Fußball, Schwachsinn, DFB

Rechtliche Willkür, kaum noch nachvollziehbare Strukturen und die offensichtliche Wahrnehmung  von Fans als eine Herde Melkkühe: Der Deutsche Fußball Bund wird seinem Image als Institution mit einem riesigen Demokratiedefizit gerade wieder mehr als gerecht. Das kann nicht mehr lange gut gehen.

Von Andrej Reisin

Wegen eines Kassenrollenwurfs soll der FC St. Paul bei seinem nächsten Heimspiel auf 5.800 Stehplätze verzichten*. Ein Abiturient hatte die Rolle geworfen, in der Hoffnung, damit eine Luftschlange produzieren zu können. Leider rollte sich das solide Stück aber nicht ab, sondern flog über das Fangnetz und landete direkt auf dem Kopf des Frankfurter Spielers Pirmin Schwegler, der zwar weiterspielen konnte, aber dennoch behandelt werden musste. Da St. Pauli wegen eines Becherwurfs ein knappes Jahr zuvor als „Wiederholungstäter“ gilt, wurde nun eine weitere empfindliche Strafe ausgesprochen.

Fans des FC Sankt Pauli (Foto: Papenburger / CC BY-NC 2.0)
Mindestens gemeingefährlich: Fans des FC St. Pauli (Foto: Papenburger / CC BY-NC 2.0)

Nun hat man sich ja bereits an Strafen „gewöhnt“, die jede Verhältnismäßigkeit vermissen lassen, erinnert sei hier nur an den vorübergehenden Ausschluss von Dynamo Dresden aus dem DFB-Pokal – der mutmaßlich allein deshalb erfolgte, weil der mediale Druck nach der ZDF-Skandalberichterstattung vom Dresdener Spiel in Dortmund riesig war. Der Druck auf den FC St. Pauli seitens seiner Fans, sich diesem Urteil nicht zu beugen, ist allerdings ebenfalls riesig – vor allem, weil man des Täters nur deshalb habhaft werden konnte, weil dieser sich stellte. Nun müsste er mit einem existenzbedrohenden finanziellen Verlust rechnen, wenn der Verein die Strafe an ihn „weitergeben“ könnte und würde.

Das wird der FC St. Pauli vermutlich nicht tun, aber die unausgesprochene Lektion, die der DFB hier erteilt, lautet: „Wenn Ihr Mist baut, haltet die Schnauze, haut ab, versteckt Euch, streitet alles ab.“ Damit befindet sich die offizielle Gerichtsbarkeit des Verbands implizit auf einer Linie mit den Ratschlägen, die gut organisierte Ultra-Gruppen ihren Mitgliedern mit auf den Weg geben – und die sich sich bei radikalen politischen Aktivisten und deren Umgang mit staatlicher Strafverfolgung abgeschaut haben.

Auf die grundsätzlich fragwürdigen Mechanismen der Parallelgesellschaft DFB und der noch zweifelhafteren Übertragung ihrer Monopoly-Ereigniskarten-Urteile in die reale Welt des bürgerlichen Rechtsstaats werden wir in diesem Blog später noch zurückkommen. Einstweilen sei festgehalten: Wenn in Hoffenheim ein Angestellter angeblich ohne Wissen des Vereins gegnerische Fans mit Störgeräuschen beschallt, dann ist das für die muntere DFB-Justiz kein Fall. Wehe aber, es wirft einer mit Papierrollen …

Auch an anderer Stelle wird das aktuelle Versagen des Verbandes in Bezug auf handfeste Probleme deutlich: Seit Monaten tobt in Aachen ein Kampf ein von organisierten Nazis und Hools angezettelter, gewalttätig geführter Kampf um die Vorherrschaft im Stadion. Kein Wort dazu vom DFB. Und am Sonntag beleidigte eine Gruppe Lauterer Rechtsradikaler den israelischen Profi Itay Shechter im breitesten Pfälzisch als „Dreggsjudä“. Um Missverständnissen vorzubeugen: Beide Vereine haben die Vorfälle verurteilt und ein Großteil der jeweiligen Anhänger hat mit den Nazis weder was am Hut, noch will man sie tolerieren.

