – und dazu gehören eben auch angeblich „spontane Demos“ – wobei es ausgeschlossen ist, dass diese Demos spontan waren, dafür waren diese viel zu stringent inszeniert.

Aber auch diese Idee ist nicht neu: Neonazis hatten bereits im Jahr 2009 versucht, Flashmobs zu organisieren – mit wenig Erfolg: Unter dem Stichwort “Hessmob09″ sollten sich beispielsweise Verehrer des Nazi-Führers angeblich in über 100 Orten versammeln, doch es blieb bei vereinzelten Auftritten von Kleingruppen.

Auf der anderen Seite dürften die Aktionen der Unsterblichen bei den Teilnehmern einen bleibenden Eindruck hinterlassen – und das Gemeinschaftsgefühl stärken, hier wirken die Aktionen definitiv auch nach innen. Ob aber viele Neonazi-Zellen in der Lage sind, ähnliche Aktionen, vor allem in dieser Größenordnung, auf die Beine zu stellen, darf bezweifelt werden.

„Längere Entwicklung“

Fabian Wichmann von Exit sagte im Interview mit Mut gegen rechte Gewalt,  man sehe bei den Aktionen und Videos der Unsterblichen das Ergebnis einer längeren Entwicklung über verschiedene Gruppen hinweg, sich immer wieder selbst umbauend und nach Propaganda- und Präsenzlinien suchend. Die Inszenierungen seien „gekonnt und modern, zumindest für die reichlich vorhandenen Empfangsbereiten. Da waren rationale Leute am Werk.“

Die Aufmärsche werden nicht angemeldet und danach filmisch aufbereitet.
Die Aufmärsche werden nicht angemeldet und danach filmisch aufbereitet.

Man sollte die Nazis nicht unterschätzen, denn sie meines es ernst, schrieb Andrej Reisin in seinem weitsichtigen und tiefgründigen Artikel „Nazi sein als Lebensgefühl“, daher ist öffentliche Aufklärung über neue Aktionsformen der Neonazis absolut notwendig. Dennoch müssen sich Journalisten immer auch fragen, ob man den Nazis nicht auf den Leim geht. Das bedeutet in der Konsequenz nicht, gar nicht zu berichten, sondern immer die Frage zu berücksichtigen, welche Bedeutung einzelne Gruppen und Aktionen wirklich haben, Zauberwort Relevanz. Das Ziel der Neonazis ist klar, sie wollen sich ein modernes Image verpassen, diese Strategie ist aufgegangen. Die Erkenntnis, dass es auch intelligente Nazis gibt, ist aber allein noch keine Geschichte.

Siehe auch: “Differenzen” zwischen NPD und “Freies Netz” eskalieren,  Der Kürbis als Volkstod, Nazi-Kult um Kriegsverbrecher: Hessmob flashte nicht, “Wunderbare Jahre”: Nazi sein als Lebensgefühl

7 thoughts on “Wie fett sind die Unsterblichen?

  1. Wie verbittert muss die rechte Szene sein? Ich mein … autonome Sozialisten.

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