Trotzdem wäre hier nach wie vor ein weites Spielfeld zu bestellen, vor allem für einen Verband, der sich „mas Integration“ auf die Fahnen geschrieben hat und einen „Integration gelingt spielend“-Hochglanz-Werbespot nach dem nächsten produziert. Statt den Dialog über Pyrotechnik abzubrechen, sich auf Papierrollen zu fokussieren und durch immer mehr Repression mehr und mehr Fans zu radikalisieren, sollte der DFB seine Prioritäten vielleicht neu justieren. Es besteht derzeit allerdings wenig Hoffnung, dass man die Dinge im Bunker an der Otto-Fleck-Schneise ähnlich  sieht.

*Nachtrag vom 02. März: Der FC St. Pauli hat Widerspruch gegen das DFB-Urteil eingelegt. Vize-Präsident Dr. Gernot Stenger sagte nach einer Präsidiumssitzung am späten Donnerstagabend: „Wir werden in Berufung gehen und die Entscheidung der ersten Instanz nicht akzeptieren.“ Der Rechtsanwalt erläutert die Gründe wie folgt: „Auch wenn das Gericht das Auftreten des Werfers gewürdigt und die Strafe im Verhältnis zum Strafantrag mehr als halbiert hat. Dennoch: Der Täter hat sich freiwillig gestellt und glaubhaft versichert, dass er nicht gezielt auf das Spielfeld oder gar auf den Spieler geworfen hat. Danach halten wir einen Ausschluss von 5800 Zuschauern nicht für angemessen.“

Siehe auch: Die ErziehungsdiktaturNur Maulwürfe können den Fußball unterwandernDie Polizei fordert …Diskret in den Farben, ernst in der Sache“Fußballchaoten” setzen Untersuchungskommission einDahin, wo es weh tut!Gewaltorgie beim Hallenturnier: Des Rätsels Lösung“Tolle Kulisse”: TeBe-Fans flüchten von HallenturnierUnpolitisch? Der “Barking Dogs”-Fanclub “Road-Crew 24″Das unpolitische Wir der FanszeneAngriff der “Karlsbande”: Offener Brief an die AlemanniaÜberbieten und StrafenEtwas Besseres als diesen JournalismusSogenannter Journalismus: Wie erzähle ich Fußballrandale?

23 thoughts on “Fußball, Schwachsinn, DFB

  1. Och Mensch,

    lieber Autor, sollten Sie nochmal sich selbst widersprechen oder mich mit an Beleidungen grenzenden Äußerungen angehen (vor allem, weil ich das bei Ihnen nicht mache), können Sie die Diskussion mit sich selbst führen. Weiterhin bitte ich mal darum, genau zu lesen. Alle drei Punkte gehören zu einer Diskussion; wenn diese nicht gewollt ist, dann deaktivieren sie doch die Kommentare.

    Vorspiel: Mir sind die tatsächlichen Vorkommnisse ehrlich gesagt vollkommen egal; ihr Artikel war der Auslöser und ist Gegenstand meines Kommentars gewesen.

    1. Senkrechter Wurf – Ein „mehr oder weniger“ senkrechter Wurf landet „mehr oder weniger“ beim Werfer. Der Spieler läuft nicht in die Flugbahn, sondern der Wurf war (genau, man siehts im Video) eben nicht senkrecht, sondern (wenn auch leicht) in Richtung Spielfeld, auf dem Spieler herum laufen. Klarer Fall von Fahrlässigkeit.

    2. „bevor Sie sich Konsequenzen wünschen, die das Leben anderer ruinieren sollen.“ – hab ich nicht gemacht

    3. „senkrecht von oben kommend am Kopf traf“ – ich muss von einem Scherz ausgehen. Senkrecht bezogen auf den Standpunkt der Kamera. Wenn Punkt 1 gilt (und das tut er universell, so lange sie an grundlegende Physik glauben), dann kann der Wurf nicht senkrecht erfolgen. Die Kamera steht folglich in der ähnlichen Position zum Spieler wie der Werfer. Wie gesagt: Anders kann es nicht sei, denn ein senkrechter Wurf landet beim Werfer. Wie soll die Rolle denn aufs Spielfeld kommen … (nur zur Info: ich bin hier wirklich für logische alternative Erklärungen offen).

    4. „Inwieweit das Fangnetz folglich so hoch sein müsste, dass es nicht horizontal überworfen werden kann, wäre eine völlig ungeklärte bauliche Frage“ – d.h. dass die Erbauer die Schuld tragen? Würde das die Verantwortung des Werfers nicht vollends verschwinden lassen? Er hätte ja nicht werfen brauchen.

    5. zu ihrem Punkt 3. Jo, stimmt. Kritik richtig, aber darum gings mir ja auch nicht, wenn sie meinen Beitrag lesen. Bloß weil der DFB keine Demokratie mit ihren Prinzipien ist, sondern ein Unternehmen (mal abseits der offiziellen Rechtsform), heißt das aber doch nicht, dass Werfer von Gegenständen von ihrer Verantwortung entbunden werden.

    6. zu keine Anzeige, Schadenshöhe – Jo, stimmt. Ich hab auch niemals widersprochen.

    7. „Merken Sie eigentlich noch, wie weit Sie und der DFB sich außerhalb der Verhältnismäßigkeit unserer Rechtsordnung bewegen? Vermutlich nicht.“ – Ich hab nicht mal was zu Schadenshöhe gesagt. Bitte ranten sie doch nicht ohne Grund, bloß weil jemand ne andere Meinung zu einem Fakt hat (Wurf bzw. Verantwortung), den sie noch nicht entkräften konnten.

    Fakt ist jedoch: Der DFB will Dummheiten unterbinden und verhängt ne Strafe, die der Verein nicht tragen will und weitergibt. Da kann ich doch nix dafür (und hab auch nichts dergleichen geschrieben). Gehen sie zum Verein oder zum DFB. Gerne noch. Aber die Unverhältnismäßigkeit war auch nicht mein Thema, sondern die leider sehr verharmlosende Darstellung des Wurfs. Wie gesagt: Soll er halt nicht werfen, oder etwas, was einen nicht ausknockt.

    Im Übrigen gilt mein erster Satz:
    1. Widersprechen sie sich nochmal, (senkrechter Wurf, Spieler läuft in Flugbahn)
    2. können ihr Temperament nicht im Zaum halten,
    3. oder legen mir Äußerungen in den Mund,

    dann haben Sie ihre Ruhe vor mir, und können ihren eigenen Beitrag gerne als Auto-Troll begleiten.

    leider keine Grüße mehr
    Frank

  2. Ich habe es schon auf der Seite einer großen Hamburger Zeitung geschrieben.
    1. Zur Verhandlung:
    Hausrecht durchsetzen (Gast)  sagt:
    Da fragt man sich, wie die Security ne Kassenrolle übersehen kann. Feuerzeuge sind auch so ein Unding. Bekommt man vlt. besser in den Griff, wenn ein absolutes Rauchverbot im Stadion gilt. Also auch im V.I.P. Bereich, wenn es das nicht schon gibt. Außerdem sollte es immer ein absolutes Ausschenkverbot von Alkohol geben. Oder ist St.Pauli zu abhängig von Astra (Lobbyismus)? In der Bratwurst können Steroide enthalten sein. Macht aggressiv. Diese durch Tofu (Vegan) zu ersetzen. Vlt. Netze überall vor die Zuschauerreihen hängen In der Türkei wurde ein Club dazu verdonnert, die ganze Saison keine männlichen Personen auf die Zuschauertribünen zu lassen. Na ja, ist sexistisch, auch wenn`s dort dadurch besser geworden ist.
    2. Zum Ergebnis:
    Anscheinend ist hier jeder mit der Strafe unzufrieden. Kein Wunder, da der DFB nicht basisdemokratisch organisiert ist. Noch nicht einmal demokratisch, sonst müsste sich ein_e Präsidentschaftskandidat_in nicht von einem DFB-Landesverband nominieren lassen müssen. Was Vereine selbst tun könnten, findet man unter
    „Verhandlung am Montag“ von mir
    Wer dem DFB weniger Kapital deshalb zukommen möchte, kann die NATIONALmannschaft boykottieren. Ich mache es auch aus anti-patriotischen Gründen.

  3. Es ist ziemlich offensichtlich, warum in diesem Blog immer wieder (Beispiel: Hallenturnier) über die angeblichen Ungerechtigkeiten gegen St.Pauli berichtet wird.

    Es soll der (richtige) Eindruck verwischt werden das die (guten, weil dem antifaschistischen Lager nahestehenenden)St. Pauli-Fans mindestens (eher mehr) genau so gewalttätig sind wie andere Fans (z.b. die bösen Rostock-Fans)

  4. @Hans: Es wäre großartig, wenn Sie Ihr Trollgebahren woanders ausleben.
    http://de.wikipedia.org/wiki/Troll_(Netzkultur)

    zum Thema: DASS der Wurf (und die damit verbundene Regelübertretung) bestraft werden soll bezweifelt doch kaum jemand.

    m.E. wird „lediglich“ die Höhe der Strafe in Frage gestellt.
    …und da scheint es mir sehr ungewöhnlich, wenn jemand für einen Wurf mit einer Papierrolle,
    (1) die nachweisbar niemandem Schaden zugefügt hat,
    (2) die nachvollziehbar einem anderen Zweck dienen sollte (abrollen) –> Unfall (selbst dieser Begriff ist nicht passend, weil kein Schaden entstanden ist)
    http://de.wikipedia.org/wiki/Unfall
    (3) für den er sich freiwillig stellt
    (4) als nicht vorbestrafter „Ersttäter“

    eine existenzbedrohende finanzielle Strafe bekommen soll.
    Da stellt sich mir die Frage: Wie kann sowas begründet werden?

  5. Ich mag das Wort „Schwachsinn“ überhaupt nicht und erwarte, es in linken blogs nicht lesen zu müssen! Es ist ein sehr diskriminierender Ausdruck.

    Danke.

  6. Der FC St. Pauli geht in Berufung:

    Entscheidung getroffen

    Ruhig, besonnen und diskussionsfreudig hat der FC St. Pauli nach dem Urteil des DFB-Sportgerichts am Montag im Fall des Kassenrollenwerfers vom Frankfurt-Spiel eine Entscheidung getroffen – wie mit dem Urteil umzugehen ist. Zustimmung oder Ablehnung?

    Vize-Präsident Dr. Gernot Stenger fasst es nach einer Präsidiumssitzung am späten Donnerstagabend zusammen: „Wir werden in Berufung gehen und die Entscheidung der ersten Instanz nicht akzeptieren.“

    Der Rechtsanwalt erläutert die Gründe wie folgt: „Das Urteil ist aus unserer Sicht zu hart ausgefallen. Auch wenn das Gericht das Auftreten des Werfers gewürdigt und die Strafe im Verhältnis zum Strafantrag mehr als halbiert hat. Dennoch: Der Täter hat sich freiwillig gestellt und glaubhaft versichert, dass er nicht gezielt auf das Spielfeld oder gar auf den Spieler geworfen hat. Danach halten wir einen Ausschluss von 5800 Zuschauern nicht für angemessen.“

    Quelle: http://www.fcstpauli.com/magazin/artikel.php?artikel=10879&type=2&menuid=57&topmenu=112

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